Mit ‘James Gandolfini’ getaggte Beiträge

THE MAN WHO WASN’T THERE war der dritte Coen-Film in Serie, den ich damals im Kino gesehen habe. Die Erinnerungen sind verblasst, ich weiß aber noch, dass ich während meines Studiums allein im Metropol in Düsseldorf saß und nach dem Film den Eindruck hatte, ein ungewöhnliches, eher experimentelles, enigmatisches, vielleicht gar avantgardistisches Nebenwerk der Brüder gesehen zu haben. Das kann ich zwar heute, nach dem ersten Wiedersehen seit damals so nicht bestätigen, wohl aber lässt sich konstatieren, dass THE MAN WHO WASN’T THERE die dunkle Tragik, bleischwere Traurigkeit und grimme Grausamkeit, die in den Filmen der Coens meist mit einer dicken Schicht absurden, comichaften Humors bedeckt ist, ganz offen zu Tage trägt. Die Brüder sind hier dank der wunderschönen Schwarzweißfotografie ihres Stamm-Kameramanns Roger Deakins ganz nah dran am „echten“ Noir, dessen existenzialistische Dimension sie ungefiltert durchbluten lassen (THE MAN WHO WASN’T THERE gilt als lose Adaption von Camus‘ berühmtem Roman „Der Fremde“). Es ist der erste Film von ihnen, der wrklich in alles umfassender Schwärze endet. Dass der Protagonist, sie mit offenen Armen empfängt, macht es nicht besser. Im Gegenteil.

Ed Crane (Billy Bob Thornton) ist Barbier im Geschäft seines geschwätzigen Schwagers (Michael Badalucco). Zu Hause empfängt ihn seine Frau Doris (Frances McDormand): Die Ehe „funktioniert“, aber Liebe oder Leidenschaft gibt es nicht zwischen den beiden. Dafür läuft es umso besser mit ihrem Chef Big Dave Brewster (James Gandolfini), der ein großes Kaufhaus leitet, das wiederum seiner Gattin gehört. Ed sieht in der Affäre seine große Chance, etwas aus seinem Leben zu machen, aus der Alltagsödnis auszubrechen. Er schreibt einen Erpresserbrief und fordert 10.000 Dollar von Brewster, die er in das Dry-Cleaning-Geschäft des ekligen Creighton Tolliver (Jon Polito) investieren will. Die Geldübergabe klappt, aber dann kommt Brewster Ed auf die Schliche, stellt ihn zur Rede und stirbt bei der folgenden Auseinandersetzung. Wenig später stehehn zwei Polizisten bei Ed im Barbershop: Sie erklären ihm, dass Doris wegen Mordverdacht verhaftet wurde …

Wenn THE MAN WHO WASN’T THERE ein Noir aus den Vierzigerjahren wäre, würde die Thornton-Rolle vielleicht von Fred McMurray gespielt werden: ein nicht unsympathischer oder unattraktiver, aber eben ein eher durchschnittlicher, ein bisschen langweiliger Typ. Ed Cranes herausstechendste Eigenschaft ist seine Einsilbigkeit: Zweimal beschwert er sich darüber, dass Arbeitskollegen zu viel reden, ebenso oft gesteht er, dass er nicht gerade zum Entertainer geboren sei, auf die Frage, was seine Frau an ihm am meisten schätze, antwortet sie einst, dass er nicht viel rede. Er ist nicht dumm, im Gegenteil sieht man ihm an, dass ihm ständig tausende von Gedanken durch den Kopf schießen, er seine Umwelt ganz genau beobachtet. Manchmal durchzuckt ein Blitzen seine Augen und man vermutet, wie ihm eine perfide Boshaftigkeit eingefallen ist, die er wie alles andere auch für sich behält. Als er seinen Gedanken einmal völlig gegen seine Gewohnheit freien Lauf lässt, sagt er etwas sehr bizarres über unsere Haare, wie sie immer weiterwachsen wie etwas lebendiges, wir sie aber einfach abschneiden und wegwerfen. Sein Schwager reagiert verständlicherweise verstört. Aber da ist Ed bereits zum Erpresser und Mörder geworden.

