Mit ‘Jack Palance’ getaggte Beiträge

Als das Volk Jerusalems die Wahl hat, einen zur Kreuzigung Verurteilten zu begnadigen, wählt es statt des angeblichen Sohns Gottes den Räuber und Mörder Barabbas (Anthony Quinn). Als der Ungläubige in Freiheit geführt wird, umfängt ihn ein göttliches Licht, dass die Saat des Zweifels in ihm pflanzt: Gibt es Gott? Ist Jesus tatsächlich sein Sohn? Und wenn ja: Warum hat Gott ihn ihm vorgezogen? Hat Gott selbst ihn auserwählt, um ihm eine Prüfung aufzuerlegen? Tatsächlich scheint Barabbas nach seiner Begnadigung unsterblich geworden zu sein: Er wird nach einem weiteren Mord nicht hingerichtet, sondern zur Zwangsarbeit in den Schwefelminen verurteilt, überlebt diese Höllenarbeit und den Einsturz der Grube wie durch ein Wunder und gelangt schließlich nach Rom, wo er in eine Gladiatorenschule gesteckt wird. Auf seinem Weg beobachtet er die Entwicklung des Christentums, freundet sich mit dem Christen Sahak (Vittorio Gassman) an, der Barabbas bekehren möchte, und versucht schließlich, seine „Schuld“ zu begleichen. Doch Gott schweigt beharrlich …

BARABBA basiert auf dem gleichnamigen Roman des Literatur-Nobepreisträgers Pär Lagerkvist, der bereits 1953, kurz nach seinem Erscheinen, von Lagerkvists Landsmann Alf Sjöberg zum ersten Mal verfilmt worden war. Unter der Regie von Richard Fleischer avanciert BARABBA zum breit angelegten, immens aufwändigen und bildgewaltigen Monumentalfilm, der den Konventionen dieses Genres jedoch nur sehr lose verpflichtet ist. Das wird gleich mit der ersten Einstellung deutlich, bei der der Zuschauer durch einen unerwarteten 90-Grad-Kameraschwenk mit in den Bildraum geholt wird, der in diesem Genre sonst klar vom Zuschauerraum getrennt bleibt. Der Einsatz von Totalen, in denen die Menschen buchstäblich „von Gott verlassen“ scheinen, und die spärliche Verwendung von die Emotionen steuernden Close-ups scheinen dieser Immersion zunächst zu widersprechen, doch sind sie Ausdruck derselben Strategie: Anstatt bloß ein Fenster in eine Jahrhunderte zurückliegende Epoche zu öffnen und Geschichte nachzustellen, geht es Fleischer vor allem darum, den Zweifel, aber auch das Bedürfnis Barrabas‘ nach Transzendenz nachvollziehbar zu machen.

Der Titelheld wird dann auch in eine weitgehend passive Rolle gedrängt: Er ist weniger Handelnder denn im doppelten Sinne ungläubiger Beobachter der sich um ihn herum ankündigenden Umwälzungen und Anthony Quinn ist mit seiner ungeschlachten Physis und der Verwirrung, die sich tief in sein Gesicht eingegraben hat, ein idealer Darsteller. Er ist ein Zögerer und Zauderer, allein dem eigenen Interesse verpflichtet. Und als er am Ende schließlich doch die Initiative ergeift, da macht er alles nur noch schlimmer. Aktiv sind andere: Seine Geliebte Rachel (Silvana Mangano), die sich während seiner Inhaftierung dem Christentum zugewandt hat, verbreitet die Botschaft der Nächstenliebe und wird dafür zu Tode gesteinigt, und Sahak und Lucius (Ernest Borgnine) kämpfen ebenfalls unter Gefährdung ihres Lebens für das Recht, ihrem Glauben zu folgen. Barabbas ist solcher Einsatz nicht möglich: Er möchte glauben, allein ihm fehlt der Mut, sich auf einen Gott, den er nicht sehen kann, der ihm nicht antwortet, zu verlassen. So verfolgt er Sahaks und Lucius‘ Bemühungen, in der Hoffnung auf eine Antwort, doch erst am Ende wird ihm das Wesen des Glaubens bewusst, kann er sich Gott überantworten. Ob Gott dieses Bekenntnis erhört, bleibt dennoch ungewiss.

