Mit ‘Jack Sholder’ getaggte Beiträge

Anlässlich meines Textes zu FRIDAY THE 13TH PART 2 hatte ich jüngst über die oft idiosynkratische Natur zweiter Teile gesprochen und dabei diesen Film explizit erwähnt: Jack Sholders Sequel zu Cravens A NIGHTMARE ON ELM STREET ist ein Paradebeispiel für meine These und gleich in doppelter Hinsicht seltsam. Nicht nur, weil er vom erst mit dem dritten Teil endgültig etablierten Muster der NIGHTMARE-Filme abweicht und seinen heimlichen Helden Freddy Krueger auf sehr eigene Art und Weise einsetzt, sondern auch, weil er einen Subtext aufweist, der mit dem Rest der Reihe rein gar nichts zu tun hat. A NIGHTMARE ON ELM STREET PART 2: FREDDY’S REVENGE ist ein Coming-Out-Film erster Güte und ein seltenes Beispiel für einen queeren Mainstream-Horrorfilm. Der Film ist tatsächlich so eindeutig schwul, dass der oben verwendete Begriff „Subtext“ kaum noch tragfähig ist und man sich außerdem über die geradezu rührende Ahnungslosigkeit von Regisseur Jack Sholder wundern muss, der angeblich der Meinung war, ein ganz normales Sequel zu inszenieren und an dem die mehr als eindeutigen Hinweise auf die unterdrückte Homosexualität von Protagonist Jesse (Mark Patton) völlig vorbeigingen. Der hingegen, selbst homosexuell, muss sich während der Dreharbeiten mehr als einmal auf die Zunge gebissen haben, waren ihm die Implikationen des Stoffes im Gegensatz zum Regisseur doch völlig klar.

A NIGHTMARE ON ELM STREET PART 2: FREDDY’S REVENGE widmet sich besagtem Teenager Jesse, der mit seiner Familie soeben in das Haus auf der Elm Street 1428 eingezogen ist, in dem Nancy Thompson im ersten Teil von dem Traumdämon Freddy Krueger bedrängt worden war. Es dauert nicht lange, da wird er von Albträumen heimgesucht: Doch Freddy will ihn nicht etwa umbringen, sondern Besitz von seinem Körper ergreifen, um so Zugang zur Wirklichkeit zu erhalten. Im Rahmen der Serie macht Kruegers Plan nicht den geringsten Sinn: Warum sollte Krueger Zugang zur Realität haben wollen, wenn er seinem blutigen Treiben im Vorgänger doch sehr effektiv und zudem völlig ungefährdet in den Träumen der Teenager nachgehen konnte? Auf die blutig-fantasievollen Traum-Morde, die in Chuck Russells drittem Teil zu Kruegers bevorzugtem M.O. und zum Erfolgsgeheimnis der Reihe werden sollten, wartet man hier noch vergebens, stattdessen greift Sholder Motive des Spukhausfilms auf, wenn Jesses Familie von unerklärlicher Hitze geplagt wird oder sich ihre Vögel plötzlich von selbst entzünden. Man merkt, dass den Autoren noch nicht ganz klar war, was die Zuschauer an Cravens Film und an Freddy Krueger eigentlich begeistert hatte: FREDDY’S REVENGE ist eine Sackgasse, aber eine, die es sich zu besuchen lohnt.

Der Traumdämon Krueger wird hier zur Metapher nicht für verdrängte Schuld, sondern für die unterdrückte Homosexualität Jesses. Gleich zu Beginn wird er von zwei Mädchen im Schulbus verlacht, dann kabbelt er sich mit seinem Kumpel Grady (Robert Rusler) beim Schulsport. Beim Einräumen seines Zimmers tanzt er zu quietschigen Eighties-Pop wie ein Chippendale, wenn ihn Krueger erschreckt, kreischt er hingegen wie ein Mädchen in der Geisterbahn. Eines Nachts, als er wieder einmal schweißgebadet aufwacht, verschlägt es ihn in den Sadomasoschuppen, den sein fieser Sportlehrer zu frequentieren pflegt. Der packt sich den Jungen sogleich, zwingt ihn zum nächtlichen Sport und will ihn dann in der Dusche züchtigen, als ihm Freddy zuvorkommt und ihm mit nassen Handtüchern in Großaufnahme den nackten Arsch versohlt. Später gelingt es der schönen Lisa (Kim Myers) endlich, den widerspenstigen Jesse auf die Matte zu zerren, doch bevor der Nägel mit Köpfen machen kann, kommt ihm erneut Freddy dazwischen. Was tut der arme Jesse: Er klettert ins Schlafzimmer seines Kumpels Grady und bittet diesen, auf ihn aufzupassen. Am Schluss ist es die Liebe Lisas, die den Dämon bezwingt und Jesse zumindest vorerst in den Hafen der Heterosexualität führt. Dass Jesses ziemlich eindeutigen Probleme damit keineswegs gelöst sind, deutet das Shock Ending mehr als nur an.

Als NIGHTMARE-Film ist Sholders zweiter Teil eher mäßig gelungen, was ihn aber paradoxerweise auch zum wahrscheinlich interessantesten Teil der Reihe und zu einem der bizarrsten Mainstream-Horrorfilme der Achtzigerjahre macht. Wie dieser Film in dieser Form entstehen konnte, angeblich ohne jede Absicht und Einsicht in das, was sich da für jeden denkenden Menschen offensichtlich auf der Leinwand abspielt, ist mir ein Rätsel. Egal, ob A NIGHTMARE ON ELM STREET PART 2: FREDDY’S REVENGE nun auf eine Verkettung von Zufällen zurückzuführen ist oder auf einen cleveren Streich: Wir alle dürfen uns glücklich schätzen, dass es ihn gibt.