Ed ist das Paradebeispiel des passiven, unmotivierten und ambitionslosen sad sacks, der eines Tages aufwacht, feststellt, dass er sich vom Leben in eine Sackgasse hat treiben lassen, und daraufhin zum ersten Mal die Initiative ergreift: Weil aber die Kraft für den langen Weg zurück längst nicht mehr reicht, muss natürlich eine bequeme Abkürzung genommen werden, die alles gnadenlos verschärft. Crane ist ein Feigling wie Lundegaard oder Lebowski, kein per se böser Mensch, aber einer, der für sich immer einen Sonderweg in Anspruch nimmt und in dem Moment, in dem er mit dem Rücken zur Wand steht, zu allem fähig ist (bei Lebowski ist das ein bisschen anders, aber der würde sich von seinem feinen Freund Walter zu jeder Schweinerei überreden lassen, bloß um nicht die „Linie im Sand“ ziehen zu müssen). Bei den Coens schlägt das Leben aber meist mit äußerster Perfidie zurück: Die Verkettung der Umstände, die Crane dann schließlich über Umwege doch noch auf den elektrischen Stuhl bringt, für einen Mord, den er nicht begangen hat, lässt auf einen ausgesprochen schadenfrohen Weltgeist schließen. Und fungiert als weiterer Beleg für die überbordende Fantasie der Coens, denen es wieder einmal gelungen ist, einen kunstvollen Noir-Plot zu entwickeln, der sich mit all seinen Exkursen wunderbar organisch anfühlt (und Tony Shaloub zum zweiten Mal nach BARTON FINK eine Spitzenrolle auf den Leib schreibt). Eine kurze, aus dem Rahmen fallende Episode über eine alien abduction, kommt völlig unerwartet, wird aber zu so etwas wie einem Leitmotiv, mit dem Bild einer sich drehenden Untertasse, das sich dann in einer fliegenden Radkappe spiegelt (und steht wieder im Einklang mit dem Brauch der Coens, US-Mythen aufzugreifen, so ihre Filmwelten zu authentifizieren und den Anspruch anzumelden, sich selbst in diesen Mythenschatz einzuschreiben). Das Leben geht seltsame Wege, nicht alle Kausalzusammenhänge lassen sich am Ende befriedigend entschlüsseln. Ed Crane ist fast zufrieden, als er hingerichtet wird. Immerhin hatte er eine gute Story zu erzählen (mit der ein oder anderen Länge, er wird schließlich pro Wort bezahlt).

Auch dieser Film der Coens wurde wieder ausgesprochen positiv aufgenommen – sogar vom Publikum, was ich schon etwas überraschend finde -, bedeutet aber auch so etwas wie eine Zäsur. Dem grimmigsten, düstersten Film der Brüder folgten mit INTOLERABLE CRUELTY und THE LADYKILLERS die beiden wahrscheinlich kommerziellsten (zumindest bis TRUE GRIT). Viele würden die beiden Genannten wahrscheinlich als Schwachstelle bewerten, THE LADYKILLERS erhielt, wenn ich das richtig erinnere, durchweg schlechte Kritiken und gilt allgemein als Fleck auf der weißen Weste: Ich mochte zumindest ersteren damas sehr gern und bin auf das Wiedersehen wie auch die Erstsichtung des Remakes des britischen Klassikers sehr gespannt. Festzuhalten bleibt, dass die Coens dem Noir mit THE MAN WHO WASN’T THERE ein wunderschönes Denkmal gesetzt und ihren vielleicht „reinsten“ Film gedreht haben.

