Mit ‘James Wan’ getaggte Beiträge

Unterwassermenschen, die zwischen dekorativ umherschwimmenden Haien, Walen und Rochen mit wallenden Haaren Dialoge über den legitimen König des untergegangenen Reichs Atlantis schwadronieren. Armeen, die wahlweise auf Riesenseepferdchen oder gepanzerten Haien in die Schlacht reiten. Eine Meerjungfrau mit tomatenroten Haaren, die mit ihren Händen das Wasser aus lebenden Körpern saugen kann. Eine bis auf den letzten Platz mit begeistert grölenden Zuschauern besetzte Unterwasserarena über einem gewaltigen, mit Lava gefülltem Krater. Ein Oktopus, der dazu Schlagzeu spielt. Bilder der vergangenen Riesenzivilisation Atlantis, deren Hybris zum Untergang führte, nachdem ihre Bewohner glücklicherweise die Möglichkeit eines neuen Lebens fanden. Ein mit atlantischer Supertechnologie ausgestatter Rächer namens Black Manta. Temuera Morrison als neuenglischer Leuchtturmwächter, Nicole Kidman als Meereskönigin, die sich in ihn verliebt, Dolph Lundgren als aquatisches Gegenstück zu Odin, Willem Dafoe mit Dutt. Und dazwischen ein ganzkörpertätowierter Held mit Rockermähne, Bikerbart und wissendem Grinsen. Viel Vergnügen mit AQUAMAN, der Superheldencomicverfilmung, die all das richtig macht, was bei Marvel mit schöner Regelmäßigkeit vergeigt wird.

Als Vincent Chase, der Protagonist der Serie ENTOURAGE, in deren zweiter Staffel den Titelhelden in der von James Cameron inszenierten Adaption des DC-Comics übernehmen durfte, war das ein Witz: Aquaman, ein blonder Biedermann, dessen Fähigkeit, mit Fischen kommunizieren und besonders gut schwimmen zu können, jetzt nicht unbedingt die beeindruckendste Waffe im Kampf gegen außerirdische Weltbeherrscher und Superverbrecher darstellte, wurde selbst von den größten Comicnerds nie so richtig ernst genommen – und er schien sich daher auch gegen ein cooles Re-Imagining zu sperren. Seine ganze Origin-Story und die Idee eines Unterwasserreiches waren so unabänderlich cheesy und kitschig, was sollte man daraus machen, das auch nur halbwegs ernstzunehmen war? Die Entscheidung der angeschlagenen DC Entertainment, ausgerechnet diesem Helden den nächsten großbudgetierten Eventfilm zu widmen, muss man demnach nicht verstehen. Doch nach Betrachtung möchte ich den Produzenten zu ihrer Entscheidung und ihrem Mut ausdrücklich gratulieren: Sie haben gar nicht erst versucht, gegen Kitsch, cheesiness und die dem Stoff inhärente Deppertheit anzukämpfen, sondern diese Elemente mit offenen Armen empfangen und damit einen Film vorgelegt, der endlich einmal nichts als reine Freude am nackten Unfug zum Ausdruck und damit auch den Spirit der bunt bebilderten „literarischen“ Vorlagen in ebensolchen Bildern auf die Leinwand bringt. Das infantil-beseelte Grinsen war mir während der gesamten Laufzeit ins Gesicht gemeißelt, das Vergnügen, dieses Spektakel mit meinen beiden Kindern sehen zu dürfen, dürfte dieses Jahr nur schwerlich getoppt werden.

Die vollkommen egale Handlung zusammenzufassen, erspare ich mir an der Stelle – der Film macht nie ein Hehl daraus, dass er sich lediglich als Aneinanderreihung geiler Bilder, Set Pieces, Materialschlachten, Sight Gags und gefälliger One-Liner versteht. Aber er kommt im Unterschied zu ähnlichen Werken mit diesem Ansatz davon, weil er eben liefert – und mit Jason Momoa einen Hauptdarsteller an Bord hat, der die Überdosis Charme mitbringt, die es braucht, eine eindimensionale Pappfigur wie seinen Aquaman zum Sympathieträger zu machen. (Er erinnert mich mit seinem Dauergrinsen, das den Eindruck erweckt, er hätte die Zeit seines Lebens und sei vollkommen desinteressiert, diese Freude zu verbergen, etwas an Dwayne „The Rock“ Johnson.) Über James Wan wird gern (auch von mir) gelästert: Die SAW-Reihe ist überaus streitbar, seine Horror-Filme THE CONJURING und INSIDIOUS inklusive der inflationären Pre- und Sequels long on style und short on substance, dafür hat er mit seinem Einsatz für FURIOUS 7 (und einige Jahre zuvor m unterschätzten DEATH SENTENCE) etwas bewiesen, was er auch in AQUAMAN wieder zeigt: dass er ein Händchen für temporeiche Action und ikonische Bilder hat. Die im Rahmen des CGI-Overkills durchaus als physisch zu bezeichnende Hatz durch ein sizilianisches Hafenstädtchen markiert einen Höhepunkt des mit rund 140 Minuten natürlich viel zu lang geratenen Spektakels, das aber trotzdem an einem vorbeirauscht wie ein Intercity.

