Mit ‘Jackie Chan’ getaggte Beiträge

Actionlastige Rausschmeißer haben beim Mondo Bizarr Weekender Tradition und mit Jackie Chans überwiegend in Europa gedrehtem Versuch, ein internationales Publikum mit einem von Indiana Jones und James Bond inspirierten, dazu mit reichlich Slapstick-Humor abgeschmeckten Abenteuerfilm zu erobern, wurde ein ganz besonderes Leckerchen kredenzt.

DER RECHTE ARM DER GÖTTER, wie er hierzulande hieß, ist eine Entertainment-Maschine, die sich den Luxus einer vollkommen egalen Story leisten kann, weil diese eh nur einen Vorwand für eine 90-minütige Aneinanderreihung von Actionszenen, Verfolgungsjagden, lebensmüden Stunts, geschmacksunsicheren Gags und wahnwitzigen Fights darstellt. Das beginnt mit dem Prolog, bei dem Chan einen in einer jugoslawischen Burgruine lebenden Eingeborenenstamm (über die Integrierung wirklich aller rassistischer Klischees von lustigem Kopfschmuck über Uga-Uga-Sprache hüllen wir vorerst den Mantel des Schweigens) bestiehlt, setzt sich fort mit einem Sangesauftritt des sich selbst spielenden Canto-Pop-Stars Alan Tam, einer komplett lebensmüden Verfolgungsjagd zwischen der Welt hässlichstem Sportwagen und mehreren Motorrädern, unfassbar frauen- nd schwulenfeindlichen Witzeleien („Frauen sind nicht gänzlich nutzlos“, sagt Chan einmal) und der finalen Eroberung einer Bergfestung, in die Chan einen grandios choreografierten Kampf gegen Amazonen in High Heels sowie den Sprung von einem Felsen auf einen vorbeifliegenden Fesselballon inkorporiert (in echt sprang er nicht von einen Felsen, sondern aus einem Flugzeug, der kleine Angsthase). Nicht alles zündet, in der zweiten Hälfte gibt es durchaus mal einen zehnminütigen Durchhänger und das hohe Tempo ist auch der deutschen Bearbeitung zu verdanken, die ca. 15 Minuten Handlung über Bord warf, wissend worauf es den hiesigen Zuschauern in erster Linie ging, aber die Höhepunkte lassen alle vorhandenen Mängel vergessen.

Es sind nicht zuletzt diese kleinen Details, die mir bei diesen Jackie-Chan-Teilen aus der Hochphase seines Schaffens immer das Herz aufgehen lassen, hier etwa seine Masche, sich ständig Kaugummis in den Mund zu werfen und das auf möglichst spektakuläre bzw. umständliche Art und Weise. Die obligatorische Outtake-Show während der Schlusscredits deutet an, welchen Aufwand dieser sprichwörtliche Wegwerf-Gag beim Dreh bedeutete, umso schöner, dass Chan den Sportsgeist hatte, das dennoch durchzuziehen. Dann ist da natürlich der missglückte Stunt, bei dem er fast sein Leben verlor, sich den Schädel brach und einen Teil seines Gehörs einbüßte: Im Film selbst kommt die Szene so unspektakulär daher, dass man kaum glauben mag, dass sie fast das Ende des ganzen Unterfangens und Chans Karriere bedeutet hätte. Dann natürlich dieses übermenschliche Commitment, mit dem sich der Star und seine Stuntmen da in ihre Fights werfen und ihre Körper durch die Luft fliegen lassen. Gibt es etwas Tolleres als diese Zeitlupeneinstellungen, in denen man sieht, wie diese Irren mit ihrem Kreuz voran auf Balken und Mauerkanten krachen oder im Flug noch so getreten werden, dass ihre Flugbahn eine komplette Richtungsänderung mitmacht? Wahnsinn!