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Die Sichtung von ZERO DARK THIRTY war eine der schwierigeren der letzten Zeit: Beim ersten Anlauf brach ich nach ca. 90 Minuten müde ab, beim zweiten Anlauf, noch einmal von vorne, schlief ich nach einem stressigen Arbeitstag sogar noch früher ein. Zwar durfte ich mir noch kein Urteil über den gerade mal zur Hälfte absolvierten Film erlauben, etwas enttäuscht war ich von dem, was ich bis dahin gesehen hatte, aber trotzdem: Nicht nur der unmittelbare Vorgänger THE HURT LOCKER, eigentlich alles von Kathryn Bigelow hatte mir bis dahin ausgezeichnet gefallen, und die positiven Urteile über ihren neuesten Film – von Menschen, auf deren Urteil ich mich gern verlasse überdies – hatten zusätzlich eine gewisse Erwartung erzeugt, die zunächst nicht erfüllt wurde. Mir erschien ZERO DARK THIRTY wenig zwingend, etwas selbstverliebt und ziellos in der akribischen Dar- und Nachstellung einer zermürbenden Menschenjagd, die sich vor allem als Wühlen durch Aktenberge, das Zutagefördern widersprüchlicher Aussagen unter anderem durch Foltern austauschbarer Informanten sowie das Prüfen verrauschter Video- und Tonaufzeichnungen darstellte. Ja, die Suche nach Osama Bin Laden, dem gefürchteten und gehassten Anführer von Al-Quaida, war schwierig, langwierig und frustrierend, gefährlich außerdem, vor allem ging sie nicht so sauber vonstatten, wie man sich das als Humanist wünschen würde. Gleichzeitig aber auch: Ja, man kann den Eifer und den Fanatismus der Amerikaner, die den furchtbaren, sinnlosen Tod von 3.000 ihrer Freunde, Verwandten und Nachbarn betrauern, außerdem die Zerstörung eines nationalen Wahrzeichens und ihres nationalen Stolzes verkraften mussten, irgendwie verstehen. Und Bin Laden ringt einem auch nicht gerade Mitleid ab: Es gibt durchaus Menschen, deren gewaltsamen Tod man als wenn schon nicht gerecht, so doch zumindest als folgerichtig und legitim betrachten kann. Live by the sword, die by the sword, gewissermaßen. Wer Wind sät … Beide Impulse – die Identifikation mit den Amerikanern, die einen skrupellosen Massenmörder fassen wollen, sowie der Zweifel an der Richtigkeit ihres Tuns, der einen beschleicht, wenn man ihre Methoden sieht – neutralisieren sich in Bigelows Film nahezu. Das hat zwar einen Grund, zu dem ich später noch komme, sorgt aber eben nicht unbedingt für ein auf Anhieb fesselndes und mitreißendes Kinoerlebnis. Stattdessen passiert etwas anderes mit einem: Man denkt nach.

Die junge, ambitionierte und engagierte CIA-Agentin Maya (Jessica Chastain) wird nach Pakistan geschickt, wo sie dabei helfen soll, eine Spur zum Aufenthaltsort von Osama Bin Laden zu finden. Gemeinsam mit Dan (Jason Clarke) foltert und verhört sie Gefangene aus Al-Quaida-Kreisen, geht Hinweisen nach, stellt Querverbindungen auf, landet aber schließlich, vermeintlich kurz vor dem Ziel, in einer Sackgasse. Bis dahin hat sie schon zahlreiche Freunde und Kollegen bei einem Selbstmordattentat verloren, Vorgesetzte kommen und gehen sehen, selbst einen Anschlag überlebt und Jahre damit verbracht, einem Phantom hinterherzujagen. Als sie dann doch ein verdächtiges Haus eines Al-Quaida-Vertrauten entdeckt, in dem ein nicht identifizierbarer Einwohner geradezu besessen darauf achtet, keinerlei Beweise für seine Anwesenheit zu hinterlassen, ist sie überzeugt, den „gefährlichsten Mann der Welt“ gefunden zu haben …

