Mit ‘Janine Reynaud’ getaggte Beiträge

Die Biografie Adrian Hovens ist eine der interessanteren Geschichten des vergangenen deutschsprachigen Kinojahrhunderts. Der gutaussehende Österreicher stieg nach dem Krieg zu einem der beliebtesten Darsteller auf, stand in Heimatfilmen, Romanzen, Melodramen und Abenteuerfilmen vor der Kamera und eroberte die Herzen der weiblichen Zuschauer. In den Sechzigerjahren absolvierte er dann sein Regiedebüt, den großartigen Wien-Krimi DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL, bevor er dann als Co-Produzent und Akteur einiger Jess-Franco-Filme (u. a. SADISTEROTICA und NECRONOMICON) offensichtlich Freude am Exploitationfilm fand. Er drehte flugs seinen eigenen Beitrag, den mit den Franco-Regulars Janine Reynaud, Howard Vernon und Michel Lemoine besetzten IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE, bevor dann endgültig jede Zurückhaltung über Bord geworfen wurden. Es folgten Lubowskis Sleazer SÜNDE MIT RABATT, bevor Hoven mit HEXEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT einen Riesenhit landete, dem er, ganz Geschäftsmann, ein Sequel mit dem subtilen Titel HEXEN – GESCHÄNDET UND ZU TODE GEQUÄLT hinterherschob. Andere hätten an dieser Stelle den logischen Schritt zum Pornofilm vollzogen, Hoven landete stattdessen bei Fassbinder, für den er bis zu seinem Tod 1981 noch in etlichen Filmen/Serien mitwirkte, darunter WELT AM DRAHT, MARTHA, FAUSTRECHT DER FREIHEIT, SATANSBRATEN, BERLIN ALEXANDERPLATZ und LILI MARLEEN.

Geht es nach Will Tremper eine weggeworfene, verschwendete Karriere, aber hier sind wir in der glücklichen Lage, nicht die eine Art Kino gegen eine andere ausspielen zu müssen. Und deshalb bin ich der Meinung, dass wir uns den Filmemacher und Schauspieler Hoven als glücklichen Menschen vorstellen müssen, der gemacht hat, worauf er gerade Bock und der dabei wahrscheinlich seinen Spaß hatte – auch wenn nicht die große Kunst seine Triebfeder war, sondern der Geldbeutel. Schade, dass sich dieser Spaß bei IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE, auf den ich mich sehr gefreut hatte, nicht so wirklich auf den Betrachter übertragen mag. Ja, der Film ist ein wunderbares Zeitzeugnis, atmet die zigarrenrauch-geschwängerte Luft der späten Sechziger, als Dekadenz noch so eine eichenholzschrankwandartige-zigarettenetuieske Bürgerlichkeit hatte, die nach Polyboy und verschwitzten Polyester-Rollis roch. IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE ejakuliert vorzeitig, nämlich in seinen ersten zehn Minuten, die eine wirklich unfassbare Party zeigen, bei der sich die feine Gesellschaft in einer zirkelförmigen Polonäse ergeht, versumpft dann aber leider zwischen ausgedehntem Material einer Herzoperation und einigen wenig aufregenden Softsex-Szenen. Inhaltlich versucht sich Hoven an einer mit Gothic Horror-Motiven aufgebrezelten Adaption von Conrad Ferdinand Meyers Ballade „Die Füße im Feuer“, der es aber angesichts der Unterambitioniertheit des Ganzen an emotionaler Durchschlagskraft entschieden mangelt. Mag sein, dass der Film unter anderen Rahmenbedingungen eine Kraft entfaltet, die ihm gestern, als ich ihn allein und weitesgehend nüchtern „genoss“, abging: Für das richtig große Fest ist er nicht entfesselt genug, aber als ernster Horrorfilm funktioniert er logischerweise auch nicht. Das endlose Abfeiern von ekligem, aber ehrlich gesagt auch strunzlangweiligem OP-Footage trägt auch nicht gerade zur Erbauung bei. Das mag 1968 ja noch für einen kleinen Skandal gereicht haben, aber heute ist es einfach nur stählern, das mitansehen zu müssen. Naja. Immerhin nicht ganz so schlimm wie das Wahlergebnis heute.

