Mit ‘Jack Lemmon’ getaggte Beiträge

4bbd008a9126dc84085ea2c645d7bb89-519x755x1GLENGARRY GLEN ROSS verkörpert eine Art von Kino, mit der ich nicht selten Schwierigkeiten habe: Es handelt sich um die von Mamet selbst gescriptete Adaption eines seiner Theaterstücke, stellt die Fortführung einer heute etwas überkommen wirkenden Filmtradition dar, die solche namhaften Werke wie A STREETCAR NAMED DESIRE, THE CAT ON A HOT TIN ROOF, SWEET BIRD OF YOUTH, BABY DOLL oder WHO’S AFRAID OF VIRGINA WOOLF? hervorgebracht hat, und ist als solche erwartungsgemäß dialoglastig und eher statisch aufgebaut. Oft finde ich diese Filme in ihrer niveau- und geschmackvollen bildungsbürgerhaften Betulichkeit etwas langweilig, nicht selten gar unfilmisch. Aber dank der Regie von James Foley, der alles tut, um die ehrfuchtgebietenden Darbietungen seiner eindrucksvollen Darstellerriege wirken zu lassen, den elegant-kühlen Bildern von Juan Ruiz Anchia, der viel herauszuholen weiß aus regennassem Asphalt und rotem Neonlicht, und dem nur vordergründig entspannten Jazz aus der Feder James Newton Howards habe ich über die volle Laufzeit regungslos dagesessen, mich mehr und mehr in den Bezug der Sitzfläche gekrallt. GLENGARRY GLEN ROSS ist ein pointiertes Drama über die Härten der sogenannten freien Wirtschaft, speziell das provisionsbasierte Geschäft des Vertreterdaseins, eigentlich aber ein lupenreiner Horrorfilm. Man sieht hier Menschen bei der Selbstauflösung zu.

Im Zentrum steht der auf den Ruhestand zugehende Shelley Levene (Jack Lemmon), ein geborener Verkäufer alter Schule, aber seit einiger Zeit von einer echten Pechsträhne geplagt und nicht mehr ganz so frisch, wie er es mal war. Seine Kollegen Moss (Ed Harris) und Aaronow (Alan Arkin) haben ähnliche Probleme und sehen ihrem Rauswurf ins Auge, so sie nicht schleunigst Immobilienverkäufe abschließen. Das Problem: Die Adressen, die ihnen ihr Vorgesetzter Williamson (Kevin Spacey) anbietet, taugen nichts, bessere rückt er nicht heraus. Aber in seinem Büro liegt ein verheißungsvoller Kartin mit den „Glengarry-Adressen“, mit denen der Erfolg quasi garantiert ist. Und genau der wird bei einem nächtlichen Einbruch gestohlen …

„Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs“, fasste mein Gastgeber Frank den Film final zusammen und traf den Nagel damit auf den Kopf. Foley und Mamet etablieren eine sich langsam dem Siedepunkt entgegensteigernde, fiebrige Atmosphäre der Panik und Verzweiflung, von der alle der involvierten Charaktere – selbst der erfolgreiche, vor öligem Selbstbewusstsein nur so überschäumende Roma (Al Pacino) – ergriffen werden. Das Szenario ist das nackte Grauen, ein klaustrophobischer Albtraum des Neoliberalismus, in dem Menschen auf  kalte Zahlen reduziert und u Sklaven des Kapitals degradiert werden. Shelley, den wirtschaftlichen GAU vor Augen, dem eine Entlassung in seinem Alter entspräche, wird zum bibbernden, flehenden Schwächling, Moss schwingt große Reden, zieht aber den Schwanz ein, wenn es hart auf hart kommt, Aaronow dreht sich im Wind wie ein flatterndes Fähnchen und Roma spuckt Invektive, die seinen Selbsthass kaum verbergen können. Sie alle sind kleine Lichter in einem auf lange Sicht vollkommen aussichtslosen Spiel, in dem sie sich mit Almosen abspeisen und dafür auch noch von ihren Vorgesetzten verhöhnen lassen. Alec Baldwin setzte sich mit seinem Kurzauftritt als gnadenloser „Coach“, der vor den Lohnsklaven mit seiner Uhr und seinem Auto prahlt, ein Denkmal, zeigte, was man mit vielleicht dreieinhalb Minuten Screentime anstellen kann. Al Pacino und Jack Lemmon bewiesen noch einmal, wozu sie in der Lage waren (Lemmon vergoldete sich die Rente danach überwiegend mit Auftritten in sicherem Entertainment der Marke GRUMPY OLD MEN, Pacino agierte in zunehmend bedeutungsloserem Müll), Ed Harris belegte einmal mehr, warum er als eines von Hollywoods bestgehüteten Geheimnissen galt, Kevin Spacey legte den Grundstein für seinen in den Folgejahren vollzogenen Aufstieg zu einem der gefragtesten männlichen Hauptdarsteller, Jonathan Pryce (als gelinkter Käufer) und Alan Arkin brillieren als geprügelte Hunde mit Trauermiene.

