Mit ‘James Brolin’ getaggte Beiträge

46698a_lgMan lernt doch nie aus: Nicht nur, dass ich diesen ultramegaerfolgreichen Film (bei Kosten von knapp 5 Millionen US-Dollar spielte er über 86 wieder ein) gestern zum ersten Mal gesehen habe, auch dass er auf einer wahren Begebenheit beruht und das Spukhaus tatsächlich existiert, war mir neu. Meine Beziehung zu Rosenbergs Kassenschlager beschränkte sich bislang auf die Parodie, die das MAD-Magazine dem Werk angedeihen lassen hatte und die die Sichtung des Films selbst meinem naseweisen Ich vor annähernd 30 Jahren wenig erstrebenswert erscheinen ließ. Spukhausfilme sind nie so ganz mein Ding gewesen und diese spezielle Sorte „respektabler“, ja „wissenschaftlicher“ Haunted-House-Filme, die sich in erster Linie an die Leser von Tratschmagazinen richten und die THE AMITYVILLE HORROR nicht unwesentlich inspiriert hat, finde ich meist besonders öde und lächerlich.

THE AMITYVILLE HORROR ist zugegebenermaßen einen Hauch besser als zeitgenössische Vertreter des Genres. Zum einen sieht er sehr gut aus, hat einen sehr schönen Score und eine gute Besetzung. Aber auch er nimmt seinen albernen Hokuspokus viel zu ernst, rettet über Umwege den lieben Gott vorm Aussterben und lässt sich elend viel Zeit, in der nichts passiert. Man kann ihm seinen Verzicht auf allzu markige Effekte auch zugute halten: Wer die Leidensgeschichte der Familie Lutz als einfaches Zeichen dafür werten möchte, dass sich die Ehepartner mit dem Kauf des Hauses kurz nach der Heirat hoffnungslos übernommen haben, bekommt von Rosenberg Beistand für seine These. Tatsächlich sind die „paranormalen“ Ereignisse überwiegend so banal, dass man sich über die Reaktionen, die sie hervorrufen, nur wundern kann. Und eine echte Bedrohung lässt sich eigentlich auch nicht ausmachen: Gut, die Pfaffen und Nonnen, die kotzend von dannen ziehen und sich erstmal ins Bettchen legen müssen, werden ganz schön mitgenommen, aber die Lutzens machen doch eigentlich noch eine ganz gute Figur. Papa George (James Brolin) gibt den Jack Torrance, sieht zunehmend mitgenommen aus und ist arg launisch, aber um sein Leben muss man genauso wenig fürchten wie um das von Gattin Kathy (Margot Kidder): Man weiß auch ohne Kenntnis des zugrunde liegenden Falls, dass der amerikanischen Traumfamilie batürlich nichts passieren wird. Am gruseligsten fand ich tatsächlich die Aussicht, dass sie 80.000 Dollar  verbrannt hat, die sie nie wieder bekommt.

Die zigtausend Leute, die den Film damals zum Kassenschlager machten und dafür sorgten, dass etliche Sequels erschienen (eines der seltsamsten Phänomene des an solchen nicht armen Horrorgenres), werden das anders gesehen haben, aber meines Meinung nach ist THE AMITYVILLE HORROR kein Stück gruselig. Dafür ist Rosenberg viel zu beschäftigt, den „Realismus“ zu betonen; er vergisst darüber, dass so ein Horrorfilm vor allem schockierend und beunruhigend sein sollte. Die Geisteraktivitäten lassen jede Stringenz vermissen, wirken episodisch und konsequenzlos, wie etwa in einer kurzen Episode, in der von einer Sekunde zur nächsten 1.500 Dollar einfach so verschwinden, dann wieder, wenn dann doch mal das große Drama bemüht wird, etwa in den Szenen um Pfarrer Delaney (Rod Steiger) und seinen Adlatus Bolen (Don Stroud), nachgerade albern. Wenn das Auto der beiden plötzich spinnt, der panische Bolen schreit, dass das Lenkrad blockiert sei, obwohl man überdeutlich sieht, dass der Wagen genau das macht, was der wie wild am Steuerrad herumkurbelnde Fahrer ihm sagt, ist das schon ein ziemlich idiotischer Moment in einem Film, der sonst betont blutarm und unterkühlt vorgeht. Auch der ziellos durch die Gegend tapernde Kriminalbeamte mit dem Cordhut und der Vorleibe für fette Zigarren wirkt wie ein Überbleibsel aus einer verworfenen Drehbuchversion. Eigentlich eine ganz hübsche Figur, aber so tut er nichts weiter, als einen eh schon überlangen Film noch länger zu machen. Und das Ende ist ein totaler Reinfall. Sollte Kino nicht aufregender als die Wirklichkeit sein?

