Mit ‘James Stewart’ getaggte Beiträge

Jerry Jameson gelingt mit dem dritten AIRPORT-Film das Kunststück, die Verschnarchtheit des ersten Teils mit der hirnverbrannten Idiotie des Sequels zu vermählen. Mehr noch: Er übertrifft letztere sogar noch um mehrere Längen, was beileibe keine geringe Leistung ist. Die Handlung von AIRPORT ’77 ist so dermaßen bescheuert, dass man sich unweigerlich fragt, wie sehr sich die Drehbuchautoren wohl ins Fäustchen gelacht haben, als ihnen dieser gequirlte Dünnschiss mit Kirsche obendrauf tatsächlich abgekauft und dann auch noch mit erneut schwindlig machender Starbesetzung umgesetzt wurde.

Die ganze Katastrophe beginnt mit dem gleichermaßen größenwahnsinnigsten wie idiotischsten Kunstraub der Filmgeschichte: Als Ort für den Raub der wertvollen Gemälde des Millionärs Philip Stevens (James Stewart) haben sich die Verbecher tatsächlich das Flugzeug ausgesucht, mit dem diese transportiert werden sollen. Gut, grundsätzlich ist der Zeitpunkt, in dem sonst aufwändig gesicherte Kunstwerke von einem Ort zum nächsten gebracht werden, sicherlich gut geeignet für eine solche Unternehmung, wenn dafür aber ein ganzes Passagierflugzeug entführt werden muss, sollte man vielleicht die Frage nach der Effizienz stellen. Hat in diesem Film niemand, was nicht weiter verwundert, genauso wenig wie die Tatsache, dass es durch das Eingreifen der Bösewichte zum Crash kommt, weil diese im Tiefflug eine Bohrinsel touchieren und daraufhin auf den Meeresboden sinken. Da liegt das Wunderwerk der Technik nun, aufgrund ausreichenden Sauerstoffvorrats zunächst solange in trügerischer Sicherheit, bis die Metallummantelung dem unerbittlichen Druck des Wassers nachgibt. Eine Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit Rettungskräften gibt es nicht und weil auch auf der Bohrinsel anscheinend niemand mitbekommen hat, was da passiert ist, liegt es an Captain Don Gallagher (Jack Lemmon) den Tag zu retten.

Es ist wahrscheinlich ziemlich schwer, aus diesem Stoff einen wirklich spannenden Film zu machen: Da liegt also ein Flugzeug unter Wasser und die Insassen können nichts anderes tun, als darauf zu hoffen, dass ihnen das Schicksal in welcher Form auch immer zu Hilfe kommt. Um wenigstens etwas Dynamik ins klaustrophobisch-behäbige Szenario zu bringen, hat sich die in diesen Filmen obligatorische hysterische Schnapsdrossel unter die Passagiere gemischt, Karen Wallace (Lee Grant), die Gattin des Tauchers Martin Wallace (Christopher Lee). Sie ist dafür zuständig, in einem Fort Unfrieden zu stiften, rumzuzicken und alle in den Wahnsinn zu treiben. Man muss ihr als Zuschauer unendlich dankbar dafür sein, denn ohne sie wäre wahrlich tote Hose an Bord des abgesoffenen Fliegers. Alle Passagiere sind erstaunlich gefasst und diszipliniert, sogar die Kinder: Und das, obwohl doch auch das Hightech-Entertainment-Programm des Luxusfliegers ausgefallen ist. Vorher wurde da noch voll draufgehalten, wie einige Kids sich mit augenrollender Verzückung um einen Tisch versammelt hatten, in dessen Platte ein Pong-Monitor eingelassen war, ein Spiel, das bekanntlich für Stunden begeisterter Unterhaltung bürgte.

