Mit ‘Jack Taylor’ getaggte Beiträge

PrintÜber viele Filme wird es gesagt, hier stimmt es: PIECES, wie MIL GRITOS TIENE LA NOCHE auch heißt, ist ein Meisterwerk des schlechten Geschmacks, ein Film, bei dem man an allen Ecken und Enden das Gelächter der Beteiligten zu hören glaubt, der einem aber nie den Gefallen tut, zum offenen Spoof zu verkommen. Ist das alles am Ende des Tage vielleicht gar ernst gemeint?

Nun, wie man diese Frage für sich auch beantworten mag, es spielt für den Genuss des Films keine Rolle. Juan Piquer Simón, dessen Tierhorrorfilm SLUGS ich auch mal wieder sehen müsste, inszenierte seine kettensägenbewehrte Giallo/Slasher-Kreuzung mit viel Chuzpe und dem Selbstbewusstsein des Mannes, der die Magie des Kinos in seinem Rücken weiß. Da werden nondeskripte Bauten aus dem Einzugsbereich Valencias kurzerhand als Bostoner Universität ausgegeben, dunkelhaarige, lockige Südeuropäer als Neuengländer, ungelenke Statisten mittels schlecht sitzender Uniformen aus der Requisite des lokalen Kostümverleihs mehr schlecht als recht in amerikanische Polizeibeamte verwandelt, Linda Day George vom Drehbuch zum ehemaligen Tennisprofi gemacht, obwohl sie kaum einen Ball übers Netz schlagen kann. Aber der Film hat so eine Art an sich, dass man sich gern von ihm verschaukeln lässt.

Die Besetzung ist alles: Der großartige Christopher George, dem man in seinen besten Rollen die Ferkelsfreude ins Gesicht geschrieben sieht, marschiert trotz Schalks im Nacken mit größter Souveränität und Autorität durch den haarsträubend deliriösen Plot. Edmund Purdom hätte wohl auch dann noch die ganze Distinguiertheit des britischen Gentlemans verkörpert, wenn man ihn mit runtergelassenen Hosen im Schweinestall überrascht hätte, was seine Teilnahme hier ganz adäquat beschreibt. Der alte Jess-Franco-Recke Jack Taylor sieht aus, als sei er einem Helge-Schneider-Film entflohen, und gibt den verklemmten Intellektuellen mit bravourösem Understatement – die potenziell idiotische Szene, in der eine dickbrüstige Studentin ihn aus der Defensive locken will, indem sie ihn nach der Lage ihrer „pectorals“ fragt, meistert er mit einer wissenden Zurückhaltung, die man von einem Film um einen geilen Kettensägenmörder nicht unbedingt erwartet. Und Paul L. Smith, der in etlichen Spencer/Hill-Ripoffs die Rolle des dicken Vollbartträgers übernahm, agiert als wandernde Comicfigur, als wähne er sich immer noch am Set von Altmans POPEYE. Keine Ahnung, wie es dem Regisseur gelungen ist, das alles zusammenzuhalten.

In meiner Lieblingsszene wandert die Polizistin Mary Riggs (Linda Day) im Dunkeln allein über den Campus, als sie plötzlich wie aus dem Nichts von einem Bruce-Lee-Verschnitt im Jogginganzug überfallen wird. Es gibt einen kurzen Schlagabtausch, in deren Verlauf sie den Angreifer zu Boden ringen kann, dann tritt schließlich der Student Kendall (Ian Sera) auf den Plan und stoppt den Kampf mit dem Hinweis, dass der Chinese sein „Kung-Fu-Professor“ sei. MIL GRITOS TIENE LA NOCHE ist voll solcher Szenen, auf der anderen Seite lässt er bei seinen zahlreichen überaus heftigen Splattereinlagen nichts anbrennen. Als ich den Film vor rund 20 Jahren zum ersten Mal sah, da war er mir zu schmuddelig und auch zu selbstzweckhaft und ich wurde nicht richtig schlau aus ihm. Auch heute noch fällt es mir schwer, seine Strategie genau zu beschreiben, zu sagen, warum der Film so gut funktioniert, obwohl er haarstäubender Unfug ist. Ich glaube, ich würde MIL GRITOS TIENE LA NOCHE sogar als eine der ganz wenigen wirklich gelungenen Horrorkomödien bezeichnen.