Dr. Dan Potter (Dwight Schultz) tritt seine neue Stelle als Arzt in der Nervenheilanstalt Haven als Ersatz für einen aus dem Amt geschiedenen Vorgänger an. Dieser hatte sich sehr gut mit den vier prominentesten Patienten des Hauses – dem psychopathischen Frank Hawkes (Jack Palance), dem ehemalige Priester und Brandstifter Byron Sutcliff (Martin Landau), dem Kinderschänder Ronald „Fatty“ Elster (Erland van Lidth) und dem als „Bleeder“ bekannten Serienmörder Skaggs – verstanden, die nun glauben, Potter habe bei dessen Ausscheiden seine Finger im Spiel gehabt. Als ein Stromausfall die Sicherheitsvorkehrungen der Klinik lahmlegt und die gesamt Umgebung im Chaos versinkt, brechen die Vier aus, um Potter und seiner Familie einen Besuch abzustatten …

ALONE IN THE DARK ist Jack Sholders Spielfilmdebüt und direkt ein Volltreffer, der allerdings auf ungünstige Marktbedingungen stieß: Das Horrorpublikum war ganz auf die damals populären Slasherfilme gepolt (eine Szene setzte den Film ungünstiger- und unabsichtlicherweise sogar in direkte Konkurrenz zum Jason-Franchise, das unpassende Postermotiv suggerierte einen gänzlich anderen Film) und konnte mit Sholders intelligenter Mischung aus schwarzem Humor, finsterem Psychothriller und einem an NIGHT OF THE LIVING DEAD oder auch ASSAULT ON PRECINT 13 erinnernden Belagerungsszenario nicht viel anfangen. Schade, denn ALONE IN THE DARK zählt locker zu den originellsten und spannendsten amerikanischen Horrorfilmen seiner Dekade. Der bizarre Humor Sholders hebelt den im Vergleich zu den Umtrieben eines Jason Voorhees sehr realen Horror nie aus, wie das so oft bei Horrorkomödien der Fall ist, sondern unterstützt diesen sogar noch:  Mit Antritt seiner neuen Stelle verlässt Potter auch die so genannte Normalität und tritt stattdessen ein in eine Welt, die nach ganz eigenen Gesetzen funktioniert. Sein Vorgesetzter, Dr. Leo Bain (großartig: Donald Pleasence), unterscheidet sich in seinem exzentrischen Gehabe und seinen eigenwilligen bis fragwürdigen Methoden kaum von den Menschen, die er behandeln soll, die Angst vor einem Super-GAU hält die Bevölkerung New Jerseys in Atem (wenige Jahre zuvor gab es einen Kernschmelzunfall im dortigen Kernkraftwerk Three Mile Island, auf den auch Bezug genommen wird) und der unfreiwillige Besuch eines Punkrock-Konzerts muss im biederen Potter den Eindruck, der einzig Normale auf einer aus den Fugen geratenen Welt zu sein, noch verstärken. Dieses Gefühl der Isolation fängt Sholder perfekt ein, indem er seinen Film stets in einem irritierenden Schwebezustand hält, nichts „erklärt“, auch noch die absurdesten Anwandlungen etwa Dr. Bains unkommentiert lässt und seine vier Schurken nur mit einem Minimum an Backstory ausstattet. Alles ist merkwürdig schräg und abseitig, ohne aber vollkommen irre zu sein, also gerade so viel, dass man wie Potter beginnt, am eigenen Verstand zu zweifeln, anstatt den Wahnsinn der anderen definitiv konstatieren zu können. Als Zuschauer kommt man so gar nicht umhin, sich mit Potter zu identifizieren, und wenn dieser sich im letzten Drittel des Films mit seiner Familie in seinem Haus verbarrikadiert, so ist das nur die äußerste bildliche Konkretion einer Isolation, die der ganze Film zuvor schon thematisiert hat. Das Sahnehäubchen auf diesem feinen Film ist natürlich die Leistung der drei Schauspielveteranen Palance, Landau und Pleasence, die ihre Rollen mit viel Schmackes interpretieren, aber dennoch den feinen Grat zwischen krachendem Overacting und wünschenswerter Expressivität wahren, auf dem sich der ganze Film bewegt und dem er seinen Reiz in entscheidendem Maße verdankt. In der englischen Sprache gibt es das schöne Wort „off-kilter“, das auf ALONE IN THE DARK passt wie die Faust aufs Auge. Ich wüsste nicht, wie man das im Deutschen ähnlich treffend beschreiben könnte.

Jack Sholder ist mit ALONE IN THE DARK ein Einstand nach Maß geglückt und das Niveau konnte er auch für seine nächsten Filme halten: Sein NIGHTMARE ON ELM STREETSequel ist eines der eigenwilligsten und interessantesten Sequels überhaupt (oder aber ein sehr schwacher Freddy-Krueger-Film, das hängt von der Perspektive ab) und von einem ähnlich eigenwilligen Humor geprägt, THE HIDDEN ist für mich einer der schönsten Genrefilme der Achtzigerjahre und seinen Buddy-Film RENEGADES würde ich gern mal wieder sehen. In den Neunzigern ging es aus unerfindlichen Gründen bergab: 12:01 war auf Video meines Wissens noch recht erfolgreich in Deutschland, danach verschlug es ihn in den Sumpf aus Fernsehproduktionen (u. a. inszenierte er für die TALES FROM THE CRYPT-Reihe) und DTV-Horrorsequels. In seinem WISHMASTER-Sequel findet man noch Spureneemente seines ebesno exzentrischen wie feinen Humors, der ihn immer auszeichnete und den ich in der gegenwärtigen Filmlandschaft sehr vermisse.