Wie man meinem Text schon entnehmen kann, ist GLENGARRY GLEN ROSS in erster Linie ein Schauspielfilm, der sich aber im Gegensatz zu anderen Vertretern dieser Gattung stets völlig organisch und unangeberisch anfühlt. Und als einer von wenigen Filmen seines Jahrzehnts hat man hier auch nicht das Gefühl, dass er in seiner Zeit verhaftet ist, im Gegenteil: Was Mamet über die Misanthropie unseres Wirtschaftssystems zu sagen hat, weiß man eigentlich erst heute wirklich zu schätzen. Mit einem Wort: messerscharf.

the odd couple (gene saks, usa 1968)

Veröffentlicht: Juli 25, 2015 in Film
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OddCouple_USWCNach Billy Wilders THE FORTUNE COOKIE agierten Jack Lemmon und Walter Matthau in Gene Saks‘ THE ODD COUPLE zum zweiten Mal gemeinsam vor der Kamera. Die Verfilmung eines erfolgreichen Broadway-Theaterstücks von Neil Simon war mit den beiden Typen so kongenial besetzt, die Chemie der beiden so ansteckend, dass Saks kaum mehr machen musste, als das Stück eins zu eins auf das Medium Film zu übertragen. Ein paar Szenen auf der Straße und in diversen Kneipen, Geschäften und einem Bowlingcenter lockern etwas auf, ansonsten spielt der Film zu 95 % in der Wohnung von Oscar Madison (Walter Matthau). Der sieht sein Lotterleben als geschiedener Mann dahinschwinden, als er seinen frisch von seiner Gattin verlassenen, akut selbstmordgefährdeten Kumpel Felix Ungar (Jack Lemmon) bei sich einziehen lässt. Fortan ist Schluss mit Kippengestank, spritzenden Bierdosen und gammeligen Sandwiches: Felix wirbelt als herrische Hausfrau durch Oscars Heim und treibt alle mit seinem Sauberkeitsfimmel in den Wahnsinn, von seinen sonstige Marotten mal ganz abgesehen.

THE ODD COUPLE wirkt heute nicht nur aufgrund seiner eher biederen Inszenierung etwas altmodisch: Der Witz des Films liegt natürlich nicht zuletzt darin, dass die Freundschaft der beiden Heteros sich schleichend in eine eheähnliche (bzw. homosexuelle) Beziehung verwandelt, und die geschmackssichere Verschämtheit, mit der diese wahrlich skandalöse Idee präsentiert wird, ist durchaus vielsagend. Auch wenn THE ODD COUPLE von den geschmacklichen Entgleisungen moderner Krawallkomödien mit ihren homophoben Pimmelwitzchen meilenweit entfernt ist und für seine Zeit betrachtet durchaus als liberal und progressiv angesehen werden darf: Er findet die Vorstellung, dass ein Mann kocht und Wert auf Sauberkeit legt, einfach urkomisch. Nicht nur in dieser Hinsicht kann THE ODD COUPLE seine bürgerlich-boulevardeske Herkunft kaum verleugnen: Auch dramaturgisch wird alles ganz sauber aufgelöst, jeder Satz bekommt eine passende Antwort, jede Szene ihr spiegelbildliches Gegenstück. Am Schluss wird das ganze Figureninventar noch einmal in der Wohnung Oscars versammelt und die alte Ordnung wieder hergestellt. Trotzdem ist Saks‘ Film sehenswert, und das liegt eben am Zusammenspiel von Matthau und Lemmon und dem Zeit- und Lokalkolorit von New York in den späten Sechzigerjahren. Es ist ein Ort der grummeligen Käuze, die sich mit der stinkenden Zigarre im Mundwinkel zum Pokern in der mit Fotos alter Baseballheroen behangenen Wohnung ihres Kumpels niederlassen und beim Essen im Diner mit der nicht mehr ganz taufrischen Kellnerin zu flirten. Auch wenn die pfeilschnellen Dialoge manchesmal zu sehr die spitze Feder Neil Simons verraten: Es fallen doch einige herzliche Gags dabei ab. Und keine Szene hat mich in den vergangenen Monaten mehr zum Lachen gebracht als jene, in der Felix in einer Kneipe mit seltsamen Lauten versucht, seine verstopften Ohren zu öffnen.

