Mit ‘James Franco’ getaggte Beiträge

riseoftheplanetoftheapes_1sheet_largeEine furchteinflößende Zukunftsvision. Nein, nicht die, dass die Erde eines Tages von Affen behrrscht wird, weil die Menschen in ihrer Hybris wieder einmal Gott gespielt und einen superintelligenten Affen geschaffen haben, der die geknechteten Primaten in der Folge in eine Revolution führt. Sondern die, dass Film, eine der komplexesten, reichsten, poetischsten und kraftvollsten Kunstformen nach einem rasanten, in nur wenigen Jahrzehnten erfolgten Gipfelsturm, zu primitivem Fernsehen verkommt, zu unkreativ ausgewalzter und „authentisch“ bebilderter Handlung. Die Saat dafür ist bereits gelegt: Vielen Menschen gelten Fernsehserien, die der filmischen Verdichtung das akribische Auserzählen, der Reduktion die Akkumulation, der Dichtung die Informations- und Faktenhuberei, dem make believe die lückenlose Plausibilität entgegensetzen, heute längst als Gipfel der visuellen Kunst, die Film den Rang abgelaufen hat. Was das für Konsequenzen hat, sieht man im Reboot der geliebten Science-Fiction-Reihe, einer unproduktiven, unkreativen, fantasielosen und ultimativ armen Übung in Inhaltismus. Alles, was RISE OF THE PLANET OF THE APES gegenüber dem Klassiker von Franklin J. Schaffner zu bieten hat, sind „realistische“ CGI-Affen. Die allerersten Kurz-Stummfilme, die vor über 100 Jahren lediglich Objekte in Bewegung zeigten, waren moderner, fortschrittlicher und künstlerisch gewagter als das hier.

Zunächst zur Handlung, da RISE auf diese so irrsinnig viel Wert legt: Am Ende der nur halb erfolgreichen Entwicklung eines Alzheimer-Medikaments steht zunächst der superintelligente Affe Caesar (Andy Serkis), der im Haus des Wissenschaftlers Will Rodman (James Franco) aufwächst. Doch mit der Intelligenz entsteht auch ein Selbstbewusstsein, das sich mit der Rolle als Haustier nicht mehr länger zufriedengeben mag: Caesar landet nach diversen Tobsuchtsanfällen in einem Tierheim, erfährt menschliche Niedertracht am eigenen Leibe und findet die Armee, die er im letzten Akt des Films in die Schlacht führt. Das Ende der Menschheit, das den Aufstieg der Affen zur die Erde beherrschenden Gattung begünstigt, leitet indessen Will mit der Verbesserung des fehlerhaften Medikaments ein, das als tödlicher Virus die Reise ums Erdenrund antritt.

Es ist einerseits natürlich nachvollziehbar, dass Rupert Wyatt die Geschichte, die der alte PLANET OF THE APES-Zyklus in fünf Installationen von hinten nach vorn erzählte, in die chronologisch „richtige“ Reihenfolge bringt: Irgendwie muss er sich ja von seiner Quelle lösen. Aber diese falsche „Innovation“ ist auch symptomatisch für das künstlerische Versagen des Films, der nichts zu erzählen hat, außer der Geschichte, die ihm das Drehbuch diktiert. Was Schaffners PLANET OF THE APES zum Klassiker machte, waren die Auslassung und das durch die Maske gelieferte Bild des Menschen im Affen bzw. umgekehrt. Es war gar nicht nötig, die Geschichte der Auslöschung der Menschheit zu erzählen, weil das Bild der zerstörten Freiheitsstatue keinerlei Fragen mehr offen ließ, mehr aussagte als es stundenlange, wortreiche Narration jemals vermocht hätte. Und die aus heutiger Sicht unperfekten Affenmasken ließen eben nie einen Zweifel daran, dass es hier einzig und allein um den Menschen ging. Was hingegen hat uns RISE OF THE PLANET OF THE APES zu sagen? Jedwedes allegorische Potenzial geht im langweiligen Streben nach größtmöglichem Realismus flöten, nichts bleibt der Vorstellung des Zuschauers überlassen, weil da einfach nichts ist, was ihn überhaupt mit der Geschichte verbinden würde – von der bloßen Sympathie für einen intelligenten Affen und gepeinigte Tiere mal abgesehen. Warum wir uns dafür überhaupt interessieren sollten, wird in totaler Verkennung dessen, was Schaffners Film einst so erfolgreich gemacht hatte, auf die Sequels verschoben.

Ich halte Wyatts Film gern zugute, dass er keine Kindergarten- oder Zirkusnummer aus seinem Stoff gemacht hat, wenngleich das actionreiche Finale, in dem die Affen die Golden Gate Bridge stürmen und wutschnaubende Gorillas Hubschrauber zum Absturz zwingen, das einzige war, was mich gestern wirklich gepackt hat. Aber in seinem völlig eindimensionalen Verständnis davon, was Erzählung und Film eigentlich zu leisten im Stande sind, ist RISE noch deutlich schlechter als Burtons nun doch mit Krawumm in die Binsen gegangener Versuch einer Neubelebung. Wenn die optische Aufpeppung alles ist, was Filmemacher mit den ihnen durch moderne Technologie an die Hand gegebenen, nahezu grenzenlosen Möglichkeiten anzufangen wissen, wenn Authentizität und Realismus das alles beherrschende neue Paradigma filmischen Erzählens sind, dann gute Nacht.