ZERO DARK THIRTY beginnt mit dem Ursprung des Traumas: Tonmaterial vom Flug 93, von Opfern im World Trade Center und ihren Angehörigen. Die Eindrücke aus dem nur wenige Sekunden dauernden Vorspann schnüren einem sofort die Kehle zu. Doch Kathryn Bigelow wird dieses Gefühl im Folgenden eben nicht für Propaganda, Folter- und Infiltrationslegitimation ausschlachten. Die Aufnahmen dienen ihr lediglich zur Schaffung von Kontext: So war das an 9/11, als 3.000 ganz normale Bürger, die sich morgens, nichts Böses ahnend, von ihren Familien verabschiedet hatten, dem größten Terroranschlag des 20. Jahrhunderts zum Opfer fielen. Der Zorn, Eifer und Fanatismus von Maya, ihren Kollegen und Vorgesetzten wird vor diesem Hintergrund nachvollziehbar, verständlich. Die physische und psychische Folter, der Dan einen Häftling unterzieht, erscheint als vertretbarer Preis, der eben gezahlt werden muss, wenn man den Schuldigen für den Anschlag zur Rechenschaft ziehen will. Aber zwischen der Gier Mayas und dem Interesse des Zuschauers klafft im Verlauf des Films eine zunehmend größer werdende Kluft: Die ganze, sich über Jahre hinziehende Jagd nimmt einen nie gefangen, bleibt seltsam abstrakt, selbstzweckhaft. Wie das obsessive Festhalten des Verlassenen an einer Geliebten, die längst Geschichte ist. Spannung erzeugt ZERO DARK THIRTY eigentlich nie: Man weiß ja, wie die Geschichte ausgeht, die Freude über kleine Erfolge wird von einem elliptischen Handlungsverlauf unterminiert, der teilweise Jahre überspringt und sich als Aneinanderreihung mal mehr, aber meist weniger miteinander verbundener und immer austauschbarere werdender Episoden entfaltet.

Erst im letzten Drittel, wenn der vermeintliche Aufenthaltsort Bin Ladens ausfindig gemacht wurde, die politischen Köpfe aus Washington überzeugt und dann die Einsatzkräfte instruiert worden sind, entfaltet ZERO DARK THIRTY so etwas wie echten Zug. Und genau hier stürzt dann das mühsam errichtete Kartenhaus der moralischen Rechtfertigung spätestens zusammen: Die brutale Härte, mit der amerikanische Soldaten in ein Wohnhaus einfallen und ohne Warnung alles töten, was sich bewegt, in einem fremden Land zudem, die Dreistigkeit und Kaltschnäuzigkeit, die dahintersteckt, die selbstgerechte Gutsherrenart, mit der man es sich herausnimmt, einen Menschen hinzurichten, von dem man ja lediglich ANNIMMT, dass er der Gesuchte ist, ist nicht mehr zu übersehen, nicht mehr zu rechtfertigen, nicht mehr hinzunehmen. Als Maya vor dem Leichnam des Mannes steht, dem sie fast 10 Jahre ihres Lebens hinterhergerannt ist, den sie glaubte besser zu kennen als einen Verwandten, obwohl sie ihn nie persönlich zu Gesicht bekommen hatte, stellt sich nicht das Gefühl eines Triumphes, sondern großer Leere ein. Der Moment, auf den sie hingefiebert, für den sie sich geopfert hatte, er ist einfach so verpufft, ohne Fanfaren, ohne Glücksgefühle. Jetzt liegt da nur ein toter alter Mann vor ihr, der wohl für niemanden mehr eine echte Gefahr darstellte. Allein fliegt sie endlich nach Haus, eine wichtige Person, die ihre Schuldigkeit getan hat. Sie muss jetzt wahrscheinlich nicht mehr arbeiten. Die Frage ist: Könnte sie es überhaupt noch? Was macht man, nachdem man Osama Bin Laden getötet hat?