2005102388788_artikel[1]Ich habe NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN nicht verstanden. Einigermaßen erleichtert nahm ich daher zur Kenntnis, dass der unvergleichliche Jess Franco selbst keine Ahnung hatte, wovon sein Film eigentlich handelte, sich eher von spontanen Eingebungen und visuellen Einfällen treiben ließ. Der große weltweite Erfolg, den er mit dem Film landete, überzeugte ihn davon, dass ein Publikum einen Film nicht kognitiv erfassen können muss, um ihn zu mögen. Er muss sie visuell fesseln, sich mit Bildern bei ihnen einbrennen. Und eindrucksvolle Bilder hat NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN tatsächlich reichlich, sodass an seiner von Godard entlehnten Behauptung durchaus etwas dran sein könnte. Andererseits liegt der Verdacht nahe, dass die Kinogänger von der nackte Tatsachen und scharfe Sexpraktiken verheißenden Werbung in seinen Film gelockt wurden und ihn nach knapp 80 Minuten reichlich verdattert wieder verließen.

Versuch einer Zusammenfassung: Lorna Green (Janine Reynaud) arbeitet als Künstlerin in einem Berliner Nachtklub, wo sie auf der Bühne in bizarren SM-Inszenierungen als dominante Bestraferin auftritt. Ein Mann namens Pierce (Michel Lemoine) behauptet, sie „geschaffen“ und zu einer perfekten Verkörperung des Bösen gemacht zu haben. Ein anderer Mann (Jack Taylor) hat sie in Lissabon kennengelernt und ist mit ihr zusammen. In wilden Träumen unterhält sie sich mit ihrem Psychiater (Adrian Hoven) und sucht ein Schloss auf, in dem sie einem Admiral (Howard Vernon) begegnet und mit ihm seltsame Assoziatonsspiele spielt. Wenig später sieht sie bei einer öffentlichen Aufbahrung seinen übel zugerichteten Leichnam. Auf einer Party wird ihr und den anderen Gästen von einem Zwerg LSD verabreicht, woraufhin man über sie herfällt. Eine blonde Frau wird von Lorna in das Schloss gelockt, dort in eine Schaufensterpuppe verwandelt und schließlich ebenso von ihr ermordet. Ihr Geliebter plant schließlich mit Pierce, die unkontrollierbar gewordene Lorna aus dem Weg zu räumen, doch seltsamerweise überlebt sie das Attentat und bringt dann ihrerseits ihren untreu gewordenen Partner um.

I’m at a complete loss: Ja, einige Handlungsfragmente deuten darauf hin, dass der Film eine Reise in das Unbewusste einer schizophrenen oder paranoiden Frau darstellt. Der Hinweis auf eine erfolglos verlaufene Therapie, das Verschwimmen von Traum und Realität, das Einbrechen realer Ereignisse in die Sphäre des Traums sind nur die markantesten Anhaltspunkte für diese Annahme. Doch selbst wenn man sich an diese naheliegende Interpretation klammert, bleibt NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN kryptisch, wenn nicht gar hermetisch, läuft nicht auf einen narrativen Endpunkt zu, sondern versandet irgendwie in einem nicht näher definierten Nichts. Die sinnliche Fotografie von Franz X. Lederle, der alles mit einem gleißenden Schleier aus mediterranem Licht umhüllt und die Farben förmlich explodieren lässt (das kann natürlich auch der der mir vorliegenden DVD von Blue Underground liegen), ist sicherlich das prägnanteste formale Charakteristikum des Films und wesentlich für dessen entrückte, schlafwandlerische Atmosphäre verantwortlich. Zusammen mit der Musik von Friedrich Gulda und den gespreizten, artifiziellen Dialogen, die eher an moderne Lyrik als an gesprochene Worte erinnern, verhindern sie aber auch ein echtes Eintauchen in und die Anteilnahme am Film. NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN ist wohl auch ein Produkt der zur damaligen Zeit kursierenden Hippie-Ideale (siehe die LSD-Party), das die Identifikation für den heutigen Zuschauer massiv erschwert, ja ihn geradezu ausschließt, wenn er mit der damaligen Rhetorik nicht vertraut ist. Mir liegt der böse Vorwurf der Prätentiosität auf der Zunge, die Einschätzung des Films als artsy-fartsy, als schön und rauschhaft zwar, aber auch als unangenehm solipsistisch und verblendet. „Nehmt den Hippies die Kamera weg!“, sagte Lukas Foerster dazu treffend anlässlich der Sichtung des ähnlich gelagerten LA PHILOSOPHIE DANS LE BOUDOIR beim Hofbauer-Kongress im Januar. Dass Franco – gern mal etwas überschwänglich – im Interview anführt, sein Film sei kurz nach Veröffentlichung in Psychologievorlesungen deutschen Universitäten als Anschauungsmaterial vorgeführt und für die präzise Darstellung paranoider Wahnvorstellungen gelobt worden, passt zur von mir kritisierten self-importance des Films, der Wahrheitsgehalt seiner Aussagen scheint mir aber, ehrlich gesagt, dennoch eher unwahrscheinlich. Vielleicht bin ich angesichts der Vorstellung, dass in den Sechzigerjahren Franco-Filme an der Uni gezeigt wurden, aber auch nur neidisch.