Es war ein mehr als würdiger Abschluss für ein wieder einmal sehr gelungenes Kino-Wochenende, für das ich den beiden Machern Marc und Christian an dieser Stelle noch einmal danken möchte. Sie haben es mit dem Mondo Bizarr nicht nur geschafft, Monat für Monat und dann einmal im Jahr eine tolle Veranstaltung zu etablieren, sondern auch einen Spirit zu kultivieren, der von Neugier, Liebe und Offenheit gegenüber den gezeigten Filmen geprägt ist, anstatt mit ätzender Herablassung und dieser nervenden Vertrashungsgeilheit (seltene Ausnahmen bestätigen die Regel), die es ja leider auch gibt. Es hat mich wie immer gefreut, meinen kleinen Teil zum Gelingen beitragen zu dürfen und das alles als Zuschauer begleiten zu können.

 

1985 konnte Jackie Chan, gerade 31, bereits auf eine über 15 Jahre dauernde Filmkarriere zurückblicken – seinen ersten Filmauftritt hatte er sogar schon 1962 absolviert, im zarten Alter von acht -, und war in seiner Heimat ein großer Star. Seine Prominenz hatte sich bis in die USA herumgesprochen, wo drei Projekte seine internationale Eignung austesten sollten: Der erste, THE BIG BRAWL, eine Koproduktion, floppte gewaltig, trotz der Regie von Robert Clouse, der wegen ENTER THE DRAGON als Go-to-Guy für Martial-Arts-Filme galt, der zweite, Hal Needhams THE CANNONBALL RUN, war zwar erfolgreicher, aber auch nicht dazu geeignet, den quirligen Chinesen zum Publikumsmagneten zu machen. Der dritte schließlich, James Glickenhaus‘ Versuch eines Crossover-Actioners namens THE PROTECTOR, war ebenfalls eine kommerzielle Enttäuschung, in die Chan allerdings große Erwartungen gesteckt hatte. Der Misserfolg wurmte den ehrgeizigen Chan, der darauf erpicht war, sich als moderner Actionstar neu zu erfinden. Seinen Status hatte er sich mit klassischen Kung-Fu-Filmen erarbeitet, die meist in der Vergangenheit angesiedelt waren, nun wollte er den Sprung in die Gegenwart schaffen. Mit POLICE STORY gelang Chan nicht nur das, er landete im Jahr vor Woos A BETTER TOMORROW auch einen Riesenhit, der den bevorstehenden Paradigmenwechsel vorwegnahm und Maßstäbe hinsichtlich der Actioninszenierung setzte.

POLICE STORY ist immer noch ein Film, der einen den Atem anhalten lässt, weil er auf den Punkt Richtung Non-Stop-Entertainment geschliffen wurde. Die Geschichte ist denkbar einfach, das Drehbuch entfaltet sie in einer ökonomischen Aneinanderreihung von Fights, Verfolgungsjagden und Slapstick-Szenen, ohne jemals eine Pause einzulegen. Ob man den Humor des Films mag – einige geschmacklose Rape-Jokes und eine eher fragwürdige Haltung gegenüber den weiblichen Charakteren des Films gehören dazu -, sei dahingestellt, bewundern muss man die Energie, mit der das alles auf die Leinwand gebracht wird. Es wird immer noch einer draufgesetzt, auch wenn man das nicht mehr für möglich hält. Die berühmte Auftaktsequenz mit der Zerstörung einer ganzen shantytown und der sich anschließenden Verfolgungsjagd gehört zu den besten Actionsequenzen überhaupt, der Showdown in einem mit vielen Glasflächen ausgestatteten Einkaufszentrum zeigt die Luzidität, mit der Chan Fights choreografierte und ablichten ließ. Dass die Inszenierung beinahe schmucklos wirkt, in ihrem Bemühen, dem Zuschauer möglichst gute Übersichtlichkeit und räumliche Klarheit zu bieten, ist eines der großen Missverständnisse, die hinter der heute immer noch handelsüblichen Zerhackung und Verzerrung durch Schnitt und visuelle Effekte verbergen. (David  Bordwell hat mal einen schönen Text über die Actioninszenierung Chans in diesem Film geschrieben.) Von wegen schmucklos: POLICE STORY entwickelt eine Power und Dynamik, die unnachahmlich ist, da schmerzt jeder Hieb noch mehr, jede Glasscheibe kracht lauter als die zuvor. Über die lebensmüden Stunts brauchen wir erst gar nicht zu sprechen. Unter den Einträgen in Chans telefonbuchdicke Krankenakte fanden sich nach POLICE STORY unter anderem schwere Verbrennungen und ein ausgerenktes Becken. Man ächzt, wenn Menschen hier aus dem Fenster krachen, durch Glasscheiben fliegen oder unsanft aufschlagen.

