Mit ‘Jane Fonda’ getaggte Beiträge

Es machte irgendwie Sinn, den letzten Kongresstag mit einem Film des großen Fetischisten und Frauenverehrers des europäischen Kinos zu beginnen. Nicht nur, weil der Hofbauer-Kongress eine Zelebrierung des Fetischs „Kino“ ist, sondern auch weil wieder viele der gezeigten Filme in ihrem Blick auf die Frau entschieden fetischistische Züge hatten. Ja, selbst DIE ANATOMIE DES LIEBESAKTES dürfte mit seinem klinisch-sterilen Bild von Sex den ein oder anderen Spezialisten besonders erfreut haben. Nun also Vadim und die Fonda in einem Film, dessen Originaltitel aus der Jägersprache kommt und dessen deutsche Übersetzung DIE BEUTE nicht ganz zutreffend ist. „La curée“, das ist jener Teil des erlegten Tieres, den man den Jagdhunden zur Belohnung hinwirft. (Zu verlockend wäre es, diesen Titel nicht nur auf die im Film gezeigten Ereignisse, sondern auch auf die Beziehung Vadims zu Jane Fonda speziell und den Frauen generell zu beziehen. Aber ich bin kein Vadim-Spezialist.)

Zuerst einmal wird aber ein junger Mann den Hunden zum Fraß vorgeworfen, zumindest beinahe: Es ist Maxim Saccard (Peter McEnery) und die Hunde gehören seinem Vater, dem erfolgreichen Unternehmer Alexandre (Michel Piccoli). Als Maxim ihn damit konfrontiert, dass sie ihn zerfleischt hätten, wäre er auf der Flucht hingefallen, antwortet der nur mitleidlos: „Echte Männer fallen nicht hin.“ Mit diesem nüchternen Blick auf das Faktische betrachtet er auch seine Ehe zu der jungen Renee (Jane Fonda): Sie ist ein Requisit in seinem Leben, ein hübscher Einrichtungsgegenstand, hervorragend geeignet zum Vorzeigen beim geschäftlichen Schaulaufen. Dass da keinerlei Gefühle zwischen ihnen sprießen, die Nächte in getrennten Schlafzimmern verbracht werden und auch sonst nichts geteilt wird, ist kein Anlass zur Diskussion. Doch die Langeweile, der die junge Frau in ihrem goldenen Käfig in Paris ausgesetzt ist, trägt bald Früchte: Renee geht eine Liebesbeziehung mit Maxim ein, seines Zeichens selbst ein gelangweilter Schnösel, der nicht so recht weiß, wohin mit sich, zumal es keinerlei Grund gibt, sich in irgendeine Richtung zu entwickeln. Er hat ja alles. Die beiden verlieben sich also wie zwei Kinder, die eben noch zusammen im Sandkasten gespielt haben und jetzt merken, dass da etwas entstanden ist zwischen ihnen, die plötzlich einem geheimnisvollen Sog erliegen, der sie fortspült. Den eigenen Vater zu betrügen, übt zumindest auf Maxim einen unwiderstehlichen Reiz aus, was den Zuschauer für eine feste Beziehung schon Schwarz sehen lässt. Doch Renee ist ganz die impulsive, ihren Gefühlen nachgehende und nachgebende Frau, die alles auf eine Karte setzt. Als sie sich von Alexandre scheiden lässt, dabei ihre gesamte Mitgift aufgibt – auch sie stammt aus reichem Hause – und Maxim mit ihrer Entscheidung konfrontiert, sieht man an seinem Blick, dass es aus ist. Die Jagd ist zu Ende und mit ihr auch der Adrenalinschub. Den Braten nun auf dem Teller serviert zu bekommen, darauf hat er keine besondere Lust. Der Film endet mit dem Blick auf die von einem Sprung in eine Teich vollkommen durchnässte Renee. Eben hat sie gesehen, wie „ihr“ Maxim sich mit der standesgemäßeren Anne (Tina Aumont) verlobt hat, verstanden, dass ihr Ehemann ihr alles genommen hat. Wie ein nur aus Höflichkeit hereingebetener, aber eigentlich nicht willkommener Gast sitzt sie nun in ihrem alten Fitnessraum, der schon jetzt aussieht wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, während die männlichen Saccards unten ein gelungenes Geschäft feiern.