SPRING BREAKERS ist ein Film über die Versuchung, über die Verlockung durch schöne Oberflächen, über Oberflächlichkeit allgemein, über die Abgründe, die sich darunter verbergen, und über das Grauen, das in diesen lauert. Die Sonne, das Meer, die Neonfarben, die zum Tanzen auffordernde Musik, schließlich die schönen, jungen Körper: Das alles kann nicht verbergen, dass SPRING BREAKERS ein furchteinflößender Film ist, ein bizarres Monstrum. Er ist wie ein Märchen, an dessen Ende man feststellen muss, dass der Wolf noch die harmloseste Bedrohung war. Das Rotkäppchen hatte die ganze Zeit eine Maschinenpistole in ihrem Körbchen verborgen und während der Wolfsjagd erst so richtig Blut geleckt. SPRING BREAKERS hinterlässt diese unangenehme Leere, die man manchmal nach einer rauschenden Nacht erlebt: Man wird die ganze Zeit mit Eindrücken befeuert, aufgegeilt, gekickt, man genießt das Leben in vollen Zügen und dann beschleicht einen eben ganz langsam dieses Gefühl, man muss kotzen, man schämt sich, weil man die Kontrolle verloren hat und man fragt sich, wer man eigentlich ist. SPRING BREAKERS macht Angst, weil er unvereinbare Gegensätze vereint und immer alles zur gleichen Zeit ist. Das Wesen der Verführung: Das Schlechte, das Böse sie fühlen sich so verdammt gut an. Und sie sehen manchmal wie das Rute, das Richtige aus.

Faith (Selena Gomez), Brit (Ashley Benson), Candy (Vanessa Hudgens) und Cotty (Rachel Korine) wollen zum Spring Break nach Florida, raus aus ihrem langweiligen Alltag, der keinerlei Reize mehr, nur noch ätzende, alles tötende Routine bietet. Dummerweise fehlt ihnen das nötige Geld. Zu allem entschlossen, überfallen Brit, Candy und Cotty ein Restaurant und machen sich dann mit dem erbeuteten Geld und der schockierten Faith auf den Weg nach Süden. Dort angekommen, schmeißen sie sich in den Trubel, frönen dem Genuss von Sex, Drogen und Alkohol – und landen schließlich reichlich ernüchtert in einer Gefängniszelle. Herausgeholt werden sie von Alien (James Franco), einem weißen Gangsterrapper, der die Mädchen unter seine Fittiche nimmt. Für die gläubige Faith ist die Reise hier zu Ende: Verängstigt und eingeschüchtert von dem Unbekannten, das sie erwartet, tritt sie die Heimreise an. Ihre Freundinnen indes steigern sich gemeinsam mit Alien in eine gefährlich Spirale des ungehemmten Hedonismus, die sie bald mit Big Arch (Gucci Mane), dem lokalen Gangsterboss aneinandergeraten lässt …

Harmony Korine versteht sich wirklich verdammt gut auf die Kunst der Verführung: In rasanter Folge zaubert er mithilfe von DoP Benoît Debie schillernde Bilder in prächtigen Farben, ringt selbst der taubmachenden Tristesse und dem grölenden Exzess noch ihre schönen Seiten ab. (Und was sind das für Bilder! Man möchte den Film am liebsten als Dauerschleife auf seine Zimmerwand werfen.) Natürlich weiß man als Zuschauer, was man von dem Treiben der Spring Breakers zu halten hat, ahnt, dass das alles Böse enden wird, fragt sich, wie leer diese Kids sein müssen, dass sie so von allem zu viel in sich hineinpumpen, ob das wirklich das ist, was sie brauchen und wollen. Anders als sie kennt man die Antwort. Auch weil das Hässliche immer wieder durchdringt, durch die undurchdringliche Zuckergussschicht, die alles zentimeterdick bedeckt. Aber es kann nie ganz die Oberhand gewinnen, bleibt immer unterschwellig wie ein Schatten im Augenwinkel oder ein subliminales Bild. Die Sexiness des Films wird so mit zunehmender Dauer immer unheimlicher, weil man ihr nicht mehr trauen mag. Und man fragt sich, wann das alles endgültig kippen wird, und welches verheerende Bild sich einem dann bietet. Auch in das träumerische Säuseln der Musik von Cliff Martinez, die euphorischen House Beats, die von einer grenzenlosen Welt, von Transzendenz erzählen, brechen immer wieder Misstöne, ohne die Harmonien jedoch jemals gänzlich zu stören. Das unterscheidet Korines Film dann auch von anderen gleichermaßen pessimistischen Werken: Korine zeigt nicht von einem archimedischen Punkt, gleichsam von oben herab mit dem Zeigefinger aus auf das jugendliche Treiben, sondern begibt sich selbst mitten hinein. Der Rausch, den die Mädchen suchen, ist auch der Rausch des Zuschauers. Und wenn man auch sieht, dass ihre Welt auf hohlen Materialismus gegründet ist: Wie sollten sie denn ausbrechen? Das, was ihnen etwas bedeutet, leben sie mit äußerster Konsequenz, ohne Bedauern, ohne schlechtes Gewissen, ohne Zaudern. SPRING BREAKERS ist auch ein befreiender Film. Das macht ihn ja so  gefährlich, furchteinflößend. Als Zuschauer wird man beim besoffenen Taumeln in den Wahnsinn vollkommen allein gelassen. Wenn mit Faith nach ca. der Hälfte der Laufzeit die einzige Person aus dem Film verschwindet, die über einen moralischen Kompass verfügte, dann geht mit ihr auch der Rest von Sicherheit. Die Sicherheitsgurte werden geöffnet, die Bremskabel durchgeschnitten. Man sitzt in einem knallig lackierten Sportwagen und rast den Abhang hinunter, auf den Aufprall wartend, ihn sich in blutigen Bildern ausmalend, high vom Adrenalin. Und man muss sich dann entscheiden: Todesangst oder doch lieber Geschwindigkeitsrausch? Die Spring Breakers haben ihre Wahl getroffen.