 

DR. M SCHLÄGT ZU wurde 1972 von Artur Brauner als Nachzieher seiner in den Sechzigerjahren populären DR. MABUSE-Reihe gedreht und in Berlin uraufgeführt, fand jedoch keinen deutschen Verleih. Das will schon Einiges heißen, wenn man bedenkt, was damals für schäbiges Zeugs über die Leinwände der Bahnhofskinos flimmerte: Man sollte meinen, in einer Welt, in der Platz war für DER TEUFEL KAM AUS AKASAVA oder DER TODESRÄCHER VON SOHO, wäre auch Platz für den DR. M gewesen, aber gut.

Ich mache jetzt mal woanders weiter: Jess Franco wird ja vielerorts, vor allem von sogenannten Genrefans, immer noch als untalentierter Vielfilmer diffamiert. Das Ding ist wohl, dass sich Franco stets einen Scheiß für die Regeln des Horror- oder Science-Fiction-Films und die Erwartungen der Fans interessiert hat. Wenn er diese Genres in den Sechziger- und Siebzigerjahren auch fleißig beackerte, so lag das wohl vor allem daran, dass sie in jener Zeit sehr populär und mithin leicht zu finanzieren waren. Franco war ein filmbesessener, der – ein kurzer Blick auf seine ausufernde Filmografie macht das sehr deutlich – es einfach nicht aushielt, keinen Film zu drehen. Also drehte er, was sich ihm anbot. Doch egal in welchem Genre er arbeitete, in erster Linie machte er stets Jess-Franco-Filme, und wenn man das einmal verstanden hat, dann hält man den Schlüssel zu einem unerschöpflichen Werk bizarrer Wunder in den Händen. Ich habe das anlässlich Francos Tod schon einmal geschrieben und sage es jetzt erneut: Francos Filme werden besser, je mehr man von ihm sieht. Jahrzehnte bevor einem die fantasielosen Buchhalter von Marvel ihr „Marvel CInematic Universe“ als das Geilste seit der Erfindung von Wurst mit Gesichtern verkaufen wollen, strickte Franco bereits an seinem eigenen Universum, in dem alle Filme irgendwie zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.

Was mich wieder zu DR. M SCHLÄGT ZU bringt, den ich spontan zu den eher öden Filmen des Meisters zählen würde, und zwar gerade deshalb, weil es Franco hier nicht gelingt, sich von der Genreschablone zu befreien oder sie gar zu zerschlagen. Der Film dümpelt mit seinem Allerweltsplot gemächlich und spannungsarm dahin, bietet aber einfach zu wenige jener schrägen Francoismen, die man als Liebhaber zu schätzen gelernt hat. Wobei DR. M SCHLÄGT ZU natürlich Franco in Reinkultur ist, aber eben zu routiniert. Die spanische Ödnis wird wieder mal äußerst selbstbewusst als Amerika ausgegeben, ein zu kleiner Cowboyhut auf Fred Williams Kopf soll die Illusion wohl stützen. Jack Taylor, Friedrich Joloff und Beni Cardoso sind die Schurken, die in einem Leuchtturm inklusive Heizungskeller mit blinkenden Apparaturen sitzen und ein Monster namens Andros befehligen, die Geheimformel für den Bau einer Superwaffe zu stehlen. Dazwischen gibt Franco himself als Polizeichef Crosby kluge Ratschläge an seinen Untergebenen Fred Williams, der den ganzen Film über Verhöre führt und am Ende pünktlich auftaucht, um das Monster zu erschießen. Es gibt schlechte Day-for-Night-Shots, Giftgas, das mittels Weichzeichner simuliert wird, holprige Schnitte, traurige Settings und natürlich immer wieder Weitwinkelaufnahmen von Treppenhäusern und Fluren. Siegfried Lowitz hat drei Szenen als Mastermind Orloff bevor er vom Monster erwürgt wird, das offensichtlich nie gemeinsam mit ihm am Set war, Gustavo Re spielt Williams‘ zauseligen Assistenten Melou und Ewa Strömberg eine Nachtclub-Tänzerin namens „Jenny Hering“. Die Zutaten sind da, wollen sich aber nicht zu einem jener bewusstseinserweiternden Erlebnisse addieren, für die ich Franco sonst so schätze.

