Mit ‘James Franco’ getaggte Beiträge

Das Poster mit dem Star Spangled Banner, dem furchtsam/hoffnungsvoll in die Ferne blickenden Pärchen von Papa und Töchterlein nebst bärtigem Schuft im Funkenregen sowie der Frage „How far would you go to protect your home?“ lässt Schlimmes befürchten, das sich dann zum Glück aber nicht bewahrheitet. HOMEFRONT ist ein angenehm bodenständiger Actioner, wie er heute, wenn überhaupt, eigentlich direkt auf Heimkino-Medien veröffentlicht oder gestreamt wird, und das Poster verrät die Ratlosigkeit, die die Marketingabteilung angesichts dieses aus der Zeit gefallenen Films ergriff. Wie zum Teufel sollte man das Ding bewerben, um Menschen dazu zu motivieren, an der Kasse ein Ticket zu lösen und zwar in solcher Menge, dass nicht nur die Produktionskosten von 22 Millionen wieder reinkämen, sondern auch noch ein schöner Gewinn? Also entschied man sich für die Patriotennummer, auch wenn der Film mit der suggerierten Bedrohung für die USA of A rein gar nichts zu tun hat.

HOMEFRONT, dessen Drehbuch von keinem Geringeren als Sylvester Stallone geschrieben und ursprünglich als RAMBO-Sequel erdacht worden war, beginnt wieder einmal mit Statham in Langhaarperücke – wie auch schon HUMMINGBIRD – als Mitglied einer Rockergang, die fett im Meth-Geschäft steckt. Doch natürlich ist er in Wahrheit ein Undercover-Cop und am Ende des actionreichen Prologs erschießt er den Sohn des Anführers Danny T (Chuck Zito), der daraufhin in den Bau wandert. Schnitt in die Gegenwart, in der Phil Broker, wie er nun heißt, irgendwo in Louisiana lebt und sich dort mit seinem neunjährigen Töchterchen Maddy (Izabela Vidovic) vom Tod der Ehefrau/Mutter erholt. Der Plot kommt in Gang, als Maddy einem Bully mit vom Papa erlerntem Kampfwissen die Fresse poliert und damit den Zorn der Eltern des Bullys (Kate Bosworth & Marcus Hester), eines fiesen Redneck-Pärchens, auf sich und den hinzugezogenen, eigenbrötlerischen Papa zieht. Zur Sippe der beiden gehört auch „Gator“ (James Franco), ein lokaler Krimineller mit Ambitionen im Meth-Business, der sich für sie der Sache annimmt und dabei Einblick in Brokers Vergangenheit erhält. Er kontaktiert den einsitzenden Danny T, der seine Killer zu Broker nach Hause schickt …