Wem das alles zu doof, zu unecht, zu substanzlos, zu computerspielartig ist, dem kann ich kaum widersprechen. Ich habe mich bei vergleichbaren Filmen selbst auch schon anders geäußert, die schiere Menge an computergenerierten Bildern moniert, das Fehlen echter Emotionen oder auch nur traditionellen Filmhandwerks betrauert. Auch AQUAMAN ist eigentlich ein reiner Animationsfilm und inhaltlich hat er rein gar nichts zu sagen. Aber, fuck, hat der Spaß gemacht. Wans Film hat all das, was ich an den Filmen des MCU so vermisse: Er lebt von seinen bunten, geilen Bildern, ist geradezu beseelt von den schier grenzenlosen Möglichkeiten, die ihm sein Sujet bietet, berauscht von der Lust an der Schöpfung bonbonbunter Bilder, und kein Stück bereit, sich dabei in Ketten schlagen zu lassen. Er verkneift es sich kluger- und sympathischerweise, seinen Helden als Sprechpuppe für halbgare Aussagen zur Weltpolitik zu missbrauchen und so Relevanz vorzugaukeln. Kein Wunder, dass die Filmkritik, sonst immer schnell zur Stelle, wenn es darum geht, noch den letzten Studioheuler zum antikapitalistischen Manifest hochzujazzen, hier in größter Einigkeit die Keule herausholte. Was natürlich nichts daran änderte, dass AQUAMAN zum überraschenden Superhit mutierte. Mich freut das ungemein. Wenn alle Superheldenfilme so aussähen, ich wäre zufrieden. Ich will mehr Filme, die unter Wasser spielen, mit schwerelos schwebenden Figuren, deren Haare in Zeitlupe in der Strömung wallen und die dabei ganz normal miteinander reden. Ich komme da einfach nicht drüber weg, so geil finde ich das.

Man kann gar nicht oft genug betonen, welches Wunder die Entwicklung der FAST & FURIOUS-Reihe bedeutet. Mit den vergangenen beiden Installationen avancierte das Franchise endgültig zum Actionphänomen, das derzeit keine Konkurrenz hat. In keiner anderen Reihe wurde und wird so beherzt das Gaspedal durchgetreten – bildlich wie wörtlich –, keine andere ist so ungebremst kreativ in der Konzeption ihrer größenwahnsinnigen Action-Set-Pieces, keine andere hat dabei aber gleichzeitig eine solche Bodenhaftung. Man kommt für die Highspeed-Zerstörungsorgien und bleibt wegen Dom Toretto (Vin Diesel), Brian O’Connor (Paul Walker), Letty (Michelle Rodriguez) und ihrer Crew, die eigentlich eine große Familie ist. Zu dieser Familie gehörte seit dem grandiosen dritten Teil THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT auch Regisseur Justin Lin, der für die Entwicklung der Reihe vom potenziellen DTV-Stoff hin zum Box-Office-Giganten maßgeblich verantwortlich war. Dass er sich nach dem sechsten Teil verabschiedete und der nun nicht gerade actionerprobte und generell streitbare James Wan ihn ersetzen sollte, durfte durchaus skeptisch stimmen. Was ein herber Schlag schien, wurde jedoch noch überschattet vom tragischen Unfalltod des erst 40-jährigen Paul Walker: Nun werden Schauspieler in Sequels immer wieder durch andere ersetzt, das ist das Geschäft. Aber für die FAST & FURIOUS-Reihe, die doch ganz wesentlich über die natürlich gewachsene Chemie zwischen ihren Protagonisten und eine jederzeit authentisch wirkende Kameradschaft funktionierte, war der Tod Walkers eine mittlere Katastrophe, dazu geeignet, das ganze Unternehmen entgleisen zu lassen. Dass FURIOUS 7 der Film geworden ist, der er ist, ist kaum angemessen zu würdigen. Nicht nur setzt er in puncto Action noch einmal einen auf die auch schon nicht gerade zurückhaltenden Vorgänger drauf, er schenkt dem viel zu jung verstorbenen, endlos sympathischen Walker einen wunderbaren Abschied, der noch einmal deutlich macht, worin der eigentliche Erfolg der Serie besteht: in ihrer Menschlichkeit.

