Mit ‘Jack Hedley’ getaggte Beiträge

der_new_york_ripperWie das Terza Visione selbst hat auch meine Berichterstattung darüber irgendwann ein Ende. Das Festival schloss mit diesem Film und einem unvergesslichen Knalleffekt, der mir zum Glück auch die Gelegenheit bietet, etwas geradezurücken. Was ich anlässlich meiner letzten Sichtung vor drei Jahren über den Film geschrieben habe, kann ich nach dieser Wiederbegnung überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Ich war geradeu geschockt über das, was ich da lesen musste. Meine Aussagen über den angeblich nicht mehr so potenten Schockfaktor der Effekte, mangelnde Spannung oder andere Kritikpunkte, die ich damals anführte, lassen sich meiner Meinung nach nur mit der anderen Sichtungssituation – zu Hause auf der Couch via DVD und englischer Synchro – und akuter geistiger Umnachtung entschuldigen. Im Kino, schön aus der ersten Reihe und herrlich voyeuristischer Perspektive von schräg unten, hat LO SQUARTATORE DI NEW YORK fast wieder so heftig geknallt wie damals, als ich ihn als unreifer, ob der gebotenen Schweinereien reichlich schockierter Lausebengel sah. Eine der Stärke des Films sind eben diese Effekte, vor allem aber, wie Fulci sie einfängt. Dass der SQUARTATORE einer jener Filme ist, die einem suggerieren, mehr gesehen zu haben, als tatsächlich gezeigt wurde, mag angesichts durchgeschnittener Augäpfel und halbierter Nippel etwas absurd anmuten, aber es stimmt insofern, als Fulci fast ausschließlich mit Close-ups arbeitet, die das „große Ganze“ gnädig verbergen. Dann natürlich die berüchtigte Donald-Duck-Stimme und diese ultrafrontale Montage: LO SQUARTATORE DI NEW YORK nimmt keine Gefangenen, hinterlässt vielmehr auf und vor der Leinwand geschundene Leiber. Und er endet mit einer der geilsten unbefriedigen Auflösungen aller Zeiten. Mir kann keiner erzählen, dass nicht der Psychiater der Mörder war und nach Abschluss der Credits munter weiterkillt.

Eigentlich wollte ich hier aber über etwas anderes schreiben, nämlich darüber, was für großartige Menschen Christoph und Andi, die Initiatoren des Terza Visione, sind. Beziehungsweise darüber, dass ich die beiden für Genies halte, die in einer gerechten Welt von Festivalmachern, Filmmuseen, Archiven, Feuilletons oder sonst wem hofiert und mit Geld beworfen würden. Die deutsche 35-mm-Kopie von LO SQUARTATORE DI NEW YORK galt bis vor kurzem nämlich als verschollen. Alle waren hinter ihr her und wollten sie zeigen, keiner wusste jedoch, wo sie war. Es ist Andreas zu verdanken, dass sie nun wieder verfügbar ist, weil er sie in einem Geistesblitz hinter dem Titel „New York Runner“ (ein Film, den es nicht gibt bzw. den keine Datenbank zuordnen konnte) auf der Liste eines Privatsammlers erkannte. Da war einfach eine unleserlich gewordene Beschriftung übertragen worden und DER NEW YORK RIPPER firmierte plötzlich unter einem Namen, unter dem er nur durch eben einen solchen Geniestreich wiederentdeckt werden konnte. Wenn man hört, welche Unwägbarkeiten die wenigen Leute zu meistern haben, die sich überhaupt noch die Mühe machen, an unzugänglichen Orten unter viel Schlamm verborgene Trüffeln zu suchen, nötigt einem eine solche Eingebung gleich noch einmal so viel Respekt ab. Mal ganz davon abgesehen, dass Andi diese unglaubliche Geschichte, für die ich mir wochenlang auf die Schulter klopfen würde, mit größter Bescheidenheit erzählte. Er hat halt seinen Job gemacht (für den er allerdings keinen Pfennig Geld sieht). Ich bin froh, solche Menschen zu kennen, zu meinem Freundeskreis zählen und mich von ihnen und den von ihnen ausgewählten Schätzen verwöhnen lassen zu dürfen und hoffe inständig, dass all die Freude, die sie da regelmäßig spenden, irgendwann einmal – wenn’s geht nicht erst im afterlife – zurückgezahlt wird.