Ein bisschen STONE COLD, ein bisschen Redneck-und-Hillbilly-Action im Stile von WALKING TALL, ein bisschen herzige Papa-und-Tochter-Dynamik und erstklassige Production Values sind die Zutaten, die HOMEFRONT für mich zu einer kleinen, feinen und vor allem unerwarteten Überraschung machten. Die Regie übernahm Gary Fleder, der vor rund 20 Jahren kurzzeitig mal als hoffnungsvolles Talent galt, als er erst den Tarantino-Klon THINGS TO DO IN DENVER WHEN YOU’RE DEAD inszenierte und kurz darauf den prestigeträchtigen KISS THE GIRLS. Mit der ganz großen Hollywood-Karriere wurde es nichts, der Mann arbeitet heute überwiegend fürs Fernsehen, aber für einen Timewaster wie HOMEFRONT, der keine inszenatorische Inspiration benötigt, sondern in erster Linie professionelles Management und sauberes Handwerk, ist er der richtige Mann. Auch die Action – eigentlich nicht seine Spezialität – kommt fett, zupackend und physisch (die Cinematography stammt von Theo van de Sande, der u. a. für BLADE oder THE MARINE sowie für etliche Adam-Sandler-Filme verantwortlich zeichnet). Er lichtet die Bayous Louisiana, die maroden Kleinstädte und Werkstätten sowie die schillernde Metropole New Orleans in tollen Bildern ab und rennt damit bei mir, der ich ein Faible für Südstaatenromantik habe, offene Türen ein. In der größten Actionsequenz, dem Überfall der Killer auf Brokers Haus, kommt richtig Stimmung auf, wenn der Held die Bösewichter beherzt mit der Pumpgun umnietet, dass sie meterweit fliegen, Arme und Beine bricht oder mit dem Messer Hauptschlagadern durchtrennt. Man erkennt in der Zeichnung Brokers und in der Anbahnung des Konfliktes tatsächlich Stallones Handschrift wieder – der Loner mit dem guten Herzen und der gewalttätigen Vergangenheit, der in der Emigration auf dem Land einfach nur in Ruhe gelassen werden will, aber immer wieder Ärger bekommt, ist ja eine Persona, die Stallone in seiner langen Karriere immer wieder verkörperte – und kann HOMEFRONT zudem deutlich als Vorstufe des aktuellen RAMBO: LAST BLOOD betrachten, in dem der Elitesoldat ja auch sein Heim vor anrückenden Drogengangstern verteidigen muss.

Das berühmte Tüpfelchen auf dem i ist die Besetzung des Films: Statham ist kein Stallone und hat das Manko, dass er nicht genug Pizazz mitbringt, um die sagen wir mal „durchschnittlichen“ Filme, in denen er meist mitspielt, aufzuwerten, aber als Papa, der keinen Ärger will, aber ihn magisch anzuziehen scheint, ist er super. Als Schurke gibt James Franco eine überzeugende Darbietung, auch wenn er leider keinen großen Schlussfight bekommt und eher durch feige Gemeinheiten und miese Pläne auffällt. Aber er trägt seinen Teil dazu bei, dass ich bei der Sichtung regelmäßig die Faust in der Tasche ballen musste. Winona Ryder, einst Schwarm und Muse der Generation X, bevor ein Ladendiebstahl-Skandal die Karriere versaute, spielt die von Gator manipulierte Biker-Braut und wertet eine Rolle auf, die sonst eher zum Wegwerfen-Part hätte geraten können. Das gleiche gilt für Clancy Brown, der den besorgten Sheriff spielt. Der eigentliche Hingucker ist aber Kate Bosworth als drogenabhängige Redneck-Mama, einen Part, in den sie sich offensichtlich mit methodacterischer Verve stürzte, und in dem sie – abgemagert, verhärmt, biestig – kaum wiederzukennen ist. Die Darstellerin sollte eigentlich mit ihrem Part als Lois Lane in Singers missratenem SUPERMAN RETURNS zur attraktiven Leading Lady aufsteigen, aber ihre Leistung kam leider nicht gut an und sie „verschwand“ in der Folge in kleineren, weniger populären Filmen. Hier jedenfalls holt sie das Optimum aus ihrer Nebenrolle heraus, der Stallones Drehbuch einen schönen Arc verlieh. Ihr merkt schon: Mir hat HOMEFRONT besser gefallen, als ich es verargumentieren kann. In Stathams durchwachsener Filmografie definitiv ein Gewinner.