Sicher, die Protagonisten sind allesamt keine komplexen Charaktere, zeichnen sich im Wesentlichen durch ein bis zwei markante Wesenszüge und Talente aus, mit denen sie das Kollektiv vervollständigen, das Beschwören von konservativen Werten wie Loyalität und Treue ist manchmal arg pathetisch und der Habitus des Ganzen eher prollig. Dom Toretto machte sich mit angewachsenem Wifebeater-Unterhemd und kiloschwerem Kettchen gut an jedem Autoscooter, die Musik bewegt sich in der Schnittmenge zwischen Eurodance und Hip-Hop, die Bilderwelt sieht bisweilen aus, wie aus dem Urlaubsprospekt entsprungen, und lediglich durchschnittlich attraktive Menschen sucht man gänzlich vergebens. Es ist nicht so, dass die Reihe immun gegen Kritik wäre, aber das ist ja auch gut so. Sie trägt ihr Herz offen am Revers, versucht nicht, sich als etwas auszugeben, was sie nicht ist, kommt vielmehr genauso so zum Ziel wie ihre Protagonisten: durch Einsatz, Herzblut, Kreativität und Teamgeist. Und so gelingt es ihr auch, es gleichzeitig vollkommen ernst zu meinen mit all dem PS-Overkill, den von Film zu Film unglaubwürdiger werdenden Stunts, den stoisch vorgetragenen One-Linern und albernen Witzchen (die meist auf das Konto von Tyrese Gibson gehen), der sich bis zum Ende unaufhörlich überbietenden Zerstörungsorgie und den warmherzigen Freundschaftsbekundungen, und sich trotzdem nie zu ernst zu nehmen. Ich weiß nicht, ob ich in den vergangenen Jahren bei einem anderen neuen Film so oft und so herzhaft gelacht habe wie bei FURIOUS 7. James Wan umarmt die Idee der sich ins Nirvana katapultierenden Überbietungslogik, scheißt auf Airbag, Seitenaufprallschutz und Antiblockiersystem und tritt das Gaspedal beherzt durchs Bodenblech in den dampfenden Asphalt. Da lassen sich die Helden mit ihren Autos an Fallschirmen aus einem Flugzeug fallen, um auf einer Gebirgsstraße einen Konvoi zu attackieren. Da springen Dom und Brian mit einem superteuren, superseltenen Rennauto von einem Hochhaus ins nächste und übernächste. Da werden die Kumpels von einer wild um sich ballernden Drohne durch die Straßenschluchten von Downtown L.A. gejagt. Da rast Dom aus einem hinter ihm einstürzenden Parkhaus über ein Rampe auf einen Hubschrauber zu, um midflight einen Rucksack mit Handgranaten an diesem zu befestigen. Tony Jaa läuft als fleischgewordener Spezialeffekt durch den Film und erinnert einen daran, wen man seit Jahren im Actionkino vermisst. Das Umsteigen einer Beifahrerin zwischen zwei sich in einer 360°-Schleuderbremsung umkreisenden Wagen ist dagegen schon fast als realistisch zu bezeichnen. Besonders absurd ist das alles, wenn man bedenkt, dass FURIOUS 7 aufgrund seines Ratings ohne echte Gewalt auskommt. Dass Menschen sterben, sieht man nie, und wie da Explosionen, metertiefe Stürze, Hochgeschwindigkeits-Unfälle und Ballereien überlebt werden, erinnert mehr als einmal an das selige A-TEAM, dessen Feinde auch stets mit Kopfschmerzen davonkamen, selbst wenn sie zuvor mit einer Handgranate in die Luft gejagt worden waren. Spätestens wenn zu guter letzt der den ganzen Film tatenlos mit einem Gipsarm im Krankenhausbett liegende Hobbs (Dwayne „The Rock“ Johnson) aufsteht, die Manschette durch Anspannen des Bizeps platzen lässt und mit einer Riesenkanone ballernd durch die Stadt läuft, ist alles aus. James Wans Film ist wish fulfillment für kleine Jungs und junggebliebene Erwachsene, ein zweieinhalbstündiges Fest, ein nicht enden wollender Adrenalinrausch. Und wenn am Ende Paul Walker verabschiedet wird, können auch die härtesten Kerle ein Tränchen nicht verkneifen. Noch nie war tearjerking schöner, herzergreifender, verdienter.

Dass James Wan es aber auch durchaus versteht, die kleinen Nuancen hinzubekommen, zeigt der großartige Anfang: Oberschurke Deckard Shaw (Jason Statham) steht da am Krankenhausbett seines Bruders und schwört Rache. Es ist ein unscheinbarer, intimer, ruhiger Moment, doch dann zieht die Kamera auf und zeigt, welche Zerstörung Deckard bereits hinterlassen hat, um die Besuchszeit wahrzunehmen. Wie Vern sagen würde: „Oh shit, it’s on.“ Das ist einfach überaus clever gemacht und stimmt einen für das, was kommt, optimal ein. FURIOUS 7 mag, wie die gesamte Serie, auf die niederen Instinkte, auf vordergründige Reize ausgerichtet sein, wenig subtil, sondern stattdessen immer frontal und überlebensgroß, aber er ist dabei niemals plump oder ungeschickt, sondern immer witzig und originell. Keine Ahnung, wie die das immer wieder hinbekommen. Man darf gespannt sein, wie es jetzt weitergeht und wie man den Verlust Walkers im nächsten Film ausgleicht. Nach FURIOUS 7 würde es mich aber fast schon wundern, wenn nicht auch das mit Bravour gelänge.