Ich liebe euch, Jungs! Bis zum nächsten Mal. 🙂

 

Lucio Fulcis LO SQUARTATORE DI NEW YORK – berühmt-berüchtigt unter dem Titel DER NEW YORK RIPPER – ist für mich mit einer persönlichen Geschichte verbunden (die ich hier möglicherweise schon einmal erzählt habe, aber egal): Mein Großonkel war ein Videofreund der ersten Stunde und hatte als solcher über die Jahre eine große Sammlung von Kopien angehäuft. Eine sauber mit der Schreibmaschine getippte und in einem Aktenordner abgeheftete Liste ermöglichte den Einblick in seine Schätze und wurde von mir immer frequentiert, wenn wir zu Besuch bei ihm weilten. Mein Wahl wurde zunächst meist von den Eltern überwacht, und normalerweise entschied ich mich für einen James-Bond-Film oder etwas ähnlich Unverfängliches. Mit zunehmendem Alter wurden aber auch die Horrorfilme auf der Liste immer interessanter und da weder meine Eltern noch mein Großonkel selbst so wirklich einschätzen konnten, was für Filme sich auf den Kassetten verbargen, hatte ich bei der Auswahl irgendwann freie Hand (ich muss zu Ehrenrettung meiner Eltern dazusagen, dass da weniger Leichtsinn oder Gleichgültigkeit ihrerseits dahintersteckte, sondern eher Vertrauen in mich, denn ich war kein besonders aufmüpfiges Kind). Und so fiel dann mein Blick eines schönen Tages, ich schätze, ich war so um die 13 Jahre alt, auf  den verheißungsvollen Titel „Der New York Ripper“. Todesmutig suchte ich die Kassette raus, warf sie in den Videorekorder und legte mich aufs Bett meines Großonkels, um mir den Film anzusehen. Doch die Begegnung mit meinem ersten Fulci war kurz: Nach dem Auftaktmord auf der Staten-Island-Ferry war mir klar, dass dieser Film nicht für mich gedacht war und ich stoppte das Band, um mir einen anderen, geeigneteren Film auszusuchen. Neben meinem Unwohlsein angesichts des Gezeigten (und des Gehörten, denn die Donald-Duck-Stimme des Killers fand ich in Verbindung mit den blutrünstigen Effekten überaus verstörend), war es nicht zuletzt eine gewisse Scham, die mich dazu veranlasste. Ich weiß noch, wie unangenehm es mir war, diesen Film zu sehen, während meine Eltern nebenan saßen, und ich wollte unbedingt vermeiden, dass sie mitbekamen, was ich mir da anschaute.

Einige Zeit später las ich dann im Horror-Lexikon von Bastei Lübbe, was die werten Herren Hahn und Jansen über den Film und seine Zuschauer dachten. Ich hielt ihre Ausfälle, Zuschauer solcher Filme gehörten in die Gummizelle, damals noch für vertretbare Wahrheiten und wunderte mich darüber, was alles so für Schweinereien produziert wurde. Aber insgeheim machten mich die Beschreibungen jener blutigen Effekte, die mir entgangen waren, doch neugierig. Der Keim für meine späteren obsessiven Holland-Fahrten und Horrorfilm-Kopier-Abende war gelegt. Das war dann, wenn ich mich recht entsinne, auch der Rahmen, in dem ich Fulcis Film zum ersten Mal ganz sah. Ich sah den Mord an der Prostituierten, die eine abgebrochene Flasche in den Unterleib bekommt. Ich sah die halbierte Brustwarze und den durchgeschnittenen Augapfel. Und ich sah durch einen blutig klaffenden Schlitz im Hals eines Opfers auf ihren Mörder. Der Detailreichtum der Effekte, die ich allesamt noch nicht durchschaute, schockierte mich dabei mindestens genauso stark wie der schmierige Voyeurismus, den einem der Film aufzwang, und die zwar soften, aber dennoch irgendwie pornösen Sexszenen, in denen sich der Film mit großer Geduld suhlte. LO SQUARTATORE DI NEW YORK verstörte mich nicht mehr so unvermittelt wie damals, als ich die Sichtung hatte abbrechen müssen, aber eklig fand ich ihn dennoch. Es war für mich einer jener Filme, die man nicht wirklich gut findet, aber reinschmeißt, wenn man jemandem zeigen will, was es für einen kranken Scheiß gibt. Filmgewordene Mutprobe und Männlichkeitsprüfung sozusagen. Als solche behielt ich ihn in Erinnerung und wenn schon nicht im Herzen, so doch nicht allzu weit davon entfernt.