Die schönste Szene ist ein Gespräch zwischen Williams und einem Vagabunden, der sich mit kleinem Wauwau auf dem Arm als „Sultan“ vorstellt. Als Williams erklärt, dass er nicht den Namen des Hundes wissen wolle, sondern seinen, erzählt der Mann ihm, dass früher tatsächlich der Hund diesen Namen getragen habe, während er „Carlos“ hieß. Um die Langeweile aufzubrechen, habe man aber beschlossen, die Namen zu tauschen und siehe da, seitdem höre der Hund viel besser. Von solchen kleinen, unspektakulären, aber eben wirkungsvollen Momenten gibt es in DR. M SCHLÄGT ZU leider viel zu wenige, stattdessen werden irrsinnig viele finstere Pläne geschmiedet und Protagonisten von A nach B verfrachtet. Das ist, wie gesagt, eher öde. Aber der Francophile weiß natürlich: Auch solche eher minderwertigen Filme sind unerlässlich, wenn man das Franco-Universum bis in seinen entlegensten Winkel erkunden will.

2005102388788_artikel[1]Ich habe NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN nicht verstanden. Einigermaßen erleichtert nahm ich daher zur Kenntnis, dass der unvergleichliche Jess Franco selbst keine Ahnung hatte, wovon sein Film eigentlich handelte, sich eher von spontanen Eingebungen und visuellen Einfällen treiben ließ. Der große weltweite Erfolg, den er mit dem Film landete, überzeugte ihn davon, dass ein Publikum einen Film nicht kognitiv erfassen können muss, um ihn zu mögen. Er muss sie visuell fesseln, sich mit Bildern bei ihnen einbrennen. Und eindrucksvolle Bilder hat NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN tatsächlich reichlich, sodass an seiner von Godard entlehnten Behauptung durchaus etwas dran sein könnte. Andererseits liegt der Verdacht nahe, dass die Kinogänger von der nackte Tatsachen und scharfe Sexpraktiken verheißenden Werbung in seinen Film gelockt wurden und ihn nach knapp 80 Minuten reichlich verdattert wieder verließen.

Versuch einer Zusammenfassung: Lorna Green (Janine Reynaud) arbeitet als Künstlerin in einem Berliner Nachtklub, wo sie auf der Bühne in bizarren SM-Inszenierungen als dominante Bestraferin auftritt. Ein Mann namens Pierce (Michel Lemoine) behauptet, sie „geschaffen“ und zu einer perfekten Verkörperung des Bösen gemacht zu haben. Ein anderer Mann (Jack Taylor) hat sie in Lissabon kennengelernt und ist mit ihr zusammen. In wilden Träumen unterhält sie sich mit ihrem Psychiater (Adrian Hoven) und sucht ein Schloss auf, in dem sie einem Admiral (Howard Vernon) begegnet und mit ihm seltsame Assoziatonsspiele spielt. Wenig später sieht sie bei einer öffentlichen Aufbahrung seinen übel zugerichteten Leichnam. Auf einer Party wird ihr und den anderen Gästen von einem Zwerg LSD verabreicht, woraufhin man über sie herfällt. Eine blonde Frau wird von Lorna in das Schloss gelockt, dort in eine Schaufensterpuppe verwandelt und schließlich ebenso von ihr ermordet. Ihr Geliebter plant schließlich mit Pierce, die unkontrollierbar gewordene Lorna aus dem Weg zu räumen, doch seltsamerweise überlebt sie das Attentat und bringt dann ihrerseits ihren untreu gewordenen Partner um.