Am Ende, während die Abschlusscredits laufen, fährt die Kamera einen Stadtplan von Los Angeles ab, zeigt die unüberschaubare Vielzahl von sauber vertikal und horizontal oder aber kurvig und scheinbar natürlich verlaufenden Linien, die die Straßen der Westküstenmetropole repräsentieren, und deren gemeinsame Kreuzungen. Mit SHORT CUTS, mit dem Altman nach seinem Comeback THE PLAYER bewies, dass der mitnichten ein Zufallstreffer gewesen war, und an seinen ambitionierten, ausschweifenden Ensemblefilm NASHVILLE anknüpfte, entwirft der Regisseur so etwas wie einen emotionalen Straßenplan, zeichnet die Stadt als ein engmaschiges Geflecht, aus sich kreuzenden Lebenswegen von Menschen, die über mehrere Ecken miteinander in Verbindung stehen, ohne es zu wissen. Nicht alle dieser Begegnungen begründen eine dauerhafte Beziehung, manche sind sehr flüchtig und werden von den Betroffenen kaum weiter bemerkt, weil ihnen der Kontext fehlt, sie in den „Stadtplan“ einzuordnen. Genau daraus entspringt die Schönheit, die Komik, aber auch die Tragik von SHORT CUTS: Altman zeigt, wie Jeder mit Jedem verwoben ist, wie die Handlungen des Einzelnen das Leben eines Fremden auf völlig unvorhergesehene Weise beeinflussen und wie alle viel zu sehr mit ihren niederen Problemchen oder auch großen Krisen beschäftigt sind, als dass sie diesen größeren Zusammenhang, in den sie eingebunden sind, verstehen könnten. Der Mensch ist in SHORT CUTS wie ein Tourist ohne Straßenplan.

Die Kellnerin Doreen Piggot (Lily Tomlin) fährt den kleinen Casey an, Sohn von Andy und Howard Finnigan (Andie McDowell & Bruce Davison). Der Junge übersteht den Unfall anscheinend unverletzt, doch er wird an seinen Folgen sterben, seine Eltern in tiefe Trauer stürzen, während Doreen am Schluss die Überwindung einer Ehekrise ausgelassen mit ihrem Gatten Earl (Tom Waits) feiert, nicht wissend, welches Leid ihre Unachtsamkeit ausgelöst hat. Die Ehe des für Casey zuständigen Arztes Dr. Ralph Wyman (Matthew Modine) mit der Malerin Marian (Julianne Moore) krankt an einem nicht aufgearbeiteten vermeintlichen Seitensprung der Frau, die des Polizisten Gene Shepard (Tim Robbins) und seiner Frau Sherri (Madeleine Stowe) an der Unfähigkeit beider, sich ihrer sexuellen Zuneigung zu versichern. Jerry Kaiser (Chris Penn) leidet an der Telefonsex-Tätigkeit seiner Frau Lois (Jennifer Jason Leigh) und der wahrgenommenen Diskrepanz zwischen dem Enthusiasmus, mit dem sie diesen ausübt, und der Tristesse des gemeinsamen Sexlebens, die Cellistin Zoe (Lori Singer) an der Unaufmerksamkeit und Selbstbezogenheit ihrer Mutter Tess (Annie Ross), die für ihre emotionale Unfähigkeit wiederum den Drogentod ihres einstigen Mannes heranführt. Stuart Kane (Fred Ward) betrachtet die Leiche der jungen Frau, die just dort am Flussufer liegt, wo er mit seinen Freunden ein Angelwochenende verbringt, nicht als Körper eines Menschen, der Angehörige hat, sondern lediglich als Hindernis, das es für ein paar Tage zu ignorieren gilt, und die Versuche von Howard Finnigans Vater Paul (Jack Lemmon), den jahrelang brachliegenden Kontakt zu seinem Sohn wiederherzustellen, scheitern daran, dass er sich dafür ausgerechnet den Zeitpunkt ausgesucht hat, an dem der mit seiner Frau wohl den schlimmsten Tag erlebt, den sich Eltern vorstellen können.