 

 

THE ROOM ist, das muss ich kaum noch erwähnen, ein faszinierender Film. Zunächst scheint er lediglich auf besonders spektakuläre Art und Weise missglückt zu sein, das Werk eines unfähigen Regisseurs, der dazu verdammt ist, ein hirnrissiges Drehbuch mit mäßig begabten Darstellern zu verfilmen, aber noch während der Betrachtung merkt, man dass das dem Film kaum gerecht wird. Da ist mehr: Er ist in seiner Unzulänglichkeit nicht nur zum Schreien komisch, sondern auch ziemlich verstörend und endlos rätselhaft. THE ROOM ist Ausdruck einer absolut singulären Sicht auf die Welt und die sie bevölkernden Menschen, einem Hirn entsprungen, das gänzlich anders zu arbeiten scheint als es menschliche Gehirne üblicherweise zu tun pflegen. Man fragt sich unweigerlich: Hat Tommy Wiseau, der Mann, der hinter THE ROOM steht, ihn erdachte, das Drehbuch schrieb, ihn produzierte, inszenierte und die Hauptrolle darin übernahm, überhaupt jemals einen Film gesehen? Hat er verstanden, wie Menschen fühlen, denken und handeln? Weiß er, wie Geschichtenerzählen oder auch Kommunikation ganz allgemein funktionieren? Und dann folgerichtig: Wie kam er auf die Idee, einen Filme zu drehen – und noch wichtiger: Wie schaffte er es, ihn auch noch fertigzustellen? THE ROOM ist auch heute noch, 16 Jahre nach seiner Premiere, ein Mysterium. Und ich prophezeie, dass er das auch in 50 Jahren noch sein wird.

„The Disaster Artist“, dem Buch des THE ROOM-Hauptdarstellers Greg Sestero, kommt das Verdienst zu, das Geheimnis, das THE ROOM umweht, nicht zu entzaubern, sondern es durch die Einblicke, die er liefert, sogar noch zu verstärken. Das Buch handelt nicht nur von den Dreharbeiten des Films, sondern vor allem von der ungleichen Freundschaft zwischen Sestero, einem gutaussehenden, aber nur mittelmäßig begabten Schauspieler, und Wiseau, einem Mann, der umso mysteriöser wird, je näher man ihm kommt. Wie alt er ist, wo er herkommt, welche Vergangenheit ihn zu dem machte, was er ist, und vor allem woher die Millionen stammen, mit denen er seinen Film im Alleingang finanzierte – das alles konnte auch Sestero ihm nicht entlocken. Aber man bekommt eine Ahnung davon, was in ihm vorgehen mag, aus welcher Quelle sich der Wahnsinn von THE ROOM speist. Sestero erzählt seine Geschichte ohne Pathos und ohne rückblickend Schönfärberei: Tommy Wiseau legte in seiner Freundschaft zu ihm wie auch am Set bisweilen soziopathische und manipulative Züge an den Tag, er war längst nur nicht der liebenswerte Narr, der Outsider, den man in den Arm nehmen möchte. Aber er schuf eben auch diesen Film, den kein anderer hätte machen können und der die Menschen, die ihn gesehen haben und sehen werden, auch in Zukunft beschäftigen wird. Tommy Wiseau hat mit THE ROOM ohne Zweifel etwas geschaffen, was vielen anderen Filmemachern, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt haben und erfolgreich in Hollywood arbeiten, verwehrt bleiben wird.

Dass James Franco sich mit THE DISASTER ARTIST Sesteros Buch annahm und in die Rolle von Wiseau schlüpfte, ist nur ein weiterer Beleg. Und natürlich ist das ein endlos faszinierender Stoff für einen Film, Wiseau eine Figur, die geradezu danach schreit, interpretiert zu werden. Das Drehbuch von Scott Neustadter und Michael H. Weber folgt Sesteros Vorlage, lässt einige Details der Geschichte weg, wie das zu erwarten war und rückt Wiseau noch mehr ins Zentrum. Franco erhält demnach viel Raum für seine Darbietung, er geht, um TROPIC THUNDER zu referenzieren, full Wiseau und hat erkennbare Freude daran, dessen Idiosynkrasien und Macken nachzuahmen. Gerahmt wird THE DISASTER ARTIST von den Stimmen einiger Kollegen aus dem Filmbiz (u. a. Kristen Bell, Adam Scott, J. J. Abrams und Kevin Smith), die den Stellenwert von THE ROOM als Außenseiter-Kunstwerk preisen, und der Premiere von THE ROOM im Jahr 2003, bei der das ohrenbetäubende Gelächter des Publikums WIseau fast das Herz brach, bevor ihm sein Freund erklärte, was er da eigentlich auf die Beine gestellt hatte. THE DISASTER ARTIST – das ist es wahrscheinlich auch, was Franco zu dem Stoff hinzog – vertritt die Haltung, dass man seinen Träumen folgen sollte, egal, was andere dazu sagen. Wer glaubt, er habe der Welt etwas mitzuteilen, der sollte dies tun und sich nicht lange mit der Frage aufhalten, ob sich jemand dafür interessiert.