Kathryn Bigelow macht eigentlich alles richtig mit ZERO DARK THIRTY: Weder hat sie einen propagandistischen Hetzfilm gedreht, der die Exekution Bin Ladens zur braven Heldentat und patriotishen Pflicht verzeichnet, noch geht sie den entgegengesetzten Weg und überzieht ihre Charaktere mit dem Hass des aus sicherer Distanz urteilenden Moralisten. Sie präsentiert sehr ausgewogen zwei unterschiedliche Wahrheiten und Perspektiven, von denen sich keine unmittelbar aufdrängt. Ihre Inszenierung ist sehr zurückhaltend, sie bemüht einen beinahe dokumentarischen Stil, wahrt die Distanz zum Geschehen und überlässt dem Zuschauer das Urteil. Das ist sehr mutig, weil es den WIderspruch, aber auch die Unentschiedenheit ausdrücklich zulässt. Vielleicht der einzige Weg, solche Geschichten überhaupt zu erzählen. Kathryn Bigelow hat eigentlich alles richtig gemacht. Aber mitgerissen oder bewegt hat mich ZERO DARK THIRTY zu keiner Sekunde. Ein reiner Kopffilm.

the sopranos (usa 1999 – 2007)

Veröffentlicht: November 19, 2009 in Film
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THE SOPRANOS ist der Grund dafür, dass es hier im Blog zuletzt etwas ruhig gewesen ist. Die 86 Folgen mit jeweils rund 50 Minuten Laufzeit haben mich sowohl zeitlich, aber auch und vor allem geistig ziemlich in Anspruch genommen. Nachdem ich die Serie jetzt eine Woche habe sacken lassen, weiß ich immer noch nicht so recht, ob es sinnvoll ist, in diesem Rahmen darüber zu schreiben. Man kann sich das ja leicht vorstellen: Normalerweise finden sich hier Texte zu Filmen, deren Laufzeit zwischen anderthalb und drei Stunden pendelt, und selbst bei denen ist es manchmal schwierig, die Eindrücke schriftlich zu verarbeiten. Jetzt setze man THE SOPRANOS dazu in Relation: eine epische Serie, in die nicht nur ein Jahrzehnt an schöpferischer Arbeit eingeflossen ist, sondern die auch inhaltlich ein ganzes Jahrzehnt abdeckt, ein Jahrzehnt, in dem sich die Welt zudem gewaltig verändert hat. Wie kann man ein solches Mammutwerk in einen kurzen Text fassen, der ihm auch nur annähernd gerecht wird? Es geht nicht.

Man muss sich also freimachen von edlen, aber auch unrealistischen Vorsätzen, textlich den „Deckel draufzumachen“. Man kann nur an der Oberfläche kratzen, Eindrücke schildern, Gedanken sortieren und Ansätze liefern. Und irgendwie damit leben, einen Text zu schreiben, von dem man schon von vornherein weiß, dass er inadäquat, vorläufig und unvollständig werden wird, ja werden muss. Aber irgendwie ist das gar kein schlechter Ansatz für diese Serie, die schließlich von Inadäquanz und Unzulänglichkeit handelt, die trotz ihrer epischen Breite immer wieder auch Lücken aufweist, Fragen unbeantwortet lässt und die mit einer Szene endet, in der die Kernfamilie der Sopranos in Zeiten des größten Tumults in einem Diner sitzt, Zwiebelringe isst und Journeys „Don’t stop believing“ hört. Wenn diese Serie etwas in Inhalt und Form thematisiert, dann dass das Leben keine Dichtung ist, in der alles seinen Platz, seinen Zweck und seine Bedeutung hat – auch wenn man sich noch so sehr bemüht, es so zu leben.