Der größte Trugschluss des Films ist aber nicht der Verzicht auf absturzgefährdete Fliegeraction, panische Stewardessen oder melodramatische Subplots, sondern auf Joe Patroni und den hingeworfenen Sexismus, der die Vorgänger so „liebenswert“ machte. Zwar taucht George Kennedy auch hier wieder auf, aber er bekommt kaum etwas zu tun, und Jack Lemmon ist als krisenfester Pilot zwar eine mutige Besetzung, aber kein adäquater Ersatz. Trotz Schnurrbart und Pilotenjacke verströmt er ungefähr so viel Machismo wie ein frisch frisierter Pinscher im rosa Handtäschchen: Ohrfeigen für nervende Weiber oder launige Sprüche darf man von ihm nicht erwarten, stattdessen führt er seine Passagiere mit der ruhigen Hand eines wahren Demokraten, verliert nie die Übersicht noch die guten Manieren. Fast könnte man meinen, die Macher hätten bei seiner Zeichnung angesichts der absurden Prämisse die Zügel angezogen, um zu vermeiden, dass der Film völlig dem Wahnsinn anheimfällt. Schade drum.

the-big-sleep-movie-poster-1020240380Generationen von Filmbegeisterten haben sich die Köpfe darüber zermartert, was in Howard Hawks‘ Klassiker von 1946 eigentlich genau passiert. Eine Legende besagt, dass der Regisseur während der Dreharbeiten den Überblick über das dichte Handlungsnetz verloren hatte, und kurzerhand Raymond Chandler, den Autor der Romavorlage, um Hilfe fragte. Ob der Chauffeur umgebracht worden sei oder doch Selbstmord verübt hätte? Auch Chandler konnte die Frage nicht beantworten, musste gestehen, es selbst vergessen zu haben. Dem Erfolg und Einfluss des Films hat es nicht geschadet, im Gegenteil: Hawks‘ THE BIG SLEEP gilt als einer der wichtigsten und besten Noirs, als zeitloses Meisterwerk des amerikanischen Kinos; auch weil der Film weniger mit seinem labyrinthischen Plot erzählt, als er eine Stimmung schafft, die weitaus mehr sagt, als es jeder expositorische Dialog vermag.

Dass man in den späten Siebzigerjahren auf die Idee kam, es sei eine gute Idee, ein Remake zu drehen, mag mit Mitchums Auftritt als Philip Marlowe in der 1975 entstandenen Chandler-Verfilmung FAREWELL, MY LOVELY zu tun haben (zwei Jahre zuvor hatte Robert Altman mit THE LONG GOODBYE seinerseits eine Noir-Verbeugung inszeniert). Warum der Stoff aber von Los Angeles nach England verlegt wurde, ist ein mindestens ebenso großes Mysterium wie die Frage nach der Todesursache des Chauffeurs. Was immer die Idee hinter diesem Schachzug gewesen sein mag: Der Film gibt keinerlei Aufschluss darüber, wird durch die Diskrepanz zwischen Mitchums Hardboiled-Voice-over und der behäbigen Inszenierung sowie des irgendwie betulichen Ambientes aber zu einem Kuriosum erster Güte. Es passt nichts wirklich zusammen: Der 60-jährige Hauptdarsteller schlafwandelt mit meterbreiten Augenringen durch die mondänen Settings, wahrscheinlich auf der Suche nach einer Flasche Whisky. Das nokturne Noir-Ambiente des Vorgängers weicht der taghellen Gemütlichkeit eines britischen Whodunits, die aber immer wieder durch Gewaltschübe und sleazigen Sex zerrissen wird (das gnadenlsoe Overacting von Candy Clark, Sarah Miles und Joan Collins tut sein Übriges). Die Paranoia des PIs, dessen Voice-over viel mehr die unauflösliche Verstrickung in seine Fälle als seine Souveränität spiegelten, wird in Mitchums altersmüder Darbietung zum Zeichen des totalen Detachments. Er cruist wie ein Zuschauer durch seinen Fall, den er äußerst gelangweilt noch einmal verbal rekapituliert. Dass die Mordgeschichte, in die er da verstrickt ist, hinten und vorn nicht aufgeht, ist kein Grund zur Beunruhigung über ein aus den Fugen geratene Welt. Diesen Marlowe kann längst nichts mehr aus der Ruhe bringen, weil er weiß, dass nichts einen Sinn ergibt. Das teilt er mit den Winner-Helden aus THE SYSTEM, THE JOKERS oder I’LL NEVER FORGET WAHT’S ‚ISNAME, nur dass diese mit der Erkenntnis deutlich weniger gut zurechtkamen. Dass Marlowe so über den Dingen steht, mag auch mit seinem Status als Immigrant zu tun haben: Er kann von außen auf die britische Gesellschaft und ihr kompliziertes Klassensystem schauen und sich seinen Teil denken.