Aber ich mag auch die schon angesprochenen Slapstick-Szenen, weil sie ganz genau dasselbe Genie zeigen. Ein Beispiel ist die Sequenz im Apartement der weiblichen Protagonistin Selina (Brigitte Lin). Sie ist die Freundin des festgenommenden Crimelords Chu Tao (Chor Yuen) und soll gegen ihn vor Gericht aussagen. Entgegen den Beteuerungen der Polizei, dass sie in Gefahr schwebe und sich beschützen lassen solle, verweigert sie die Zusammenarbeit. Ka Kui (Jackie Chan) soll sie heimlich bewachen und sie außerdem dazu bringen, ihre Meinung zu ändern. Dazu wird ein als Killer verkleideter Kollege in die Wohnung der Frau geschickt, um ihr mächtig Angst zu machen. (Diese Idee spiegelt das durchaus problematische Verständnis von Recht wider, das in dem Film zum Ausdruck kommt.) Der Plan geht so lange auf, bis der vermeintliche Killer niedergeschlagen wird: Ka Kui muss vermeiden, dass sein Plan auffliegt und benutzt den leblosen Körper des Partners nun wie eine Puppe, um den Eindruck zu erwecken, er sei noch bei vollem Bewusstsein. Das Ganze endet schließlich damit, dass Selina flieht, woraufhin auf der Straße eine spektakuläre Keilerei mit den heraneilenden Killern Chu Taos entbrennt. Nahtlos gelingt der Übergang von einer Slapstick-Szene hin zur Action. Wobei eher klar wird, wie eng beides zusammenhängt: Die Körperbeherrschung, die in der Telefonsequenz zum Ausdruck kommt, in der Chan mit mehreren Telefonhörern jongliert, ist dieselbe, die er in die Waagschale wirft, wenn er sich vom Dach eines mehrstöckigen Wohnhauses in einen Swimming Pool stürzt. POLICE STORY ist reine Kinetik, Actionkino in Perfektion.

Steelhead (Jackie Chan), ein Chinese, folgt seinen bereits emigrierten Verwandten und Freunden nach Tokyo. Dort muss er nicht nur feststellen, dass Chinesen nur wenig Ansehen bei den Japanern genießen und seine ehemalige Verlobte zudem nun mit einem Yakuza-Boss lieert ist. Mit miserablen Jobs hält Steelhead sich über Wasser, bis sich eines Tages die Chance  ergibt, ein Stück vom Kuchen abzubekommen.

shinjuku_incident_Die Beziehung zwischen Japanern und Chinesen war schon Stoff ganz unterschiedlicher Filme, die das Schüren von Vorurteilen und das Bedienen rassistischer Ressentiments nicht immer so gut zu vermeiden wussten wie Derek Yees Film. Er schiebt den Schwarzen Peter nicht einer der beiden Nationalitäten zu, sondern zeigt, dass der Rassismus systeminhärent ist. SHINJUKU INCIDENT ist ausdrücklich kein Actionfilm, auch wenn es dann un wann mal ordentlich kracht, lässt sich eher als Sozialdrama lesen und überzeugt mit einem idealbesetzten Jackie Chan. Und mehr fällt mir jetzt auch nicht ein.

New York: Nachdem sein Partner von ein paar Verbrechern umgebracht worden ist, macht der aus China stammende Cop Billy Wong (Jackie Chan) mit einer gnadenlosen Verfolgungsjagd zu Wasser den Hudson River unsicher und bekommt dafür im Anschluss en obligatorischen disziplinarischen Verweis von seinem Vorgesetzten. Die wenig später erfolgende Entführung von Laura Shapiro, der Tochter eines reichen Geschäftsmannes, durch Hongkong-Gangsterboss und Drogenzar Harold Ko (Roy Chiao) macht die Rehabilitierung des Geschassten jedoch unumgänglich. Gemeinsam mit seinem neuen Partner Danny Garoni (Danny Aiello) wird Billy in die britische Kolonie geschickt und darf dort genau das tun, was ihm in New York immer Ärger einbrachte …

