Mit ‘James McAvoy’ getaggte Beiträge

Die Tagline um die 23 personalities, die ein Kevin da in sich vereine, lässt im Zusammenhang mit dem Namen des Regisseurs Böses vermuten: Shyamalans längst verflogener Ruhm gründete zumindest in den Augen des durchschnittlichen Kinogängers auf diese unerhört unvorhersehbaren Plot Twists und narrativen Gimmicks, die seinen Erfolgsfilm THE SIXTH SENSE und dessen direkte Nachfolger zumindest auf den ersten Blick auszeichneten. Als Shyamalan sich mit THE LADY IN THE WATER weigerte, diese Masche weiter zu bedienen (streng genommen waren schon Filme wie UNBREAKABLE, SIGNS und THE VILLAGE nicht mehr allzu sehr an schnöden Taschenspielertricks interessiert und das Interessante an THE SIXTH SENSE nicht seine Auflösung, sondern wie es ihm gelang, deutliche Hinweise zu verschleiern), mit dem wahlweise avantgardistischen oder katastrophalen THE HAPPENING sogar noch einen draufsetzte und anschließend mit THE LEGND OF AANG und AFTER EARTH die nächsten Totalflops zu verantworten hatte, war die Traumkarriere erst einmal vorbei. Der ohne große Tamtam veröffentlichte Low-Budget-Schocker THE VISIT war eine schöne Überraschung, der man die Erleichterung des Regisseurs, nicht mehr die Verantwortung für eine Multimillionen-Dollar-Prestige-Produktion tragen zu müssen, in jeder Sekunde anmerkte. SPLIT ist nur unwesentlich teurer als der Vorgänger gewesen, kommt aber zunächst mit dem Ruch des stunts daher: Hauptdarsteller James McAvoy spielt einen Mann mit multipler Persönlichkeitsstörung und laut Poster sollen es eben nicht weniger als 23 Charaktere sein, die er in sich vereint. Man sieht ihn schon vor sich, den ganz in seiner Mission aufgehenden method actor, der 23 verschiedene Akzente, Tics, Kostüme und Arten, sich an der Nase zu kratzen, erlernt hat und so jede Szene zur aufmerksamkeitsheischenden One-Man-Show verkommen lässt, aber zum Glück bleibt einem das erspart. Letztlich spielen nur drei, vier Persönlichkeiten eine Rolle und weit mehr als auf irgendwelche marketingtechnischen Tricks setzt Shyamalan hier auf wunderschön komponierte symmetrische Bilder, einen ruhigen, beinahe träumerischen Erzählfluss und eine wohltuend unaufgeregte Thematisierung von sexuellem Missbrauch.

Mehr als alle narrativen Kniffe ist es diese kontemplative Ruhe sowohl des Blicks, den er als Regisseur auf seine Charaktere, die Räume, die sie bewohnen, und ihre Gewohnheiten wirft, als auch der Aussagen, die er über sie macht. Wobei „Aussagen“ es schon nicht trifft: Shyamalan hat weniger eine Meinung über seine Figuren als erst einmal nur ein unstillbares Interesse an ihnen und dieses Interesse möchte er mit seinen Zuschauern teilen, mehr als ihnen irgendetwas zu erklären oder vorzubeten. Nur deshalb konnte er einen Endzeitfilm drehen, in dem seine Protagonisten – und er! – beinahe sehnsüchtig auf das Wogen der Bäume im Wind starrten, als lauerte dort die Antwort auf alle Fragen, eine Antwort, die es nicht gab: die denkbar größte Katastrophe, die sich der verzweifelt an das Kausalitätsmodell klammernde Mensch überhaupt vorstellen kann. SPLIT ist, betrachtet man nur seine Story, typischer Serienmörder-Thriller: Es gibt drei attraktive, junge weibliche Opfer, einen hoch intelligenten, hochgradig gestörten Täter und seine Psychotherapeutin, die ihm bald auf die Spur kommt, aber wie Shyamalan diese Geschichte erzählt, hat mit den gängigen Mechanismen und Klischees nur wenig zu tun.

