Mit ‘James Glickenhaus’ getaggte Beiträge

Ich muss das vorab ganz deutlich sagen: THE EXTERMINATOR ist ein faszinierender, wunderbarer Film.

Ich weiß nicht, wie oft ich ihn mittlerweile gesehen habe. In meinem Kopf erscheint er mir als „abgeschlossen“: Ich weiß, worum es geht, ich glaube zu wissen, was Glickenhaus sagen wollte, kenne seinen Plotverlauf und kann mich an seine wesentlichen Set Pieces erinnern. Aber dann ist er doch immer wieder anders, als ich ihn in Erinnerung hatte.

Wenn wir über Rache- und Selbstjustizfilme sprechen, sind die Rahmenbedingungen klar. Die meisten verfahren nach einer etablierten Strategie: Als Betrachter wird man dazu gebracht, sich emotional mit dem Protagonisten zu identifizieren, der in der Regel nahestehende Angehörige durch ein meist feiges, sinnloses Verbrechen verliert. Manchmal trägt er schwere Verletzungen davon, in anderen Fällen bleibt er selbst verschont, was dann auch noch zu belastenden Schuldgefühlen führt. Selbstjustizfilme beobachten nun zunächst den inneren Kampf, den der „Held“ auszutragen hat: Als zivilisierter Mensch erkennt er die Notwendigkeit von Gesetzen an, es bedarf also einer gewissen Überwindung, bevor er zur Waffe und zum Mittel der Selbstjustiz greift. Wir leiden mit ihm während dieses Kampfes, denn das emotionale Bedürfnis, Rache zu üben, ist nachvollziehbar. Der Selbstjustizfilm schlägt dann irgendwann um: Er macht mehr oder weniger klar, dass Rache kein adäquates Mittel zur Trauer- und Traumabewältigung und schon gar nicht zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit ist. In DEATH WISH, dem vielleicht nominell berühmtesten dieser Filme, ermordet der Architekt Paul Kersey nach einem Überfall auf seine Frau und seine Tochter ganze Dutzendschaften New Yorker „Punks“ bei seinen nächtlichen Rundgängen, findet daran nach anfänglichen Schwierigkeiten – nach dem ersten Mord übergibt er sich zu Hause – eine fast diabolische Freude: Nur die wirklichen Täter, die erwischt er nicht. Sie kommen gar nicht mehr vor im Film.

Man kann nicht sagen, dass John Eastland (Robert Ginty), der titelgebende Exterminator, die „Falschen“ umbringt: Auf seine Rechnung gehen neben diversen Gangmitgliedern ein führender Kopf des organisierten Verbrechens, ein sadistisch veranlagter Politiker, der in einem schmierigen Etablissement Strichjungen und Prostituierte quält, sowie der Betreiber dieses Ladens. Auslöser für seine Mordtour ist der Überfall der „Ghetto Ghouls“ auf seinen besten Freund Michael (Steve James), mit dem er zusammen in Vietnam war, aber eine große Krise löst dieser Überfall nicht aus. Es gibt auch keine Fallhöhe wie beim anzutragenden Architekten Kersey, denn Eastland hat bereits Erfahrungen mit brutaler Gewalt, Folter und Mord. Der Auftakt des Films, eine Vietnam-Rückblende, ist die mit Abstand brutalste Szene des ganzen Films, was der eine als Etikettenschwindel, der andere als ziemlich cleveren Schachzug betrachten mag. Abgesehen davon erfährt der Zuschauer wenig über Eastland, die Figur bleibt eine Chiffre. Nach außen hin wirkt er kontrolliert, aber nicht unsympathisch, wie er sich um die Hinterbliebene Familie von Michael kümmert (interessanterweise weiß er über dessen Gesundheitszustand immer vor der Gattin Bescheid). Er ist kein brutaler Rohling wie Travis Bickle aus Scorseses TAXI DRIVER – er liest zu Hause Jean-Paul Sartres „Der Gefangene von Altona“ – und sein Rachefeldzug bereitet ihm auch keine Freude. Man sucht vergeblich nach irgendeinem Anflug von Emotion in seinem Gesicht.