Zuerst hatte ich befürchtet, LA CURÉE könnte eine jener faden Ennui-Geschichten werden, in denen Mitleid mit reichen Leuten evoziert werden soll, weil ihr Leben doch so schrecklich oberflächlich und sinnlos ist. Aber Vadim schlägt sich sehr eindeutig auf die Seite Renees, die dem kaufmännischen, taktierenden Kalkül der Saccards einen optimistischen Idealismus und ihr Gefühl entgegensetzt – und sich damit zwangsläufig in eine Position begibt, in der sie ihnen hilflos ausgeliefert ist. Kann man es ihr verdenken, dass sie alles auf eine Karte setzt? Die niederdrückende Atmosphäre, die in der mit barocken Ausstellungststücken und geschmacklosen neureichen Entgleisungen eingerichteten Villa herrscht, verfliegt nur kurz einmal, als Renee und Maxim für ein gemeinsames Wochenende in die Pyrenäen fahren, aber auch dort kündigt die nasskalte Herbstatmosphäre schon das bevorstehende Ende an.

Formal macht Vadim sich in LA CURÈE mit seiner sinnlichen, aber keineswegs überbordenden, eher dunkel gehaltenen Farbpalette hingegen mit den Saccards gemein, sperrt die blonde Amerikanerin auch bildlich ein. Die grenzenlose Naivität, die Jane Fonda als Renee zur Schau trägt, wurde in der Sexutopie BARBARELLA noch heldenhaft überhöht, hier macht sie sie zur einfachen Beute für einen eiskalten Michel Piccoli, der ganz gewiss auch einen ausgezeichneten – wenn auch etwas neben der Spur liegenden – Dracula abgegeben hätte. Die Abgebrühtheit, mit der er die junge Frau an den existenziellen Abgrund führt, lässt einem einen Schauer über den Rücken laufen, und erinnert durchaus an die Verführungskünste des Vampirgrafen. Und so sitzt auch die Fonda am Ende da, wie eine seiner ausgesaugten, nur noch als Schatten durch sein Schloss laufenden Dienerinnen.

klute (alan j. pakula, usa 1971)

Veröffentlicht: Februar 24, 2010 in Film
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Von meiner Erstsichtung von KLUTE vor rund 15 Jahren ist nichts hängengeblieben, außer der Erinnerung an einen irgendwie ungemütlichen, kalten Film. Diese Erinnerung hat sich jetzt bestätigt. KLUTE erzählt zwar von einem Kriminalfall, der Suche nach einem Vermissten, die sich bald als die Suche nach dem Mörder dieses Vermissten herausstellt, mehr aber noch von seelischer Verkrüppelung, von Isolation und Einsamkeit inmitten einer Großstadt, vom masochistischen Drang, sich zu verletzen, anstatt gut zu sich selbst zu sein, der Unfähigkeit, das eigene Leben zum Positiven zu wenden, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Tief drinnen in Pakulas Film steckt auch ein Film Noir: Da ist der Private Eye, der einen Mörder sucht, aber noch mehr sich selbst, eine attraktive, aber möglicherweise auch (für Männer) gefährliche Frau, eine Metropole, in der Menschen verschwinden und deren Glanz trügerische Tarnung für die zahlreichen Fallen ist, die sie bereithält. Schwärze und Schatten dominieren die Bilder, denen das dezidiert Expressionistische des Noir jedoch vollkommen abgeht, die paradoxerweise von geradezu erschütternder Klarheit sind. Während der Noir das Innenleben seiner Protagonisten nach Außen kehrt, da geht Pakula in KLUTE eher aufklärerisch vor: Er macht kein Geheimnis daraus, dass ihn nicht der Kriminalfall, sondern die Figuren und deren psychische Disposition interessieren.

Aber es ist kaum weniger unheimlich, was er zu Tage fördert: die emotionale Verkarstung des Callgirls Bree (Jane Fonda), die so gut darin ist, Männern etwas vorzuspielen, dass sie sich ihr falsches Glück fast selbst abkauft, aber einfach keinen Job als Schauspielerin findet; die wortkarge Verklemmtheit Klutes (Donald Sutherland), der wie ein Stalker in einem mit Fotos von Bree dekorierten Kellerloch sitzt und sich nicht dagegen wehren kann, das lachhafte Klischee zu bedienen, indem er sich in das Objekt seiner Ermittlungen verliebt: eine Frau, die noch dazu gar nicht in der Lage ist, zu lieben.

