Mit ‘January Jones’ getaggte Beiträge

Ich mache hier nach LAW ABIDING CITIZEN mal weiter mit den Rachefilmen – auch wenn SEEKING JUSTICE zugegeben etwas aus dem Rahmen fällt und einen anderen Weg einschlägt, als ich erwartet hatte. Der Film passt trotzdem ganz gut rein, weil er meine zuletzt geäußerte Behauptung, der Rachefilm habe sich in den letzten zehn, zwanzig Jahren vom kleinen, zyklisch wiederkehrenden Subgenre zu einem dauerhaften Standard des Thrillers und Actionfilms entwickelt, bestätigt. Und er steht exemplarisch für einen weiteren auffallenden Trend: Das Subgenre ist zu einer wichtigen Spielwiese für ehemalige Superstars geworden, die sich in der zweiten Hälfte ihrer Karriere befinden. Der Rachefilm ist nicht zuletzt ein Alternde-Männer-Film. Warum? Wahrscheinlich weil es beim Rachefilm um den Zusammenbruch fest gefügter Überzeugungen und Lebensentwürfe, um die tiefe Zäsur. Hier werden gestandene Männer auf die Probe gestellt und in ihren Grundfesten erschüttert. Das funktioniert mit Jungspunden einfach nicht so gut.

Bevor SEEKING JUSTICE scharf abbiegt (und zwar ausnahmsweise mal nicht rechts, haha) beginnt er geradezu idealtypisch: Der Lehrer Will Gerard (Nicolas Cage) ist glücklich mit seiner Gattin Laura (January Jones) verheiratet, als eines Tages das Schicksal zuschlägt und sie auf dem Nachhauseweg überfallen und vergewaltigt wird. Noch im Wartezimmer des Krankenhauses nimmt ein Mann namens Simon (Guy Pearce) Kontakt zu Will auf, bietet ihm an, die Strafe des ihm bereits bekannten Täters zu übernehmen. Nach kurzem Zögern nimmt Will das Angebot an, erhält wenig später tatsächlich den Beweis in Form eines Fotos des toten Verbrechers. Will ist entsetzt, auch weil er seine Entscheidung aus dem Affekt heraus traf, doch da auch seine Frau ins Leben zurückfindet, vergisst er, was passiert ist. Bis Simon wieder auftaucht und nun einen Gefallen von Will einfordert: Der Lehrer soll einen Mord an einem vermeintlichen Kinderpornografen begehen, um seine Schuld zu begleichen.

Zunächst mal: SEEKING JUSTICE ist deutlich besser, als ich es erwartet hatte, wenngleich auch kein übersehener Kracher, den man unbedingt sehen müsste. Zwar startete der Film in vielen Ländern im Kino, doch eigentlich handelt sich um den klassischen Fall eines Heimkinofilms: Die namhafte Besetzung ist glamourös genug, um ihn von sonstigem DTV-Kram abzuheben, und er ist von Ex-Hollywood-Profi Donaldson kompetent inszeniert, aber gemessen an den Eventmovies, die heute in den Multiplexen laufen, mutet er doch eher klein und auch etwas altbacken an. Nach hinten raus geht ihm zudem ein bisschen die Luft aus – wie seinem alternden Star bei den diversen fußläufigen Verfolgungsjagden. Vom handelsüblichen Rachefilm, mit dem ich gerechnet hatte, hebt er sich ebenfalls ab: Es geht nicht um die Frage, ob Selbstjustiz eine Lösung darstellt, auch nicht um den Kitzel, den der brave Bürger verspürt, wenn er plötzlich Sheriff spielt. Nie besteht ein Zweifel daran, dass Simon und die Organisation, die er im Rücken hat, böse ist und auch der Held bleibt standhaft seinen Werten und Überzeugungen verpflichtet, in denen Gewalt nicht vorkommt. Stattdessen verwickelt Donaldson seinen Protagonisten in ein Hitchcock’sches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem der arglose Mann in ein übles Komplott gerät und sich ganz gegen seine Natur zur Wehr setzen muss. Abgeschmeckt wird das Ganze mit etwas paranoider Geheimbündlerei, denn die Organisation, die die Gerechtigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hat, ist in alle Bereiche der Gesellschaft verzweigt. Das ist jetzt nicht die originellste Idee der Welt, aber es ist angenehm, dass Donaldson auf klassischen Thrill setzt statt auf wüste Gimmicks und abgeschmackte Provokationen.