Keine dieser ursprünglich von Raymond Carver als einzelne Short Stories verfassten und erst von Altman verbundenen Geschichten ist besonders spektakulär, genauso wenig wie ihre am Ende des dreistündigen Films manchmal doch etwas abrupt wirkenden Auflösungen. Sie sind, wie meine Gattin nach dem Film sagte, damit einen unausgesprochenen Gedanken von mir bestätigend (wenn man über Film schreibt, formuliert man ja noch während des Filmschauens ständig mögliche Sätze), „wie das Leben“. Das heißt aber konsequenterweise nicht nur, dass sie sehr authentisch erscheinen, sondern auch, dass sie immer wieder auch banal, hässlich, undramatisch, unterentwickelt, pointen- und humorlos sind. Dies ist aber keineswegs als Kritik gemeint, schon deshalb nicht, weil es dazwischen immer wieder auch zahlreiche Momente von sprühendem Witz, menschlicher Wärme und bleischwerer Traurigkeit gibt, sondern eben ausdrückliche Stärke des Films, der sein Thema nicht aus einem Zurechtbiegen oder eine dichterischen Überhöhung und Stilisierung entwickelt, sondern einzig aus der Verbindung seiner einzelnen, kompakten Teile. Die Gesamtheit aller menschlichen Leben, ist jedes einzelne davon auch noch so mangelhaft und defizitär, ergibt ein wahrhaft göttliches Konstrukt, dessen wahre Schönheit auch im Hässlichen dem Menschen leider verschlossen bleiben muss, weil er zu sehr in seiner individuellen Narration gefangen ist, ihm der Überblick fehlt, sich selbst als Puzzleteil in einer gewaltigen Erzählung namens „Leben“ zu begreifen.

Vielleicht finde ich es auch deshalb so schwierig, mich zu SHORT CUTS zu verhalten. Die drei Stunden vergehen wie im Flug und die Charaktere werden einem – so idiotisch man ihre Neurosen und Probelme vielleicht auch finden mag – über die Spielzeit mit all ihren Macken so vertraut, dass man sich unweigerlich fragt, was beim eigenen Nachbarn denn eigentlich so vor sich geht. Aber dann ist der Film, dessen Protagonisten ja alle im Sumpf der irdischen Durchschnittlichkeit gefangen bleiben, ohne Hoffnung jemals aus diesem emporzusteigen, auch verdammt deprimierend. Und nichts, aber auch gar nichts kann für mich den Tod des kleinen Casey, die Schmerzen seiner Eltern und die unweigerlich aufkeimende Angst, es könnte dem eigenen Kind genauso ergehen, in eine tröstliche Perspektive rücken oder irgendwie abmildern. Diese auch von Altman zentral positionierte Geschichte prägt die Stimmung des ganzen Films, der damit sehr unmissverständlich in Erinnerung ruft, dass Leben immer ein Leben mit dem stets zur falschen Zeit eintreffenden Tod ist. Ich sagte es bereits: SHORT CUTS ist wie das Leben: voller Paradoxien. Ganz leicht zu schauen, dabei nur schwer zu ertragen. Eine ambitionierte Abhandlung über das moderne urbane Leben, die dabei aber nie zur Erbauungsprosa verkommt, auf metaphysische Paradiesversprechen und Romantisierungen ganz verzichtet. Ein zweifellos großer filmischer Wurf, der mir jedoch nie das Gefühl gab, einem Meister der Kunst bei der Ausübung seiner heiligen Kunst zusehen zu dürfen, sondern der in seiner narrativen Akribie nur wie gewissenhafte, ganz dem Zweck unterworfene Arbeit wirkt. Ein Film, der nicht dafür gemacht zu sein scheint, ihn schön zu finden, oder der sonstwie auf Zustimmung und Applaus aus wäre, sondern der einfach da ist. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt noch klarer hinbekomme: Mir ist SHORT CUTS irgendwie unheimlich.