Das „Monster“ bekommt bei ihm ein sehr menschliches Gesicht und das volle Mitgefühl des Regisseurs, ohne dass dies zulasten seiner „Opfer“ ginge. Als eines der drei Mädchen die Überwältigung ihres Peinigers mit vereinten Kräften vorschlägt, weist die in sich gekehrte Casey (Anya Taylor-Joy) diese Idee als idiotisch zurück – sie hätten keine Chance gegen diesen Kraftprotz. Ihr insgeheim ausgearbeiteter Plan, die kleine Hedwig, eine der vielen Persönlichkeiten des Täters und wahrscheinlich die schwächste, zu manipulieren, erweist sich nicht nur als die intelligentere, sondern auch als respektvollere Strategie. Und sie kommt nicht umsonst von der als etwas sonderbar eingeführten Casey, die ahnt, das solcher Wahn wie der des manischen Kidnappers nur die Ursache einer tiefen seelischen Verletzung sein kann. Shyamalan ist fasziniert von der Resilienz unseres Geistes und der Konsequenz, mit der unser Gehirn diese Ersatzcharaktere zu unserem Schutz erst entwirft, mit völlig individuellen Eigenschaften ausstattet und dann gegen seinen biologischen „Eigentümer“ verteidigt. Fast könnte man sagen, er betrachte diesen Kevin als besonders avanciertes Exemplar einer raren Tiergattung mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, aber seine Faszination gleitet nie in den Voyeurismus ab, ins Aufgeilen am Pathologischen oder in den Exotismus. Nein, dahinter stecken Empathie und der Zorn über eine Welt, die solche Verletzungen zulässt und ihre Opfer dann als perverse Monstren diffamiert. Was der nüchternen Anerkennung, dass diese Geschädigten ihrerseits zu unbeschreiblichen Gräueltaten fähig sind, nicht im Weg steht. Exemplarisch sei hier der Tod der Therapeutin genannt. Ihr Gesichtsausdruck im Moment der Erkenntnis ist herzzerreißend, weil sich in ihm sowohl die Trauer darüber spiegeln, dass der Mensch, dem sie immer nur helfen wollte, ihr Mörder werden wird, als auch das Wissen, immer richtig gehandelt zu haben.

SPLIT wählt nicht ohne Grund ein Tiergleichnis, um das Phänomen seines wichtigsten Charakters zu verdeutlichen: Der Tierpfleger kann seiner Arbeit mit größter Sorgfalt, Liebe und Respekt nachgehen, es bewahrt ihn nicht davor, möglicherweise doch zerrissen zu werden. Das macht das Tier nicht zu etwas Bösem: Es kann einfach nicht anders.

 

462-film-page-largeEin Wunder: X-MEN: APOCALYPSE hat mir wider Erwarten ganz gut gefallen. Die bisherigen X-Men-Filme ließen mich bislang ziemlich kalt, an die letzten beiden überambitionierten Schnarchfeste, X-MEN: FIRST CLASS und  X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST, habe ich kaum noch Erinnerungen. Irgendwie hängt Singer mit seinem Franchise seit 15 Jahren in einer Zeitschleife – wie seine Protagonisten in den letzten drei Filmen. Wer sich über die ständigen Reboots von Spider-Man aufregt, übersieht, dass man auch ohne solche Volten hübsch auf der Stelle treten kann. Auch hier gibt es inhaltlich kaum Neues: Wieder einmal geht es es da um den Konflikt zwischen den idealistischen Mutanten um den intellektuellen Professer Xavier (James McAvoy), die an eine friedliche Koexistenz von Mensch und Mutant glauben, und den Abtrünnigen, die genug haben von der Diskriminierung durch die Menschen und zum Vergeltungsschlag ausholen. Anstatt von Magneto (Michael Fassbender) werden sie im aktuellen Sequel aber vom uralten Apocalypse (Oscar Isaac) angeführt, sowas wie dem Urmutant, der die letzten Jahrtausende unter einer eingestürzten Pramide geschlummert hat und nun durch rätselhafte Umstände zu neuem Leben aufersteht. Magneto mischt natürlich auch wieder mit, darf nun aber ins zweite Glied zurücktreten und sich sein Selbstbewusstsein von Apocalypse aufpolieren lassen. Es kommt zur breit ausgewalzten Schlacht, mit großem Effektaufwand inszeniert, wie von Singer gewohnt aber auch immer etwas lahm, ohne echten Drive oder Gespür für Kinetik. Dass er das Geschehen um den superschnellen Quicksilver einfrieren muss, um seine Geschwindigkeit darzustellen, ist ein cleverer Schachzug (den Vaughn zuvor schon in FIRST CLASS erprobt hatte), aber auch ein bisschen bezeichnend für sein Bremspedal-Faible.