Der Weg zu dieser disneyesken Empowerment-Botschaft ist zwar durchweg unterhaltsam, aber auch steinig: Der Mensch Tommy Wiseau muss hinter Francos raumgreifender Darbietung zurückstecken und einige Härten der literarischen Vorlage werden im Film arg geschönt, um die Fabel vom liebenswerten Geek mit der sympathischen Macke überhaupt aufrecht erhalten zu können. Wo Sesteros Buch passagenweise ziemlich schmerzhaft ist, gerät seine Verfilmung weitaus versöhnlicher: Wiseaus Eifersuchtsanfälle, seine Paranoia und der daraus hervorgehende Kontrollwahn gepaart mit seinen erratischen, wirtschaftlich bisweilen selbstmörderischen Entscheidungen müssen in THE DISASTER ARTIST zu Randnotizen degradiert werden, damit die schöne Message am Ende nicht kaputt gemacht wird. Was schade ist, denn das Spannende an Sesteros Buch und der Geschichte von THE ROOMS ist ja gerade, das sie beides zusammenbringen: Man kann Wiseau für ein therapiebedürftiges Arschloch halten und dennoch seine Chuzpe, einen Film ohne jedes Fachwissen zu drehen, bewundern. Man kann erkennen, dass die Freundschaft von Sestero und Wiseau ein reichlich dysfunktionales Konstrukt ist, und trotzdem verstehen, warum sie zusammenblieben. Das Albtraumhafte des Buches – die Erfahrung, mit einem Tyrannen zusammenarbeiten zu müssen, dessen Denkmuster keiner nachvollziehbaren Logik folgen – kommt in Francos Film deutlich zu kurz.

THE DISASTER ARTIST ist natürlich dennoch ein guter Zeitvertreib, wie könnte er es angesichts dieser irren Geschichte auch nicht sein? Francos Performance ist wunderbar, wenngleich man sich nicht ganz des Eindrucks erwehren kann, dass er auf das Original noch eine ganze Schippe drauflegte. Das zeigt auch der schöne Einfall am Schluss, Originalszenen aus THE ROOM und für THE DISASTER ARTIST nachgedrehte direkt nebeneinander zu stellen: Misslungenheit lässt sich einfach nicht nachahmen, egal wie sehr sich die Schauspieler auch bemühen. Hinter der ganzen Verschrobenheit von THE ROOM steckten zum einen eine gewisse Unschuld, zum anderen wahrscheinlich ein gerüttelt Maß an Verwirrung und Unsicherheit. Die Akteure von THE DISASTER ARTIST waren hingegen zu jeder Zeit in on the joke, sie hatten ein Vorbild, das sie studieren konnten, ein klares Ziel vor Augen. Sie bewegten sich in einem sicher abgesteckten Rahmen, während die Darsteller unter der Regie von Wiseau buchstäblich im Nichts agieren mussten. Diese Umstände verliehen ihrem Spiel eine Qualität, die sich nicht simulieren lässt. Das bringt mich dann auch wieder zu meiner initialen Lobpreisung von THE ROOM und seiner anhaltenden Faszination. THE DISASTER ARTIST ist ihm rein technisch gesehen weit überlegen. Aber er erreicht zu keiner Sekunde dessen oszillierenden Wahnsinn und seine emotionale Kraft. Es ist aber auch ein Kreuz mit dieser verdammten Kunst.

