Mit ‘Jaume Collet Serra’ getaggte Beiträge

Alles richtig gemacht mit meiner kleinen Collet-Serra-Reihe: Nicht nur, dass ich mir die Filme des Spaniers überhaupt angeschaut habe, mit RUN ALL NIGHT habe ich mir den die anderen, auch schon tollen Neeson-Kollaborationen noch einmal überstrahlenden Titel für den krönenden Abschluss aufbewahrt. Der in New York angesiedelte Gangsterfilm fällt gegenüber den drei anderen – den doch sehr homogenen UNKNOWN, NON-STOP und THE COMMUTER – etwas aus dem Rahmen: Es handelt sich um ein melancholisches Vater-Sohn-Drama im Gewand eines harten NY-Gangsterfilms, das sich sehr schön in das beliebte Subgenre eingliedert und mich aufgrund der Präsenz des fantastischen Ed Harris sehr angenehm an Phil Joanous meisterlichen STATE OF GRACE erinnerte (den ich dringend mal wiedersehen muss).

Jimmy „The Gravedigger“ Conlon (Liam Neeson) verdingte sich einst als Killer des Gangsterbosses Shawn Maguire (Ed Harris), brachte über zehn Menschen um und verlor darüber seine Familie. Seit Maguire seine kriminellen Wurzeln gekappt hat und als „legitimer“ Geschäftsmann arbeitet, ist Conlon arbeitslos und versucht, die Geister der Toten, die ihn nachts heimsuchen, mit Schnaps auf Abstand zu halten. Als Shawns Sohn Danny (Boyd Holbrook), der seinem Vater nacheifert, einen albanischen Drogendealer ermordet und dabei zufällig von Jimmys Sohn Mike (Joel Kinnaman) beobachtet wird, landet der auf Dannys Abschussliste. Jimmy kann seinen Sohn in letzter Sekunde retten, doch weil Danny dabei sein Leben verliert, schwört nun seinerseits Shawn blutige Rache. Er setzt den Killer Price (Common) auf die Conlons an, doch der ist nicht der einzige, der sie sucht: Auch der Polizeibeamte John Hardin (Vincent D’Onofrio) will Jimmy endlich hinter Schloss und Riegel bringen. Auf der Flucht kommen sich Vater und Sohn, die sich seit Jahren nicht mehr gesehen haben, näher.

Es gibt sie noch, diese Filme, die ohne Firlefanz und Pillepopp auskommen, die einen daran erinnern, warum man vor 30, 40 Jahren Filmfan wurde und ein Tape nach dem anderen in den Rekorder schob: In RUN ALL NIGHT ist fast alles noch einmal so wie damals, Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre. Klar, technisch-visuell ist Collet-Serras Gangster-Thriller mit seinen supercrispen Bildern, den Zeitrafferflügen über Brooklyn und seinen Super-Slow-Mos ein Produkt unserer Zeit (ohne mit diesen Stilmitteln aber zu übertreiben), aber erzählerisch schlägt sein Herz für die Klassiker aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Langsam, aber unaufhaltsam fallen da die ersten Dominosteine, bis sie diese Kettenreaktion auslösen, an deren Ende Jimmy Conlon seinen Frieden finden wird: Der Aufbau der Geschichte ist meisterlich und eine Sequenz wie jene, in der der väterliche Shawn den jämmerlichen Jimmy wieder aufrichtet, der sich kurz zuvor als sturzbesoffener Weihnachtsmann unmöglich gemacht hatte, ist von jenem Einfühlungsvermögen geprägt, für das heutige Genrefilme gar keine Zeit mehr zu haben scheinen. RUN ALL NIGHT ist auch ein Film über den Zeitenwandel, darüber, dass die Zeit für die alten Haudegen langsam abläuft, kein Platz mehr für ihr überkommenes Ethos ist, und sie sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, was sie ihren Kindern eigentlich hinterlassen: ein gängiges Thema des Gangsterfilms, das hier aber sehr schön mit Leben gefüllt wird. Nachdem Jimmy seinem einstigen Boss die unvermeidliche Kugel verpasst hat, nimmt er den sterbenden Freund in den Arm, der ihm noch einmal den Kopf streichelt. Sie haben nur getan, was sie tun mussten. Aber RUN ALL NIGHT begeistert nicht zuletzt als visuell schillernder Nachtfilm, als Film, der seine Konflikte innerhalb kürzester Zeit auf den Siedepunkt treibt und dann schicksalhaft auflöst, sowie als packender Reißer mit perfekt choreografierten Actionsequenzen. Hier ist vor allem der Showdown in einem nebligen Wald zu nennen, bei dem der sterbende Jimmy seinen Sohn mit einem finalen Kraftakt und einem wohlplatzierten Kopfschuss für den gnadenlosen Price das Leben rettet: Wie Collet-Serra diesen Moment inszeniert, Conlon seinen Schießprügel noch einmal mit einem eleganten Schwung durchladen lässt, bevor er dann im letzten Augenblick den tödlichen Schuss abgibt, ist für die Ewigkeit, ein Instant Classic, bei dem der Actionfan einen imaginären (oder auch echten) Fistpump ausführt, all die aufgestaute Spannung sich innerhalb von zwei, drei perfekt komponierten Sekunden fulminant entlädt.

