Mit ‘Jacques Villeret’ getaggte Beiträge

LA SOUPE AUX CHOUX markiert hier den Auftakt einer kleinen Louis-de-Funès-Reihe. Der Komiker war in meiner frühen Kindheit ein treuer Weggefährte, wohl auch, weil seine Filme damals noch regelmäßig im TV ausgestrahlt wurden. Sein LES AVENTURES DE RABBI JACOB zählte aufgrund der Anfangssequenz in der Kaugummifabrik lange zu meinen Lieblingsfilmen. Irgendwann erwähnte meine liebe Oma dann aber mal, dass Louis de Funès (bei uns wurde er immer „Lui de Finee“ ausgesprochen) sie „verrückt machen“ würde. Das war dann für mich ein Grund, mir seine Filme nicht mehr anzuschauen. Komisch, aber so sind Kinder wohl. Bis auf die FANTOMAS-Filme, die ich vor nunmehr auch gut 15 Jahren mal nachgeholt habe und die ja streng genommen keine reinen Louis-de-Funès-Filme sind, wird diese Reihe für mich also eine fast ganz neue Erfahrung werden. Und mit LA SOUPE AUX CHOUX, de Funès‘ drittletztem Film, habe ich den Anfang gemacht, weil ich den auch für meine Kinder als geeigneten Einstieg ansah. Womit ich richtig lag, wenngleich der Film auch so seine Untiefen hat.

Klamaukfreunde erinnern sich wahrscheinlich vor allem an die exzessive Furzerei sowie die ausgiebigen Gespräche über eben diese Fürze. Ja, LA SOUP AUX CHOUX (was schlicht „Kohlsuppe“ bedeutet und in Deutschland elegant als LOUIS UND SEINE AUSSERIRDISCHEN KOHLKÖPFE übersetzt wurde) handelt nicht nur in zweiter Linie vom Furzen und der Freude, die eine gepflegte Flatulenz bringen kann. Im Zentrum des Films stehen die beiden alten Weinbauern Claude (Louis de Funès) und Francis (Jean Carmet): Sie leben auf einem in die Jahre gekommenen Weiler wie in den Vierzigerjahren und haben mit der Moderne und ihren Errungenschaften nichts am Hut. Beide sind alleinstehend – Claudes Gattin Francine ist vor Jahren verstorben – und verbringen den lieben langen Tag mit Wein- und Pastistrinken, mit dem Zubereiten und Verspeisen von Kohlsuppe sowie mit Gesprächen über die gute alte Zeit, wobei sie dann ihren Blähungen nach Herzenslust freien Lauf lassen. Eines Tages landet ein Außerirdischer (Jacques Villeret) auf dem Grundstück der beiden: Die lauten Fürze hat er als Botschaft missverstanden. Claude heißt den Besucher willkommen, versorgt ihn mit Kohlsuppe und schickt ihn wieder nach Hause. Die Kohlsuppe erweist sich wiederum auf dem Heimatplaneten des Außerirdischen als Sensation: Zum Dank schickt er Claude erst die verstorbene Ehefrau (Christine Dejoux) zurück, die aber gut 50 Jahre jünger ist als ihr Gatte und verständlicherweise keine Lust hat, mit ihm zusammenzuleben, dann lädt er ihn ein, mitzukommen. Auf Oxo blühen Claude noch 130 Jahre Lebenszeit – und seinen Kumpel Francis darf er natürlich mitnehmen. Weil der Bürgermeister des Örtchens sich anschickt, den lästigen Weiler zugunsten eines Freizeitparks einzureißen, nehmen die beiden Bauern die Einladung dankend an. Fin.