I’m at a complete loss: Ja, einige Handlungsfragmente deuten darauf hin, dass der Film eine Reise in das Unbewusste einer schizophrenen oder paranoiden Frau darstellt. Der Hinweis auf eine erfolglos verlaufene Therapie, das Verschwimmen von Traum und Realität, das Einbrechen realer Ereignisse in die Sphäre des Traums sind nur die markantesten Anhaltspunkte für diese Annahme. Doch selbst wenn man sich an diese naheliegende Interpretation klammert, bleibt NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN kryptisch, wenn nicht gar hermetisch, läuft nicht auf einen narrativen Endpunkt zu, sondern versandet irgendwie in einem nicht näher definierten Nichts. Die sinnliche Fotografie von Franz X. Lederle, der alles mit einem gleißenden Schleier aus mediterranem Licht umhüllt und die Farben förmlich explodieren lässt (das kann natürlich auch der der mir vorliegenden DVD von Blue Underground liegen), ist sicherlich das prägnanteste formale Charakteristikum des Films und wesentlich für dessen entrückte, schlafwandlerische Atmosphäre verantwortlich. Zusammen mit der Musik von Friedrich Gulda und den gespreizten, artifiziellen Dialogen, die eher an moderne Lyrik als an gesprochene Worte erinnern, verhindern sie aber auch ein echtes Eintauchen in und die Anteilnahme am Film. NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN ist wohl auch ein Produkt der zur damaligen Zeit kursierenden Hippie-Ideale (siehe die LSD-Party), das die Identifikation für den heutigen Zuschauer massiv erschwert, ja ihn geradezu ausschließt, wenn er mit der damaligen Rhetorik nicht vertraut ist. Mir liegt der böse Vorwurf der Prätentiosität auf der Zunge, die Einschätzung des Films als artsy-fartsy, als schön und rauschhaft zwar, aber auch als unangenehm solipsistisch und verblendet. „Nehmt den Hippies die Kamera weg!“, sagte Lukas Foerster dazu treffend anlässlich der Sichtung des ähnlich gelagerten LA PHILOSOPHIE DANS LE BOUDOIR beim Hofbauer-Kongress im Januar. Dass Franco – gern mal etwas überschwänglich – im Interview anführt, sein Film sei kurz nach Veröffentlichung in Psychologievorlesungen deutschen Universitäten als Anschauungsmaterial vorgeführt und für die präzise Darstellung paranoider Wahnvorstellungen gelobt worden, passt zur von mir kritisierten self-importance des Films, der Wahrheitsgehalt seiner Aussagen scheint mir aber, ehrlich gesagt, dennoch eher unwahrscheinlich. Vielleicht bin ich angesichts der Vorstellung, dass in den Sechzigerjahren Franco-Filme an der Uni gezeigt wurden, aber auch nur neidisch.

Fazit: Nicht ohne ästhetischen Reiz, aber für Franco-Verhältnisse erstaunlich verkopft und anstrengend. Zum jetzigen Zeitpunkt not quite my cup of tea.  Für Franco-Aficionados und solche, die es werden wollen, ist der Film aber dennoch bedeutsam: Es war der erste Film, den der Spanier komplett außerhalb seiner Heimat drehte, und er stellte die erste Zusammenarbeit mit Jack Taylor und Janine Reynaud dar.