Das war der vorläufige Abschluss meiner am Ende doch etwas ermüdenden Altman-Reihe. Ein guter Schluss, weil SHORT CUTS doch auch gut als Antwort Altmans auf den nicht zuletzt von mir öfter mal erhobenen Zynismus-Vorwurf gelten darf. Das letzte Drittel seines Werkes werde ich bestimmt irgendwann mal nachholen. Jetzt freue ich mich erst einmal, mich neuen Dingen zuwenden, die längst überfällige Fleischer-Werkschau mit neuem Elan beginnen und mich einem Regisseur widmen zu können, der einen gänzlich anderen Typus des Filmemachers vertritt.

the front page (billy wilder, usa 1974)

Veröffentlicht: September 9, 2008 in Film
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Chicago in den 1920er-Jahren: Der Starreporter des Examiners Hildebrand „Hildy“ Johnson (Jack Lemmon) hat die Schnauze voll vom Zeitungswesen. Auch sein Chef, der gerissene Walter Burns (Walter Matthau), kann ihn nicht halten, weil auf Hildy eine neue Liebe, die Sängerin Peggy (Susan Sarandon), und ein neuer Job in der Werbeagentur seines zukünftigen Schwiegervaters warten. Doch Hildy ist ein geborener Journalist und deswegen müssen seine Zukunftspläne kurzfristig aufgeschoben werden als ihm der zu Unrecht zum Tod verurteilte Earl Williams (Austin Pendleton) in die Hände fällt …

Billy Wilder, der alte Zyniker. Die Credits werden vom Rattern und Klappern der Druckpresse begleitet, am Ende steht die Titelseite des Examiners, die von der bevorstehenden Exekution des vermeintlichen Polizistenmörders Earl Williams berichtet. Der Maschinenlärm geht nahtlos über in das eifrige Hämmern der Gefängnisangestellten, die im Innenhof den Galgen errichten. Presse und Exekutive, sie gehen Hand in Hand und deswegen gibt es im Gerichtsgebäude auch einen Raum nur für Journalisten. In diesem Raum versammeln sich die Berufskollegen von Hildy, um ihrer Arbeit nachzugehen. Das sieht so aus, dass sie Karten spielen, Schnaps trinken und dann und wann zum Telefon greifen, um eine erfundene Meldung in die Sprechmuschel zu bellen. Jeder vielleicht einmal vorhandene Idealismus ist längst der kompletten Gleichgültigkeit gewichen, die vollmundigen Artikel sind reiner Selbstzweck. Und auch für das Schicksal Earl Williams‘ interessiert sich keiner. Hauptsache, er baumelt pünktlich am Galgen. Aber die Presse ist nicht die alleinige Zielscheibe für Wilders böse Kritik, denn auch der Staatsapparat, verkörpert von Sheriff Hartman (Vincent Gardenia) und dem Bürgermeister (Harold Gould) wird aufs Korn genommen. Denn wie so oft sind mit Williams‘ Hinrichtung politische Interessen verknüpft. Wahlen stehen an und eine sauber durchgeführte Exekution wäre die perfekte Werbung für den Bürgermeister. So wird dann schon einmal eine von offizieller Stelle geforderte Aufschiebung ignoriert und der Bote auf Kosten der Stadt ins Bordell geschickt.

Es ist an Hildy und Walter diesen Skandal aufzudecken. Hildy von neuem Eifer beseelt wittert die große Geschichte, um seinen Abgang zu versüßen. Beiden geht es nicht um die Gerechtigkeit. Dass beide das Richtige tun, ist letztlich der Tatsache geschuldet, dass sie sich davon den größten Effekt versprechen. Was könnte mehr Leser binden als die Unschuld eines Mörders zu belegen und gleichzeitig die führenden Persönlichkeiten der Stadt zweifelhafter Machenschaften zu bezichtigen?