Ein weiteres Markenzeichen von Collet-Serras „Neeson-Zyklus“ sind die schlicht brillanten Besetzungscoups, die die Liebe des Spaniers zum Kino belegen: Hier ist es neben Ed Harris ein Auftritt des schlimm abgestürzten, fast völlig aus dem zeitgenössischen Kino verschwundenen Nick Nolte, der als abgerissener Bruder von Jimmy einen Gastauftritt absolviert, für den er gar nicht viel mehr machen muss, als seine in die Jahre gekommene, bärtige Charakterfresse ins Bild zu halten und diese von Whiskey und Kippen ramponierten Stimmbänder in Schwingung zu versetzen. All diese Eigenschaften machen RUN ALL NIGHT zu einem Kleinod, einem raren, schillerndern Juwel, das – ich muss das so deutlich sagen – in diesen unseren Zeiten nahezu konkurrenzlos ist. Ganz, ganz groß.

Das Motiv des verlorenen Gedächtnisses ist eng mit dem der verlorenen Identität verbunden und beide spielen im Thriller eine wichtige Rolle. Die Filmgeschichte ist voll mit Männern ohne oder mit falschem Namen, Männern, die zweimal lebten oder starben, aus dem Nichts kamen oder dahin zurückgingen, die nicht wussten, wer sie sind oder waren, aber alles daran setzen, das herauszufinden. Mit UNKNOWN hat Jaume Collet-Serra seine Variante gedreht und dabei zum ersten Mal mit Liam Neeson zusammengearbeitet. Betrachtet man ihre Laufbahn, die sie danach bislang immerhin noch weitere drei Male zusammenführte, scheint das eine fast schicksalhafte Fügung gewesen zu sein. Schön für die beiden, aber auch für die Zuschauer, denn alle vier Filme des Duos sind rundum empfehlenswert und nahezu makellose Mid-Budget-Spannungsware, die von mir für diese Tatsache noch einen Sympathiebonus bekommt.

Einen Bonus bekommt UNKNOWN außerdem für das winterliche Berlin, das einen wunderschönen Schauplatz liefert, und die Top-Besetzung, die nicht zuletzt mit einem herrlich knautschigen Bruno Ganz als Ex-Stasi-Beamter Ernst Jürgen aufwartet, der alte DDR-Militärfotos an der Wand hängen hat, den Satz sagt „Wir Deutschen sind Meister im Vergessen“ und nach einem wunderbaren Veteranendialog mit Frank Langella zum Zyankali greift. Es sind solche liebevollen, gut geschriebenen und realisiertn Details sowie die routinierte Hand des Regisseurs und seine geschliffene Oberfläche, die den Film weit über jenen Durchschnitt heben, dem er auf den ersten Blick anzugehören scheint.