 

Auf Madeira geht ein Mörder um. Nicht Frauen fallen ihm zum Opfer, sondern Männer, denen auf dem sexuellen Höhepunkt der Penis abgeschnitten wird. Während die Polizei noch rätselt, weiß der Gerichtsmediziner Dr. Roberts (Jess Franco), dass es sich bei dem Täter um einen Vampir handeln muss. Und er hat Recht: Seit Jahrhunderten geistert die letzte Überlebende eines atlantischen Vampirgeschlechts über die Erde, ihres Lebens müde, aber ohne den Mut, ihr Leben zu beenden …

Mit LES AVALEUSES (deutscher Titel: ENTFESSELTE BEGIERDE) schenkte Franco seiner langjährigen Darstellerin, Muse, Geliebten und späteren Ehefrau Lina Romay den ersten „eigenen“ Film. Mit langen schwarzen Haaren, Stiefeln, einem Gürtel und einem durchsichtigen Umhang auf sonst vollkommen nacktem Körper tritt sie gleichmäßigen, fast traumwandlerischen Schrittes aus dem Neben auf die Kamera zu, verhext den Zuschauer mit ihren dunklen Augen und dem melancholischen Blick. Auch im Folgenden steht sie im Zentrum fast jeder Szene des Films, wird dabei von Franco in allen möglichen Posen sexueller Erregung gezeigt, ihr entblößter, geöffneter Schritt wie eine Einladung in Überlebensgröße auf der Leinwand prangend. Wie sehr LES AVALEUSES um Romay gestrickt wurde, merkt man immer dann, wenn sie nicht zu sehen ist. Da läuft dann Jack Taylor in ein Erich-von-Däniken-Buch vertieft durch die Gegend, via Voice-over besonders eindrückliche Passagen zitierend, und es dauert eine gute Dreiviertelstunde, bis seine Funktion in diesem Werk überhaupt klar ist. In einer Szene, die den verträumt-ziellosen Charakter des Films ähnlich wunderbar einfängt wie die zahlreichen ausgedehnten Masturbationsszenen der Romay, sieht er nur kurz von seinem Buch auf, um den Hotellift zu rufen, ist aber Sekunden später, als sich dessen Tür öffnet, schon wieder so in seinen Inhalt vertieft, dass er bereits zu Fuß weitergegangen ist. Franco selbst brilliert in den wunderbar tölpeligen und hemdsärmeligen Krimi-Szenen, wenn er unter anderem einen blinden Parapsyhologen befragt oder diesen mit einem Opfer des Vampirs konfrontiert. Wann immer LES AVALEUSES Menschen sprechen lässt, Exposition betreibt oder „klassische“ Narration verfolgt, wird es hilarious: Da interviewt dann eine Reporterin die vermeintliche Vampirgräfin, obwohl diese stumm ist und sich lediglich durch Nicken oder Kopfschütteln mitteilen kann. Als sie auf die erste Nicht-Entscheidungsfrage demzufolge keine Antwort erhält, unterbricht sie die Stille mit nur wenig Empathie und Verständnis für das Handicap ihrer Gesprächspartnerin mit dem Satz „Ich merke schon, dass Sie mir nicht antworten wollen …“

Ähnlich wie zuvor EUGENIE (HISTORIA DE UNA PERVERSIÓN) ist auch LES AVALEUSES kein Film, der Spoiler provozieren würde. Die Geschichte ist sogar noch nebensächlicher als in der De-Sade-Adaption und lediglich behelfsmäßig zusammengezimmerter Irrsinn, der den visuellen Ideen Francos und seiner Romay-Verehrung einen Rahmen verleiht. Das klingt für Nicht-Eingeweihte vielleicht fürchterlich, ist aber für jeden, der Franco zu lieben gelernt hat, ein Fest. LES AVALEUSES ist Franco in Reinform: Reine Poesie, die sich nur schwerlich beschreiben lässt. Madeira, jene portugiesische Insel im Atlantik, sieht hier gar nicht wie ein Urlaubsparadies aus, sondern trist und graubraun, wie in einem unauflöslichen Nebel liegend. Der ganze Film hat den Charakter eines Traums, so tief, dass einen selbst die Lacher nicht aus ihm herausreißen. Leider habe ich das Ende des Films verschlafen. Andererseits ist das wahrscheinlich sogar die adäquate Rezeptionshaltung. Wer weiß, wie tief mir der Film ins Unterbewusste gedrungen ist, als ich ihm hilflos ausgeliefert war.