Trotz seines frommen Themas ist BARABBA vom Pathos kitschiger Bibelfilme weit entfernt. Mehr als die Präsenz des Göttlichen thematisiert Fleischer deren Abwesenheit, zeichnet die Menschheit als auf Irrwegen dahinstolpernd, gewalttätig, grausam, mitleidslos. Das Martyrium, das Jesus durchleiden muss, zeigt Fleischer in kurzen, aber heftigen Bildern (das Gesicht des Heilands sieht man kein einziges Mal). Die Steinigung Rachels, deren Leiche Barabbas in einer niederschmetternd distanzierten Totale findet, die infernalische Schwefelminen-Sequenz und die brutalen Gemetzel im Colosseum sind von einer brachialen Körperlichkeit, die einen unverkennbaren Kontrast zur göttlichen Transzendenz, aber auch zum Diktum des „Liebe deinen Nächsten“ bildet.  BARABBA zeigt Fleischer möglicherweise auf dem Zenith seines Schaffens: Dafür sprechen die großartige CinemaScope-Fotografie, die makellose filmische Organisation spektakulärer Effekt- und Massenszenen wie auch die inhaltliche Umsetzung der Fleischer’schen Leib- und Magenthemen – Macht und Gewalt, die Frage nach dem Ursprung menschlicher Befähigung zum Guten wie zum Bösen und einer höheren Werte setzenden Instanz, aber auch, dass der bis hierhin überaus produktive und fleißige Fleischer – 22 Filme in 14 Jahren! – danach vier Jahre lang abtauchte, um mit dem bunten Science-Fiction-Film FANTASTIC VOYAGE zurückzukehren: Wahrscheinlich war er nach BARABBA genauso leer wie sein Titelheld.

Einen lesenswerten Text zum Film findet man hier.

In der nordamerikanischen Wildnis werden diverse Urlauber (u. a. Cameron Mitchell und ein grünschnabeliger David Caruso) von merkwürdigen fliegenden kleinen Blutsaugermonstern angefallen und getötet. Sandy (Tarah Nutter) und Greg (Christopher S. Nelson) können eben noch in eine entlegene Kneipe entkommen, in der sich die beiden Veteranen Fred „Sarge“ Dobbs (Martin Landau) und Joe Taylor (Jack Palance) aufhalten, die schon lange ahnen, dass ein Alien in den Wäldern sein Unwesen treibt. Zusammen mit den Touristen gehen sie auf die Jagd nach dem Unhold …

Tja, wirklich aufregender als der zuletzt von mir im Wachkoma durchlittene THE DARK ist auch WITHOUT WARNING nicht, wenngleich sein Scheitern nicht ganz so eklatant ist. Greydon Clarks Film ist nämlich leider auf relativ herkömmliche Art und Weise monoton und langweilig: Der Film verheizt seinen einen, zugegebenermaßen ganz hübschen Spezialeffekt – die etwas an Maultaschen erinnernden Vampirfrisbees, die das Ober-Alien durch die Gegend wirft – gleich zu Beginn und hat dann nichts mehr nachzulegen, außer natürlich Martin Landau und Jack Palance, die seinerzeit tief in der B-Movie-Hölle versumpft waren und für manche Win-win-Situation sorgten: Kleine Exploitationfilme (etwa Jack Sholders spitzenmäßiger ALONE IN THE DARK) konnten sich mit der Präsenz der einstigen Hollywoodgrößen schmücken und die Stars endlich mal nach Herzenslust overacten. Vor allem Landau, der nach Greydon Clarks kurz zuvor entstandenem THE RETURN offensichtlich Gefallen an stulligen Alien-Stoffen gefunden hatte, frisst sich als durchgeknallter Ex-Soldat mit einem Bärenhunger durch seine Szenen und lockert die Gleichförmigkeit damit wohltuend auf. Palance muss demgegenüber nicht viel mehr tun, als seine Charakterfresse ins Bild zu halten, die ja für sich genommen schon ein unbezahlbarer Spezialeffekt ist. Sonst gibt es leider nicht viel, worüber man in Verzückung geraten könnte: Das Quäntchen Handlung ist nach zehn Minuten hinreichend durchgekaut und macht dann Raum für endloses Gelatsche durch den dunklen Tann. Schauwerte: Fehlanzeige, und das, obwohl mit Dean Cundey erwiesenermaßen ein Meister seines Fachs (u. a. die Carpenter-Klassiker HALLOWEEN, THE FOG, ESCAPE FROM NEW YORK, THE THING und BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA) hinter der Kamera stand (wie auch bei Clarks früheren Filmen). So dauert es bis zum kurzen und leider viel zu schmerzlosen Finale, bis man mit dem kürbisköpfigen Alienmonster endlich mal wieder was zu gucken bekommt. Genrehistorisch erwähnenswert ist WITHOUT WARNING vielleicht für die seinerzeit wohl unvermeidlichen ALIEN-Anleihen (die Opfer, die als „Vorrat“ aufgehängt werden, und die erwähnten Maultaschen, eine Art Quasi-Facehugger) sowie die vorsichtige Vorwegnahme von PREDATOR, dessen Darsteller Kevin Peter Hall auch hier ins Alienkostüm kletterte. Allerdings sollte man das nicht überbewerten, schließlich ist der Plot „Alien läuft durch den Wald und killt Menschen“ nicht so wahnsinnig spezifisch, dass nicht mehrere Menschen unabhängig voneinander auf diese brilliante Idee kommen könnten, ohne Urheberrechtsverletzungsklagen befürchten zu müssen. Mich hat an WITHOUT WARNING vor allem seine Besetzung fasziniert, die ihn fast zum OCEAN’S ELEVEN des Trash macht. Neben den Erwähnten übernehmen auch Neville Brand, Ralph KISS ME DEADLY Meeker und Fernseh- und Synchronstar Larry Storch Klein- und Kleinstrollen. Und hätte Greydon Clark David Caruso in weiser Voraussicht noch eine Sonnenbrillen-Szene ins Script geschrieben, wäre mein Urteil über seinen Film wahrscheinlich ganz anders ausgefallen.