Und so hält man es mit dieser Version von THE BIG SLEEP auch am besten.

 

its_a_wonderful_life_movie_posterIT’S A WONDERFUL LIFE ist – zumindest in den USA – der Inbegriff des weihnachtlichen Feelgood Movies und bietet als solcher natürlich reichlich Ansatz für Ideologiekritik: Man könnte Capras Film vorwerfen, dass er die Verlierer des Kapitalismus, die einfachen Leute, mit ihrer Niederlage versöhnt, anstatt sie aufzuwiegeln, dass er ihnen Honig ums Bärtchen schmiert und ihnen ihr Dasein schmackhaft macht, anstatt es ihnen zu verleiden. Ich glaube aber, dass eine solche Kritik am Kern des Films vorbeigeht. IT’S A WONDERFUL LIFE ist zwar in der Realität angesiedelt – die Jahre der Depression und der Zweite Weltkrieg haben eine wichtige Bedeutung für die Handlung -, aber doch auch in einer märchenhaften Parallelwelt. Bedrock Falls, der Ort, in dem der Film spielt, ist eine idealtypische, gemütliche amerikanische Kleinstadt voller liebenswürdiger, schrulliger, rechtschaffener Bürger, die beim Grüßen den Hut ziehen und sich alle untereinander kennen. Der einzige, der aus der Rolle fällt, ist der griesgrämige Potter (Lionel Barrymore), ein unbarmherziger Kapitalist, der nur seinen Gewinn im Sinn hat und dafür auch bereits ist, Leben zu zerstören. Nicht von ungefähr erinnert er an Ebenezer Scrooge aus Dickens‘ Weihnachtsgeschichte. Sein Gegenspieler ist der empathische Humanist George Bailey (James Stewart), der als Leiter eines privaten Bankhauses auch den ärmsten der Armen noch Kredite gewährt, bei der Rückzahlung der Raten gern ein Auge zudrückt, so zwar ständig am Konkurs entlangschrammt, aber eben auch überaus beliebt ist bei den Einwohnern seines Heimatstädtchens, die ihm oft nicht weniger als die Existenz zu verdanken haben.

Natürlich hat Bailey mit seiner aus kaufmännischer Sicht mehr als fragwürdigen Geschäftsphilosophie auf lange Sicht keine Chance gegen Potter, aber Regisseur Capra, vielleicht der größte Humanist des US-Kinos, lässt ihn am Ende dennoch triumphieren: Als seinem Unternehmen der Konkurs und ihm Gefängnis droht, erinnern sich die Bürger von Bedrock Falls daran, wie er ihnen einst half und retten ihn, indem sie ihm etwas von ihrem Geld geben, um seine Schulden zu begleichen. Tue Gutes und es wird sich auszahlen, das könnte die Botschaft sein, aber Capra liegt solches Profitdenken eigentlich fern. Der Humanismus, das verantwortungsbewusste, rücksichtsvolle Handeln, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe sind ihm Werte an sich, die nicht weniger wertvoll und wichtig sind als die Fähigkeit, imposante Bauwerke zu errichten, Maschinen zu konstruieren, Bücher zu schreiben oder sonstige sichtbare Spuren zu hinterlassen.Baileys Drama ist es, dass ihn sein Altruismus sein ganzes Leben davon abgehalten hat, seine eigenen Träume zu verwirklichen: Als junger Mann will er Bedrock Falls verlassen, um sich die Welt anzusehen, da macht der Tod seines Vaters es erforderlich, dass er bleibt und sich um das Geschäft kümmert. Sein energisches Eintreten gegen Potter imponiert dem Aufsichtsrat des Bankhauses so sehr, dass sie ihn zum neuen Geschäftsführer machen: Um die Philosophie seines Vaters am Leben zu halten, nimmt er den Job, der auch das Ende seiner eigenen Pläne bedeutet, zähneknirschend an. Später sitzt er mit seiner Gattin Mary (Donna Reed) im Auto auf dem Weg in die Flitterwochen, als der schwarze Freitag ihn dazu zwingt, sein Privatvermögen und damit auch den Urlaub mit der Frau für die Kunden zu opfern. Bailey, der eigentlich Dinge „erschaffen“ will, sieht sich als Opfer seiner eigenen Überzeugungen. Er trifft wichtige Entscheidungen, ja, aber alle diese Entscheidungen führen ihn auf einen Lebensweg, den er nie einschlagen wollte. Die Pointe des Films ist bekannt: Als er sich das Leben nehmen will, zeigt ihm ein Engel (Henry Travers), wie es in Bedrock Falls aussähe, wenn es ihn nie gegeben hätte. Dieser Blick erst zeigt George, dass er tatsächlich etwas von Wert geschaffen, dass er überall Spuren hinterlassen hat, dass der ganze Ort deutliche Zeichen seines Wesens trägt.