Als ich in meinem letzten Eintrag über GODS OF EGYPT von Blockbustern schwadronierte, die sich viel zu ernst nehmen und eine Tiefe vorgaukeln, die gar nicht da ist, da war das natürlich nicht ohne Hintergedanken formuliert. X-MEN: APOCALYPSE gefällt sich wie seine Vorgänger darin, Nerds das Gefühl zu geben, sie seien Philosophiestudenten. Da wird Zeitgeschichte im Vorbeigehen referenziert, brüten die Helden ständig angestrengt vor sich hin, die Stirn von tiefen Falten zerfurcht ob des schweren Loses, das sie mit ihren Superfähigkeiten gezogen haben, dürfen die Mutanten als Repräsentanten jeder geschundenen Minderheit durchgehen. Mag sein, dass das dem großen, durchgehenden Bogen der Comics entspricht, aber immer wenn ich die gelesen habe, blieb bei mir in erster Linie hängen, dass es doch auch ziemlich geil ist, in der Gegend rumzufliegen, Laserstrahlen abzuschießen, Gedanken zu lesen oder die Naturgesetze auf andere Art und Weise zu beugen. In den Filmen ist Spaß weitestgehend verboten, da geht es stattdessen um tiefes Leid und Verantwortung. It’s hard out here for a mutant. What a drag.

Warum mir X-MEN: APOCALYPSE trotzdem gefallen hat? Weil er im Gegensatz zu den beiden drögen Vorgängern endlich wieder Schauwerte bietet und Singer sich auch von der langweilig-monochromen Optik verabschiedet, die das Franchise sonst ausgezeichnet hat. X-MEN: APOCALYPSE ist, aller inhaltlichen Schwermut zum Trotz, schön bunt und hat endlich auch mal einen angemessenen Obermufti, dessen Auftreten seinem Namen entsprechend für endzeitliche Stimmung sorgt. Der grobe Klotz mit dem traurigen Blick macht einiges her, vor allem, wenn er Menschen mit einer wegwerfenden Handbewegung im Erdboden versinken lässt, mit einem tödlichen Staubwirbel über den Jordan schickt oder auch einfach nur One-Liner mit donnernder Stimme intoniert. Wolverine (Hugh Jackman) absolviert einen netten Gastauftritt, der sich tatsächlich wie die vergleichbaren Kniffe der Comics anfühlt, auch Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee), zum ersten Mal seit X-MEN 2 wieder mit von der Partie, ist eine willkommene Ergänzung; genauso übrigens wie Angel (Ben Hardy), eine Figur, die ich zwar hochgradig bescheuert, aber gerade deshalb so wertvoll finde: Sie unterläuft diesen Überernst, den der Film unter Singers bleischwerer Regie ostentativ vor sich herträgt, in einer Art und Weise, die fast an Sabotage grenzt. Im größenwahnsinnigen Finale löst X-MEN: APOCALYPSE zudem das Versprechen ein, das seit Jahren immer nur angeteasert wird, gibt es endlich einmal diese weltumspannenden Katastrophenszenarios, die in den Comics ganze Seiten in grellen Farben leuchten ließen, nachdem man zuletzt den Eindruck hatte, Singer wollte unbedingt einen europäischen Politthriller aus der Vorlage machen. Vielleicht lernen die Mutanten beim nächsten Mal dann sogar, Freude an ihren Fähigkeiten zu entwickeln. Es wäre ihnen zu wünschen.