Den Regisseur werde ich trotzdem mal ins Auge fassen, liest sich seine Filmografie doch so, als hätte dieser Mensch viel, viel Spaß in seinem Job gehabt. BLACK SHAMPOO dürfte eine Blaxploitationvariante auf Hal Ashbys SHAMPOO sein, SATAN’S CHEERLEADERS, HI-RIDERS (auch mit Brand und Meeker) und ANGELS‘ BRIGADE haben schon geile Titel, THE RETURN ist nach WITHOUT WARNING wahrscheinlich eh, ähem, Pflicht, JOYSTICKS steht nach der Lektüre von DESTROY ALL MOVIES!!! THE COMPLETE GUIDE TO PUNKS ON FILM ganz weit oben auf meiner Wunschliste und mit THE FORBIDDEN DANCE, jenem Lambada-Film, der ohne den Lambada-Song und ohne die Nennung des Tanzes im Titel auskommen musste, war er ja auch an dem albernen Schwanzvergleich der im Zorn auseinandergegangenen Cannon-Bosse Menahem Golan und Yoram Globus beteiligt. Vielleicht sollte man seine Biografie verfilmen.

Dr. Dan Potter (Dwight Schultz) tritt seine neue Stelle als Arzt in der Nervenheilanstalt Haven als Ersatz für einen aus dem Amt geschiedenen Vorgänger an. Dieser hatte sich sehr gut mit den vier prominentesten Patienten des Hauses – dem psychopathischen Frank Hawkes (Jack Palance), dem ehemalige Priester und Brandstifter Byron Sutcliff (Martin Landau), dem Kinderschänder Ronald „Fatty“ Elster (Erland van Lidth) und dem als „Bleeder“ bekannten Serienmörder Skaggs – verstanden, die nun glauben, Potter habe bei dessen Ausscheiden seine Finger im Spiel gehabt. Als ein Stromausfall die Sicherheitsvorkehrungen der Klinik lahmlegt und die gesamt Umgebung im Chaos versinkt, brechen die Vier aus, um Potter und seiner Familie einen Besuch abzustatten …