Neeson ist der Wissenschaftler Dr. Martin Harris und er reist mit seiner Gattin Liz (January Jones) nach Berlin, um dort an einem Kongress teilzunehmen, zu dem er von seinem deutschen Kollegen Bressler (Sebastian Koch) eingeladen wurde. Weil er seinen Aktenkoffer am Flugplatz vergessen hat, muss er nach seiner Ankunft am Hotel noch einmal zurück. Doch das Taxi der Fahrerin Gina (Diane Kruger) wird in einen Unfall verwickelt und stürzt in die Spree. Zwar kann Harris gerettet werden, doch er liegt danach vier Tage im Koma und hat keinerlei Papiere, um seine Identität zu belegen. Als er ins Hotel zurückkehrt, erkennt seine Gattin ihn nicht nur nicht mehr, sie hat auch einen anderen Mann (Aidan Quinn) an ihrer Seite, der sich seinerseits als Dr. Martin Harris ausgibt – und dies auch mit Papieren, Fotos und anderen Beweisen nachweisen kann. Harris ist verzweifelt und begibt sich auf Spurensuche: Der Weg führt zur Taxifahrerin Gina, die sich bereit erklärt, ihm zu helfen. Offensichtlich wurde Harris beiseite geräumt, um Platz für einen Killer zu schaffen, der Bresslers Finanzier, den Scheich Shada, umbringen soll. Doch die Wahrheit ist noch deutlich bizarrer.

Der Twist, den UNKNOWN zum Ende hin aufbietet, ist tatsächlich mal eine ziemlich dicke Überraschung, aber beileibe nicht die einzige Stärke dieses rundum unterhaltsamen, spannenden und such visuell äußerst ansprechenden Films. Der verzweifelte Harris hetzt zwei Stunden lang durch Berlin, die Schergen eines unbekannten Auftraggebers im Nacken, liefert sich erbitterte Fights und Verfolgungsjagden, nur um am Ende ein Bombenattentat auf das Hotel Adlon verhindern zu müssen. Akteure wie die oben genannten Ganz und Langella verleihen dem Film Gravitas und Würde und rücken ihn noch weiter in die Nähe der großen Vorbilder, denen er ganz ohne Zweifel nacheifert. Neeson, das muss man mal so einfach sagen, ist vielleicht nicht der vielseitigste Darsteller unter der Sonne, aber für diese Rollen wie gemacht: Er wirkt immer ein bisschen durchschnittlich, er hat diesen traurigen Hundeblick, sodass man mit ihm mitfühlt, ist aber dann wieder kantig genug, um auch in den zupackenden Momenten glaubwürdig zu sein: Dass Collet-Serra sich durchaus auch auf die physische Seite des Thrillers versteht, schadet auch nicht. Diane Kruger hat einen etwas undankbaren Part abbekommen, spricht in der deutschen Synchro zudem mit einem dämlichen Jugo-Akzent (sie spielt eine illegale Immigrantin) und hat ihrer Garderobe danach gleich noch einmal für Fatih Akins AUS DEM NICHTS verwendet. Aber auch sie bringt natürlich Klasse mit und trägt dazu bei, dass UNKNOWN ohne Abstriche empfehlenswert ist. Ich schließe hier und sage: Nicht lesen, gucken!

 

 