TheProtector1985[1]THE PROTECTOR, Glickenhaus‘ vierter Spielfilm, entstand als Koproduktion zwischen den USA und Hongkong und stellt den zweiten, erneut gescheiterten Versuch dar, seinen Hauptdarsteller, damals schon ein großer Star in Hongkong, in den USA zu etablieren. Robert Clouse, vorher als Regisseur von ENTER THE DRAGON maßgeblich am internationalen Durchbruch von Bruce Lee beteiligt, war dies schon mit THE BIG BRAWL (1980) nicht gelungen, und so dauerte es weitere fünf Jahre, bevor man einen neuen Versuch unternahm (zwischendurch wirkte Chan in Nebenrollen in den beiden CANNONBALL-Filmen mit). Der Ansatz von THE PROTECTOR ist durchaus logisch: Über weite Strecken ähnelt der Film den Hongkong-Produktionen Chans, in denen dieser stets ausgiebig Gelegenheit erhält, seinen Wagemut und seine Geschicklichkeit in haarsträubenden Stunts unter Beweis zu stellen: Auch in Glickenhaus‘ Film dreht sich alles um Chan, der rennt, schießt, springt, klettert und Reihenweise bad guys unter Zuhilfename von Fäusten, Füßen und allerlei Einrichtungsgegenständen verdrischt und zu halsbrecherischen Stürzen zwingt. Und auch inhaltlich thematisiert THE PROTECTOR seinen Crossover-Versuch, indem er klarmacht, dass auch die USA einen solchen asiatischen Springinsfeld mehr als gut gebrauchen könnten. Sie müssen sich nur erst an ihn gewöhnen, seine Methoden schätzen lernen, bevor sie ihn Gewinn bringend einsetzen können. THE PROTECTOR leistet also seinen Beitrag zur – ähem – Völkerverständigung. Es ist gerade aus heutiger Sicht nicht ganz klar, warum Chan nach diesem Film trotzdem noch gut zehn Jahre auf seinen US-Durchbruch warten musste: Glickenhaus nimmt von Beginn an keine Gefangenen, jagt Chan durch eine furiose Auftaktsequenz, schneidert ihm auch nach dem Schauplatzwechsel zahlreiche weitere Actionsequenzen auf den durchtrainierten Leib, hält das Tempo bis zum Finale durchgehend hoch und bietet mit seinem Fernost-Setting einige Schauwerte. Vielleicht war sein Film mit seinem East-meets-West-Ansatz damals einfach zu früh, vielleicht war es aber auch der völlige Verzicht auf einen emotional involvierenden Unterbau und greifbare Figuren, die einen großen Erfolg des Films verhinderten. Aus den Actionfilmen seiner Zeit fällt THE PROTECTOR jedenfalls heraus und an Glickenhaus‘ stockfinsteren THE EXTERMINATOR erinnert auch nur noch der Anfang. Auch wenn THE PROTECTOR ähnliche Affekte bedient wie die großen Actioner seiner Zeit – die Wut auf ein gegenüber dem aus dem Ruder gelaufenen Verbrechen machtloses Rechtssystem, auf Verbrecher, die sich mit ihrem Geld alles kaufen können, und auf korrupte Staatsbeamte, die ihre Leute verraten, um sich selbst zu bereichern -, geht diesem Film doch jegliche Nachhaltigkeit ab: wie eben seinen Verwandten aus Hongkong, denen ebenfalls ein eher sportliches Verständnis von „Action“ zugrunde liegt, und dem modernen amerikanischen Actionkino, das aus seinem mittlerweile evidenten Hongkong-Einfluss keinerlei Hehl mehr macht und sich ebenfalls als reines Spektakel begreift. Unter diesem Gesichtspunkt – und blendet man das Zeitkolorit aus – könnte man fast behaupten, dass THE PROTECTOR seiner Zeit damals voraus war, heute „moderner“ wirkt als damals. Ob man das gutheißt, THE PROTECTOR mag oder nicht, ist Geschmackssache. Mir hat er sehr angenehm die Zeit vertrieben. Und das nicht schlecht.