Wilder frischt mit THE FRONT PAGE eine Kritik auf, die er schon in seinem ACE IN THE HOLE einmal formulierte (den ich dringend noch sehen muss). Auch stilistisch orientiert sich Wilder an Bewährtem (man denke etwa an ONE, TWO, THREE! oder THE FORTUNE COOKIE): Fast der gesamte Film spielt in einem Raum, in dem gleich mehrere Handlungsfäden zusammenlaufen und sich verdichten. Geschliffene Dialogzeilen werden mit hoher Frequenz „abgeschossen“, sodass THE FRONT PAGE beinahe wie ein Actionfilm anmutet. So findet Wilder nicht nur die perfekte Form für sein Thema – Presse und Geschwindigkeit sind schließlich kaum voneinander zu trennende Begriffe -, er dramatisiert seine Vorgänge zusätzlich, indem er alles andere komplett ausblendet: In diesem Raum, an diesem Tag wird über das Schicksal eines Unschuldigen entschieden – aber mit ihm zusammen über das Schicksal der ganzen Welt. Wilders Kunst besteht darin, das Große im Kleinen zu verpacken, das hat er mit seinem Protagonisten Hildy gemeinsam. Seine Botschaften drängen sich nicht auf, überdecken nie die eigentliche Narration, sondern entfalten sich in dieser und durch sie. 

Wer es noch nicht wusste: Wie eigentlich alles von Billy Wilder ist auch THE FRONT PAGE uneingeschränkt zu empfehlen.

Der Kameramann Harry Hinkle (Jack Lemmon) wird während einer Football-Liveübertragung vom Spieler Luther „Boom Boom“ Jackson (Ron Rich) über den Haufen gerannt und erleidet eine Gehirnerschütterung. Sein Schwager, der zwielichtige Anwalt Willie Gingrich (Walter Matthau), sieht die Chance auf das große Geld: Er überredet Harry dazu Lähmungserscheinungen zu simulieren und so ein großes Schmerzensgeld zu erschwindeln. Als Köder fungiert Harrys Exfrau Sandy (Judy West), über die er nie hinweggekommen ist und die sich sofort auf den Weg zu ihm macht, als sie von seinem Unfall erfährt. Doch Harry fühlt sich mit dem Schwindel mehr und mehr unwohl, zumal der schuldbewusste „Boom Boom“ Jackson seine Karriere zugunsten seines „Opfers“ vollkommen vernachlässigt …

THE FORTUNE COOKIE gilt gemeinhin als echter Billy-Wilder-Klassiker, begründete zudem die erfolgreiche Filmpartnerschaft von Lemmon und Matthau, die bis in die späten Neunzigerjahre anhielt, und verschaffte letzterem seinen wohlverdienten Oscar. Insofern ist es wahrscheinlich Ketzerei, wenn ich gestehe, dass mir THE FORTUNE COOKIE zwar gefallen, mich aber keineswegs so umgehauen hat, wie ich das erwartet hatte. Eigentlich ist Wilders Film eher traurig als komisch, streckenweise ziehen einen der Schwindel von Gingrich und Hinkle, die berechnende Geldgier Sandys geradezu herunter, leidet man mit dem armen Footballspieler, der gar nicht weiß, das er einer Betrügerei aufsitzt. Natürlich ist das von Billy Wilder genauso intendiert: Nach dem locker-flockigen KISS ME, STUPID ist THE FORTUNE COOKIE wesentlich ernster, von einer ernst gemeinten Moralität durchzogen und schon ein Vorgeschmack auf das, was etwa mit dem grandiosen AVANTI! einige Jahre später folgen sollte. Vielleicht muss eine weitere Sichtung her, vielleicht ist eine falsche Erwartungshaltung Schuld, dass mich THE FORTUNE COOKIE etwas enttäuscht hat: Ich wollte einfach etwas anderes. Nach dem turbulenten Auftakt verlieren sich nämlich das Tempo, das Wilders Filme sonst immer vorlegen, ebenso wie der Witz zugunsten der Tragik und der Erkenntnis, dass die meisten Menschen vom Geld korrumpiert sind, alles dafür tun würden, um etwas vom Reichtum der anderen abbekommen zu können. Das ist ohne Zweifel höchst kunstvoll, bei aller thematischen Schwere unglaublich leichtfüßig inszeniert und das Zusammenspiel von Lemmon und Matthau ist einfach göttlich. Ein für Wilder ungewöhnlich düsterer, nichtsdestotrotz schöner Film, den ich wohl zu einer anderen Gelegenheit nochmal sehen muss, um ihn so zu würdigen, wie er das ohne Frage verdient hat.