Nach nunmehr sechs Filmen, die ich mal grauenhaft (X-MEN ORIGINS: WOLVERINE ) und mal mehr (X-MEN: FIRST CLASS, dieser hier), mal weniger (X-MEN, X-MEN 2) egal bis enttäuschend fand  – es ist bezeichnend, dass ich mit dem weitestgehend verhassten X-MEN: THE LAST STAND noch am meisten Spaß hatte –, muss ich wohl endlich einsehen, dass die X-MEN-Reihe nix für mich ist. Fürsprecher, und davon gibt es ja nun nicht wenige, loben die Reihe nicht zuletzt für ihre Ernsthaftigkeit, ihren gewissermaßen queeren Subtext, nach dem die Filme vom Kampf einer Minderheit für Toleranz handeln. Schön und gut, aber kann man vielleicht auch irgendwann mal den nächsten Schritt machen? Seit sechs Filmen wird hier immer und immer wieder die gleiche Geschichte erzählt, dabei immer der gleiche zunehmend unangenehme, mahnende Ton angeschlagen, ganz so, als handele es sich nicht um Comicverfilmungen, sondern um die Umsetzung eines literarischen Meisterwerks mit heiliger Weltgeltung. Sicher, man darf Comics ruhig ernstnehmen, aber wird man der Vorlage wirklich gerecht, wenn man konsequent jeden Funken Spaß aus ihnen heraussaugt? Das, was hier angeblich so deep und intellektuell anregend sein soll, ist meines Erachtens nicht viel mehr als das, was uns auch die Disney-Filme seit rund 50 Jahren erzählen: Alle Menschen haben ihren Wert, auch der mit der lustigen Mutation, sofern er immer recht brav ist. Wow. Welche Erkenntnis. Der neueste Auswurf des Franchises setzt auf die ätzende Wichtigtuerei des auch schon öden Vorgängers X-MEN: FIRST CLASS noch einmal einen drauf: Die 120 Minuten ziehen sich wie ein bereits hinreichend ausgelutschtes Kaugummi. Setzte man in den ersten Installationen der Reihe immerhin noch auf eine recht ausgewogene Verteilung von effektreichem Krawumm und eher charaktergetriebenen Passagen, so ist Singer nun wohl endgültig dem Trugschluss erlegen, etwas Substanzielles zu erzählen zu haben. Ein Irrtum, der umso folgenschwerer ist, als es sich beim Regisseur um einen der größten hacks überhaupt handelt. X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST kommt komplett persönlichkeitsarm sowie stil- und witzlos über die Rampe. Auf- und Erregung: Fehlanzeige. Vorgänger Matthew Vaughn wusste immerhin noch etwas mit der Period-Piece-Ausstattung anzufangen, aber solcherlei Vordergründigkeiten scheinen Singer erst gar nicht zu interessieren. Wenn da nicht ein Nixon-Lookalike als Präsident rumliefe und mehrfach auf den Vietnamkrieg Bezug genommen würde, man käme nicht auf die Idee, dass sein Film in den Siebzigerjahren angesiedelt ist. Man muss ihm zugutehalten, dass schon das zugrundeliegende Drehbuch nichts hergibt. Der Zeitreiseplot weiß mit dem potenziell schönen Thema nichts anzufangen, was nicht schon in den ersten beiden TERMINATOR-Filmen abgehandelt worden wäre, und so habe ich mich die ganze Zeit gefragt, worum da um Himmels willen ein solches Geschiss gemacht wird. War wirklich irgendjemand der Meinung, diese Geschichte sei irgendwie interessant oder gar spannend? Does anyone really give a shit über den inneren „Konflikt“ der Gestaltwandlerin Mystique (Jennifer Lawrence)? Hat irgendjemand während des Films wirklich bangend dagesessen und gehofft, dass Professor Xavier (James McAvoy) endlich von seinen Medikamenten lässt, die ihm zwar die Beine wiedergeben, aber dafür seine Mutantenfähigkeiten rauben? Hat irgendwer irgendwelche bleibenden Eigenschaften an „Beast“, Hank McCoy (Nicholas Hoult) festgestellt? Oder im Finale mit den in der Zukunft/Gegenwart verbliebenen Mutanten gezittert? Herzlichen Glückwunsch, denn mir ging das alles meilenweit am Arsch vorbei. Und das lag sicherlich nicht an meiner mangelnden Bereitschaft. Der einzige Moment, bei dem ich mich in X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST einigermaßen amüsiert habe, war der Auftritt von Quicksilver. Es ist der einzige Moment des Films, in dem so etwas wie Freude an den Superhelden-Eigenschaften vermittelt wird, der über visuellen Witz verfügt, der die Bilder sprechen lässt – was die gottverdammte Aufgabe einer Comicverfilmung, ja ihre einzige Daseinsberechtigung überhaupt ist –, anstatt seine Charaktere verdrießlich aus der Wäsche gucken und lange Vorträge halten zu lassen. Ich könnte jetzt einschränken, dass diese Quicksilver-Szene auch keinen Einfall bringt, den die Wachowskis nicht schon in ihrer MATRIX-Trilogie vor nunmehr 10 bis 15 Jahren umgesetzt hätten, aber ich will mal nicht so sein. Das Erlebnis war auch so schön ernüchternd genug. X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST ist ein großes Nichts.