 

Irgendein Musiker, ich weiß nicht mehr, wer es war, hat mal etwas gesagt, das ich bis heute für absolut plausibel gehalten habe: Durchschnittlich begabte Menschen liefern immer mehr oder weniger Durchschnitt ab. Die Unterschiede zwischen ihren besseren und schlechteren Werken sind nur gering. Sogenannte Genies und Meister hingegen liefern am einen Tag ein Meisterwerk ab und am nächsten gelingt ihnen gar nichts. Es liegen Welten zwischen ihren Meisterleistungen und ihren misslungenen Schöpfungen. Nun steht James Wan, Regisseur von u. a. SAW, DEAD SILENCE, DEATH SENTENCE, INSIDIOUS und THE CONJURING ganz gewiss nicht im Verdacht, ein großer Meister zu sein. Stattdessen hat er bislang relativ verlässlich „brauchbare“ Unterhaltungsware abgeliefert, die mal ein bisschen besser (DEAD SILENCE, DEATH SENTENCE, INSIDIOUS), mal ein bisschen schlechter (SAW, THE CONJURING) geraten war. Wenn obige These stimmte, dann hätte es INSIDIOUS: CHAPTER 2 nicht geben dürfen, der eines der bodenlosesten Sequels ist, das ich seit einiger Zeit gesehen habe und mich gestern nicht nur massiv gelangweilt, sondern mit fortschreitender Spielzeit mehr und mehr angenervt hat. Wie dieser stinkende Haufen Dung zu seiner 6,7-Punkte-Wertung auf IMDb kommt, ist mir ein Rätsel. (Ist es natürlich nicht, aber ich glaube eben grundsätzlich an das Gute im Menschen.)

Nach den Ereignissen in INSIDIOUS ist nun also Ehemann Josh (Patrick Wilson) von einem bösen Geist besessen, der im Haus seiner Mutter Lorraine (Barbara Hershey), in der sich die ganze Familie niedergelassen hat, herumspukt. Die Ermittlungen der ebenfalls aus dem ersten Teil reaktivierten Geisterjäger Specs (Leigh Whannell) und Tucker (Angus Sampson) führen in die Vergangenheit: in Joshs eigene, in der er bereits schon einmal von einem Gespenst heimgesucht worden war, aber auch in die eben jenes von ihm Besitz ergreifenden Geistes, der Mutter eines gewissen Parker Crane, der sich nach einer misslungenen Selbstkastration in eben jenem Krankenhaus umbrachte, in dem Lorraine einst ihren Dienst als Krankenschwester verrichtete. Während die Geisterjäger rätseln, wie sie den Spuk auflösen, gerät Josh, der nun selbst psychopathische Züge an den Tag legt, immer mehr in seinen Bann …

Es ist ein Allgemeinplatz, der dadurch jedoch nicht an Gültigkeit verliert: Horrorsequels, die dazu antreten, die „Lücken“ ihres Vorgängers zu stopfen, dem Horror, der doch gerade aus dem Unerklärlichen erwächst, quasi eine Biografie zu geben, unterminieren ihre eigene Grundlage. INSIDIOUS: CHAPTER 2 ist nicht nur kein Stück gruselig oder unheimlich, sondern jederzeit vorhersehbar und zudem gleichermaßen fürchterlich anstrengend und albern in der aufgesetzten Ernsthaftigkeit, mit der er diesen Unfug verkauft. Es ist gar nicht so entscheidend, dass die Antworten, die Autor Whannell und Regisseur Wan auf die Fragen finden, die sich nach dem ersten Teil keiner ernsthaft gestellt hat, durch und durch enttäuschend und egal sind: Allein die Tatsache ihres Versuchs, Erklärungen zu liefern, bedeutet das Scheitern ihres Films, der keinen Raum für Überraschungen lässt, das Beunruhigende jeglicher Potenz beraubt, indem er es in einen logischen Rahmen zwängt. INSIDIOUS: CHAPTER 2 hat ein strukturelles Problem.