Einer Ideologiekritik, die dem Film vorwürfe, er sediere die vom Kapitalismus Unterdrückten, indem er ihnen ihr trauriges Leben zum Heldentum verzeichnen, würde ich also entgegnen, dass George ja keineswegs ein „John Doe“ ist, ein Durchschnittsbürger, der in der Masse versinkt. Im Gegenteil: Er tritt immer und überall für seine Überzeugungen ein, auch dann, wenn es ihm zum eigenen Nachteil gereicht. Nie geht er den Weg des geringsten Widerstandes, auch dann nicht, wenn er davon profitierte, immer hat er das große Ganze im Blick, seine Heimatstadt und die dort lebenden Menschen, die ihn brauchen. Das nicht länger Bedrock Falls, sondern Pottersville heißende Städtchen, das ihm am Ende vorgeführt wird, ist dann auch in etwas puritanischer Übersteigerung ein wahres Sündenbabel voller Stripschuppen und dubioser Nachtbars, die mit blinkenden Neonschildern wüste Versprechungen in die Nacht streuen. Blendet man die etwas piefige Lustfeindlichkeit aus, die aus der Gleichsetzung von Sex und Sünde spricht, bleibt ein Bild, das durchaus an unsere Innenstädte erinnert: Alles ist Kommerz und schöner Schein, im Vordergrund steht nicht mehr die Gemeinschaft, das Interesse am Wohlergehen des Nächsten, sondern der Profit. Bailey wird mit seinem Bankhaus niemals reich werden, sein Name wird niemals in den Geschichtbüchern verewigt werden, aber nichtsdesstotrotz hat er einen wichtigen Beitrag zum Leben geleistet: Er hat gezeigt, dass man für seine Überzeugungen und Werte einstehen muss, dass noch der kleinste Beitrag große Wirkungen zeitigen kann. IT’S A WONDERFUL LIFE entlässt seine Zuschauer nicht aus der Verantwortung, im Gegenteil: Er fordert ihnen eine Menge ab.

Kleiner Nachtrag: Ich habe den Film mehr aus Versehen in einer nachkolorierten Fassung geschaut, die dem Vergnügen aber keinen Abbruch getan hat. Im Gegenteil: Ich fand, dass die pastelligen, leicht unnatürlichen Farben den märchenhaften Charakter des Films und das Idyll von Bedrock Falls sehr schön unterstrichen haben.

Ein klappriges Flugzeug, ein ausgebrannter Pilot und sein trunksüchtiger Navigator, eine bunt gemischte Passagierliste. Ein Sandsturm, der Absturz in der Wüste. Geringer Proviant, keine Hoffnung auf Rettung. Bis ein Mann mit der Behauptung aufwartet, man könne aus den Trümmern ein funktionstüchtiges neues Flugzeug bauen …

Nachdem Aldrichs vorangegangene Erfolgsfilme WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE? und HUSH … HUSH, SWEET CHARLOTTE um weibliche Protagonistinnen zentriert waren, bietet er für THE FLIGHT OF THE PHOENIX eine (bis auf eine kleine, kurze Ausnahme) rein männliche Darstellerriege auf. Gleichzeitig vollzieht er einen Wandel von der sehr konkreten Kritik an der US-amerikanischen Gesellschaft seiner Zeit zu universelleren, grundlegend menschlichen Problemen. Schon der Schauplatz des Films spricht Bände: THE FLIGHT OF THE PHOENIX spielt in der Wüste, im buchstäblichen Nichts, in das seine Charaktere vom Himmel herabgestürzt sind und dort nun schlicht und ergreifend um ihre nackte, biologische Existenz kämpfen müssen. Dabei setzen ihnen nicht nur die erbarmungslosen Umstände zu – die unerbittlich brennende Sonne, zur Neige gehendes Wasser, schwindende Hoffnung auf Rettung –, sie machen sich auch gegenseitig das Leben schwer. Das Schicksal hat eine heterogene Gruppe äußerst schwieriger Charaktere versammelt, die nicht zuletzt sich selbst überwinden müssen, um wie der titelgebende Phönix aus der Asche ins Leben zurückkehren zu können.