Wer bei Nicolas Cage immer auf eine Lektion in Mega-Acting hofft, wird hier eher enttäuscht, denn der Star liefert eine zurückhaltende Darbietung ab, die dem Film sehr angemessen ist und all jenen, die ihn für einen gnadenlosen Overacter halten, zeigen, was seine Stärken sind: Als Will Gerard kommt Cage ungemein sympathisch und normal rüber. Gerade letzteres ist nicht unbedingt die Eigenschaft, die man als erstes mit ihm assoziiert. Einen wunderbar bescheuerten Einfall gibt es aber doch: Um Simon gegenüber zu signalisieren, dass er den „Vertrag“ wirklich eingehen will, soll Will zum Snack-Automaten des Krankenhauses gehen und zwei Schokoriegel ziehen. Die Szene, in der er das tut, wird von Donaldson ohne erkennbare Ironie als Suspense-Höhepunkt inszeniert inklusive Nahaufnahmen des zurückfahrenden Schokoriegel-Haltemechanismus und dramatischen Pausen von Cage. Man fragt sich als Zuschauer, was das soll und erwartet, dass vielleicht eine Botschaft oder ähnliches auf den Riegeln steht, aber nichts dergleichen. Das Ziehen des Snacks ist eine völlig arbiträre Handlung, genauso gut hätte Simon Will in die Hände klatschen oder „Ja, ich will“ sagen lassen können. Keine Ahnung, ob das als Witz gemeint war oder ob eine nähere Erklärung dem Endschnitt zum Opfer fiel: So oder so fand ich diesen Moment in seiner Leere einfach super. Sehr gut gefallen hat mir auch die Entwicklung von Laura nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus. Zuerst ist sie stark verunsichert, wünscht sich neue Türschlösser und dann eine Schusswaffe, was Will ablehnt. Man sieht sie, wie sie Schießunterricht nimmt und erwartet, dass ihre Entwicklung zum Paranoiker zu einem der Themen des Films wird. Stattdessen erholt sie sich dann (etwas zu schnell) und ihre neu erlernten Schießkünste kommen dann erst sehr überraschend im Finale wieder zum Einsatz, wenn sie dem Ehemann zur Hilfe kommt. Ihr merkt: SEEKING JUSTICE ist hier und da ein wenig holprig, aber es spielt dem Film tatsächlich eher in die Karten. Ein nettes Teil für Zwischendurch, gerade für Cage-Fans, Rachefilm-Komplettisten oder Freunde vergessener Hollywood-Routiniers. Kann man machen.

Das Motiv des verlorenen Gedächtnisses ist eng mit dem der verlorenen Identität verbunden und beide spielen im Thriller eine wichtige Rolle. Die Filmgeschichte ist voll mit Männern ohne oder mit falschem Namen, Männern, die zweimal lebten oder starben, aus dem Nichts kamen oder dahin zurückgingen, die nicht wussten, wer sie sind oder waren, aber alles daran setzen, das herauszufinden. Mit UNKNOWN hat Jaume Collet-Serra seine Variante gedreht und dabei zum ersten Mal mit Liam Neeson zusammengearbeitet. Betrachtet man ihre Laufbahn, die sie danach bislang immerhin noch weitere drei Male zusammenführte, scheint das eine fast schicksalhafte Fügung gewesen zu sein. Schön für die beiden, aber auch für die Zuschauer, denn alle vier Filme des Duos sind rundum empfehlenswert und nahezu makellose Mid-Budget-Spannungsware, die von mir für diese Tatsache noch einen Sympathiebonus bekommt.

