Mit ‘Jason Miller’ getaggte Beiträge

Dieser Tage schnappte ich irgendwo die Nachricht auf, dass sich IT, die aktuelle Verfilmung von Stephen Kings Roman, anschicke, Friedkins über 40 Jahre alten THE EXORCIST als erfolgreichsten Horrorfilm aller Zeiten abzulösen. Ob ihm das mittlerweile gelungen ist, weiß ich nicht, aber darum soll es hier auch nicht gehen. Vielmehr finde ich es ziemlich beeindruckend, wie lange sich Friedkins Klassiker behaupten konnte: Es sind in den Jahrzehnten nach ihm ja nicht gerade wenige Horrorfilme entstanden, darunter einige, die als große Klassiker gelten und ihren Machern dicke Geldbörsen verschafften. Trotzdem reichte keiner an Friedkins Werk heran. Für den Horrorfilm nimmt THE EXORCIST darüber hinaus einen ganz ähnlichen Stellenwert ein wie Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY fünf Jahre zuvor für das Science-Fiction-Genre: Es ist der Film, mit dem das Genre, das zuvor weitestgehend als trivialer Schund für Halbwüchsige angesehen wurde, gewissermaßen rehabilitiert wurde. Es war also doch möglich, einen künstlerisch anspruchsvollen, erwachsenen Horrorfilm zu machen. (Dass es vorher schon einige gegeben hatte, hatten die Gatekeeper der Hochkultur wahrscheinlich einfach vergessen.)

Für Friedkin, der kurz zuvor mit THE FRENCH CONNECTION für Aufsehen gesorgt hatte, bedeutete der riesige Erfolg von THE EXORCIST einen gewaltigen Karrieresprung: Er konnte sich sein nächstes Projekt aussuchen und dabei aus dem Vollen schöpfen. Wir wissen, was passierte: SORCERER entpuppte sich als logistischer Albtraum und Riesenflop, von dem sich Friedkin kommerziell nie mehr wirklich erholte. Auch wenn er noch einige tolle Filme inszenierte – CRUISING, TO LIVE AND DIE IN L.A., RAMPAGE, THE HUNTED -, THE EXORCIST ist der Film, der ihm seinen Platz in den Annalen der Filmgeschichte sichert. Formal, aber auch dramaturgisch erreichte der damals 38-Jährige mit ihm eine Klasse, die innerhalb des Genres bis heute tatsächlich eher eine Ausnahme ist – und das sage ich als eingefleischter Horrorfreund, der mit THE EXORCIST bis heute so seine Probleme hat. So schrieb ich mal zu De Martinos Rip-off L’ANTICRISTO, dass ich ihn für den intelligenteren Film der beiden halte. Grund für diese Aussage ist die Tatsache, dass De Martino seine Exorzisten-Geschichte aus der Position des linksliberalen, antiklerikalen Intellektuellen erzählt, der Besessenheit für Ausdruck von Suggestion und religiösem Wahn hält, während Friedkin im Wesentlichen eine Geschichte über den ewigen Kampf von Gut und Böse erzählt: Basierend auf dem Roman des gläubigen Katholiken William Peter Blatty, der wiederum von einem realen Fall aus dem Jahr 1949 inspiriert ist, suggeriert er, dass es tatsächlich der Teufel ist, der von der jugendlichen Regan (Linda Blair) Besitz ergriffen hat, und der Exorzismus die einzige Möglichkeit, sie von dem Fluch zu befreien. Weltlichere Interpretationen kommen bei ihm zwar auch zur Sprache, aber der „wahre“ Hintergrund von Regans Besessenheit ist für ihn nicht wirklich entscheidend.