Da ist zuerst der Pilot Frank Towns (James Stewart): ein alternder Haudegen, einer von altem Schrot und Korn, und in der modernen Welt ein wandernder Anachronismus. Weil er das weiß, verdingt er sich als Pilot einer zweimotorigen Schrottmühle in Afrika. Hier hat er seine Ruhe und muss sich nicht mit der nagenden Selbsterkenntnis, dass er nicht der beste Pilot der Welt ist, auseinandersetzen. Sein Navigator ist Lew Moran (Richard Attenborough), ein Alkoholiker und brüderlicher Freund von Towns. Die beiden mögen sich auch, weil sie sich in ihren Stärken bekräftigen und das stille Abkommen getroffen haben, die Schwächen des jeweils anderen nicht anzusprechen. Der Deutsche Heinrich Dorfmann (Hardy Krüger) verkörpert eben jene Moderne, mit der Towns auf Kriegsfuß steht: ein Intellektueller, kein „Anpacker“, sondern ein Kopfmensch. Der Konflikt zwischen den beiden ist auch ein Konflikt zwischen Geist und Körper – und weil keiner bereit ist, gegenüber dem anderen zurückzustecken, droht die Gemeinschaft insgesamt unterzugehen. Towns muss vor dem „Emporkömmling“, den deutschen „Grünschnabel“ und „Schreibtischtäter“ erst kapitulieren, um ihr aller Überleben zu sichern. Und mit dieser Kapitulation überwindet er auch seine eigenen Dämonen: Er gesteht ein, dass die Welt für Arbeiter wie ihn zu komplex geworden ist. Aber ganz ohne Typen wie ihn geht es auch nicht. Seine Stunde schlägt später.

Dorfmann ist wohl die interessanteste und auch enigmatischste Figur des Films. Er verkörpert perfekt die Dialektik Aldrichs, dessen Helden nur ganz selten ausschließlich heldenhaft und dessen Schurken niemals nur böse sind. Dorfmann trägt viele Zeichen des Bösen: Er ist ein Deutscher, er ist undurchsichtig – während der ersten Hälfte des Films tritt er kaum in Erscheinung, läuft im Bildhintergrund schwer beschäftigt und hoch konzentriert mit seinem Notizbuch um das Flugzeugwrack, während die anderen in heller Aufruhr sind –, ein intellektueller Kopfmensch unter lauter Machos, Arbeitern und Soldaten. Trotzdem schockiert er diese Männer mit seiner harten und mitleidlosen Art, die Dinge beim Namen zu nennen. Dem heroischen Idealismus von Towns und Konsorten setzt er einen knallharten Utilitarismus entgegen: Wenn man überleben will, muss man sich von falschen Sentimentalitäten verabschieden. Über die Abmachung, den Wasservorrat unter allen gerecht aufzuteilen, setzt er sich hinweg, weil er laut eigenem Bekunden mehr arbeitet und deshalb auch mehr verdient. Während der US-amerikanische Held meist ein Teamplayer ist, ein Altruist, ist Dorfmann ein selbstherrlicher Egozentriker. Aber es zeigt sich, dass er Recht hat, die Kontrolle an sich zu reißen. Er ist es, der sie aus ihrer misslichen Lage befreit, ihr Leben rettet. Doch er tut dies nicht aus Nächstenliebe. Die ganze Situation scheint für ihn fast ein Spiel zu sein, eine Aufgabe, ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Es ist für ihn eine willkommene Gelegenheit, seinen Scharfsinn zu beweisen. Dass der selbsternannte „Airplane Designer“ sich als Konstrukteur von Modellflugzeugen erweist, unterstreicht den spielerischen Charakter seines Unterfangens noch. Das Flugzeug ist sein Modellbausatz, die Wüste seine Werkbank, seine Leidensgenossen besseres Werkzeug. Und dass Towns – verkörpert von einem der uramerikanischsten Helden überhaupt, James Stewart – so zum läppischen Gehilfen im Plan eines Masterminds verkommt, passt ihm sichtlich nicht. Er ist es gewohnt, die Last der Welt auf seine Schultern zu tragen, ganz selbstverständlich nimmt er die Schuld für die diversen Todesfälle auf sich. THE FLIGHT OF THE PHOENIX ist auch eine Abrechnung mit amerikanischen Heldenbildern, deren Zeit langsam, aber sicher abläuft. Anstatt voranzugehen, den Ton anzugeben, gilt es nun sich einzureihen, sich unterzuordnen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem man seine tatsächlichen Stärken einbringen kann. Zum Helden wird man nicht qua Berufung, Persönlichkeit oder Charisma, sondern allein durch Fähigkeiten. Aldrich erzählt von einer Zeitenwende, ähnlich wie der Spätwestern – und wie dieser auch einfach vom Altwerden, davon, dass man irgendwann vor der bitteren Erkenntnis steht, zum alten Eisen zu gehören und jüngeren, frischen Kräften das Feld überlassen zu müssen.