LA SOUP AUX CHOUX ist nur wenig kohärent, erzählt vielmehr mehrere kleine Geschichten, deren gemeinsamer Kern Claude, das Altern sowie das damit verbundene Gefühl sind, von der Zeit überholt worden zu sein. Claude und Francis leben wie in einer anderen Epoche, völlig abgeschottet von den Geschehnissen um sie herum (sehr passend dazu wurde der Weiler für die Nachtaufnahmen im Studio nachgebaut und von einem sehr deutlich als künstlich zu identifizierenden Horizont umgeben) hängen sie den guten alten Zeiten nach. Ihr Wasser kommt aus dem Brunnen – dass Claude sich irgendwann ein Waschbecken aufschwatzen ließ, kann Francis immer noch nicht begreifen -, die Uhr zeigt schon seit Jahren nicht mehr die richtige Uhrzeit an und der Körper ächzt unter der Last der Jahre. Als der Arzt Claude empfiehlt, statt drei Flaschen Wein am Tag nur noch ein Gläschen zu trinken, ist der geradezu empört. Das ist es wirklich nicht wert! Der Außerirdische verwirrt Claude nicht so sehr, als der sich über einen Gesprächspartner freut, der seine Geschichten noch nicht in- und auswendig kennt. Berührungsängste gibt es keine, Gästen bietet man ein gutes Tröpfchen und etwas zu essen an, so einfach ist das. Als plötzlich die junge Francine auf der Matte steht, weicht die Freude schnell der Einsicht: Eine Fortsetzung der Ehe kann es angesichts des Altersunterschiedes nicht geben. Was soll die hübsche, junge, lebenslustige Frau von einem alten Zausel wie ihm? Und Claude selbst ist ja viel zu unflexibel geworden, um sich noch einmal um- und seine eingeschliffenen Gewohnheiten abzustellen. Auch das Umsiedeln auf einen anderen Planeten kommt für ihn aus genau diesem Grund zunächst nicht infrage: Viel zu sehr würde er Francis, den Wein, die Kohlsuppe und die Fahrradfahrt zum örtlichen Bäcker vermissen. Und 200 Jahre alt werden auf einem Planeten, auf dem es laut seinem Besucher keine Freude und kein Lachen gibt? Das klingt gar nicht verlockend. Dann lieber in zehn Jahren sterben, aber dafür jeden Abend in den Nachthimmel furzen, während Francis dazu auf dem Akkordeon spielt. Der Film lebt von de Funès‘ bekannter Art, seinen Schimpfereien, Flüchen und seiner generellen Aufgedrehtheit sowie natürlich von den Auftritten des Außerirdischen, eines treudoof dreinblickenden Tollpatsches. Girault bedient sich eines eher rustikalen Humors, aber dahinter steckt ehrliche Liebe für ein Stück aussterbendes Frankreich, das eben Claude und Francis verkörpern. Meine Gattin sagte während des Films mal sinngemäß, dass dies wohl der französischste Film aller Zeiten sei: Das ist in dieser Ausschließlichkeit ganz gewiss nicht haltbar, aber es stimmt, dass LA SOUP AUX CHOUX eine Lebensart und Haltung zelebriert und würdigt, die wir als „typisch französisch“ apostrophieren können. Kohlsuppe mit dicken Weißbrotrunken, Anisschnaps mit Brunnenwasser, Rotwein zum Frühstück, Kaffee aus Trinkschalen. Man bekommt gleich Lust auf Urlaub in Frankreich.

Davon abgesehen handelt LA SOUP AUX CHOUX (de Funès‘ zweite Begegnung mit Außerirdischen nach LE GENDARME ET LES EXTRA-TERRESTRES von 1979) aber, wie gesagt, vom Altern, mehr aber noch von den einfachen Freuden, die wir angesichts technischer Errungenschaften und moderner Annehmlichkeiten zu vergessen drohen, und damit von einem Thema, das wahrscheinlich zu jeder Zeit aktuell war. Die Vergangenheit, die in LA SOUP AUX CHOUX noch liebevoll und mit einem wehmütigen Auge gezeichnet wird, findet man heute fast gar nicht mehr. (Ehrlich gesagt mutet selbst die Gegenwart des Films heute beinahe steinzeitlich an.) Die verfallenen Weiler mit ihren schrulligen Bewohnern mussten längst irgendwelchen Einkaufszentren und Bungalow-Parks weichen. Kohlsuppe isst niemand mehr und welches Glück es bedeutet, mit einem guten Freund Wein zu trinken und sich gegenseitig im Furzen zu übertreffen, haben die meisten auch schon vergessen. Aber so ist er eben, der Lauf der Dinge. Wir werden älter, während sich die Welt um uns erneuert, und irgendwann kommen wir nicht mehr mit. Und das müssen wir ja nicht: Es gilt, zu erkennen, was uns glücklich macht, und dann daran festzuhalten. Im Notfall auf einem anderen Planeten.