In seiner kurzen Einleitung zum 25. Geburtstag des Films, die ihm auf der BR-Disc vorangestellt ist, sagt Friekdin sinngemäß, man nehme aus THE EXORCIST mit, was man an ihn herantrage. Das ist eigentlich eine triviale Aussage, die letztlich auf jede Kunstrezeption zutrifft, aber sie harmoniert mit einer wichtigen Szene des Films: Ein Arzt, der Chris McNeil (Ellen Burstyn), der Mutter der Besessenen, keine zufriedenstellende Diagnose geben kann, empfiehlt ihr, sich an einen Exorzisten zu wenden: Der Glaube an dämonische Kräfte reiche oft aus, um die Symptome einer Besessenheit durch Autosuggestion zu erzeugen. Genau aus demselben Grund funktioniere auch ein Exorzismus: weil die „Besessenen“ an ihn glauben. Mit anderen Worten: Für die Besessenheit und den Exorzismus ist es letztlich irrelevant, ob es wirklich einen Dämonen gibt, entscheidend ist lediglich der Glaube auf beiden Seiten. Es gibt eine ganz kurze Szene, die die Möglichkeit einer Wahnvorstellung nicht nur stützt, sondern sogar zu bekräftigen scheint: Als Vater Karras (Jason Miller), ein Priester mit psychologischer Ausbildung, Weihwasser auf Regan spritzt, windet diese sich und behauptet, es brenne. Karras gesteht gegenüber Regans Mutter kurz darauf jedoch, dass es sich um ganz gewöhnliches Wasser gehandelt habe – worauf der Dämon eigentlich nicht hätte reagieren dürfen. Es sind solche kleinen Details, die Friedkins aufgeklärtere Sicht stützen, aber sie treten gegenüber dem finalen Exorzismus, bei dem den ausführenden Priestern Karras und Merrin (Max von Sydow) sogar der Leibhaftige selbst erscheint, in den Hintergrund, ziehen keine Aufmerksamkeit auf sich – wahrscheinlich, weil es Friedkin fern lag, dem Zuschauer seine Sichtweise aufzuzwängen. Dass gerade Karras, der über den Tod seiner Mutter in eine schwere Glaubenskrise geraten ist, einen Gottesbeweis herbeisehnt und ihn demzufolge auch bekommt, liegt auf der Hand. Und was soll Merrin, ein Kirchenveteran, anderes sehen als den Teufel? Friedkin handhabt dieses Thema nicht einseitiger, sondern im Gegenteil offener als De Martino. THE EXORCIST ist kein antiklerikaler Kommentar, er zeigt einfach nur. Das ist auch der Grund, weshalb ich den Film jahrelang für einen verklausulierten Gottesbeweis gehalten habe. Er positioniert sich nicht eindeutig, sondern lässt zu, dass Christen und Atheisten sich gleichermaßen in ihren Ansichten bestätigt fühlen können. Wie Friedkin das macht, ist seine wahre Meisterleistung. Und er musste mit Blatty im Nacken wahrscheinlich überaus subtil vorgehen.

Mit dieser Einsicht konnte ich zwar ein seit langem bestehendes Missverständnis ausräumen, aber ein Problem habe ich immer noch mit THE EXORCIST: Ich finde ihn trotz seines famosen Sounddesigns, seiner auch heute noch überzeugenden Special Effects, der fantastischen Kameraarbeit und seinen bahnbrechenden Einfällen nur mäßig unheimlich. Besessenheitsschocker funktionieren für mich einfach nicht, weil mir dafür der nötige Glaube fehlt. Keinen Zweifel kann es aber hinsichtlich der Klasse von THE EXORCIST geben: Der Aufbau des Films ist einfach fantastisch, die Dialoge absolut glaubwürdig und was vor allem Ellen Burstyn, Jason Miller und der großartige Lee J. Cobb – eigentlich mein Lieblingscharakter – leisten, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Revolutionär war auch der quasidokumentarische Ton, den Friedkin aus THE FRENCH CONNECTION herüberrettete und mit großem Erfolg in einem Genrefilm etablierte. THE EXORCIST fühlt sich echt an, er benötigt keine standardisierten Plotverläufe, sondern entwickelt sich ganz und gar organisch. Das gibt es heute ja fast gar nicht mehr im Hollywood-Kino: Filme, die nicht alles endlos auserzählen und sich zu Tode erklären, die es verstehen, mit Auslassungen und Ellipsen zu erzählen, ohne diese Strategie als Gimmick auszureizen.

Ob das für den Director’s Cut auch gilt, weiß ich nicht. Ich habe seine Existenz immer als einen Affront verstanden. Jahrelang beteuerte Friedkin, die Kinofassung sei der Director’s Cut, wenn er auf fehlende Szenen angesprochen wurde, dann erlag er doch den Verlockungen des Geldes. Ich fand das damals immens enttäuschend und habe mich der Langfassung bis heute verweigert. Aber wenn mir die Sichtung von THE EXORCIST etwas beigebracht hat, dann das: Es ist nie zu spät, seine Meinungen zu ändern.