Wahrscheinlich ist diese Leere im Zentrum von THE EXTERMINATOR auch der Grund dafür, dass Glickenhaus den Kriminalbeamten James Dalton (Christopher George) neben Eastland zur eigentlichen Identifikationsfigur macht. Die Figur ist eine Parallele zu Vincent Gardenias Lieutenant Frank Ochoa aus Winners DEATH WISH, aber während der Cop dort zum enabler des Vigilanten mutiert, begegnen sich Dalton und Eastland in THE EXTERMINATOR erst ganz zum Schluss. Am Ende gibt Dalton, selbst durch eine Kugel von gedungenen Killern getroffen, die eigentlich auf Eastland angesetzt waren, dem Selbstjustizler Rückendeckung. Ob er aber wirklich mit dessen Ideen von Gerechtigkeit konform geht? Viel eher steht Dalton in der Interpretation von George, ein Schauspieler, der sein sonniges Gemüt und seinen grundsätzlichen Optimismus auch inmitten des totalen existenzialistischen Chaos wie Fulcis PAURA NELLA CITTÁ DEI MORTI VIVENTI nicht verliert, für eine Philosophie der Versöhnung und Empathie. Während andere Cops durch die ständige Konfrontation mit Verbrechen, Hass und Niedertracht abstumpfen und den Glauben an die Menschheit verlieren, hält er umso entschlossener an ihm fest. Man beachte, wie er eine einfache Freude wie die Zubereitung eines Hot Dog mithilfe eines selbstgebauten Wursterhitzers am Schreibtisch zelebriert! Wie zärtlich und liebevoll die Romanze mit der Ärztin Megan Stewart (Samantha Eggar) verläuft. Sie hat inhaltlich keinerlei Funktion für den Film, dient lediglich als emotionaler Fels in der Brandung, weil Glickenhaus seinem Exterminator nicht das Ruder überlassen will.

Und so reißt er auch den Zuschauer immer wieder aus dem Flow, den andere Regisseure von Selbstjustizfilmen aufbauen, um sie in ihre Falle zu locken. THE EXTERMINATOR ist enorm sperrig, arhythmisch und unvorhersehbar – und lässt nie einen Zweifel daran lässt, dass Eastland auf dem Holzweg ist. Man versteht sehr schnell, dass das Schicksal seines Freundes nur der Katalysator für ein tieferliegendes Problem ist, dass es ihm nicht um die Wiederherstellung von Recht und Ordnung geht. Hinter seinem Rachefeldzug steckt zum einen einen seine soziale Lage – er weiß nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll, ist nach dem Krieg nicht mehr in der Lage, einem erfüllenden Job nachzugehen (er arbeitet in einer Fleischfabrik) – und das daraus resultierende Gefühl, verraten worden zu sein, zum anderen natürlich seine derangierte Psyche. Er hat den Krieg mit nach Hause genommen. Das macht Glickenhaus gleich zu Beginn deutlich, wenn von Vietnam auf die Hochhäuser Manhattans geschnitten wird, der Armeehubschrauber seinen Flug über der Metropole fortzusetzen scheint. Man hat Mitleid mit ihm und den anderen armen Seelen, die ziellos durch die 42nd Street wandern, aber man möchte nicht unbedingt etwas mit ihm zu tun haben. Ich habe immer aufgeatmet, wenn sich THE EXTERMINATOR wieder Dalton und seiner Eroberung zuwendete und zeigte, dass es möglich ist, in diesem Moloch zu leben. Verschließt Dalton die Augen vor der Realität? Nein, das würde ich nicht sagen. Aber er hat akzeptiert, dass er nicht alle Missstände allein beheben kann. Schon gar nicht würde er sich anmaßen, über Leben und Tod anderer Menschen zu richten. Es steckt nichts Resignatives darin, keine Bitterkeit. Jedenfalls nicht für mich.

Wer noch einmal den mittlerweile zwölf Jahre alten Text lesen möchte, den der Außenseiter und ich damals im Rahmen unseres Himmelnde-Blogs geschrieben haben: Hier ist er.

mpw-59135Jonathan Demmes SILENCE OF THE LAMBS hat den Filmmarkt zu Beginn der Neunziger stark verändert: Plötzlich wimmelte es auf den Leinwänden vor perversen Serienmördern und toughen FBI-Ermittlern und es hielt eine Darstellung von grafischer Gewalt ins erwachsene Mainstream-Kino Einzug, die vorher undenkbar gewesen war. (Ich erinnere mich noch an einen Radiobericht zum Start von SILENCE OF THE LAMBS, in dem Kinogänger monierten, der Film sei unnötig brutal.) Glickenhaus, dessen vorletzter Film dies war, legte für seine Variante sogar noch eine Schippe drauf. In SLAUGHTER OF THE INNOCENTS, der in den USA gleich im Fernsehen ausgestahlt wurde, geht es um einen gestörten Kindermörder, der in seinem texaschainsawmasskeresken Unterschlupf Dutzende verstümmelter Leichen in fantasievollen Posen drapiert hat. Das ist aber nicht das einzige Verstörende hier.