kiss me, stupid (billy wilder, usa 1964)

Veröffentlicht: Juli 26, 2008 in Film
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In dem in bitterer Ironie mit dem Namen „Climax“ versehenen Wüstenkaff in Nevada träumen der Klavierlehrer Orville J. Spooner (Ray Walston) und sein Freund, der Tankwart Barney (Cliff Osmond), von einer Musikerkarriere. Der große Traum rückt in greifbare Nähe als niemand Geringeres als Superstar Dean Martin (Dean Martin) an Barneys Tankstelle hält. Ein beherzter Griff an die Benzinleitung von Dinos Wagen sorgt dafür, dass dieser die Nacht bei Orville verbringen muss. Um dem Star aber die eigenen Songs unterzujubeln, will er bei Laune gehalten werden: Eine Frau muss her! So wird aus dem nahe gelegenen Tanzschuppen, dem „Belly Button“, die attraktive Polly (Kim Novak) rekrutiert. Nun ist nur noch Orvilles Gattin Zelda (Felicia Farr) im Weg …

Billy Wilders Komödie zählt vielleicht nicht zu seinen ganz großen Sternstunden, dennoch sorgen sein grandioses Gespür für Timing, der stets punktgenaue dramaturgische Aufbau und das gewisse Maß an Respektlosigkeit und Subversivität auch hier wieder dafür, dass man nach knapp zwei Stunden mit einem breiten Lächeln und einem guten Gefühl aus dem Film entlassen wird. Dass KISS ME, STUPID sich trotz kleinerer Mängel – die Dialogpassagen von Kim Novak wirken nicht immer überzeugend, der Film kann seine Bühnenherkunft nicht ganz verleugnen – seinen Platz in einer langen Liste von amerikanischen Komödienklassikern dennoch redlich verdient hat, ist aber nicht zuletzt Dean Martin zu verdanken, der sich mit so viel Verve selbst auf die Schippe nimmt, dass es eine wahre Freude ist. Das Image, das ihm immer anhing – und das wohl nicht von ungefähr kam –, das des Alkoholikers und rücksichtslosen Weiberhelden,  zelebriert er mit einer Inbrunst, dass es teilweise nahe an der Selbstdemontage vorbeischrammt – und gerade damit fährt er immense Sympathiepunkte ein. Eigentlich en Wunder, denn in KISS ME, STUPID ist er alles andere als eine Sympathiefigur, sondern eher der Schurke des Films: Wenn er Orvilles vermeintlicher Frau vor dessen Augen auf die Pelle rückt und vollkommen die Contenance verliert, lacht man darüber vor allem, weil man fast Mitleid mit ihm hat. Er spielt sich selbst als einen Mann, der seinen Trieben vollkommen erlegen ist. Aber er hat durchaus einen Verwandten: Orville hat zwar weder den Schmelz in der Stimme noch das gute Aussehen, aber die Liebe zu seiner Zelda schlägt sich in einer Eifersucht nieder, die ihn sich mehr als einmal brutal blamieren lässt. Klassische Momente gibt es in rauhen Mengen: Dino, der unter dem Tisch herumkriecht, um Polly zwischen die Beine gucken zu können, und eine fallengelassene Serviette als reichlich fadenscheinigen Anlass nutzt, Orvilles verzweifelter Versuch, seine Frau Zelda zu vergrätzen – die Cagneysche Pampelmuse immer im Anschlag, das abschließende Schäferstündchen zwischen Zelda und ihrem großen Idol. Das sollte man wenigstens einmal gesehen haben.