Was mein finales Urteil angeht, bin ich dennoch etwas unentschlossen: Einerseits fand ich THE AMITYVILLE HORROR besser als erwartet, andererseits liegt das aber auch gerade daran, dass er totalen Mumpitz mit dem heiligen Ernst eines Seelsorgers verkauft. Unglaublich, dass das manche Menschen für bare Münze nahmen.

capricorn-one-14889Endlich, endlich, endlich habe ich ihn gesehen. Hyams mag ich eh – einer der zu Unrecht vergessenen Professionals der Siebziger- und Achtzigerjahre, Vertreter einer Gattung von Filmemacher, die es heute nicht mehr gibt: versiert und ambitioniert, ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen, immer nur dem gerade anstehenden Werk verpflichtet – und CAPRICORN ONE hatte ich seit mehr als 20 Jahren auf der Liste. Zum ersten Mal las ich von dem Film anlässlich seiner TV-Ausstrahlung und die Story fand ich sofort super. Aus welchem Grund es erst jetzt geklappt hat, weiß ich eigentlich nicht.Einzige Entschuldigung ist wohl, dass CAPRICORN ONE nicht gerade dr Riesen-Publikumsschlager ist, der ständig im Fernsehen liefe oder einem von den einschlägigen Versandhäusern entsprechend aufmerksamkeitsträchtig angedient würde. Ich habe ihn einfach immer wieder vergessen. Aber das lange Warten hat sich gelohnt, denn CAPRICORN ONE ist ziemlich genau so toll, wie ich es mir erhofft hatte.

Hyams inszenierte gegen Ende der Siebzigerjahre einen Nachzügler des paranoiden Politthrillers, der im Zuge von Watergate zu großer Popularität gelang. Auch bei ihm geht es um die finsteren Machenschaften der Politiker, die nicht davor zurückschrecken, Menschen zu opfern, wenn ihnen das hilft, die eigene Haut und das Budget für das nächste Jahr zu sichern, die in der Lage sind, Existenzen ganz einfach auszulöschen und Menschen buchstäblich vom Erdboden verschwinden zu lassen. Und die diese Skrupellosigkeit mit der Nüchternheit des Sachbeamten verargumentieren, über so etwas wie ein Gewissen, das ihnen in die Quere kommen könnte, gar nicht mehr zu verfügen scheinen (Hal Holbrook ist gleichermaßen furchteinflößend wie mitleiderregend als Richter im Namen der ökonomischen Ratio). Doch die bleiche Desillusioniertheit, die Filme wie THE PARALLAX VIEW oder ALL THE PRESIDENT’S MEN auszeichnete, ist in CAPRICORN ONE nicht mehr ganz so ausgeprägt: Weil Hyams weniger die bissige Kritik als vielmehr der Wunsch antreibt, sein Publikum zwei Stunden ordentlich durchzuwirbeln, gibt es am Ende zum Beispiel ein etwas kitschig geratenes Happy End – das etwa Alan J. Pakula so gewiss nicht inszeniert hätte.

Toll ist CAPRICORN ONE, weil er ganz unterschiedliche Elemente unter einen Hut bringt: den kalten Politthriller mit Private-Eye-Elementen – Elliott Gould ist der Verschwörung als Journalist Robert Caulfield dicht auf der Spur – aber auch den erhitzten Survival-Film vor unwirtlicher Wüstenkulisse. Wenn die flüchtigen Astronauten (James Brolin, O. J. Simpson und Sam Waterston) vor den Häschern im Staatsauftrag fliehen und sich durch die endlose Weite einer amerikanischen Felsenwüste schlagen müssen, ist das natürlich ein schöner Kontrapunkt zur im Fernsehstudio arrangierten Marskulisse – und eine unerwartete Überspitzung ihrer ursprünglichen Mission. Auf dem fremden Planeten wären sie ungleich sicherer gewesen, auf der Erde lauern waffenstarrende Helikopter mit schwarz getönten Scheiben wie motorisierte Riesenlibellen. Hyams schreckt nicht davor zurück, Bilder und Ruhemomente auch mal länger stehen zu lassen, anstatt immer bloß zur nächsten Attraktion zu hetzen, und schafft so mitunter eine eigentümliche Atmosphäre, die das Unfassliche der zugrundliegenden Geschichte erst richtig zur Geltung bringt. Die Schauspieler helfen ihm dabei: Hal Holbrook hatte ich schon erwähnt, grandios sind auch David Doyle in einem szenefressenden Kurzauftritt als Caulfields Chef, Brenda Vaccaro als trauernde Ehefrau sowie James Karen als Vizepräsident, David Huddleston als großkotziger Politiker und natürlich Telly Savalas als brummiger Pilot, der am Ende die Stimmung heben darf.