riseoftheplanetoftheapes_1sheet_largeEine furchteinflößende Zukunftsvision. Nein, nicht die, dass die Erde eines Tages von Affen behrrscht wird, weil die Menschen in ihrer Hybris wieder einmal Gott gespielt und einen superintelligenten Affen geschaffen haben, der die geknechteten Primaten in der Folge in eine Revolution führt. Sondern die, dass Film, eine der komplexesten, reichsten, poetischsten und kraftvollsten Kunstformen nach einem rasanten, in nur wenigen Jahrzehnten erfolgten Gipfelsturm, zu primitivem Fernsehen verkommt, zu unkreativ ausgewalzter und „authentisch“ bebilderter Handlung. Die Saat dafür ist bereits gelegt: Vielen Menschen gelten Fernsehserien, die der filmischen Verdichtung das akribische Auserzählen, der Reduktion die Akkumulation, der Dichtung die Informations- und Faktenhuberei, dem make believe die lückenlose Plausibilität entgegensetzen, heute längst als Gipfel der visuellen Kunst, die Film den Rang abgelaufen hat. Was das für Konsequenzen hat, sieht man im Reboot der geliebten Science-Fiction-Reihe, einer unproduktiven, unkreativen, fantasielosen und ultimativ armen Übung in Inhaltismus. Alles, was RISE OF THE PLANET OF THE APES gegenüber dem Klassiker von Franklin J. Schaffner zu bieten hat, sind „realistische“ CGI-Affen. Die allerersten Kurz-Stummfilme, die vor über 100 Jahren lediglich Objekte in Bewegung zeigten, waren moderner, fortschrittlicher und künstlerisch gewagter als das hier.

Zunächst zur Handlung, da RISE auf diese so irrsinnig viel Wert legt: Am Ende der nur halb erfolgreichen Entwicklung eines Alzheimer-Medikaments steht zunächst der superintelligente Affe Caesar (Andy Serkis), der im Haus des Wissenschaftlers Will Rodman (James Franco) aufwächst. Doch mit der Intelligenz entsteht auch ein Selbstbewusstsein, das sich mit der Rolle als Haustier nicht mehr länger zufriedengeben mag: Caesar landet nach diversen Tobsuchtsanfällen in einem Tierheim, erfährt menschliche Niedertracht am eigenen Leibe und findet die Armee, die er im letzten Akt des Films in die Schlacht führt. Das Ende der Menschheit, das den Aufstieg der Affen zur die Erde beherrschenden Gattung begünstigt, leitet indessen Will mit der Verbesserung des fehlerhaften Medikaments ein, das als tödlicher Virus die Reise ums Erdenrund antritt.

Es ist einerseits natürlich nachvollziehbar, dass Rupert Wyatt die Geschichte, die der alte PLANET OF THE APES-Zyklus in fünf Installationen von hinten nach vorn erzählte, in die chronologisch „richtige“ Reihenfolge bringt: Irgendwie muss er sich ja von seiner Quelle lösen. Aber diese falsche „Innovation“ ist auch symptomatisch für das künstlerische Versagen des Films, der nichts zu erzählen hat, außer der Geschichte, die ihm das Drehbuch diktiert. Was Schaffners PLANET OF THE APES zum Klassiker machte, waren die Auslassung und das durch die Maske gelieferte Bild des Menschen im Affen bzw. umgekehrt. Es war gar nicht nötig, die Geschichte der Auslöschung der Menschheit zu erzählen, weil das Bild der zerstörten Freiheitsstatue keinerlei Fragen mehr offen ließ, mehr aussagte als es stundenlange, wortreiche Narration jemals vermocht hätte. Und die aus heutiger Sicht unperfekten Affenmasken ließen eben nie einen Zweifel daran, dass es hier einzig und allein um den Menschen ging. Was hingegen hat uns RISE OF THE PLANET OF THE APES zu sagen? Jedwedes allegorische Potenzial geht im langweiligen Streben nach größtmöglichem Realismus flöten, nichts bleibt der Vorstellung des Zuschauers überlassen, weil da einfach nichts ist, was ihn überhaupt mit der Geschichte verbinden würde – von der bloßen Sympathie für einen intelligenten Affen und gepeinigte Tiere mal abgesehen. Warum wir uns dafür überhaupt interessieren sollten, wird in totaler Verkennung dessen, was Schaffners Film einst so erfolgreich gemacht hatte, auf die Sequels verschoben.