THE SOPRANOS ist also wie das Leben. Die Serie beginnt mit einer Panikattacke des Mafiabosses Anthony Soprano (James Gandolfini) und folgt ihm daraufhin in die Psychotherapie, von der er zunächst rein gar nichts hält, die ihm dann jedoch hilft zu verstehen, warum er so ist wie er ist, und ihn auf den Weg bringt, ein besserer Mensch zu werden. Es ist ein bisschen wie eine Geburt, ein Aufwachen Anthonys, wie der Aufstieg aus der Höhle von Platons Gleichnis ans Licht, was diese Serie zunächst zu versprechen scheint. Doch die Serie hält dieses „Versprechen“ nicht: Sie endet mit dem Tod, dem Abbruch der Psychotherapie durch seine Therapeutin Dr. Jennifer Melfi (Lorraine Bracco), die erkannt hat, dass es sich bei Anthony Soprano um einen Soziopathen handelt, den sie nicht nur nicht therapieren kann, sondern der die Therapie sogar dazu nutzt, sich moralische Sicherheit und Absolution für seine Schandtaten zu holen. Die Serie bricht ihr Projekt anscheinend ab: Anthony wird das Licht der Vernunft nicht erreichen, auf halbem Weg aus der Höhle stehenbleiben. Doch trotz dieses vernichtenden Urteils durch die Therapeutin ist Anthony Soprano ja „unser“ Protagonist: Wir begleiten ihn auf seinem Weg, sympathisieren, fiebern, leiden und fürchten mit ihm. Warum? Was soll es uns bringen, ihm zu folgen? Vielleicht das: Wenn es ihm schon nicht gelingt, sich zu befreien, vielleicht gelingt es dann uns. Je länger die Serie läuft, umso mehr distanzieren wir uns also auch von ihm. Dass wir die Ursachen und Motivationen kennen lernen, die sein Wesen und seine Handlungen bestimmen, entbindet ihn nicht von der Verantwortung oder „Schuld“: Er weiß schließlich, was er tut, er weiß, dass es falsch ist und tut es trotzdem. Er will so sein wie er ist. Anthony Soprano ist insofern das Strukturmoment der Serie, dass in erster Instanz für die Verwerfungen und Lücken der Handlung verantwortlich ist, dass sich kraft seines Willens dem Gestaltungswillen der Macher widersetzt, die Einheit und Sinn suchen und schaffen wollen. Und wir müssen uns nun ihm widersetzen, uns von ihm befreien, dem Anthony in uns. THE SOPRANOS erzählt also vom freien Willen.

THE SOPRANOS ist auch eine politische Serie. Die Familie, das ist der Staat im Kleinen. Verschiedene Menschen mit verschiedenen Ansichten und Meinungen, verschiedenen Wünschen und Träumen und verschiedenen Methoden, diese Wünsche und Träume zu verwirklichen. Und all diese verschiedenen Menschen wirken aufeinander ein, absichtlich, aber auch unbewusst, sie beeinflussen sich, benutzen sich und setzen damit etwas in Bewegung, das größer ist als sie. Das Leben ist ein Schachspiel, aber gespielt von mittelmäßigen Schachspielern, die nicht weiter als bis zum nächsten Zug vorausschauen können. Man erkennt an THE SOPRANOS wie sich die USA im vergangenen Jahrzehnt verändert haben. Beginnt die Serie heiter und leicht, schlägt sie in den späteren Staffeln immer mehr um, nimmt einen deprimierten, frustrierten Ton an, zeigt psychotische, brutale, misanthrope Züge. Man spürt die kollektive Katerstimmung der USA in den letzten Jahren der Bush-Administration. Nachdem 9/11 in der Serie erstaunlicherweise vollkommen abwesend war (Verdrängung?), werden die Kriegseinsätze im Irak und in Afghanistan explizit thematisiert. Ebenso wie die generelle Faszination der USA mit der Gewalt: Es ist ja schon bezeichnend, dass die Psyche der USA exemplarisch an einer Mafiafamilie analysiert wird, für die Mord quasi zum Alltagsgeschäft gehört. Aber nirgends wird die Sogwirkung von Gewalt deutlicher als im Blick des jugendlichen Sohns AJ Soprano, wenn dieser mit seinen Freunden einen Schwarzen verprügelt. THE SOPRANOS zeigt den Rausch, den das Erkennen der eigenen Fähigkeit zum Bösen auslöst. Vom Vermögen des Menschen, sich gegen seine Vernunft zu verhalten und vom Machtgefühl, das damit einhergeht. Aber wie bekommt man es in den Griff? THE SOPRANOS erzählt von der Verantwortung.