Fazit: Nicht ohne ästhetischen Reiz, aber für Franco-Verhältnisse erstaunlich verkopft und anstrengend. Zum jetzigen Zeitpunkt not quite my cup of tea.  Für Franco-Aficionados und solche, die es werden wollen, ist der Film aber dennoch bedeutsam: Es war der erste Film, den der Spanier komplett außerhalb seiner Heimat drehte, und er stellte die erste Zusammenarbeit mit Jack Taylor und Janine Reynaud dar.

 

Weil ihr Ehemann bei einem Flugzeugunglück ums Leben kommt, erhält seine jüngere Ehefrau Lisa (Ida Galli) von der Versicherung eine Million, die sie in Athen in Empfang nimmt. Lara Florakis (Janine Reynaud), die Geliebte von Lisas Gatten, hat etwas dagegen und hetzt der jungen Frau einen Typen namens Sharif (Luis Barboo) auf den Hals. Ihr zur Hilfe kommt Peter Lynch (George Hilton), doch auch der kann ihren gewaltsamen Tod letztlich nicht verhindern. Gemeinsam mit der Reporterin Cléo Dupont (Anita Strindberg) versucht er, den Mörder zu stellen – auch weil er selbst als einer der Verdächtigen gilt …

LA CODA DELLO SCORPIONE ist zwar nur ein mittelmäßiger Giallo, aber er ist ganz hilfreich, um die Querverbindung zu Hitchcocks PSYCHO als wichtigem Einfluss für das italienische Thrillergenre zu ziehen. Als Hitchcocks Film damals erschien, setzte er neue Maßstäbe hinsichtlich der Inszenierung von Gewalt, er führte die Psychologie als offenliegenden Bezugsrahmen in den Thriller ein und unterzog das Genre einer Sexualisierung: Aspekte, die im Giallo auf die Spitze getrieben wurden. Martino übernimmt von PSYCHO außerem noch den dramaturgischen Clou, die vermeintliche Hauptfigur nach einem Drittel aus dem Film zu nehmen. Lisa agiert bis zu ihrem Tod in jeder Szene und ihr Tod wird mit heftigen Splattereffekten dann auch als besonders einschneidend inszeniert. Doch so richtig überraschend kommt ihr Tod nicht: Erstens muss in einem Giallo nunmal irgendwann jemand ins Gras beißen und zweitens tragen die Credits, die die bis zu Lisas Tod noch überhaupt nicht aufgetretene Anita Strindberg als Hauptdarstellerin listen, auch nicht gerade dazu bei, dass man als Zuschauer bereit ist, sein Herz bedingungslos an die etwas fade Lisa zu hängen. LA CODA DELLO SCORPIONE ist Giallo auf Autopilot: von Martino gewohnt versiert, aber auch etwas uninspiriert inszeniert, mit seiner absurden Zahl aus den unmöglichsten Perspektiven gefilmter Szenen zwar immer schön anzusehen und dank Bruno Nicolais Score auch anzuhören, aber von den Mordszenen, in denen ordentlich auf die Tube gedrückt wird – es gibt eine tolle Zeitlupensequenz und ein paar sehr happige Schlitzereien –, und jenen sparsam aber effektiv verteilten Momenten, in denen die wunderschöne Strindberg blank zieht, einmal abgesehen, auch ziemlich langweilig. Ein typischer Mittelklase-Giallo halt, den ich vielleicht besser gefunden hätte, wenn ich nicht zuvor so viele so viel bessere Genrevertreter geschaut hätte; bezeihungsweise solche, die neben ihrer avancierten Bildgestaltung eben auch sonst spannend sind. Und um diesen natürlichen Abnutzungserscheinungen etwas vorzubeugen, unterbreche ich meine Gialloreihe jetzt mal kurz und schaue was ganz anderes.

