Mit ‘Jamie Blanks’ getaggte Beiträge

Der Anwalt Rob (Robert Taylor) unternimmt mit seiner französischen Ehefrau, der Künstlerin Pia (Nadia Farés), einen Angelausflug vor der Küste einer australischen Insel. Ein spontaner Abstecher in die nahe gelegenen Mangroven entpuppt sich als großer Fehler, als das Benzin ausgeht und nicht nur die Dunkelheit hereinbricht, sondern auch noch ein Sturm aufzieht. Die Suche nach Unterschlupf führt das Paar in ein heruntergekommenes Haus, das offensichtlich einer Bande von Marihuanapflanzern gehört. Als diese nur wenig später vor der Tür stehen und sich höchst unerfreut über die Eindringlinge zeigen, beginnt für Rob und Nadia eine Nacht der Demütigungen und Schmerzen …

STORM WARNING habe ich 2008 auf dem Fantasy Filmfest in einer noch nicht fertig gestellten Rohschnittfassung gesehen und seitdem schon an mehreren Orten (unter anderem in der Splatting Image) mein Loblied auf ihn gesungen. Die erste Sichtung des „richtigen“ Films hat mich jetzt in meiner Meinung glücklicherweise bestätigt: STORM WARNING ist ein exzellenter Backwood-Schocker, der dem Genre zwar nichts wesentlich Neues hinzufügt, aber auf der Grundlage der bekannten Elemente seine eigenen Akzente zu setzen weiß. Den Zivilisation-vs.-Natur-Topos des Backwood-Films wirft Blanks komplett über Bord, konzentriert sich ganz auf den Einbruch der Gewalt in ein bürgerlich-gesättigtes Leben, was er noch dadurch verschärft, dass es ein gut situiertes Ehepaar ist, das sich seiner Haut gegen versiffte Rednecks erwehren muss. Das macht den Blick frei für das, worum es Blanks eigentlich geht: STORM WARNING erzählt vom Schwinden männlicher Dominanz und zeigt deutlich auf, worin die Final-Girl-Fantasie des Slasherfilms eigentlich besteht.

Die Errungenschaften der Zivilisation haben den Mann weich gemacht. Rob wird gleich zu Beginn von Pia dafür gerügt, dass er in einem Fall klein beigegeben hat, in dem er doch eigentlich im Recht war, anstatt weiter zu kämpfen. Zwar ist er es, der wenig später den von Pia gefangenen Fisch erschlägt, während sie sich angeekelt wegdreht, aber er kann das nur, weil es zur Konvention des Angelns gehört, dass dabei Fische sterben: „That’s fishing!“, wie er sagt. Als diese Klammer später aber fehlt, Gewalt nicht mehr in einem gesellschaftlich legitimierten Rahmen stattfindet, es kein Spiel mehr ist, sondern ums nackte Überleben geht, ist Rob unfähig, die Initiative zu ergreifen. Der starke Mann entpuppt sich als handlungsunfähig, entfremdet, impotent (die Hälfte des Films verbringt er mit einem gebrochenen Bein am Boden liegend). Es ist an der Frau, das Heft in die Hand zu nehmen: Und sie tut das mit einer Entschlossenheit, die ihren Gatten wie ein kleines Kind erscheinen lässt. STORM WARNING reiht sich somit (zusammen mit Blanks ebenfalls großartigem letztem Film, dem gleichnamigen Remake von LONG WEEKEND) in den Gender-Diskurs ein, der den Vormarsch der Frau konstatiert und den Mann als Verlierer der modernen Gesellschaften sieht, weil dezidiert „männliche“ Eigenschaften nicht mehr gefragt sind und ihm keine Möglichkeiten bleiben, sich auszuleben und zu entfalten. Der Anwalt Rob ist förmlich zu Tode zivilisiert: Er kann sich aus seiner Lethargie noch nicht einmal befreien, als es um sein Leben geht. Implizit hat der Horrorfilm davon – wie erwähnt – schon oft erzählt: Aber so drastisch und deutlich wie hier, wo Pia die ihr bevorstehende – genreübliche – Vergewaltigung antizipiert und eiskalt die Schritte unternimmt, die nötig sind, um ihren Gegner an seiner verwundbarsten Stelle zu treffen, wurde das höchst selten ins Bild gesetzt. Man sollte sich STORM WARNING aber keineswegs als kopflastigen Problemfilm vorstellen: In erster Linie zielt er dorthin, wo es wehtut, ist Bauchkino vom Feinsten. Die Härte, mit der Pia Rache nimmt, ist von ganz anderem Kaliber als die infantilen Späße des Splatterkinos. Und so entlässt Blanks einen auch nicht mit der schönen Katharsis im Handgepäck, sondern mit einem reichlich mulmigen Gefühl im Magen. Ein Sturm zieht auf, sein Name ist Frau.

Auf der Seite des Schnitt gibt es einen längeren Festivalartikel von mir, in dem ich noch etwas näher auf DEADGIRL und LONG WEEKEND eingehe. Klick hier.