Dass ihm aber nicht einmal ein paar brauchbare Schocks oder Gänsehautmomente gelingen, ist schon fast als Skandal zu bezeichnen. Wenn man bereits nach der Hälfte eines Horrorfilms genervt auf die Uhr schaut, ist definitiv etwas schief gelaufen. Die Crux ist natürlich, dass man schon von Anfang an weiß, was man zu erwarten hat. Im Hause Lorraines geht ein rachsüchtiger Geist um, der den Körper von Josh erobern will. Daran, die effektiven scares des Vorgängers zu wiederholen, hat Wan offensichtlich kein Interesse, was grundsätzlich lobenswert ist, nur ist das, was er stattdessen bietet, leider nicht besser. Ab und zu huscht sehr erwartbar ein Gespenst im Hintergrund durchs Bild, immer und immer wieder geht dieses nervtötende Babyspielzeug von allein los, so als sei Krach die Lösung aller selbst verursachten Probleme. Und schließlich dieser Irrglaube, der Spuk würde unheimlicher, wenn man wüsste, wie er anno dunnemals seinen Anfang nahm. Die Verrenkungen, die das Drehbuch nimmt, um irgendwie noch etwas zu erzählen zu haben, wo doch eigentlich nichts mehr hinzuzufügen ist, spiegeln sich auch im Kleinen: Da gibt es diese Szene, in der der mittlerweile bösartige Josh mit der Hand hinter dem Rücken vor einem der Parapsychologen steht. Es ist schon vorher völlig klar – dem Zuschauer wie dem Geisterjäger –, dass Josh Übles im Schilde führt und auch, was er da hinter dem Rücken halten könnte, gibt keinerlei Rätsel auf. Trotzdem nehmen Whannell und Wan dies zum Anlass für eine vollkommen ins Leere schießende Suspenseszene, die bestenfalls ein geplagtes Stöhnen hervorruft: „Was trägst du da hinter dem Rücken?“, fragt der Geisterjäger begriffsstutzig. „Frag‘ doch deine Würfel!“, gibt Josh zurück. Der Geisterjäger wirft daraufhin gerhorsam seine Buchstabenwürfel und mit bedeutungsschwangerem Tamtam fängt die Kamera das Wort ein, das sie bilden: „Knife“. So geht Horror für Lernbehinderte. Am Schluss feiert auch das Medium Elise Rainier (Lin Shaye) seine Rückkehr, jene Frau, die Josh schon als Kind „behandelte“ und die in INSIDIOUS von ihm – bzw. von dem Geist, der von ihm Besitz ergriffen hatte – umgebracht worden war. Anstatt das einfach so stehenzulassen, schließlich befinden wir uns in einem Horrorfilm, in dem man die Anwesenheit eines Geistes durchaus akzeptieren kann, müssen Whannell und Wan noch klarstellen, dass die liebe Frau mitnichten im düsteren „further“, dem Zwischenreich rachsüchtiger Geister, herumspuken muss. Nein, versichert sie ihren beruhigt aufatmenden Ex-Assistenten, sie komme von einem schönen Ort und werde nach getaner Arbeit auch dahin zurückgehen. Na gottseidank, dass das mal klargestellt wurde.

Das ganze Versagen von INSIDIOUS: CHAPTER 2 wird jedoch nirgends so deutlich wie im obligatorischen Cliffhanger, mit dem hier noch ein weiteres Sequel, man kann es nicht anders sagen, angedroht wird. Wieder einmal besucht Elise das Haus, in dem sie einen Geist vermutet, wieder einmal fährt die Kamera unheilschwanger an das Gesicht der hübschen Tochter heran, wird mit anschwellendem Dröhnen suggeriert, etwas lauere hinter ihr. Und wieder einmal zeigt der Gegenschuss das Gesicht Elises, das wieder einmal signalisiert, dass das, was sie da jetzt sieht, aber wirklich das absolut Schlimmste ist, mit dem sie je konfrontiert wurde. Ich gönne ihr ihre Affektivität, wirklich, nur ist die Diskrepanz zwischen ihrem Erleben und meinem nach dem Durchleiden von 105 Minuten fußlahmer Mystery absolut frappierend. Ich war während dieser Szene schon auf halbem Weg zum Fernseher, um den Film endlich ausschalten zu können.

 

 

Familie Lambert – Mama Renai (Rose Byrne), Papa Josh (Patrick Wilson), die Söhne Dalton (Ty Simpkins), Foster und ein Neugeborenes – richten sich gerade in einem neuen Haus ein. Nach wenigen Tagen stürzt Dalton beim Spielen auf dem Dachboden, wacht am nächsten Morgen nicht aus dem Schlaf auf. Die Ärzte sind ratlos: Es gibt keinerlei physische Ursache für seinen Zustand. Während die Eltern darauf warten, dass ihr Sohn erwacht, geschehen seltsame Dinge. Renai spürt die Präsenz von etwas Bösem im Haus und kann Josh schließlich dazu überreden, wieder auszuziehen. Doch im neuen Haus angekommen, geht der Spuk mit unverminderter Inensität weiter. Die durch einen Kontakt von Joshs Mutter Lorraine (Barbara Hershey) hinzugezogene Parapsychologin erkennt das Problem: Es ist nicht das Haus, sondern Sohn Dalton, der „bespukt“ wird …

Vor dem reichlich aufgeblasenen, aber megaerfolgreichen THE CONJURING inszenierte James Wan diesen Mystery-Grusler mit den Produzenten der PARANORMAL ACTIVITY-Reihe. Deren Einfluss macht sich vor allem während der ersten beiden Drittel durchaus positiv bemerkbar: INSIDIOUS ist zwar kein Found-Footage-Film, etabliert formal aber jenen zurückhaltend beobachtenden, quasidokumentarischen Blick, der dieses Subgenre auszeichnet und mit sachlicher Bildsprache und unterkühlter Farbpalette einhergeht. INSIDIOUS wirkt trotz unvermeidlicher Hollywood-Klischees – die Mama, die wegen der Kinder nicht zu ihrer künstlerischen Arbeit kommt, der emotional zurückgenommene Papa, der sich in seine Arbeit stürzt, anstatt sich mit den immer größer werdenden Problemen zu Hause auseinanderzusetzen – authentisch, sodass man als Zuschauer gern dazu bereit ist, die übersinnlichen Geschehnisse für bare Münze zu nehmen. Die ersten, frühen Schocks sind immens effektiv: Wan steigert die Spannung langsam und allmählich und ohne großen Geisterbahn-Hokuspokus. Mit dem bei mir überaus beliebten Albtraum-Klassiker stumm und reglos zurückstarrender, bestenfalls diabolisch grinsender Gestalten ruft er mehrfach dieses elektrische Prickeln im Nackenbereich hervor, das als Beleg gelten für seinen Erfolg gelten darf.