Aber Pakula hat mit KLUTE keine Thesenkino gemacht, er bietet keine Moral von der Geschichte. Auch das macht diesen Film so unheimlich: Dass er die Fakten ausbreitet, kaum Fragen übrig lässt und einen mit den Antworten allein lässt. Das ist ja auch die Erkenntnis aus dem Film: Dass wir allein sind, egal wie viele Menschen sich um uns tummeln, und wir uns noch nicht einmal selbst richtig kennen. Und dann noch diese Musik … Eisig.

coming home (hal ashby, usa 1978)

Veröffentlicht: November 21, 2009 in Film
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Captain Bob Hyde (Bruce Dern) kann es kaum erwarten, in Vietnam die Werte der westlichen Welt zu verteidigen. Nach seiner Abreise meldet sich seine Ehefrau Sally (Jane Fonda) als freiwillige Helferin in einem Krankenhaus für Kriegsversehrte – wohl nicht zuletzt, um sich darauf vorzubereiten, auch bald einen Invaliden versorgen zu müssen. Im Krankenhaus lernt sie den querschnittsgelähmten Luke Martin (Jon Voight) kennen, der ganz anders ist als Bob, weil er erkannt hat, dass der Krieg eine große Lüge ist, mit der der Staat die Hoffnungen und  Träume junger amerikanischer Männer gezielt ausnutzt. Sally und Luke verlieben sich – doch über ihrer Liebe schwebt das Datum der Rückkehr von Bob …

Hal Ashbys Film zählt zur ersten Welle der Vietnamkriegsfilme und ist zudem der bekannteste der so genannten Heimkehrerfilme: Filme, die sich mit den Schwierigkeiten der Veteranen bei der Rückkehr in die heimische Normalität befassen. Was COMING HOME auszeichnet, ist dass er trotz seiner zeitlichen Nähe zu den geschilderten Ereignissen ein großes Maß an Differenziertheit aufbringt. Anstatt einseitig gegen den Krieg und seine Protagonisten zu polemisieren, bietet er mit Luke und Bob zwei Charaktere an, die sich zwar hinsichtlich ihrer Einstellung zum Krieg kaum stärker unterscheiden könnten, denen er jedoch gleichermaßen Verständnis und Sympathie entgegenbringt. Bob ist kraft seiner Persönlichkeitsstruktur von der charakterbildenden Funktion des Krieges überzeugt, es ist für ihn das Ereignis, in dem der moderne Mann zum sprichwörtlichen Mann werden kann. Luke, ehemaliger Held seiner Highschool-Footballmannschaft, ist mit denselben Vorstellungen in den Krieg gegangen und als Krüppel und Mörder zurückgekehrt.

Die Tagline des Films hilft, den Kern des Films zu verstehen: „A man who believed in war! A man who believed in nothing! And a woman who believed in both of them!“ Hal Ashbys COMING HOME ist nicht nur ein Film über das Vietnamtrauma, sondern auch über männliches und weibliches Prinzip im Rahmen moderner Gesellschaften: Während der Mann als Getriebener gezeichnet wird, der immer unter dem Druck steht, sich beweisen zu müssen, der beste und stärkste sein zu müssen, und sich damit oft selbst zerstört, ist es das heilende, offene, verständnisvolle und auch mütterliche Wesen Sallys, das Hoffnung stiftet, Linderung verspricht und Einheit schafft. Sallys Liebe zu Luke und die zu ihrem Mann ist nicht körperlich, sondern spirituell zu verstehen: An ihrer Ehe zweifelt sie trotz der Beziehung zu Luke keine Sekunde. Doch Bob, der an männliche Eigenschaften wie Stärke wohl auch deshalb glaubt, weil er selbst eher feminin ist – dass er mit einer Schusswunde aus dem Krieg zurückkehrt, die er sich aus Versehen selbst zugefüht hat, begreift er als Schande –, der nicht in der Lage ist, sich seiner Frau anzuvertrauen, sich zu öffnen und Schwäche einzugestehen, kann mit dem Wissen, dass da ein anderer Mann war, nicht leben.

Hal Ashby gehört zu den  New-Hollywood-Protagonisten der zweiten Reihe und wird speziell in Europa gern vergessen. Seinen wohl berühmtesten Film, HAROLD & MAUDE, verbindet man kaum mit seinem Namen. Das ist schade, denn jeder seiner Filme – etwa THE LAST DETAIL, SHAMPOO oder BEING THERE – ist immens sehenswert und zeugt von großem inszenatorischen Geschick, Intelligenz und Gefühl. Das alles gilt auch für COMING HOME.