Ergänzt wird das Triumvirat von Towns, Moran und Dorfmann durch eine illustre Schar von Nebenfiguren, die nicht minder kompliziert sind als diese drei: Der Arbeiter Cobb (Ernest Borgnine) leidet an dem, was man heute als Burn-out bezeichnen würde, Crow (Ian Bannen) ist ein großmäuliger Zyniker, Standish (Dan Duryea) ein blässlicher Hänfling. Besonders spannend und rätselhaft ist das Verhältnis der beiden Soldaten Captain Harris (Peter Finch) und Sergeant Watson (Ronald Fraser). Es erinnert an die dysfunktionalen Eltern-Kind-Beziehungen, die  Aldrich bis zu diesem Zeitpunkt so häufig beleuchtet hat. Harris sieht sich in der Verantwortung, etwas zur Lösung der aussichtslosen Situation beizutragen und natürlich erwartet er von Watson Unterstützung und unbedingten Gehorsam. Doch der Untergebene denkt gar nicht daran, dem Folge zu leisten. Erst drückt er sich nur durch Vortäuschung einer Verletzung, später versucht er, den unliebsamen Vorgesetzten durch unterlassene Hilfeleistung loszuwerden und als der dann letztendlich tatsächlich ums Leben kommt, kann er seine Freude kaum verbergen. Man ahnt hier, welche Demütigungen der Mann in der Armee erlitten hat, wie wenig er in der Lage ist, den Militärdeinst mit dem Stolz Harris‘ abzuleisten. Was ihn letztendlich dazu bewegt, den Tod Harris‘ herbeizusehnen, entzieht sich dem Betrachter. Auch hier bleibt vor allem ein Eindruck von Aldrichs Weigerung, in Schwarz und Weiß zu denken. Im Tagtraum Watsons, dem Tanz einer exotischen Schönheit im Wüstensand – der einzige Auftritt einer Frau im ganzen Film – kommt der Wunsch zum Ausdruck, aus der bestehenden Existenz auszubrechen, neu anzufangen, den Zwängen des Militärs den Rücken zuzukehren. Die tanzende Frau ist nur das Bild der Verheißung, die alle diese Männer insgeheim antreibt. Die Vorstellung eines Ideals, das sie anstreben, das ihnen Hoffnung gibt, ihnen die Kraft verleiht, ein Flugzeug durch den Wüstensand zu zerren und dem sicheren Tod zu entfliehen.