Über das Prädikat „nett“ kommt INSIDIOUS letzten Endes dennoch nicht hinaus, aller guten Ansätze zum Trotz: Irgendwann muss sich das diffuse Graue  konkretisieren und Gestalt annehmen, die übliche Dramaturgie einsetzen, mit Eltern, die Hilfe bei nerdigen Parapsychologen suchen, anfängliche Zweifel überwinden und sich schließlich mit zu erwartenden Tamtam dem Spuk stellen. War INSIDIOUS bis dahin geschickt in seinen Methoden, etwa im Einsatz von Kamera und einlullenden Ruhepausen, die den Eindruck der folgenden Schocks ins Unermessliche steigerten, so gibt er sich jetzt ganz dem Kintopp hin. Da fängt der Protokollant einer Seance plötzlich an, im besessenen Tempo die Unflätigkeiten zu Papier zu bringen, die der böse Geist in seine Richtung spuckt, muss der Papa sich seinen eigenen Dämonen stellen und in die Jenseitswelt reisen, aus der sein Sohn nicht zurückkommt, entpuppt sich der böse Geist mit der feurigen Grimasse und den Klauenhänden – eine schaurig-schöne Kreation – als „Lipstick-Face Demon“, der zu alten Burlesque-Songs Frauenkleider näht. Ich möchte INSIDIOUS mit dem Vorwurf homophober Motivik nicht unbedingt wichtiger machen als er ist, aber ein Geschmäckle hat diese „Auflösung“ schon. Bleibt am Ende ein gut gemachter Grusler, der seinen Zweck erfüllt, zwar deutlich über dem traurigen Durchschnitt liegt, in ein paar Jahren aber trotzdem nur als einer von Vielen erinnert werden wird.

Wenn man den englischen Wikipedia-Eintrag zu THE CONJURING und vor allem den Absatz zu seiner Produktionsgeschichte durchliest, könnte man meinen,  es mit einem Film nationaler Bedeutung zu tun zu haben. Er basiert auf Aufzeichnungen des Ehepaars Warren, die als „Paranormal Investigators“ mehrere Fällen von häuslichem Geisterbefall bearbeitet hatten. Die Hauptdarsteller Vera Farmiga und Patrick Wilson besuchten zur Recherche das Geisterjägerehepaar, und ich wette, dass sich im Bonusmaterial der unverzichtbare Hinweis findet, dass auch die Dreharbeiten immer wieder von seltsamen Vorkommnissen gestört wurden. Die Bemühungen, den besonders schweren Fall der Familie Perron in einen Film umzuwandeln, begannen angeblich bereits in den Neunzigerjahren, bevor sie 20 Jahre später endlich Früchte trugen. Der sensationelle Erfolg von THE CONJURING, der bei einem Budget von knapp 20 Millionen Dollar über 300 Millionen Gewinn einspielte (und bekanntlich bereits ein Sequel nach sich zog), gibt dem Produzententeam Recht und lässt erahnen, welcher Reiz vom alten Spukhausmotiv für das Publikum immer noch ausgeht, wie viele Menschen an die Existenz von Geistern und Dämonen zu glauben scheinen. Für mich ist gerade die Ernsthaftigkeit, mit der James Wan seine  Geschichte inszeniert, einer seiner Schwachpunkte: THE CONJURING ist zwar sauber gemachtes, dann und wann effektives Achterbahnkino, gerät aufgrund jeglichen Mangels an Distanz zu seinem Thema und Reflexion darüber aber teilweise entweder unfreiwillig komisch oder ärgerlich katholisch.