Ich habe keine Ahnung, worum es in dem Film eigentlich ging. Irgendwas mit einem durchgeknallten Künstler namens Klaus Tiller, der seinen Gehilfen Morpho – das fehlende Glied zwischen Dreitagebart und Werwolf – losschickt, um schöne Frauen zu rauben, die ihm dann als Vorlagen für seine blutrünstigen Gemälde dienen oder mit viel Mörtel beschmiert als Stauen enden. Zwei weibliche Detektive, Diana (Janine Reynaud) und Regina (Rosanna Yanni), ermitteln in der Sache und kommen dem Bösewicht schließlich auf die Schliche.

Selten hat Indifferenz so viel Spaß gemacht: Zwar ist die Geschichte nun wirklich alles andere als neu oder gar besonders anspruchsvoll, trotzdem konnte ich den Irrungen und Wirrungen des Plots schon nach kürzester Zeit nicht mehr folgen. Aber wen interessiert schon der Plot, wenn es so viel zu gucken gibt? Allein der Luxusleib von Rosanna Yanni in verschiedenen raffiniert geschnittenen Exponaten psychedelischer Mode hält das Interesse über die schnittige Laufzeit von knapp 76 Minuten wach, und wenn dann noch Jess Franco seinen obligatorischen Auftritt als trotteliger Kunsthändler Napoleon Bolivard absolviert, erotische Tanzeinlagen den Ausflug in den Beatschuppen garnieren, Chris Howland als depperter Interpol-Beamter Francis MacClune unter dem Decknamen „James Bond“ im Hotel eincheckt und die Übeltäter ein diabolischer Herr mit Augenklappe und besagter Wolfsmensch namens „Morpho“ – Francophile horchen auf – sind, muss man sich nur zurücklehnen, entspannen, die Augäpfel justieren und sich vielleicht einen leckeren Drink greifen, um glücklich zu sein. Hätte es noch ein par Szenen mehr von Rosanna Yanni im an Bavas DANGER: DIABOLIK gemahnenden Superheldenkostüm gegeben, es wäre kaum zum Aushalten gewesen. So bleibt ein schöner, psychedelischer Hippie-Franco irgendwo zwischen EUGENIE und VAMPYROS LESBOS. Gutes Einsteigermaterial.

EDIT 13.02.2016: Bei der Zweitsichtung im Rahmen des monatlichen Mondo-Bizarr-Kinoevents gefiel mir SADISTEROTICA noch eine ganze Ecke besser als beim ersten Mal. (Und was ich damals für Verständnisprobleme hatte, kann ich kaum noch nachvollziehen.) Auf 35 mm in nur leicht rotstichiger, aber immer noch schön farbenfroher Kopie, darüber hinaus in der deutschen Synchro, die den eh schon reichlich ausgelassen-albernen Film adäquat mit verbalem Froh- bis Unsinn unterstützt, ist das wunderbar flüchtige Glück, das einem da entgegenströmt, kaum in Worte zu fassen. Das Publikum sah das offensichtlich ganz genauso und hatte hörbar viel Vergnügen mit der albernen Detektivposse. Wäre schön, wenn ein paar Zuschauer zur Francophilie bekehrt worden wären.