Ich halte Wyatts Film gern zugute, dass er keine Kindergarten- oder Zirkusnummer aus seinem Stoff gemacht hat, wenngleich das actionreiche Finale, in dem die Affen die Golden Gate Bridge stürmen und wutschnaubende Gorillas Hubschrauber zum Absturz zwingen, das einzige war, was mich gestern wirklich gepackt hat. Aber in seinem völlig eindimensionalen Verständnis davon, was Erzählung und Film eigentlich zu leisten im Stande sind, ist RISE noch deutlich schlechter als Burtons nun doch mit Krawumm in die Binsen gegangener Versuch einer Neubelebung. Wenn die optische Aufpeppung alles ist, was Filmemacher mit den ihnen durch moderne Technologie an die Hand gegebenen, nahezu grenzenlosen Möglichkeiten anzufangen wissen, wenn Authentizität und Realismus das alles beherrschende neue Paradigma filmischen Erzählens sind, dann gute Nacht.

SPRING BREAKERS ist ein Film über die Versuchung, über die Verlockung durch schöne Oberflächen, über Oberflächlichkeit allgemein, über die Abgründe, die sich darunter verbergen, und über das Grauen, das in diesen lauert. Die Sonne, das Meer, die Neonfarben, die zum Tanzen auffordernde Musik, schließlich die schönen, jungen Körper: Das alles kann nicht verbergen, dass SPRING BREAKERS ein furchteinflößender Film ist, ein bizarres Monstrum. Er ist wie ein Märchen, an dessen Ende man feststellen muss, dass der Wolf noch die harmloseste Bedrohung war. Das Rotkäppchen hatte die ganze Zeit eine Maschinenpistole in ihrem Körbchen verborgen und während der Wolfsjagd erst so richtig Blut geleckt. SPRING BREAKERS hinterlässt diese unangenehme Leere, die man manchmal nach einer rauschenden Nacht erlebt: Man wird die ganze Zeit mit Eindrücken befeuert, aufgegeilt, gekickt, man genießt das Leben in vollen Zügen und dann beschleicht einen eben ganz langsam dieses Gefühl, man muss kotzen, man schämt sich, weil man die Kontrolle verloren hat und man fragt sich, wer man eigentlich ist. SPRING BREAKERS macht Angst, weil er unvereinbare Gegensätze vereint und immer alles zur gleichen Zeit ist. Das Wesen der Verführung: Das Schlechte, das Böse sie fühlen sich so verdammt gut an. Und sie sehen manchmal wie das Rute, das Richtige aus.