Ich will noch etwas zur Struktur der Serie sagen: Das Große spiegelt sich im Kleinen und umgekehrt. Jede Folge ist ein abgeschlossenes Werk, das sich jedoch wie ein notwendiges Puzzleteil in das sie umgebende größere Ganze einfügt, und das gleiche gilt für die einzelnen Staffeln. Es ist auffällig, dass jede Staffel selbst wie ein Film strukturiert ist: Es gibt einen meist rasanten Einstieg, dem dann der Abschwung auf ein mittleres Erregungsniveau folgt, das von kleinen Ausbrüchen unterbrochen wird, nur um dann gegen Ende wieder anzusteigen. Diese Linie lässt sich erstaunlicherweise über den Verlauf der ganzen Serie verfolgen, die zum Ende so weit eskaliert, dass nur noch die Option bleibt, sie künstlich abzubrechen. Das bringt mich noch einmal zu der grandiosen letzten Szene, die jedoch nicht allerorten auf Begeisterung stieß. Ein großes Finale hätten sich manche gewünscht und vor allem wohl eines: Klarheit. Den Tod Anthony Sopranos oder aber seinen Aufstieg zum obersten Boss der Ostküste vielleicht. Aber wie beendet man eine großartige Serie, eine Serie, die alles erzählt und die also fast so groß wie das Leben ist, ohne zu enttäuschen? Der Tod Anthonys wäre letztlich genauso trivial wie sein Triumph. Die einzige Möglichkeit, sie zu beenden, ist es, nichts davon und gleichzeitig doch alles zu erzählen. Und genau das passiert. Alles ist möglich: dass die Familie Soprano ihre Probleme überwinden oder sich zumindest immer wieder zusammenraufen wird, aber genauso, dass Anthony in den nächsten Sekunden von einer tödlichen Kugel getroffen werden wird. Die von der Kamera in ein verdächtiges Licht gerückten Gestalten im Diner sind vielleicht einfach nur Passanten. Nichts deutet daraufhin, dass sie etwas Böses im Schilde führen, außer der Inszenierung. Wie die Serie endet, bleibt jedem selbst überlassen. „Don’t stop believing“ eben. Aber das heißt nicht, dass man sich hier sein persönliches Lieblingsende aussuchen soll: Es mahnt, daran zu denken, dass in jeder Sekunde alles möglich ist und eben nichts entworfen. THE SOPRANOS erzählt von der Kontingenz. Die Szene erinnert aber auch an ein Staffelende vom Anfang der Serie als sich die Sopranos während eines Sturmes in ihrem Lieblingsrestaurant, dem Vesuvio, einfinden, wo Chefkoch und Freund Artie Bucco für die Zuflucht Suchenden ein Abendessen bei Kerzenlicht improvisiert. Das Restaurant ist in dieser Szene der Aufruhr ein Hafen: Es ist noch alles gut in der Familie Soprano und Anthony richtet einige seiner wenigen wirklich herzlichen Worte an seine Familie und vor allem an seine beiden Kinder: Was immer auch passieren wird, sie sollen sich immer an Momente wie diesen erinnern, kleine Momente, in denen doch alles richtig und gut ist, in denen sie eine Famile waren und nichts da draußen an sie rühren konnte. Es sind diese kurzen Momente, die Sinn im Chaos Lebens stiften. THE SOPRANOS erzählt vom Sinn.