SLAUGHTER OF THE INNOCENT hätte gewiss das Zeug  zu einem wenn auch nicht bahnbrechenden Thriller so doch zu einem angemessen düsteren Gegenpart zu den etlichen gestriegelten High-End-Thriller gehabt: Der Auftakt setzt gleich das richtige Signal, eine Szene, in der der ermittelnde FBI-Agent Stephen Broderick (Scott Glenn) einen Ermittlungsbericht voll grausamer Details mit nüchterner, ungerührter Stimme verliest, ist schon fast als kaltschnäuzig zu bezeichnen, die Hinrichtung eines Unschuldigen lädt auch nicht gerade zu Heiterkeit und Freude ein. Das spektakuläre Finale ist vor allem der Genrekonvention geschuldet, aber trotzdem ein Hingucker: Der Mörder hat in seiner Höhle eine Arche gebaut, die er auf Schienen mitsamt seiner letzten Opfer in eine Schlucht krachen lassen will. Der Showdown ist demzufolge ein bisschen INDIANA JONES in klein. An technischer Finesse oder der dem Sujet angemessenen Düsternis mangelt es dem Film nicht. Leider, leider torpediert er seinen Erfolg aber mit einer hanebüchenen Drehbuchidee und einem katastrophalen Besetzungscoup: Broderick bei den Ermittlungen zur Seite steht nämlich sein ca. 12-jähriger Sohn Jesse (Jesse Cameron-Glickenhaus), wie man an seinem Namen unschwer erkennen kann der Sohn des Regisseurs. Dieser Jesse ist ein etwas blässliches, mit großen Kulleraugen ausgestattetes Englein, das nicht nur superintelligent ist, sondern auch ein ausgewachsener Computerexperte. Er ermittelt auf eigene Faust und hilft seinem Papa immer wieder mit verblüffenden Rechercheerfolgen und Kombinationen. So sehr, dass der Papa den Sohnemann sogar freiwillig einbindet in seine Bemühungen, einen gefährlichen Kindermörder zu fassen! Und am Ende begibtt Jesse sich natürlich allein auf die Jagd und kommt sogar vor seinem Papa im Versteck des Killers an.

Ich habe ernsthafte Zweifel, aber vielleicht hätte es wirklich Mittel und Wege gegeben, diese Idee so in einen Film zu überführen, dass nicht jede Glaubwürdigkeit schreiend die Flucht ergriffen hätte. Es ist schon mehr als dispension of disbelief nötig, anzunehmen, dass ein Profiler seinen minderjährigen Sohn mit Informationen über aktive Serienmörder versorgen würde und dieser ihm dann sogar noch Teile der Arbeit abnehmen könnte, ja, dass ein Kind darauf überhaupt Lust hätte. Aber gut, irgendwoher müssen zukünftige Staatsbeamte ihre Passion ja haben. In SLAUGHTER OF THE INNOCENTS jedenfalls geht alles in die Binsen, sobald Jesse Cameron-Glickenhaus auftritt: Dieses Kind hat weder das nötige Schauspieltalent, um die unglaubwürdige Prämisse zu retten, noch das Charisma, dass man ihm das mangelnde Talent verzeihen würde. Wenn er da mit seinem Computer telefoniert, sogar Erwachsene bedroht, ihm Informationen zu geben, seinen Vater mit cleveren Schlussfolgerungen beeindruckt und generell einfach nur Superbrain ist, ist es als würde man mit einem Eiswasser aus einem wunderschönen Traum gerissen: Eben war man noch in einem misanthropischen Serienmörderfilm, plötzlich steckt man in einer drittklassigen Variation von TKKG. Man merkt jeder Szene mit ihm an, dass selbst der Drehbuchautor beim Verfassen plötzlich von jedem Mut verlassen wurde. Und Scott Glenn macht sichtbar gute Miene zum bösen Spiel. Es ist bizarr.