Faith (Selena Gomez), Brit (Ashley Benson), Candy (Vanessa Hudgens) und Cotty (Rachel Korine) wollen zum Spring Break nach Florida, raus aus ihrem langweiligen Alltag, der keinerlei Reize mehr, nur noch ätzende, alles tötende Routine bietet. Dummerweise fehlt ihnen das nötige Geld. Zu allem entschlossen, überfallen Brit, Candy und Cotty ein Restaurant und machen sich dann mit dem erbeuteten Geld und der schockierten Faith auf den Weg nach Süden. Dort angekommen, schmeißen sie sich in den Trubel, frönen dem Genuss von Sex, Drogen und Alkohol – und landen schließlich reichlich ernüchtert in einer Gefängniszelle. Herausgeholt werden sie von Alien (James Franco), einem weißen Gangsterrapper, der die Mädchen unter seine Fittiche nimmt. Für die gläubige Faith ist die Reise hier zu Ende: Verängstigt und eingeschüchtert von dem Unbekannten, das sie erwartet, tritt sie die Heimreise an. Ihre Freundinnen indes steigern sich gemeinsam mit Alien in eine gefährlich Spirale des ungehemmten Hedonismus, die sie bald mit Big Arch (Gucci Mane), dem lokalen Gangsterboss aneinandergeraten lässt …

Harmony Korine versteht sich wirklich verdammt gut auf die Kunst der Verführung: In rasanter Folge zaubert er mithilfe von DoP Benoît Debie schillernde Bilder in prächtigen Farben, ringt selbst der taubmachenden Tristesse und dem grölenden Exzess noch ihre schönen Seiten ab. (Und was sind das für Bilder! Man möchte den Film am liebsten als Dauerschleife auf seine Zimmerwand werfen.) Natürlich weiß man als Zuschauer, was man von dem Treiben der Spring Breakers zu halten hat, ahnt, dass das alles Böse enden wird, fragt sich, wie leer diese Kids sein müssen, dass sie so von allem zu viel in sich hineinpumpen, ob das wirklich das ist, was sie brauchen und wollen. Anders als sie kennt man die Antwort. Auch weil das Hässliche immer wieder durchdringt, durch die undurchdringliche Zuckergussschicht, die alles zentimeterdick bedeckt. Aber es kann nie ganz die Oberhand gewinnen, bleibt immer unterschwellig wie ein Schatten im Augenwinkel oder ein subliminales Bild. Die Sexiness des Films wird so mit zunehmender Dauer immer unheimlicher, weil man ihr nicht mehr trauen mag. Und man fragt sich, wann das alles endgültig kippen wird, und welches verheerende Bild sich einem dann bietet. Auch in das träumerische Säuseln der Musik von Cliff Martinez, die euphorischen House Beats, die von einer grenzenlosen Welt, von Transzendenz erzählen, brechen immer wieder Misstöne, ohne die Harmonien jedoch jemals gänzlich zu stören. Das unterscheidet Korines Film dann auch von anderen gleichermaßen pessimistischen Werken: Korine zeigt nicht von einem archimedischen Punkt, gleichsam von oben herab mit dem Zeigefinger aus auf das jugendliche Treiben, sondern begibt sich selbst mitten hinein. Der Rausch, den die Mädchen suchen, ist auch der Rausch des Zuschauers. Und wenn man auch sieht, dass ihre Welt auf hohlen Materialismus gegründet ist: Wie sollten sie denn ausbrechen? Das, was ihnen etwas bedeutet, leben sie mit äußerster Konsequenz, ohne Bedauern, ohne schlechtes Gewissen, ohne Zaudern. SPRING BREAKERS ist auch ein befreiender Film. Das macht ihn ja so  gefährlich, furchteinflößend. Als Zuschauer wird man beim besoffenen Taumeln in den Wahnsinn vollkommen allein gelassen. Wenn mit Faith nach ca. der Hälfte der Laufzeit die einzige Person aus dem Film verschwindet, die über einen moralischen Kompass verfügte, dann geht mit ihr auch der Rest von Sicherheit. Die Sicherheitsgurte werden geöffnet, die Bremskabel durchgeschnitten. Man sitzt in einem knallig lackierten Sportwagen und rast den Abhang hinunter, auf den Aufprall wartend, ihn sich in blutigen Bildern ausmalend, high vom Adrenalin. Und man muss sich dann entscheiden: Todesangst oder doch lieber Geschwindigkeitsrausch? Die Spring Breakers haben ihre Wahl getroffen.