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert streiten zwei exzentrische daredevils um Wohlstand und Anerkennung: „The Great Leslie“ (Tony Curtis), ewig smarter Sonnyboy, Held der Massen und Stilikone auf der einen Seite, und der schurkische Professor Fate (Jack Lemmon), ein von Neid und Hass auf den erfolgreicheren Konkurrenten zerfressener Exzentriker auf der anderen. Als ein amerikanischer Automobilhersteller zu Werbezwecken ein Rennen rund um die Welt veranstaltet und Leslie exklusiv als Fahrer engagiert, ist natürlich auch Professor Fate nicht weit. Doch der sich anschließende Zweikampf wird noch durch eine dritte Person verkompliziert: Die Reporterin Maggie Dubois (Natalie Wood), eine engagierte Frauenrechtlerin, mischt sich energisch in das Duell ein …

Mit diesem wunderbaren, kunterbunten Film ist Blake Edwards eine famose Hommage an das Slapstick-Kino vergangener Zeiten gelungen, die durchaus auch Vergleiche mit den Cartoon-Exzessen um den Roadrunner und Wile E. Coyote zulässt. Mit für jeden außer sie selbst vorhersehbarer Gewissheit gehen alle Sabotageakte, die Professor Fate und sein Gehilfe Max (Peter Falk) gegen Leslie aushecken, nach hinten los. Doch egal, ob sie mit dem Flugzeug in der Jauchegrube landen oder sich selbst in die Luft sprengen: Sie haben immer schon den nächsten absurden Plan in petto. So hat Leslie dann auch mehr mit der hartnäckigen Maggie zu kämpfen, die ihn in ständig neue Probleme verwickelt und ihm sogar den treuen Assistenten Hezekiah (Keenan Wynn) abspenstig macht. Edwards wurden oft Sexismus und Rassismus vorgeworfen und auch hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sich über die emanzipatorischen Ambitionen Maggies lustig macht. So entschlossen und selbstbewusst sie auch vorgeht, immer wirkt sie auch ein bisschen wie ein Kind, dass sich schreiend am Boden wälzt, bis es bekommt, was es will. Und letzten Endes erliegt auch sie dem Charme Leslies, aber nicht, ohne dass dieser zumindest ein kleines Zugeständnis an Maggie machen muss. Und: Auch die Männer bekommen mit ihrem Verbrüderungsgehabe und Konkurrenzdenken ihr Fett weg. Dieser Genderdiskurs hält den Film über die gesamte Laufzeit von immerhin 150 Minuten hinweg interessant und sorgt für Abwechslung zwischen den epischen Slapstickeinlagen, in denen alle Elemente des klassischen Repertoires aufgegriffen werden. Dreh- und Angelpunkt des Films ist aber Jack Lemmon als Professor Fate, der diese Comicfigur mit großer Inbrunst und genau dem richtigen Maß an Overacting zum Leben erweckt. Seine Blicke, wenn er erkennt, dass er mal wieder den Kürzeren gezogen hat und die schmerzhaften Konsequenzen zu spüren bekommen wird, sind göttlich. Toll auch die Szenen in seinem gothischen Spukhaus (die Addams Family lässt grüßen), in dem er an einer Orgel sitzend mit theatralischer Geste Bach spielt – oder vielmehr so tut als ob, denn es handelt sich lediglich um eine Spielorgel. Als wäre Lemmons Leistung nicht schon großartig genug, bekommt er im letzten Drittel des Film auch noch die Gelegenheit, sich in einer zweiten Rolle zu beweisen. Als infantiler, stets sternhagelvoller und exaltiert vor sich hin lachender Thronfolger des Fantasiestaates Carpania, Prinz Hapnick, stürzt er den Film endgültig ins Chaos, das dann passenderweise in einer gigantischen Tortenschlacht kulminiert.

Unverständlicherweise wurde der Film bei seiner Erstaufführung alles andere als gut aufgenommen und markierte den ersten großen Flop in Edwards Karriere (mittlerweile hat er freilich den Ruf, der ihm zusteht). Das muss dem heutigen Zuschauer Rätsel aufgeben, denn THE GREAT RACE ist ein Musterbeispiel höchster Komödien- und Filmkunst, dass in jeder Hinsicht – man beachte etwa die wunderbaren Kostüme von Edith Head und den gewohnt markanten Soundtrack von Henry Mancini – durch Sorgfalt und Inspiration besticht. Ganz, ganz groß.