Der Mittzwanziger Wesley (James McAvoy) hat ein Kackleben: einen idiotischen Bürojob mit einer cholerischen Chefin, eine Freundin und einen besten Freund, die es hinter seinem Rücken miteinander treiben, einen Vater, der ihn nur sieben Tage nach der Geburt im Stich ließ, anscheinend wissend, was für einen Loser er da in die Welt gesetzt hatte, und noch dazu immer wieder heftige Panikattacken, die es ihm unmöglich machen, die Initiative zu ergreifen, wenn es darauf ankommt. Doch eines Tages wird alles anders: Als ein Unbekannter (Thomas Kretschmann) in einem Supermarkt das Feuer auf Wesley eröffnet, eilt ihm die geheimnisvolle Schöne Fox (Angelina Jolie) zur Hilfe und bringt ihn danach zu Sloan (Morgan Freeman). Der stellt sich dem verblüfften jungen Mann als Anführer der „Weber“ vor, einer Gruppe von Elitekillern, die sich als Gehilfen des Schicksals betrachten und der angeblich auch sein Vater angehörte, bis er vor Kurzem von genau jenem Mann erschossen wurde, der nun auch Wesley nach dem Leben trachtet. Und Wesley ist dazu auserkoren, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten …

NOCHNOI DOZOR-Regisseur Bekmambetov adaptiert in seinem Hollywood-Debüt die gleichnamige Comicserie für die Leinwand als visuell slicken Reigen von Over-the-Top-Actionsequenzen, die im Gegensatz zu seinen russischen MATRIX-Ripoffs dank eines nicht ungeschickten Drehbuchs auch erzählerisch etwas zu bieten hat. WANTED kann die FIGHT CLUB-Einflüsse bei Exposition und Charakterisierung der Hauptfigur zwar kaum verleugnen, aber das gereicht dem Film, der sich um Glaubwürdigkeit eher wenig schert und die Grenzen zum Kintopp in seinen absurden Actionszenen weit hinter sich lässt, eher zum Vorteil. Wesley, dessen Voice-over-Narration die Geschichte entscheidend vorantreibt, wird zur sympathischen Identifikationsfigur und vor allem zum Anker, der das kommende Aburdion noch halbwegs in der Realität hält. Alles um ihn herum ist bis ins Extrem übersteigerter Style: die abgehärmte Killerfrau mit dem katzenhaften Gesicht – idealbesetzt: Angelina Jolie –, die supercoole Pistolentechnik, die es den Killern erlaubt, um Ecken zu schießen, Naturgesetze, die nur darauf warten, entkräftet zu werden, eine Stadt, die zum Spielplatz  für die tollkühnen Auftragsmörder wird. Dazu friert die Kamera das Geschehen ein oder beschleunigt es nach Belieben, dreht die Zeit zurück oder nach vorn oder rast entfesselt und in weiser Voraussicht von einem Ort zum nächsten.

Apropos „Auftragsmörder“: Sloan und seine „Weber“, wie sich die sektenhafte Vereinigung nennt, fungieren nicht als käuflicher verlängerter Arm für Wirtschaft und Politik. Niemand versichert sich ihrer Dienste, um sich unliebsame Konkurrenten oder Mitwisser vom Hals zu schaffen, vielmehr operieren die Killer einzig aus eigenem Antrieb. Die Namen ihrer zukünftigen Opfer liest Sloan Tag für Tag unter Anwendung eines uralten Codes aus einer Art Webteppich, den eine Maschine quasi als physische Repräsentanz des Schicksals webt. Wessen Namen Sloan auch immer aus dem Fadenwerk herausliest, ist dem Tode geweiht, auch wenn er sich nichts hat zu Schulden kommen lassen. Das Schicksal muss nicht hinterfragt werden: Einen Todeskandidaten zu verschonen, könnte bedeuten, dass dieser später ein ungleich größeres Übel anrichtet, als es seine Ermordung gewesen wäre. Natürlich muss die Selbstherrlichkeit, mit der sich Sloan zum Interpreten und Vollstrecker eines vermeintlich kosmischen Willens macht, in den Omnipotenzwahn führen: Letztlich sind auch die „Weber“ nur allzu menschlich, um darauf zu verzichten, die Regeln zu beugen, wenn es für sie besser ist. WANTED setzt ein bisschen auf den Trend zu Verschwörungstheorien, erfindet eine Organisation ähnlich den Illuminaten, macht aber dankenswerterweise nicht den Fehler, sich damit selbst für allzu sozialkritisch zu halten. Was er dem stehenden Diskurs hinzufügt, ist in erster Linie ein klares Bild, dass den Irrsinn eines jeden sich selbst verabsolutierenden Systems offenlegt. Wie sehr die „Weber“ in ihrem Glauben an die seherischen Fähigkeiten eines Teppichs danebenliegen, zeigt sich schon, wenn man ihren Schicksalbegriff einer genaueren Betrachtung unterzieht: Warum sollte das „Schicksal“ menschliche Gehilfen brauchen? Und wäre das, was einträte, wenn die Weber einen Todeskandidaten davonkommen ließen, nicht auch nur Schicksal?