Tiefenpsychologisch aber natürlich auch wieder sehr interessant: Speziell die Sequenz, in der Jesse durch die Höhle des Killers stolpert, wie besinnungslos Fotos von den ausgestellten Leichen macht, fordert geradezu dazu auf, sie autobiografisch zu interpretieren. Rechnet der Regisseur hier mit seiner eigenen Exploitationvergangenheit ab, bedauert er, vielleicht auch seinen eigenen Sohn berufsbedingt zu viel (filmischer) Gewalt ausgesetzt, ihm Dinge gezeigt zu haben, die nicht für seine Augen bestimmt waren? Dass Glickenhaus danach nur noch den Kinderfilm TIMEMASTER drehte, ebenfalls mit seinem Sohn in der Hauptrolle, lässt diese Spekulationen jedenfalls sehr plausibel erscheinen. SLAUGHTER OF THE INNOCENTS würde ich aufgrund der genannten, kaum auszublendenden Mängel nur Glickenhaus-Enthusiasten oder Freunden von rätselhaft missglückten Filmen empfehlen. Wunderkinder sind eben keine wahre Freude.

Auf Hard Sensations kann man ab sofort den zweiten Teil meines kleinen Aufsatzes über Actionfilme mit Südamerikabezug lesen.  Gegenstand der Betrachtung sind der schöne Robert-Ginty-Film THE MISSION … KILL, Aaron Norris‘ DELTA FORCE 2: THE COLOMBIAN CONNECTION, James Glickenhaus‘ MC BAIN und zu guter Letzt J. Lee Thompsons ultrabrutaler Bronson-Knaller THE EVIL THAT MEN DO. Viel Vergnügen!

Mit einem im Nahen Osten deponierten Sprengsatz bedrohen russische Terroristen die westliche Welt: Sollte ihren Geldwünschen nicht entsprochen werden, so werden 50 % des Ölvorkommens in Flammen aufgehen und die Weltwirtschaft in eine tiefe Krise geschleudert, die – so befürchten die Verantwortlichen in den USA und Israel – letztlich eine Dominanz des Kommunismus nach sich ziehen würde. Der CIA setzt seinen besten Mann – Codename: „The Soldier“ (Ken Wahl) – auf die Sache an. Doch der sieht sich bald selbst zwischen den Fronten, nachdem sein Vorgesetzter und mit ihm der einzige, der von seinem Einsatz wusste, einem Anschlag zum Opfer fällt. Um sich seiner Haut zu wehren, bleibt ihm nur, selbst in die Offensive zu gehen. Mit den Kumpels seiner Einheit und den Kollegen vom Mossad plant er den Gegenschlag …

soldier[1]Nach dem ultradüsteren, ultrabrutalen Nihilokracher THE EXTERMINATOR begibt sich Glickenhaus mit THE SOLDIER auf das Terrain des unterkühlten Spionagethrillers, wie er vor allem in den Siebzigerjahren geprägt worden war und als existenzialistische Wendung der bonbonbunten Agentenfilme verstanden werden kann, die im Fahrwasser des Erfolgs der Bondserie in den Sechzigerjahren reüssierten. Der düstere Agentenfilm betonte die Undurchdringlichkeit des Geheimdienstgeflechts und stellte nicht nur die Möglichkeit eines Triumphs der „Guten“ infrage, sondern die Existenz solcher Kriterien wie „Gut“ und „Böse“ überhaupt. Der Agent ist nicht mehr der weltgewandte und souveräne Spurenleser und Decodierer, sondern hoffnungslos auf (s)eine unsouveräne Perspektive zurückgeworfen, zum Reagieren statt zum Agieren verdammt. THE SOLDIER ist als Kind dieser Entwicklung zu betrachten: Schon die Creditsequenz, die zum rein percussiven, nackt und abstrakt wirkenden Score von Tangerine Dream das Star Spangled Banner und die Flagge der UdSSR, Begriffe wie „Democracy“ und „Communism“, Stopp- und Durchfahrt-verboten-Schilder sowie Fotografien verschiedener politischer Akteure und Ereignisse kontrastierend gegenüberstellt, macht deutlich, dass wir uns im Folgenden nicht mehr in einer Welt der Dinge, sondern nur noch in einer Welt der Repräsentanten bewegen. Alles ist Zeichen, nichts mehr „an sich“: Die Frau mit dem Kinderwagen, die direkt zu Beginn über den Haufen gefahren wird, ist eine bewaffnete Terroristin, die harmlos am Straßenrand stehenden Passanten ihre Kollegen, die dann förmlich aus dem Nichts – hier ist der Wunsch Vater des Gedanken – von „The Soldier“ und seinen Männern weggepustet werden. Die zunächst verräterischen Blutflecken auf dem Asphalt macht sofort ein Druckluftreiniger unsichtbar, bevor alle wie von Geisterhand (= mit dem Helikopter) entschweben und den Tatort scheinbar jungfräulich zurücklassen. Zugehörigkeiten, Allianzen, Überzeugungen: Alles ist doppelt und dreifach codiert und schimmert je nach Betrachtungswinkel in einer anderen Farbe. Die eisige Atmosphäre des Kalten Krieges ist in jeder Einstellung von THE SOLDIER spürbar. Glickenhaus‘ Film erzählt von einer Zeit, als „Frieden“ rein virtuell und nur als das Resultat einer auf massiver Aufrüstungspolitik beruhenden Pattsituation zu sehen war. Ein trügerischer Frieden, denn in einem solchen Szenario gleicht Politik einem Pokerspiel. Die Entscheidung zum Erstschlag (das Wort suggeriert schon, dass man weiß, dass dem ersten unweigerlich ein zweiter Schlag folgen wird) hängt in erster Linie davon ab, ob man den Rückschlag verkraften kann; und die Einschätzung darüber wiederum von der Fähigkeit des Gegners, zu bluffen, und dem Vertrauen, dass man den Informationen der eigenen Geheimdienste – und deren Loyalität – entgegenbringt. Ein gefährliches Spiel, das fast ausschließlich auf Suggestion, Vermutungen und Vermutungen über Vermutungen beruht und der Sphäre des Faktischen somit vollkommen enthoben ist. Ein solchermaßen stabilisierter Frieden ist eine trügerische Angelegenheit, weil er die Vernunft aller Mitspieler und die Regelkonformität ihrer Handlungen voraussetzt.