Ist nicht schon das brave Meistern des alltäglichen Wahnsinns eine Heldentat, die viel zu wenig gewürdigt wird? Die tolle Eingangssequenz scheint das anzudeuten: In kurzen, sich schnell abwechselnden Szenen zeigt Jaume Collet-Serra, das morgendliche Micromanagement der dreiköpfigen Familie MacCauley, das tägliche Ritual zwischen Aufstehen, Fertigmachen, Frühstücken und eben dem Zur-Arbeit-Fahren. Jeder Morgen scheint gleich, bringt aber doch immer wieder neue Aufgaben, die sich zurzeit vor allem um die Collegepläne des Sohnes drehen. Er endet mit Michaels (Liam Neeson) Einstieg in den Zug, der ihn zu seiner Arbeit nach New York bringt. Der Ex-Cop ist dort als Versicherungsmakler tätig, arbeitet hart daran, die Familie aus den Schulden zu bringen. Tag für Tag trifft er im Zug dieselben Leute: Es ist eine Gemeinschaft der Halbbekannten: Man sieht sich jeden Morgen, weiß ein paar Details über das Leben des anderen, die man während des Transfers im freundlichen Smalltalk aufgeschnappt hat, doch wenn die jeweilige Haltestelle erreicht ist, geht jeder wieder seinen eigenen Weg, jeden morgen, jahrelang, bis man sich dann abends wiedersieht. Vorausgesetzt, man wird nicht sang und klanglos gefeuert, wie es Michael passiert. Der 60-Jährige hat zwar gute Arbeit geleistet, aber er ist schlicht zu teuer, statt einer Abfindung gibt es eine kostenlosen Krankenversicherung und die üblichen Floskeln des Bedauerns. Der Familienvater ist am Boden zerstört, nicht in der Lage, die schlechte Nachricht seiner Frau zu überbringen. Und vor ihm liegt die lange Rückfahrt – auf der sich eine überraschende Lösung für seine Probleme anbietet.

THE COMMUTER ist, wie ich schon in meinem Text zu NON-STOP andeutete, eine Variation von dessen Grundkonstellation: ein kriselnder Held, begrenzter Raum, begrenzte Zeit, eine Aufgabe, die ihm alles abverlangt, ein unbekannter, anscheinend allwissender Feind mit einem genialen Plan, der darauf hinausläuft, dass MacCauley am Ende als Mörder dasteht. „Was für ein Typ sind sie?“, fragt ihn die attraktive Passagierin Joanna (Vera Farmiga), die sich ihm gegenüber als Psychologin ausgibt. SIe weiß genau, in welcher Lage er sich befindet und dass er das Angebot von 100.000 Dollar nicht ablehnen kann, die locken, wenn er an Bord des Zuges einen Passagier mit einer Tasche, deren Inhalt Diebesgut enthält, aufspürt. Natürlich verbirgt sich mehr dahinter, eine groß angelegte Verschwörung und ein Mordplan, in dem MacCauley die Rolle eines Bauernopfers zukommt. Und er muss mitspielen, denn die Unversehrtheit seiner Familie wird als zusätzliches Druckmittel eingesetzt. Während MacCauley versucht, den Passagier ausfindig zu machen, muss er gleichzeitig überlegen, was die Motivation der Täter ist und welche Rolle ihm in dem ganzen Gefüge zukommt. Es dauert nicht lang, da gibt es die ersten Toten und er ist das Hauptverdächtige, der nicht nur die Verbrecher, sondern auch das Gesetz und die anderen Passagiere gegen sich hat (wobei das hier eine untergeordnete Rolle spielt). Je näher der Zug der Endstation in Cold Springt kommt, umso weniger Zeit bleibt ihm.