Die Heranwachsende Eugenie (Marie Liljedahl) wird von der dekadenten Sadomasochistin Madame Saint Ange (Maria Rohm) und deren Stiefbruder/Geliebten Mirvel (Jack Taylor) in die gemeinsame Villa auf einer Mittelmeer-Insel eingeladen. Dort setzen die beiden das junge Mädchen unter Drogen und unterziehen sie zunehmend brutaleren Sexspielen. Unter der psychischen Belastung verliert Eugenie schließlich den Verstand …

In dem Interview mit Jess Franco, das im Bonusmaterial der Blue-Underground-DVD enthalten ist, bezeichnet der spanische Vielfilmer EUGENIE,  die Verfilmung des De-Sade-Romans „Die Philosophie im Boudoir oder Die lasterhaften Lehrmeister“, als den einzigen seiner Filme, den er wirklich mag. Und selbst der dem schlechten Geschmack sonst eher abgeneigte Christopher Lee bricht anlässlich der Zusammenarbeit für EUGENIE eine Lanze für Franco, räumt ein, dass dieser ein ausgezeichneter, intelligenter Regisseur sei, der lediglich meist weder die Zeit noch die Mittel erhalten habe, die für bessere Ergebnisse nötig gewesen wären. Ich kenne zwar längst nicht alle seiner Filme, noch auch nur einen zumindest quantitativ repräsentativen Teil seines Werks, aber nach der Sichtung würde ich beiden unbedingt zustimmen wollen: EUGENIE ist bislang der mit Abstand beste Film, den ich von Franco gesehen habe, und ganz einschränkungslos ein fantastischer, wunderschöner und gleichzeitig ziemlich beunruhigender Sexploiter.

Der Begriff ist dabei eigentlich ziemlich unpassend, denn EUGENIE ist – wie die meisten der von Harry Alan Towers produzierten Francos – ausgesprochen geschmackssicher inszeniert, überschreitet die Grenze zur Pornografie niemals und bleibt auch in den sadistischen Folterszenen auf Distanz. Dass der Film seine Wirkung dennoch nicht verfehlt, ist der expressiven Bildsprache – Franco taucht das Geschehen oft in ein infernalisches Blutrot, arbeitet mit exremen, verzerrenden Groß- und Detailaufnahmen oder filmt durch Requisiten hindurch – und dem psychedelischen, sich förmlich in einen Rausch hochschaukelnden Score von Bruno Nicolai geschuldet. Es ist gerade die Verbindung dieser geschmackvollen, artifziellen Inszenierung und der grausamen Vorgänge, die an EUGENIE nachhaltig beeindruckt und erschüttert. Der Film ist von einer eisigen Kälte, selbst wenn er die flirrenden Hitzewallungen der Lust oder das Idyll der Mittelmeerkulisse bebildert, woran nicht zuletzt die atemberaubend aussehende Maria Rohm mit ihren ebenso grausamen wie sinnlichen Katzenaugen und der seine Abgründe hinter einer Fassade der Kultiviertheit verbergende Jack Taylor großen Anteil haben. Es gibt einfach kein Korrektiv in diesem Film, keine Normalität, der gegenüber sich der Wahnsinn von Madame Saint Ange und Mirvel einordnen ließen. Nicht einmal Eugenies Mutter hat einen Draht zu ihrer pubertierenden Tochter und der Vater verhökert Eugenie  höchstselbst an Madame Saint Ange, während er mit dieser durch die Betten pflügt. Die Jugend, die Eugenie verkörpert, ist in Francos Film völlig auf sich gestellt, wird von einer pervertierten Erwachsenenwelt für die Befriedigung der eigenen Triebe mitleidlos missbraucht. Eugenie hat keine Chance, sich vor dem Ertrinken im Wahnsinn zu retten, weil gar kein Ufer in Sicht ist: Die ganze Welt ist verrückt geworden.