Mit ‘James Remar’ getaggte Beiträge

Eine Frau, deren Konturen sich im Schneegestöber aufzulösen drohen. Bilder einer Überwachungskamera, schwarzweiß, unscharf, mit ausblutenden Konturen, von Bildstörungen verzerrt, wie ein Blick ins Geisterreich des Vergangenen. Der verzweifelte Versuch, die Dinge festzuhalten, das Bleibende im Flüchtigen, Verschwindenden, Verblassenden zu fixieren. Das Bedürfnis nach Erklärung, nach Sinn, Ursache, Bedeutung, wo nur leere, willkürliche Datensätze und weißes Rauschen sind. Wie der Schmerz einen erfüllen kann, wenn sonst nichts mehr da ist. Wie die Leere ein Anfang sein kann, draußen in der Wüste. Wenn man nicht weiß, dass man belogen wird, kann das dann auch die Wahrheit sein?

Harry Caine (John Turturro) arbeitet beim Sicherheitsdienst in einer Mall irgendwo im Niemandsland von Wisconsin. Seit dort vor einiger Zeit seine schwangere Ehefrau von einem unbekannten Täter und aus völlig ungeklärten Gründen erschossen wurde, verbringt er seine Abende stumm vor dem Fernseher, stundenlang die Bänder aus der Überwachungskamera der Mall betrachtend, nach Hinweisen und verdächtigen Personen Ausschau haltend, wo kaum mehr als grobe Pixel zu erkennen sind. An seiner Wohnzimmerwand hängt das bisherige Ergebnis seiner Ermittlungen: Dutzende von vergrößerten Screenshots, denen akribische Notizen und Zeitungsausschnitte zugeordnet sind. Wie besessen versucht Harry einen Hinweis auf Täter und Motiv zu finden, aber da ist: Nichts. Als die Polizei ihm eines Tages in einer Befragung suggeriert, dass seine Gattin möglicherweise ein Geheimnis vor ihm hatte und den Täter kannte, geht Harry den nächsten Schritt. Einer plötzlichen Eingebung folgend, bricht er in das Haus gegenüber ein – ein Erinnerungs- oder Traumbild zeigte zuvor, wie seine Gattin es betritt – und findet dort einige Fotos. Überzeugt, dass die darauf abgebildete Frau etwas mit ihrem Tod zu tun haben könnten, begibt er sich auf die Suche nach ihr …

FEAR X, Refns dritter Spielfilm nach PUSHER und BLEEDER, zwingt einem Vergleiche zu anderen Filmen geradezu auf: Wie sich Harry immer mehr in seine Hirngespinste zu verrennen scheint, anstatt loszulassen, erinnert an Paranoia-Filme wie Aronofskys PI oder Coppolas THE CONVERSATION (um nur mal zwei zu nennen), sein mit Bildern und Notizen gepflastertes Zimmer sowohl an Nolans MEMENTO wie auch an Schmids 23. Turturros Gesicht, immer eine seltsame Mischung aus nagendem seelischem Schmerz und eine Art masochistischer Belustigung spiegelnd, weiß man dank BARTON FINK einem psychisch labilen Mann zuzuordnen. Das Setting – verschneite, bis an den Horizont reichende Einöde – weckt Assoziationen zu FARGO, in dem das Banale unversehens dem Diabolischen Platz machte, und Refns Inszenierung – diese aufreizende Langsamkeit, das unterschwellige Dröhnen im Hintergrund, das Streben nach der Leere, die Durchdringung des Realen durch Traumbilder – kennt man aus Lynchs LOST HIGHWAY, dessen vermeintlich objektive Perspektive sich immer mehr als visueller stream of consciousness entpuppte. So wird man als Betrachter zwangsläufig auf eine Spur gezogen und fühlt sich dem Film voraus: Harry wird vollkommen arbiträre Hinweise in seinem Sinne interpretieren und damit noch weitaus größeres Unheil anrichten, schließlich jeden Kontakt mit der Realität verlieren und nur noch in seiner eigenen Welt heimisch sein. Man bereitet sich auf das Logbuch eines psychischen Abstiegs vor. Aber Refn macht etwas anderes.

Das Ende von FEAR X stellt wohl eine der größeren Verweigerungen der Filmgeschichte dar, auch wenn es für den Protagonisten tatsächlich den nicht für möglich gehaltenen Ausbruch aus der eigenen Wahnvorstellung und der zentnerschweren Trauer bedeutet. Harry findet sich allein an einer Kreuzung im Nichts, alle Wege stehen ihm offen, und er übergibt seine Fotos und Notizen dem Wind. Er hat nichts gefunden, aber die Suche ist dennoch beendet. Für den Betrachter ist dieses positive Ende dennoch nur schwer zu akzeptieren, denn er hat miterlebt, wie sich Harrys vermeintliche Paranoia als absolut berechtigter Verdacht herausstellte. Harry war auf der richtigen Spur, er hatte den Mörder  ausfindig gemacht, ohne es jedoch selbst zu wissen. Am Ende glaubt Harry selbst dem Klischee, das der Film geholfen hat, aufzubauen:  Er hat sich alles nur ausgedacht, erkennt – mit einer Kugel in der Hüfte – wie weit es mit ihm gekommen ist und dass es nun gilt, umzukehren. Harry ist noch nicht weit genug abgeglitten, um an seinen paranoiden Vorstellungen festhalten zu können. Für ihn ist das ein tolles Ende, man gönnt es ihm und vielleicht ist es sogar gut, dass er niemals erfahren wird, was der Hintergrund der Ermordung seiner Frau war.