Ob man WANTED mag, hängt in erster Linie davon ab, ob man sich auf diese heute allgegenwärtige Art des effektlastigen, auf den größtmöglichen visuellen Eindruck hin inszenierten Actionfilms einlassen kann. Ich finde, er gehört da zu den durchaus gelungenen Werken amerikanischer Prägung der vergangenen Jahre. Eben auch, weil er cleverer ist, als man ihm das zunächst zutrauen mag. Sicher, hier und da inszeniert Bekmambetov etwas zu berauscht von den eigenen Einfällen, schleicht sich dann und wann ein etwas ungutes Pathos in den Film, das ihm nicht besonders gut zu Gesicht steht. Aber das verzeihe ich ihm, weil die letzte Dialogzeile ein echter Kicker ist und das überkandidelte Treiben wieder an seinen menschlichen Kern zurückführt. Fickt das Schicksal!

Der telepathisch begabte Charles Xavier (James McAvoy) erhält von der US-Regierung den Auftrag, Mutanten um sich zu scharen, um mit ihnen eine Art Spezialeinheit  aufzubauen. Sein wichtigster Verbündeter wird Erik Lehnsherr (Michael Fassbender), der starke magnetische Kräfte hat. Doch zwischen den beiden tut sich bald eine Kluft auf: Während Xavier darauf hofft, dass Menschen und Mutanten eine Gemeinschaft bilden, ist Erik – der im Zweiten Weltkrieg in einem KZ gelandet war – davon überzeugt, dass sie wegen ihrer Fähigkeiten immer Verfolgte bleiben werden. Zunächst müssen sie sich jedoch gemeinsam im Einsatz beweisen, um den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Und dabei stehen sie genau dem Mann gegenüber, der für die Nazis einst an Erik herumexperimentiert hatte: dem Mutanten Sebastian Shaw (Kevin Bacon) …

Lobte ich in meinem letzten Eintrag noch Branaghs THOR dafür, „angenehm flüchtig und unaufgeregt“ zu sein, so verkörpert Vaughns X-MEN: FIRST CLASS das genaue Gegenteil, eben einen jener Filme, bei denen man „ständig das Gefühl [hat], dazu angehalten zu werden, ehrfurchtsvoll und im Wissen um den historischen Moment auf die Leinwand zu starren“. Das allein macht den neuesten Eintrag in der Mutanten-Filmografie noch nicht zum Ärgernis, wohl aber die Diskrepanz, die zwischen dieser aufgesetzten Wichtigkeit und dem tatsächlichen Inhalt des Filmes besteht, der lediglich ein Aufguss bereits sattsam bekannter Plotelemente ist. X-MEN: FIRST CLASS ist eine Art Prequel zu den vorangegangenen drei X-Men-Filmen (bzw. vier, wenn man das unteriridische Wolverine-Spin-off dazuzählt), beschäftigt sich mit der Gründung der Mutanten-Spezialeinheit, der Vergangenheit von Professor X und Magneto und dem Ursprung ihres in der Trilogie im Zentrum stehenden Konflikts. Wie schon Singers X-MEN beginnt X-MEN: FIRST CLASS in einem Konzentrationslager, mit der Szene, in der der junge Erik zum ersten Mal seine magnetischen Kräfte zum Einsatz bringt und damit das Interesse der Nazis weckt. Im Folgenden wird seine Genese weiter ausgeschmückt, jedoch ohne, dass daraus wirklich eine neue Erkenntnis erwachsen würde. Und das gilt auch für alle weiteren Handlungselemente: Wieder einmal fungieren die Mutanten als Repräsentanten aller Minderheiten und müssen sich die Frage stellen, ob sie bestehende Ängste bekämpfen wollen, indem sie Gutes tun (Charles Xavier), ob sie der Intoleranz ihnen gegenüber ebenso aggressiv begegnen und ihre Kräfte ausschließlich zu eigenem Nutzen einsetzen wollen (Magneto) oder ob sie gar einen Weg suchen wollen, „normal“ zu werden (hier Mystique und Beast, vorher Rogue). Vaughn käut lediglich Altbekanntes noch einmal wieder, sein Film wird so in Verbindung mit der dramatisch-bedeutungsschwangeren Inszenierung, der düster-pessimistischen Atmosphäre und dem monochrom-graubraunen Look zu einer ungemein ermüdenden, gänzlich spaßfreien und sehr zähen Angelegenheit.