So erklärt sich das – für einen Actionfilm – paradoxe Finale: Es ist (fast) keine Gewalt nötig, um die Terroristen zum Einlenken zu bewegen; nur eine geschickte Drohung (und – man höre und staune – ein Überfall auf die eigenen Leute). Ein Bluff vielleicht? Die Antwort von „The Soldier“ auf diese Frage des Gegners – ein augenzwinkerndes „maybe“ -, verdeutlicht, was ich oben sagte: Nicht mehr die Einsicht in das Faktische ist die Grundlage von Entscheidungen, sondern der Glaube, zu wissen, was faktisch ist.  Als „The Soldier“ gefragt wird, warum er mit „maybe“ geantwortet habe, entgegnet er nur, dass es ihm in diesem Moment als sinnvoll erschienen sei. Dies charakterisiert ihn als Actionhelden im klassischen Sinne, als „Mann der Tat“, der in der von Glickenhaus gezeichneten Welt eigentlich ein Anachronismus ist: Er ist zum einen der Mann, der seinem Instinkt, seiner Intuition folgt, und damit (meist) richtig liegt, zum anderen aber auch jemand, der das Prinzip dieses „maybes“ noch nicht voll und ganz erfasst hat, weil die Dinge in der Welt, der er entstammt, entweder sind oder nicht sind; jedenfalls sind sie niemals nur „vielleicht“. Es ist unklar, ob „The Soldier“ am Ende von THE SOLDIER triumphiert, weil er Einsicht in das Prinzip des „Vielleicht“ erhält oder weil er in der Lage ist, noch das „Vielleicht“ in ein unumstößliches Faktum zu verwandeln, die Konkretion zu erzwingen, die sonst längst abhanden gekommen ist. In jedem Fall macht seine Anwesenheit die Utopie in der Dystopie von THE SOLDIER aus: Der Frieden wird durch den heldenhaften Einsatz erwirkt, durch das Bekenntnis zur Sache und nicht durch das Paktieren und Taktieren in Hinterzimmern. Dennoch darf sich „The Soldier“ nicht wie seine Genrekollegen im Rausch der Aktion verlieren, um seine volle Durchschlagskraft zu erreichen. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass THE SOLDIER ähnlich gedrückt anmutet wie THE EXTERMINATOR: Der Held muss sein System mitreflektieren, um nicht unterzugehen.