In einer alten Splatting Image, ich glaube es war das Heft mit den Lieblingsszenen zum 100-jährigen Geburtstag des Kinos im Jahr 1994, bezeichnete einer der Redakteure Don Siegels ESCAPE FROM ALCATRAZ als „größten existenzialistischen Film aller Zeiten“. So sehr ich als Verehrer von Siegels Kino mit dieser Behauptung sympathisiere: Ich glaube, diese Ehre gebührt THE FLIGHT OF THE PHOENIX. Das Drama der in der Wüste abgestürzten Männer ist nichts anderes als eine Allegorie auf das Leben. Im Nichts, mit der Aussicht eines bevorstehenden Todes, seinen Mut zusammenzunehmen und etwas zu tun, sich aktiv in die Zukunft werfen und den Gesetzen des Kosmos ein Schnippchen zu schlagen, darum geht es hier. Als Towns, Moran und die anderen beratschlagen, ob sie auf Dorfmanns irrwitzigen Vorschläge, aus dem Wrack ein neues, funktionierendes Flugzeug zu bauen, eingehen sollen, mischt sich der Arzt Dr. Renaud (Christian Marquand) mit der Bemerkung ein, eine Beschäftigung würde die Moral der Männer erheblich verbessern, ihnen Hoffnung geben. Ich musste sofort an Hannah Arendts „Vita Activa oder Vom tätigen Leben “ denken. Es ist nach Arendt die Aufgabe des Menschen, sein Leben und die Welt aktiv zu gestalten. Arbeit ist eben ein Schritt zu diesem „tätigen Leben“ und einer gestalteten Welt. Beides ist Voraussetzung dafür, Glück zu empfinden. Das zeigt sich dann auch im weiteren Verlauf des Films, in dem sich Dorfmann, der Mann mit den Ideen, gegen die Apologeten des Machbaren durchsetzt.

Es ist ein großer, großer Kinomoment, wenn der Motor des „neuen“ Flugzeugs angeworfen wird und die Männer mit zum Zerreißen gespannten Nerven – aber trotz ihrer Not auch einer fast kindlichen Vorfreude – hoffen, dass er anspringt. Ich hatte THE FLIGHT OF THE PHOENIX mal in meiner Kindheit gesehen, konnte mich nur noch sehr rudimentär an ihn erinnern, aber das Bild des nervös von einem Bein aufs andere hüpfenden Watson, des zur Anfeuerung ungelenk in die Hände klatschenden Bellamy (George Kennedy), des mit jedem Fehlstart mehr in Panik geratenden Dorfmann und des cool und entschlossen bleibenden Towns habe ich dann sofort wiedererkannt, so wie man nur ganz große, ikonische Bilder wiederzeuerkennen pflegt. Es ist ein wunderschöner, aber auch brutal spannender Moment, in einem nahezu perfekten Film, der ein schier unglaubliches emotionales Spektrum abdeckt, der ergreifend, bewegend, schockierend, lustig, traurig, aufwühlend zugleich ist, glücklich und zornig macht, perfekt unterhält, aber auch den Intellekt stimuliert. Ein Meisterwerk, pitch perfect besetzt.

Morgens, vor Beginn des Arbeitstages, versammeln sich die Angestellten eines kleinen Geschäfts im Zentrum Budapests vor dessen Eingangstür und warten auf die Ankunft ihres Chefsn Hugo Matuschek (Frank Morgan), damit er die Tür aufschließt und sie hereinlässt. Bis dahin bilden sie kleine Grüppchen, unterhalten sich, diskutieren angeregt oder streiten. Da ist der Verkaufsleiter Alfred Kralik (James Stewart) ein rechtschaffener und kultivierter Mann, der sich nach nichts mehr als nach der richtigen Frau sehnt. Auf der Suche ist er über eine Zeitungsannonce gestolpert und steht nun in reger schriftlicher Korrespondenz mit einer Dame, die ganz nach seinem Geschmack scheint. Aber das Treffen mit ihr könnte natürlich auch eine herbe ENttäuschung bringen. Sein Vertrauter ist der ältere Herr Pirovitch (Felix Bresser), Ehemann und Vater zweier Kinder und eine Seele von Mensch. Ganz anders der aalglatte Vadas (Joseph Schildkraut), ein intriganter Geck und gandenloser Opportunist, der jedem nach dem Mund redet, um Informationen aus ihnen herauszulocken, die er dann beim Chef gegen sie einsetzen kann. Die Belegschaft wird ergänzt durch eine Kassiererin und eine weitere Verkäuferin sowie den kecken Botenjungen Pepi (William Tracy). Und natürlich Matuschek selbst: einem manchmal etwas polterigen Patriarchen mit gutem Herzen. Gemeinsam bilden sie eine Gemeinschaft, die zwar in erster Linie zufällig zusammengewürfelt wurde, aber deren Mitglieder dennoch in einer Weise am Leben des anderen teilhaben, die den Begriff der „Zweckgemeinschaft“ unpassend erscheinen lässt.