Zwar ist es durchaus lobenswert, dass man versucht, mit der X-MEN-Reihe einen ernsteren Gegenpart zu dem bunten Fantasyspektakel um die Avengers zu etablieren, doch so richtig will das nicht funktionieren. Wie wäre es denn, wenn man mal einen Regisseur von Profil verpflichtete, jemand, der nicht bloß an schillernden Bildoberflächen und der Befriedigung der Comicnerds interessiert ist? Alle Ernsthaftigkeit, jede gesellschaftliche Relevanz muss nämlich verpuffen, wenn der Einfachheit halber doch immer wieder tausendfach erprobte Versatzstücke zum Einsatz kommen, wenn man bei der Zusammensetzung der Mutantentruppe merkt, dass es nur darum ging, dem bereits bestehenden umfangreichen Figurenrepertoire ein paar neue hinzuzufügen, die man dann auf McDonald’s-Getränkebecher drucken kann, wenn sich der Film erzählerisch in die Riege jener Prequels einreiht, deren Sinn sich darin erschöpft, auszuformulieren, was man längst schon wusste. Auch optisch hält X-MEN: FIRST CLASS nicht, was das auf retro getrimmte Promomaterial versprach. Der Film sieht nicht nach Swingin‘ Sixties aus, sondern sogar ziemlich gegenwärtig. Das könnte man natürlich damit begründen, dass die heutige Mode den Sechzigerlook assimiliert hat, ich würde es aber eher auf Vaughn schieben, dem visuell einfach nicht viel einfallen will. Für diese Einfallslosigkeit spricht dann auch, dass der Einsatz der Cerebro-Maschine einfach aus dem ersten Film übernommen wurde und die vorgetäuschte Ernsthaftigkeit immer wieder von albernem Nerdjerking unterwandert wird (gleich zwei Witze werden über Xaviers noch existenten Haarwuchs gemacht: Brüller!).

Eigentlich habe ich mit X-MEN: FIRST CLASS dasselbe Problem, das ich schon mit Singers ersten beiden Teilen hatte. Mir fehlt einfach der Spaß an der Sache, die Farbe. Vaughns Film fühlt sich an, als müsste man mit schweren Stiefeln und einem vollgepackten Rucksack bei heftigem Regen durch zähen Morast waten. Der von vielen Kritikern hochgelobte gesellschaftskritische Subtext erscheint mir weder besonders erstaunlich noch ausgesprochen differenziert, die Verbindung von quasirealistischem Agentenfilm und Fantasy ergibt für mich keinen „runden“ Gesamteindruck, vielmehr neutralisieren sich die beiden Seiten. Eine Stripperin mit Libellenflügeln auf dem Rücken, eine blonde Sexbombe, deren Haut die Struktur eines Diamanten annehmen kann, ein dandyhaft-selbstverliebt durch den Film stolzierender Michael Fassbender als Magneto und ein Professor X, der sich zum Gedankenlesen zwei Finger an die Schläfe legen und dabei verkrampft gucken muss: Das ist alles so schmerzhaft campy und unbeholfen, dass auch Archivmaterial der Kubakrise für mich nicht ausreicht, um den Eindruck von Autentizität zu erwecken. Ein paar spannende Szenen gibt es schon, sodass X-MEN: FIRST CLASS keine totale Zeitverschwendung ist. Unnötig und redundant ist er trotzdem.