New York: Nachdem sein Partner von ein paar Verbrechern umgebracht worden ist, macht der aus China stammende Cop Billy Wong (Jackie Chan) mit einer gnadenlosen Verfolgungsjagd zu Wasser den Hudson River unsicher und bekommt dafür im Anschluss en obligatorischen disziplinarischen Verweis von seinem Vorgesetzten. Die wenig später erfolgende Entführung von Laura Shapiro, der Tochter eines reichen Geschäftsmannes, durch Hongkong-Gangsterboss und Drogenzar Harold Ko (Roy Chiao) macht die Rehabilitierung des Geschassten jedoch unumgänglich. Gemeinsam mit seinem neuen Partner Danny Garoni (Danny Aiello) wird Billy in die britische Kolonie geschickt und darf dort genau das tun, was ihm in New York immer Ärger einbrachte …

TheProtector1985[1]THE PROTECTOR, Glickenhaus‘ vierter Spielfilm, entstand als Koproduktion zwischen den USA und Hongkong und stellt den zweiten, erneut gescheiterten Versuch dar, seinen Hauptdarsteller, damals schon ein großer Star in Hongkong, in den USA zu etablieren. Robert Clouse, vorher als Regisseur von ENTER THE DRAGON maßgeblich am internationalen Durchbruch von Bruce Lee beteiligt, war dies schon mit THE BIG BRAWL (1980) nicht gelungen, und so dauerte es weitere fünf Jahre, bevor man einen neuen Versuch unternahm (zwischendurch wirkte Chan in Nebenrollen in den beiden CANNONBALL-Filmen mit). Der Ansatz von THE PROTECTOR ist durchaus logisch: Über weite Strecken ähnelt der Film den Hongkong-Produktionen Chans, in denen dieser stets ausgiebig Gelegenheit erhält, seinen Wagemut und seine Geschicklichkeit in haarsträubenden Stunts unter Beweis zu stellen: Auch in Glickenhaus‘ Film dreht sich alles um Chan, der rennt, schießt, springt, klettert und Reihenweise bad guys unter Zuhilfename von Fäusten, Füßen und allerlei Einrichtungsgegenständen verdrischt und zu halsbrecherischen Stürzen zwingt. Und auch inhaltlich thematisiert THE PROTECTOR seinen Crossover-Versuch, indem er klarmacht, dass auch die USA einen solchen asiatischen Springinsfeld mehr als gut gebrauchen könnten. Sie müssen sich nur erst an ihn gewöhnen, seine Methoden schätzen lernen, bevor sie ihn Gewinn bringend einsetzen können. THE PROTECTOR leistet also seinen Beitrag zur – ähem – Völkerverständigung. Es ist gerade aus heutiger Sicht nicht ganz klar, warum Chan nach diesem Film trotzdem noch gut zehn Jahre auf seinen US-Durchbruch warten musste: Glickenhaus nimmt von Beginn an keine Gefangenen, jagt Chan durch eine furiose Auftaktsequenz, schneidert ihm auch nach dem Schauplatzwechsel zahlreiche weitere Actionsequenzen auf den durchtrainierten Leib, hält das Tempo bis zum Finale durchgehend hoch und bietet mit seinem Fernost-Setting einige Schauwerte. Vielleicht war sein Film mit seinem East-meets-West-Ansatz damals einfach zu früh, vielleicht war es aber auch der völlige Verzicht auf einen emotional involvierenden Unterbau und greifbare Figuren, die einen großen Erfolg des Films verhinderten. Aus den Actionfilmen seiner Zeit fällt THE PROTECTOR jedenfalls heraus und an Glickenhaus‘ stockfinsteren THE EXTERMINATOR erinnert auch nur noch der Anfang. Auch wenn THE PROTECTOR ähnliche Affekte bedient wie die großen Actioner seiner Zeit – die Wut auf ein gegenüber dem aus dem Ruder gelaufenen Verbrechen machtloses Rechtssystem, auf Verbrecher, die sich mit ihrem Geld alles kaufen können, und auf korrupte Staatsbeamte, die ihre Leute verraten, um sich selbst zu bereichern -, geht diesem Film doch jegliche Nachhaltigkeit ab: wie eben seinen Verwandten aus Hongkong, denen ebenfalls ein eher sportliches Verständnis von „Action“ zugrunde liegt, und dem modernen amerikanischen Actionkino, das aus seinem mittlerweile evidenten Hongkong-Einfluss keinerlei Hehl mehr macht und sich ebenfalls als reines Spektakel begreift. Unter diesem Gesichtspunkt – und blendet man das Zeitkolorit aus – könnte man fast behaupten, dass THE PROTECTOR seiner Zeit damals voraus war, heute „moderner“ wirkt als damals. Ob man das gutheißt, THE PROTECTOR mag oder nicht, ist Geschmackssache. Mir hat er sehr angenehm die Zeit vertrieben. Und das nicht schlecht.