 

 

 

In Washington fallen mehrere Menschen einem Mörder zum Opfer, der nach dem Modus Operandi des „Gemini-Killers“ vorgeht, der vor 15 Jahren hingerichtet worden war. Was den ermittelnden Polizisten Kinderman (George C. Scott) mehr als beunruhigt: Denn der M.O. des Killers war nie öffentlich bekannt gegeben worden. Als er in einer Nervenheilanstalt einem Patienten begegnet, der behauptet der Gemini-Killer zu sein (Brad Dourif), kommt er dem Geheimnis auf die Spur: Es scheint sich um einen Fall dämonischer Besessenheit zu handeln, in den auch Kindermans alter Freund, Father Damian Karras (Jason Miller), verwickelt war …

THE EXORCIST III ist ein Film, der in dieser Form eigentlich nicht existieren dürfte: nur eines von etlichen Beispielen auf der mittlerweile sehr stattlichen Liste von durch haarsträubende Studiopolitik zum Scheitern verurteilten Werken. Was man mit THE EXORCIST III angestellt hat, kann man kaum anders als als Sabotageakt werten – nur dass der hier nicht von der Konkurrenz, sondern von den eigenen Leuten ausgeführt wurde. Dass der Film dennoch sehr ansehnlich geworden ist, spricht für Blatty, der eigentlich seinen Bestseller „Legion“ verfilmen wollte und mit diesem Vorhaben auch den Regiestuhl bestiegen hatte. Die Studioheinis von Morgan Creek überlegten es sich kurz vor Fertigstellung aber noch einmal anders, forderten von Blatty, dass er einen Exorzismus im Film unterbringen solle, um den Film so als THE EXORCIST III, als zweite Fortsetzung jenes Kassenschlagers ins Kino bringen zu können, für den Blatty einst seinen eigenen Roman adaptiert hatte. Der Film, den Blatty unter dem Arbeitstitel LEGION inszeniert hatte, ist verloren, übrig geblieben ist ein ratloser Film, der so natürlich nicht der kommerzielle Erfolg wurde, den das Studio um jeden Preis sicherstellen wollte. Ätsch.

Natürlich merkt man THE EXORCIST III diese Form der Einmischung an: In den letzten 20 Minuten passieren Dinge, die nur wenig Anbindung an den Rest des Films haben, die ruhige, behutsame Inszenierung Blattys weicht am Schluss einem Tohuwabohu, das zwar Schockeffekte, dämonisches Geraune, einen Exorzismus und sogar einen Splatterffekt bringt, aber den Ton des Filmes sehr stört und den Zuschauer außerdem um die „richtige“ Auflösung einer Geschichte prellt, die bis zu diesem Zeitpunkt gar keinen Firlefanz nötig hatte, um zu fesseln. THE EXORCIST III ist sehr dialoglastig und baut dabei ganz auf den gegerbten Charme der Altherrenriege, die seine Darsteller bilden. Wenn Kinderman mit seinem besten Freund, Father Dyer (Ed FLanders), über das Leben und den Tod sinniert, dann hört man beiden einfach gern zu – nicht zuletzt, weil Blatty ihnen fantastische Dialogzeilen in den Mund gelegt hat. Und die Szene, in der Kinderman während einer verbalen Auseinandersetzung mit dem Klinikchef in Tränen ausbricht, gezeichnet vom Stress, von Verzweiflung und dem Schmerz, den die tagtägliche Konfrontation mit Tod und Gräueltaten auslöst, ist schockierender als aller Besessenheitsunfug, weil er mit dem Klischee des harten, abgestumpften Cops aufräumt, den Scott gewissermaßen idealtypisch verkörpert. Es gibt aber auch einige wirklich sauspannende und beunruhigende Szenen in diesem Film (etwa eine überraschende Attacke des Killers, die in einer langen statischen Totalen aufgelöst ist), dessen schlechter Leumund zwar verständlich, aber auch sehr ungerechtfertigt ist. THE EXORCIST III ist ein absolut ungewöhnlicher, origineller Horrorfilm: Und das kann ihm auch das komische Ende nicht nehmen. Im Gegenteil. Ich gehe davon aus, ihn in Bälde noch einmal zu sehen, wahrschenlich im Rahmen einer EXORCIST-Gesamtschau.