Einen Bonus bekommt UNKNOWN außerdem für das winterliche Berlin, das einen wunderschönen Schauplatz liefert, und die Top-Besetzung, die nicht zuletzt mit einem herrlich knautschigen Bruno Ganz als Ex-Stasi-Beamter Ernst Jürgen aufwartet, der alte DDR-Militärfotos an der Wand hängen hat, den Satz sagt „Wir Deutschen sind Meister im Vergessen“ und nach einem wunderbaren Veteranendialog mit Frank Langella zum Zyankali greift. Es sind solche liebevollen, gut geschriebenen und realisiertn Details sowie die routinierte Hand des Regisseurs und seine geschliffene Oberfläche, die den Film weit über jenen Durchschnitt heben, dem er auf den ersten Blick anzugehören scheint.

Neeson ist der Wissenschaftler Dr. Martin Harris und er reist mit seiner Gattin Liz (January Jones) nach Berlin, um dort an einem Kongress teilzunehmen, zu dem er von seinem deutschen Kollegen Bressler (Sebastian Koch) eingeladen wurde. Weil er seinen Aktenkoffer am Flugplatz vergessen hat, muss er nach seiner Ankunft am Hotel noch einmal zurück. Doch das Taxi der Fahrerin Gina (Diane Kruger) wird in einen Unfall verwickelt und stürzt in die Spree. Zwar kann Harris gerettet werden, doch er liegt danach vier Tage im Koma und hat keinerlei Papiere, um seine Identität zu belegen. Als er ins Hotel zurückkehrt, erkennt seine Gattin ihn nicht nur nicht mehr, sie hat auch einen anderen Mann (Aidan Quinn) an ihrer Seite, der sich seinerseits als Dr. Martin Harris ausgibt – und dies auch mit Papieren, Fotos und anderen Beweisen nachweisen kann. Harris ist verzweifelt und begibt sich auf Spurensuche: Der Weg führt zur Taxifahrerin Gina, die sich bereit erklärt, ihm zu helfen. Offensichtlich wurde Harris beiseite geräumt, um Platz für einen Killer zu schaffen, der Bresslers Finanzier, den Scheich Shada, umbringen soll. Doch die Wahrheit ist noch deutlich bizarrer.

Der Twist, den UNKNOWN zum Ende hin aufbietet, ist tatsächlich mal eine ziemlich dicke Überraschung, aber beileibe nicht die einzige Stärke dieses rundum unterhaltsamen, spannenden und such visuell äußerst ansprechenden Films. Der verzweifelte Harris hetzt zwei Stunden lang durch Berlin, die Schergen eines unbekannten Auftraggebers im Nacken, liefert sich erbitterte Fights und Verfolgungsjagden, nur um am Ende ein Bombenattentat auf das Hotel Adlon verhindern zu müssen. Akteure wie die oben genannten Ganz und Langella verleihen dem Film Gravitas und Würde und rücken ihn noch weiter in die Nähe der großen Vorbilder, denen er ganz ohne Zweifel nacheifert. Neeson, das muss man mal so einfach sagen, ist vielleicht nicht der vielseitigste Darsteller unter der Sonne, aber für diese Rollen wie gemacht: Er wirkt immer ein bisschen durchschnittlich, er hat diesen traurigen Hundeblick, sodass man mit ihm mitfühlt, ist aber dann wieder kantig genug, um auch in den zupackenden Momenten glaubwürdig zu sein: Dass Collet-Serra sich durchaus auch auf die physische Seite des Thrillers versteht, schadet auch nicht. Diane Kruger hat einen etwas undankbaren Part abbekommen, spricht in der deutschen Synchro zudem mit einem dämlichen Jugo-Akzent (sie spielt eine illegale Immigrantin) und hat ihrer Garderobe danach gleich noch einmal für Fatih Akins AUS DEM NICHTS verwendet. Aber auch sie bringt natürlich Klasse mit und trägt dazu bei, dass UNKNOWN ohne Abstriche empfehlenswert ist. Ich schließe hier und sage: Nicht lesen, gucken!