Nachdem ich in den letzten Tagen und Wochen mit MANIAC, I SPIT ON YOUR GRAVE und REAZIONE A CATENA die Nehmerqualitäten meiner Frau einer Prüfung unterzogen und dabei gleichzeitig eine kleine Zeitreise unternommen habe, lag der Griff zu LO SQUARTATORE DI NEW YORK nahe. Das Ergebnis war in jeder Hinsicht ernüchternd: Die Glaubwürdigkeit der Splattereffekte kann dem test of time nur noch sehr bedingt standhalten und damit bröckelt auch ein Großteil des Reizes, den Fulcis Film jemals ausgeübt hat. Vor allem im Vergleich mit dem thematisch verwandten MANIAC von William Lustig treten seine Defizite deutlich zutage. Es gelingt Fulci zu keiner Sekunde, eine Atmosphäre der Bedrohung und der Angst zu schaffen, die Lustigs Film zu einem so intensiven Erlebnis macht. Die Stadt New York bleibt ein zwar pittoresker, aber letztlich anonymer Schauplatz, der dem Treiben des Killers ungerührt gegenübersteht. Dass einem immer dieselben 4, 5 Personen über den Weg laufen, verstärkt den Eindruck, dass dieses New York in Wahrheit ein verschlafenes Nest ist und keine Metropole, die vor einem Phantom erzittert. Ein weiterer Fehler liegt in der Dramaturgie begründet: Anstatt aus der Perspektive des Killers zu filmen, etabliert Fulci den ermittelnden Lieutenant Fred Williams (Jack Hedley) als Hauptfigur und erzählt seine Geschichte als Polizeifilm mit Whodunit-Anleihen. Ein wenn auch nicht origineller, so doch legitimer Ansatz: Weil es aber Fulci zu keiner Sekunde gelingen mag, wirkliche Spannung aus der Suche nach dem Killer zu beziehen, Williams zudem kaum mehr als bloß visueller Anker für den Zuschauer statt wirklich handelnder Charakter ist, wartet man nur ungeduldig auf den nächsten blutigen Mord. In der letzten halben Stunde schleppt sich LO SQUARTATORE DI NEW YORK mit kaum zu übersehenden Ermüdungserscheinungen seinem herbeigesehnten Ende entgegen. Zehn Minuten vor Schluss wird aus dem Nichts ein Motiv für den Mörder herbeikonstruiert, bevor der dann mit einem hübschen Kopfschuss erledigt wird. Die Welt ist schlimm, blablabla, Credits, fin. Hätte Fulci die Leine etwas schleifen lassen, wäre möglicherweise ein lustiger Trasher dabei herausgekommen, Ansätze dazu gibt es zuhauf: Williams kann sich schon nach einer Szene nicht mehr an einen doch recht wichtigen Zeugenhinweis erinnern, in der Live-Sex-Show wird vom Publikum freundlich und anerkennend geklatscht, wenn die Vögelnden auf der Bühne mit ihrer Nummer fertig sind, Alexandra Delli Colli spielt eine ständig lasziv mit der Oberlippe zuckende Nymphomanin, die während der mittleren 30 Minuten des Films mal kurzzeitig zur Hauptdarstellerin avanciert, die beiden fehlenden Finger eines Verdächtigen sieht man in einer Szene ganz deutlich an seiner Hand und der unvermeidliche Psychologe trägt den ganzen Film über ein sarkastisches Grinsen im Gesicht, das ihn weniger als Mann der Wissenschaft, denn als misanthropisches Riesenarschloch mit zweifelhaftem Humorverständnis ausweist. Diese komischen Anflüge sind aber eher Zeichen von Fulcis inszenatorischer laisser-faire, um nicht zu sagen seiner Schlamperei: Nie kippt der Film ins Komische oder gar Wilde, er bleibt bei allem sich bietenden Wahnsinn immer merkwürdig leblos und gehemmt, müde fast. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass der nach dem Superhit ZOMBI 2 zum Gore verdammte Regisseur sich bei diesem Film gar nicht so besonders wohl fühlte. Es gibt durchaus ein paar schöne visuelle Einfälle, die Bilder aus dem New York der frühen Achtzigerjahre sind eh ein Traum und sorgen für das Grad an Authentizität, das LO SQUARTATORE DI NEW YORK sonst vollkommen abgeht. Aber am Ende kann der Film den Ruch des schnöden Cash-ins nicht wirklich loswerden. Immerhin schön schäbig ist er geraten, und die Szene, in der ein Mann der Nymphomanin unterm Tisch seinen plattgetretenen Herpeszeh in den Schlüpfer schiebt, übertrifft alle Garstigkeiten, die sich der Ripper für seine Opfer ausgedacht hat, mit Leichtigkeit. Mein größter Albtraum: Den Film damals nicht gestoppt zu haben und dann bei just dieser Szene vom Papa erwischt zu werden. Da bricht mir der kalte Schweiß aus.

EDIT 06.04.2016: Nachdem ich den Film vor einigen Tagen mal wieder gesehen habe, bin ich mit diesem Text überhaupt nicht mehr zufrieden und schon gar nicht einverstanden. Ich habe deshalb einen neuen geschrieben, in dem ich allerdings nur sehr knapp auf meine Fehler eingehe.