Refn treibt ein gemeines Spiel mit dem Zuschauer: Er zwingt ihn dazu, Harrys Trugschluss am Ende zu akzeptieren, mit dem Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten, mit dem man doch mitgefühlt hat, weiterzuleben. Hinzunehmen, dass Unwissenheit manchmal der Schlüssel zum Glück ist. Dass es Dinge gibt, die besser ungesagt bleiben. Das alles gelingt mit einem Kniff, der FEAR X von allen weiter oben genannten Filmen unterscheidet: Refn löst die subjektive Perspektive irgendwann auf, zeigt, was außerhalb von Harrys Wahrnehmung liegt. Danach beginnt dann ein anderer Film, einer, in dem mit dem Tod von Harrys Ehefrau noch weitere Schicksale verbunden sind. Harry hat einen seelischen Verbündeten: Jene Frau auf dem Foto, die er nie kennenlernen wird, die auch von ihm nichts weiß außer seinen Namen, aber dennoch viel mit ihm teilt.  Wahrscheinlich geht auch ihr Leben am Ende einfach weiter, so wie Harrys. FEAR X war nur eine kurze, aber wichtige Zäsur.

Mal wieder BAND OF THE HAND geguckt. Mal wieder großartig gefunden. Mal wieder meinen alten Text dazu gelesen. Festgestellt, dass ich dem heute nichts hinzuzufügen habe. Außer natürlich: Anschauen!

quiet cool (clay borris, usa 1986)

Veröffentlicht: März 29, 2010 in Film
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Der toughe New Yorker Cop Joe Dylanne (James Remar) wird von seiner Exfreundin Katy (Daphne Ashbrook) nach Redneck-County beordert: Dort ist der Frieden gestört, seit eine Bande von Marihuanapflanzern ihr schändliches Unwesen treibt. Katys Eltern sind den Killern um den benackenspoilerten Valence (Nick Cassavetes) schon zum Opfer gefallen, ihr Bruder Joshua (Adam Coleman Howard) ist seitdem vermisst. Joe eilt zur Hilfe, findet bald schon den auf Rache sinnenden Joshua und beginnt mit ihm gemeinsam einen Feldzug gegen die Drogendealer …

QUIET COOL ist ein Film der zweiten Reihe: Eher unbekannt, ohne große Namen auskommend und in seinem Gesamtentwurf angenehm bescheiden, dürfte er Freunden des Actionkinos der Achtzigerjahre dennoch runtergehen wie Öl. Schon die Einführung des Helden ist herrlich: Zerknautscht in seinem katastrophalen Apartement aufwachend, frühstückt er erst einmal eine alte Pizza, bevor er dann im Einsatz – ganz Freund und Helfer – beim Versuch einen berollschuhten Handtaschenräuber mit seinem Motorrad einzuholen, jede Zurückhaltung vergisst und etliche Menschenleben gefährdet. Die Verfolgungsjagd führt über Gehsteige, durch Parkanlagen, eine U-Bahnstation und einen Zug (!), bevor der Räuber im Hudson River landet und Joe seinen Blick verträumt gen Freiheitsstatue wandern lässt. Sein Freiheits- und Gerechtigkeitssinn sind später noch gefragt, denn im heartland, da wo die Welt doch eigentlich noch in Ordnung sein soll, droht der Rückfall in die Wildwest-Zeit. Eigentlich eine nicht unübliche Konstellation im Actionfilm, die sich wunderbar dazu eignet, die Brücke zu eben jenem Western zu schlagen und den Pioniergeist des Actionhelden zu reaktivieren, der sich wie einst seine Vorfahren zur final frontier aufmachen muss, um die Zivilisation (zurück) zu bringen. Ein bisschen suggeriert QUIET COOL mit seinem Backwood-Plot, dass das die innere Sicherheit des Landes gefährdende Verbrechen mitnichten in den Häuserschluchten der Metropolen zu suchen sind – der Handtaschenräuber ist ja kaum mehr als ein fehlgeleiteter Spaßvogel und Dylanne kann sogar unangekündigt und spontan einen kleinen Kurzurlaub einlegen, ohne dass die Ordnung zusammenbricht -, womit der Film durchaus in Konkurrenz zu solch dystopischen Zeitgenossen wie DEATH WISH 3 zu sehen ist, die geradezu bürgerkriegsähnliche Szenarien heraufbeschwören und eine düstere Zukunft für die Großstädte zeichnen. Doch QUIET COOL betreibt mehr als nur einen kosmetischen Tapetenwechsel, denn die Verlagerung des Verbrechens ins Hinterland geht einher mit einer Infizierung uramerikanischer Werte. Es ist etwas faul im Staate Dänemark, wenn die liebe Oma von nebenan nicht nur das Geheimnis für die besten Blaubeermuffins hütet …

QUIET COOL hat also durchaus etwas mitzuteilen, doch fällt das angesichts der Unbeschwertheit und Kompaktheit des Films kaum auf. Zügig etabliert er seinen Konflikt und dann geht es auch schon ans Eingemachte, bevor nach kurzweiligen 80 Minuten alles wieder vorbei ist. Vorher gibt es lustige Booby Traps, einige blutige Einschüsse und sonstige Nettigkeiten, großkalibrige Handfeuerwaffen plus Flitzebogen, Marihuanapflanzen und einen Showdown, der dann auch dem letzten klarmacht, dass QUIET COOL im Grunde genommen ein Western ist. Walter-Hill-Stammschauspieler James Remar ist in einer seiner wenigen Haupt- und Sympathierollen zu sehen und entwickelt über den nur wenige Stunden umfassenden Zeitraum des Films einen amtlichen Dreitagebart. Ein feiner Film.