Vor ein paar Wochen gab es auf Facebook eine kleine Diskussion über POLTERGEIST und die Frage, ob dieser „gut gealtert“ sei. Rajko Burchardt, seines Zeichens großer Spielberg-Verehrer, sagte in dieser Diskussion etwas, woran ich bei THE CONJURING zwangsläufig denken musste: Er behauptete, die kiffende Familie aus POLTERGEIST sei in den heutigen Haunted-House-Filmen und dem „James-Wan-Schmarrn“ undenkbar. Nun ist es sicherlich nicht die Abwesenheit von Rauschmitteln, die THE CONJURING zu einem durch und durch konservativen Film macht, aber in diesem kleinen Detail zeigt sich eben der Unterschied zwischen einem intelligenten Film wie POLTERGEIST und einem Wegwerfprodukt wie THE CONJURING: Während sich Spielbergs bzw. Hoopers Film mit weißer Mittelklassenschuld auseinandersetzt, der Spuk das Resultat von Profitstreben und Respektlosigkeit ist, der seinen Weg über das Fernsehen und damit genau den Weg nimmt, auf dem sich White Suburbia am besten einnehmen lässt, ist es in THE CONJURING eine lediglich singuläre in der Vergangenheit angehäufte Schuld, die das brave Familienidyll ganz wilkürlich zu zerstören droht und am Ende durch die Opferleistung der messianisch-puritanistisch gezeichneten Warrens gebannt wird. Man sehe sich nur mal die Entsprechung der Warrens in POLTERGEIST an: ein zwergenhaftes, schrulliges Medium und ein paar Studentennerds, die das befallene Haus in erster Linie dazu beziehen, um die Befürchtungen der Protagonisten zu zerschlagen. THE CONJURING gönnt sich hingegen eine für die zentrale Geschichte völlig unbedeutende Umleitung, bloß um zu zeigen, welches Opfer die Warrens auf sich nehmen, um die Erde als Filialleiter Gottes von bösem Treiben zu befreien. Da werden erst einmal Kreuze verteilt, die Tatsache, dass die Kinder der Perrons nicht getauft sind, mit besorgtem Strinrunzeln quittiert, Hilfegesuche an den Vatikan geschickt und der Spuk am Ende durch die endlose Liebe der Mama zerschlagen. Man muss James Wans Film deswegen nicht schlecht finden, denn in der Kreation unheimlicher Momente beweist er einiges Geschick, verzichtet weitestgehend auf nervige, glattgebügelte CGI und kann vor allem auf ein enorm effektives Sounddesign zurückgreifen. Geistergläubige nehmen aus dem Film immerhin noch die wichtige Erkenntnis mit, dass man sich vor spottbillig rausgehauenen Immobilien hüten sollte. Aber wenn man, wie ich, nicht an Gespenster glaubt, verpufft ein Großteil der aufgebrachten Energie relativ folgenlos und es gibt nur wenig, was einen über das Finale hinaus noch bewegen würde. Mein Fazit lautet damnach: Nett, aber ebenso spießig wie seine Figuren.

 

death sentence (james wan, usa 2007)

Veröffentlicht: Dezember 3, 2008 in Film
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Nick Hume (Kevin Bacon) ist erfolgreicher Geschäftsmann, glücklich verheiratet mit Helen (Kelly Preston) und stolzer Vater zweier jugendlicher Söhne. Umso härter trifft es ihn, als er hilflos zusehen muss, wie sein älterer Sprössling beim spätabendlichen Stopp an einer Tankstelle dem Überfall und gleichzeitigem Initiationsritus einer Bande jugendlicher Krimineller zum Opfer fällt und seinen Verletzungen erliegt. Als auch die Anwälte ihm jegliche Hoffnung auf eine „gerechte“ Bestrafung des Schuldigen nehmen, beschließt Hume für diese selbst Sorge zu tragen. Doch nicht nur die Verbrecher fallen seinem Rachefeldzug zum Opfer …

deathsentenceposter1Mit der Rückbesinnung des Actionfilms vom bombastisch-hochglanzpolierten Eventkino der Neunzigerjahre auf die Essenz des Genres und zu die einfachen Konzepte und basalen Konflikte, die den künstlerisch wieder erstarkten, aber damit auch weit gehend vom Mainstream abgekoppelten Actionfilm der vergangenen Jahre wieder prägen, war eine Neuauflage des Urvaters des urbanen Rachefilms, Michael Winners DEATH WISH, eigentlich nur eine Frage der Zeit. DEATH SENTENCE wird jedoch nicht als Remake des Seventies-Klassikers präsentiert, sondern namentlich als Verfilmung des gleichnamigen Romans von Brian Garfield, der wiederum eine Fortsetzung von dessen Erfolgsroman „Death Wish“ darstellt, mit dem sie aber dem Vernehmen nach nur den Titel teilt. Die Geschichte eines Selbstjustiz übenden und damit die sicheren Grenzen seines bürgerlichen Daseins verlassenden Ottonormalverbrauchers birgt auch 35 Jahre nach Winners Film noch genügend skandalöses Potenzial, sodass es nicht ganz verwunderlich ist, dass man mit SAW-Regisseur und Torture-Porn-Vorreiter James Wan einen Mann für diesen Film gewann, der sich gut auf kalkulierte Tabubrüche versteht. Aber ein solcher war ja schließlich auch Michael Winner …