Lubitsch zeichnet in seinem Weihnachtsfilm eine kleine Sozialutopie: Das Geschäft Matuscheks ist die Gesellschaft in der Nussschale, seine Mitarbeiter haben all die Probleme und Konflikte „normaler“ Bürger  – aber eben auch die Vertrautheit und Empathie, die nötig ist, dem anderen bei seinen Sorgen beizustehen und ihm zu helfen. Natürlich stehen hinter ihrer Arbeit handfeste wirtschaftliche Interessen – sie alle müssen ein Leben finanzieren, haben Familien zu versorgen, wollen weiterkommen im Leben –, aber ihr Engagement erschöpft sich nicht im nackten „Geldverdienen“: Sie arbeiten gerne für ihren Chef und ja, sie mögen einander. Natürlich bleiben Probleme nicht aus und es wunder kaum, dass die ihren Ursprung in den emotionalen Tumulten der Liebe haben: Die verschworene Gemeinschaft droht zu zerbrechen, als Matuschek erfährt, dass einer seiner Angestellten ein Verhältnis mit seiner Gattin hat. Und die Idealisierung ihres jeweiligen Brieffreunds lässt Alfred und seine neue Kollegin Klara (Margaret Sullavan) blind gegenüber dem anderen werden: Sie sind es, die sich einander poetische, emotionale, überschwängliche Briefe schreiben, sich im echten Leben, das sie als Kollegen miteinander verbringen, nicht ausstehen können.

SHOP AROUND THE CORNER erinnert nicht zuletzt wegen James Stewart etwas an das humanistisch-märchenhafte Kino Capras. Er ist etwas weniger mutig und progressiv als ein DESIGN FOR LIVING oder TROUBLE IN PARADISE, aber von den Lubitschs, die ich bisher gesehen habe, dafür der wärmste, harmonischste und schönste. Es ist nichts Spöttisches an ihm: Der Film ruht in sich – und in der Gemeinschaft der Angestellten von Matuschek, als habe Lubitsch es diesen liebenswerten Menschen gegenüber nicht mehr geschafft, die Rolle des zynischen Beziehungsskeptikers aufrechtzuerhalten. Ich kann mir gut vorstellen, dass Lubitsch dem Charme seines Hauptdarstellers erlegen ist: Es ist unmöglich, Stewarts Kralik nicht das Beste zu wünschen, ihm nicht die Daumen zu drücken, dass er Klara am Ende in den Arm nehmen kann. Vielleicht mutet das Ende des Films auch deswegen wie das Negativ von BLUEBEARD’S EIGHTH WIFE an. Bekam Claudette Colbert dort Gelegenheit, Gary Cooper all das zurückzuzahlen, was er – ihrer Meinung nach – den Frauen angetan hatte, so ist es hier Kralik, der seine Klara ein wenig quälen darf, bevor er sie letztlich mit der Enthüllung erlöst, dass er der Schreiber jener romantischen, geistreichen Briefe ist. Sie war es zuvor, die dem armen Kerl mit unverhohlener Ablehnung und nur leicht verborgenen Beleidigungen zugesetzt hatte. SHOP AROUND THE CORNER ist thematisch weniger stark auf das Thema „Ehe“ gemünzt, er ist allgemeiner in seinem Ansatz. Die Menschen stehen sich mit ihren Ansprüchen allzu oft selbst im Weg, versperren sich den Zugang zum Glück, das oft so nahe liegt, mit absurden Vorstellungen darüber, wie dieses Glück auszusehen habe. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Das klingt nur dann banal, wenn man nicht gesehen hat, was für einen wunderbaren Film Lubitsch aus dieser abgegriffenen Redensart gemacht hat – oder wenn man selbst ein ausgesprochener Miesepeter ist.

Jimmy Stewarts positive Weltsicht

Veröffentlicht: Februar 18, 2008 in Clips
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Immer sehr lohnenswert und ergiebig ist es, sich via Youtube nach amerikanischen Stand-Up Comedians umzuschauen, zumal nicht wenige davon heute ihr Unwesen auf großen leinwänden treiben. Im Zuge eines ausgedehnten Stand-Up-Comedy-Wochenendes bin ich unter anderem auf mehrere Videos von Jim Carrey gestoßen. Einen wunderbaren Ausschnitt aus einer seiner Shows, eine großartige Imitation des Hollywood-Recken James Stewart, gibt es hier zu sehen.