Manisches Herzstück von CAPRICORN ONE ist aber die Episode um die Auslöschung von Caulfields Bekanntem: Wie der innerhalb von wenigen Sekunden während Caulfields Gang zur Theke aus einer gut besuchten Bar verschwindet, in seiner Wohnung nichts mehr an ihn erinnert, vielmehr eine fremde Frau behauptet, schon immer dort gewohnt zu haben, ist auch deshalb so gruselig, weil Hyams es vergleichsweise unaufgeregt in Szene setzt und Elliott Gould das Ganze seinerseits nur mit einem belämmerten Gesichtsausdruck quittiert. Diese Beiläufigkeit ist eine Stärke des Films, dem man daher auch manchen kleineren Fehlgriff – wie das erwähnte Happy End – gern verzeiht.

sistersMein lieber Kollege Michael Kienzl schrieb in seinem Text, dass es in SISTERS um den Rollentausch von „Schlampe und Mauerblümchen“ gehe, und attestierte Moore, wahrscheinlich „eine der besten Komödien des Jahres“ gedreht zu haben. Nach der Sichtung kann ich mich beiden Aussagen leider nur bedingt anschließen, auch wenn mir der von den SNL-Stars und Hauptdarstellerinnen Tina Fey und Amy Poehler produzierte Film durchaus gefallen hat. Das Konzept schien mir etwa weniger klar auf den Kontrast der beiden Schwestern hin ausgerichtet, als Michael das gesehen hat. Doch selbst wenn ich dem Film das eigentlich sogar eher positiv anrechnen würde, hat mir  trotzdem etwas gefehlt. Was, das verrate ich am Ende dieses Eintrags.

Die titelgebenden Schwestern sind Kate (Tina Fey) und Maura Ellis (Amy Poehler): Erstere, eine alleinerziehende Mutter einer jugendlichen Tochter, hat zum xten Mal einen Job als Stylistin und dann auch noch ihre Wohnung verloren, was symptomatisch für ihren nur wenig erwachsenen Lebensstil ist. Maura hingegen ist geschieden, ohne echte Ambitionen, daran etwas zu ändern, und eher brav und bieder. Beide begegnen sich in Florida wieder, wo ihre Eltern (Dianne Wiest & James Brolin) soeben das von ihnen so geliebte Haus verkauft haben. Sie trotzen Papa und Mama eine letzte Nacht in ihrem alten Kinderzimmer ab und treffen klammheimlich die Vorbereitungen für eine Neuauflage ihrer einst legendären „Ellis Island Partys“. Die Feier mit den durch Drogen- und Alkoholverabreichung entfesselten ehemaligen Schulfreunden entwickelt sich zu einer haarsträubenden Zerstörungsorgie, an deren Ende für Kate und Maura die genreüblichen Selbsterkenntnisse und Veränderungen anstehen …

Wirklich toll an SISTERS ist die Konzentration auf die große Party, die rund die Hälfte der Laufzeit einnimmt. Die mittlerweile sehr gesetzten Schulfkameraden brauchen zunächst eine Weile, um die Fesseln der Arriviertheit abzulegen, doch dann beginnt nach und nach alles zu eskalieren. Moore schaut mal hierhin und dorthin, gibt den wichtigsten Nebenfiguren – darunter etwa John Leguizamo als schmieriger Sex Maniac, Bobby Moynihan als grausam unwitziger Klassenclown, die wieder einmal großartige Maya Rudolph als eifersüchtige Unerwünschte oder Wrestler John Cena als schweigsamer Drogendealer – Gelegenheit, eigene komödiantische Glanzlichter zu setzen, und hält sich dezent im Hintergrund, während die Situation langsam, aber sicher aus dem Ruder läuft. Die beiden SNL-Kolleginnen halten das ganze zusammen, verbinden gewissermaßen die einzelnen Gags, die natürlich immer wieder unter die Gürtellinie zielen oder aber die Unreife der Fortysomethings aufs Korn nehmen. Wie das in diesen Komödien meistens so ist, sitzen längst nicht alle Gags, auch wenn die Trefferquote zufriedenstellend ausfällt. Und wenn man die dramaturgische Formelhaftigkeit – am Ende sehen alle ihre Fehler ein, auf dass sie zu besseren Menschen und endlich erwachsen werden dürfen – auch beklagen mag, so punktet SISTERS doch mit der schieren Verve, die die einmal entfesselten Erwachsenen im Laufe der Feier entwickeln. Man spürt förmlich die Befreiung, die Macht des Regresses, die sich da Bahn bricht, und die Last des beengenden Alltags, der da wenigstens für ein paar Stunden abgeworfen wird. Das größte Problem waren für mich tatsächlich die beiden Hauptdarstellerinnen: Beide machen ihre Sache gut, aber für mich funktionieren sie besser in Nebenrollen oder aber im Rahmen einer fluffigen Comedyserie wie 30 ROCK. Sie tragen den Film nicht so, wie sie es eigentlich müssten und in ihren Rollen wirken siein etwa genauso verkleidet wie Kate und Maura, wenn sie sich für ihre Party in Klamotten zwängen, für die sie mindestens 20 Jahre zu alt sind.