ALONE IN THE DARK ist Jack Sholders Spielfilmdebüt und direkt ein Volltreffer, der allerdings auf ungünstige Marktbedingungen stieß: Das Horrorpublikum war ganz auf die damals populären Slasherfilme gepolt (eine Szene setzte den Film ungünstiger- und unabsichtlicherweise sogar in direkte Konkurrenz zum Jason-Franchise, das unpassende Postermotiv suggerierte einen gänzlich anderen Film) und konnte mit Sholders intelligenter Mischung aus schwarzem Humor, finsterem Psychothriller und einem an NIGHT OF THE LIVING DEAD oder auch ASSAULT ON PRECINT 13 erinnernden Belagerungsszenario nicht viel anfangen. Schade, denn ALONE IN THE DARK zählt locker zu den originellsten und spannendsten amerikanischen Horrorfilmen seiner Dekade. Der bizarre Humor Sholders hebelt den im Vergleich zu den Umtrieben eines Jason Voorhees sehr realen Horror nie aus, wie das so oft bei Horrorkomödien der Fall ist, sondern unterstützt diesen sogar noch:  Mit Antritt seiner neuen Stelle verlässt Potter auch die so genannte Normalität und tritt stattdessen ein in eine Welt, die nach ganz eigenen Gesetzen funktioniert. Sein Vorgesetzter, Dr. Leo Bain (großartig: Donald Pleasence), unterscheidet sich in seinem exzentrischen Gehabe und seinen eigenwilligen bis fragwürdigen Methoden kaum von den Menschen, die er behandeln soll, die Angst vor einem Super-GAU hält die Bevölkerung New Jerseys in Atem (wenige Jahre zuvor gab es einen Kernschmelzunfall im dortigen Kernkraftwerk Three Mile Island, auf den auch Bezug genommen wird) und der unfreiwillige Besuch eines Punkrock-Konzerts muss im biederen Potter den Eindruck, der einzig Normale auf einer aus den Fugen geratenen Welt zu sein, noch verstärken. Dieses Gefühl der Isolation fängt Sholder perfekt ein, indem er seinen Film stets in einem irritierenden Schwebezustand hält, nichts „erklärt“, auch noch die absurdesten Anwandlungen etwa Dr. Bains unkommentiert lässt und seine vier Schurken nur mit einem Minimum an Backstory ausstattet. Alles ist merkwürdig schräg und abseitig, ohne aber vollkommen irre zu sein, also gerade so viel, dass man wie Potter beginnt, am eigenen Verstand zu zweifeln, anstatt den Wahnsinn der anderen definitiv konstatieren zu können. Als Zuschauer kommt man so gar nicht umhin, sich mit Potter zu identifizieren, und wenn dieser sich im letzten Drittel des Films mit seiner Familie in seinem Haus verbarrikadiert, so ist das nur die äußerste bildliche Konkretion einer Isolation, die der ganze Film zuvor schon thematisiert hat. Das Sahnehäubchen auf diesem feinen Film ist natürlich die Leistung der drei Schauspielveteranen Palance, Landau und Pleasence, die ihre Rollen mit viel Schmackes interpretieren, aber dennoch den feinen Grat zwischen krachendem Overacting und wünschenswerter Expressivität wahren, auf dem sich der ganze Film bewegt und dem er seinen Reiz in entscheidendem Maße verdankt. In der englischen Sprache gibt es das schöne Wort „off-kilter“, das auf ALONE IN THE DARK passt wie die Faust aufs Auge. Ich wüsste nicht, wie man das im Deutschen ähnlich treffend beschreiben könnte.

Jack Sholder ist mit ALONE IN THE DARK ein Einstand nach Maß geglückt und das Niveau konnte er auch für seine nächsten Filme halten: Sein NIGHTMARE ON ELM STREETSequel ist eines der eigenwilligsten und interessantesten Sequels überhaupt (oder aber ein sehr schwacher Freddy-Krueger-Film, das hängt von der Perspektive ab) und von einem ähnlich eigenwilligen Humor geprägt, THE HIDDEN ist für mich einer der schönsten Genrefilme der Achtzigerjahre und seinen Buddy-Film RENEGADES würde ich gern mal wieder sehen. In den Neunzigern ging es aus unerfindlichen Gründen bergab: 12:01 war auf Video meines Wissens noch recht erfolgreich in Deutschland, danach verschlug es ihn in den Sumpf aus Fernsehproduktionen (u. a. inszenierte er für die TALES FROM THE CRYPT-Reihe) und DTV-Horrorsequels. In seinem WISHMASTER-Sequel findet man noch Spureneemente seines ebesno exzentrischen wie feinen Humors, der ihn immer auszeichnete und den ich in der gegenwärtigen Filmlandschaft sehr vermisse.