Während einer Segeltörn entlang der Küste Mittelamerikas entledigen sich die Jugendlichen um Millionärstochter Amy (Terri Garber) ihres „Aufpassers“ Sarge (Jason Miller), eines ehemaligen Soldaten. Der so begonnene Spaß endet aber abrupt, als sich eines der Kids beim Rumtollen den Kopf aufschlägt und an Land behandelt werden muss, denn im Landesinneren tobt der Kampf der Militärjunta gegen die Landbevölkerung. Plötzlich befinden sich die verwöhnten Kinder in der Gefangenschaft skrupelloser Mörder, aus der Sarge zunächst nur Amy befreien kann. Und die schmiedet wieder zu Hause den Plan, ihre Freunde rauszuhauen, weil die amerikanische Regierung auf die Lösegeldforderung der Bösewichter nicht einzugehen gedenkt …  

In Deutschland geschnitten, aber dafür mit dem wirklich fantastischen Titel SCHNITZELJAGD – TEENAGE APOCALYPSE gesegnet, ist TOY SOLDIERS – nicht zu verwechseln übrigens mit dem gleichnamigen (und ebenfalls sehenswerten) Film von Daniel Petrie jr. aus dem Jahr 1991, hierzulande als BOY SOLDIERS erschienen – ein Teenieactionfilm, wie er in dieser Form nur in den Achtzigerjahren entstehen konnte. Schon gleich mit der ersten Crediteinblendung in neongrüner Schrift vor einem jede Fototapete adelnden karibischen Sonnenuntergang fühlt man sich wie zu Hause. Ein Gefühl, das im Folgenden nicht nur durch die Farbpalette des Films aufrechterhalten wird, sondern auch durch inhaltliche Beigaben: Das unterschwellige Misstrauen gegenüber der amerikanischen Regierung und dem Großkapital, das noch jeden Actionfilm dieses Jahrzehnts befeuert hat, ist auch hier wieder vorhanden, während in den Bananenrepubliken schauzbärtige Generäle mit Zigarren ihre misanthropischen Gefühle ausleben und Horden ungewaschener Taugenichtse befehligen, die die gutmütige Landbevölkerung knechten. Doch trotz der schönen Prämisse, die eigentlich reichlich Gelegenheit für tolldreiste Actioneinlagen böte, und der stimmungsvollen Fotografie versandet TOY SOLDIERS nach der Etablierung des Konflikts. Es dauert viel zu lang, bis die Befreiungsaktion losgeht und wenn es dann endlich soweit ist, muss man angesichts der ungenutzten Möglichkeiten schon ein wenig enttäuscht sein. Auch die Akteure wissen keine echten Zeichen zu setzen: Neben dem charismatischen Jason Miller (dem Vater Karras aus THE EXORCIST) verblassen sowohl Cleavon Little als auch Tim Robbins in einer seiner frühen Rollen. Ach, das ist alles sehr schade: TOY SOLDIERS ist handwerklich sehr ordentlich gemacht, hat eine schöne Prämisse und die nötigen Production Values, um das alles ins Bild zu setzen, aber mit David Fisher einen Regisseur an Bord, dem es einfach nicht gelingt, Zug in den Film zu bringen. Wahrscheinlich wollte er nur das Beste, doch er verheddert sich in zahlreichen Szenen, die zwar allesamt gut gemeint sind, letztlich aber vor allem dafür sorgen, dass das Tempo massiv verschleppt wird. Unterm Strich bleibt ein Film, der verwundern muss: Auf dem DVD-Cover (siehe oben links) als Klamaukfilm mit POLICE ACADEMY-Anleihen ausgewiesen, entpuppt er sich als durchaus ernst gemeintes Actiondrama, das in seinen Gewaltdarstellungen zwar nicht allzu grafisch, aber trotzdem weit davon entfernt ist, den Krieg als großen Abenteuerspielplatz zu verniedlichen. In dieser zwiespältigen Zusammenführung von Teenie- und Actionfilm-Elementen, von Humor und Ernst, von Fantasy und Realpolitik ist TOY SOLDIERS durchaus programmatisch für sein Jahrzehnt, aber wahrscheinlich interessanter als filmhistorisches Dokument, denn als Actionfilm.  Vielleicht muss ich in auch einfach noch einmal sehen, wenn draußen weniger als 49 Grad Celsius herrschen.