Was DEATH SENTENCE von DEATH WISH unterscheidet, ist seine Klarheit. Wo Winners Film auch heute noch in seiner Verweigerung verstört, sich zum dargestellten Geschehen entschlossen zu positionieren, wo er auch heute noch größtmögliche Konzentration und Aufmerksamkeit fordert in seiner Stringenz, die ihn paradoxerweise in zwei Teile reißt, da begnügt sich Wan damit, seine Geschichte zu erzählen und die nötigen Assoziationen anzustoßen. So sehr er das Leid seines Protagonisten auch nachvollziehbar macht, so sehr er Verständnis für dessen Rachewunsch erzeugt und letztlich auch die Rache zum kathartischen Erlebnis macht, so wenig lässt er doch einen Zweifel daran, dass Humes Verhalten falsch ist. Als Manipulator steht Wan Winner in nichts nach, aber es fehlt ihm dessen Mut, sich freimütig ins gesellschaftliche Abseits zu stellen, dem Zuschauer seinen Brocken Film kommentarlos hinzuwerfen und dann mit diebischer Freude darauf zu warten, wie dieser ihn gierig verschlingt. DEATH WISH ist auch heute noch ein gefährlicher Film, weil er einen verantwortungsbewussten, mündigen Zuschauer voraussetzt. DEATH SENTENCE hingegen nimmt den Zuschauer bei der Hand und lässt ihn bis zum Schluss nicht los. Die Geschichte von Nick Hume betrachtet man aus sicherer Distanz wie ein Raubtier im Zoo, man hat nichts mit dem Geschehen zu tun. Oder: Bei DEATH WISH schaut man in den Spiegel, bei DEATH SENTENCE durch eine Scheibe. Das liegt zum einen daran, dass Wan darauf verzichtet, seinen Film als gesellschaftskritisches Statement zu formulieren. Es gibt zwar kurze Verweise auf die Laxheit der Gerichte, die Untauglichkeit des Gesetzes und den irgendwie desaströsen Zustand der Gesellschaft, diese bleiben aber diffus und unspezifisch, sind eher als Wegweiser zu verstehen, die dem Zuschauer ein Zurechtfinden ermöglichen sollen, als dass sie tatsächlich eine Bedeutung darüber hinaus tragen würden (man könnte sagen, dass in Wans Filmen Semiotik vor Semantik geht, aber das ginge vielleicht auch zu weit). Zum anderen trägt die Ästhetik des Films zur Distanzierung bei. Auch Winner verzeichnete das New York seines Films zur chaotischen Vorhölle, doch bediente er sich dafür der visuellen Gestaltung des Straßenwesterns und Kriminalfilms der Siebzigerjahre, die immer auch mit der Suggestion von Authentizität einhergeht. Bei Wan ist alles so sehr ins Extrem stilisiert, dass die Bilder schon in ein Raster fallen, bevor eine tiefere  Reflektion einsetzen könnte: Die Farbpalette reicht von den ausgeblutet wirkenden Farben des kurz vor der Auslöschung stehenden Familienidylls  bis zum übersättigt-sumpfigen Schwarz der Verbrecherhölle. Und passend dazu tragen jugendlichen Gewalttäter kahlrasierte und tätowierte Schädel zur Schau, fahren aufgemotzte und mit Tribals bemalte muscle cars, deren Motoren die Lautsprecher erzittern lassen. Der Vater des Bandenchefs ist ein fetter, schmieriger Waffenhändler, der aus einem dämmrigen Loch heraus seine Waffen verhökert und dem sein Sohn nach eigenem Bekunden scheißegal ist (John Goodman spielt die Rolle im Tiefschlaf). Das Versteck der Bande wiederum ist ein versifftes Rattenloch, in dem das Equipment zur Crackherstellung das einzige dekorative Element ist. Auch Wans größter gestalterischer Wurf – die Parallelisierung von Humes Familie und der Gang -, aus der DEATH SENTENCE seinen erzählerischen Drive bezieht und die den Plot antreibt, ist letztlich alles andere als subtil.

Diese Mängel lassen sich aber auch anders werten: Wan geht es nicht allein um den Sündenfall desdeath_sentence_111 unbescholtenen Bürgers oder um eine gesellschaftliche Dystopie. Im Kern seines Films stehen die archaischen Triebe, die der Verlust der Familie freisetzt, passend zur Tagline des Films: „Protect what’s yours“. Die zivile Fassade bröckelt beängstigend schnell, wenn man uns etwas wegnimmt, was uns gehört. Dann sind die ganze über Jahrtausende entwickelte Vernunft und Intelligenz nichts mehr wert, weil uns dann doch wieder der nackte Blutdurst packt, der uns unsere Bildung und all die klugen Sätze, die wir vor uns hersagen, wenn es uns gut geht, vergessen lässt. Wenn wir diesem Blutdurst und Rachehunger nachgeben, ist es nur noch ein kleiner Schritt in die Steinzeit. Hume verliert schließlich seine ganze Familie, weil er vergisst, dass auch seine Feinde durch Blutsbande verknüpft sind und jeder Gewaltakt eine Vergeltungsaktion unweigerlich nach sich zieht. So gelesen geht Wans DEATH SENTENCE noch weiter als Winners Film: War der noch als düstere Prophezeiung für die spätkapitalistische Gesellschaft zu verstehen, so ist Wans Fokus weniger eng: Er fällt seine Diagnose für die ganze menschliche Rasse.