Wem NON-STOP gefallen hat, der wird auch THE COMMUTER mögen, ein erneut trick- und wendungsreich konstruierter Thriller, der visuell meines Erachtens noch ein bisschen schöner geraten ist, ein kleines Meisterstückchen angesichts der Tatsache, dass ein Großteil des Films in einem nicht gerade hübschen Zug spielt. Ich finde sogar, dass das Setting des Pendlerzuges als Schauplatz eine ganze Ecke interessanter ist als das Flugzeug im Vorgänger: Mit seiner Ansammlung an müden Angestellten, die sich allesamt flüchtig kennen, bietet er ein schönes Personeninventar und zusätzliche Details, um die Geschichte anzureichern, und dann bildet der Zugthriller natürlich eh ein ganz eigenes Subgenre mit einer eigenen, langen und traditionsreichen Geschichte, das hypnotisch-enervierende Rattern im Hintergrund eine angemessene Tonuntermalung für einen Hochspannungsfilm. Seine Prämisse ist, da sollte man ehrlich sein, ein bisschen gemogelt: MacCauley ist nicht irgendein durchschnittlicher Angestellter, wie zu Beginn angedeutet wird, sondern eben ein New Yorker Ex-Cop von altem Schrot und Korn und mithin durchaus in der Lage, zum einen eine Strategie zu entwickeln, wie er die Herausforderung meistert, zum anderen es mit den Verbrechern aufzunehmen. Das Psychospielchen auf engstem Raum weicht am Ende dem großen Krawumm mit halsbrecherischen Klettereien auf dem fahrenden Zug (wobei ausnahmsweise mal nicht dessen Dach erklommen wird) und entgleisenden CGI-Waggons und mündet natürlich in den Kampf mit einem „überraschenden“ Drahtzieher, der so überraschend nicht ist, wenn man mehr als fünf Thriller gesehen hat. Aber es ist ja auch ein bisschen albern, das zu kritisieren, denn das sind nun einmal die Spielregeln solcher Filme und Collet-Serra ist nicht angetreten, das Rad neu zu erfinden.

Was ihm mit THE COMMUTER (und seinen anderen Neeson-Thrillern by the way) gelingt, ist aller Ehren wert, zumal solche mittelgroß budgetierten Thriller, die sich auf eine Tradition berufen, die viele heutige Filmemacher gänzlich vergessen haben, kaum noch eine Rolle spielen. Ich werde hier auch seine anderen beiden Filme, UNKNOWN IDENTITY und RUN ALL NIGHT besprechen, bei denen all jenen warm ums Herz werden sollte, die mit den zeitgenössischen Franchise-Monstren nicht so richtig glücklich werden und die sich sehnsüchtig an die Filme eines Peter Hyams erinnern – oder an noch weiter zurückliegende Titel.

Vier Filme hat Jaume Collet-Serra innerhalb von sieben Jahren mit Liam Neeson gemacht, der einen verlängerten zweiten Frühling als Actionstar erlebt, seitdem er 2008 mit dem Überraschungserfolg TAKEN punktete. Ich habe diese Filme noch nicht alle gesehen, aber ein Blick auf ihre Inhaltsangaben bei IMDb legt nahe, dass die Besetzung der Hauptrolle nicht ihre einzige Gemeinsamkeit ist: In UNKNOWN spielt Neeson einen Mann, der aus dem Koma erwacht, und feststellen muss, dass jemand seine Identität angenommen hat. In RUN ALL NIGHT ist er ein Profikiller, der sich innerhalb einer Nacht überlegen muss, auf welcher Seite er steht. In THE COMMUTER spielt er einen Ex-Cop und soeben gefeuerten Versicherungsmakler, der im Zug nach Hause von einer Fremden beauftragt wird, einen Mann an Bord ausfindig zu machen. Und in NON-STOP, um den es hier geht, spielt er den alkoholkranken Air Marshal Bill Marks, der in der Enge eines Flugzeugs von einem Terroristen in ein böses Spielchen verstrickt wird. Alle Filme etablieren Neeson als in die Enge getriebenen Mann, der in auswegloser Situation auf die Probe gestellt wird und sich dabei noch nicht einmal zu hundert Prozent auf sich selbst verlassen kann, und sie spielen zudem auf begrenztem Raum und innerhalb eines eng gefassten Zeitraums. (Collet-Serras Blake-Lively-gegen-den-Hai-Film THE SHALLOWS fußt auf einem ganz ähnlichen Prinzip.)

Ein bisschen erinnert NON-STOP an die High-Concept-Actionfilme, die im Zuge des Erfolgs von DIE HARD in die Kinos kamen und dessen Grundkonstellation dann lediglich mit verschieden besetzten Variablen erneuerten. Während das DIE HARD-Sequel das Nakatomi-Hochhaus durch einen Flughafen ersetzte, schickte die kurzlebige UNDER SIEGE-Reihe ihren Helden Steven Seagal erst auf ein Kriegsschiff und dann in einen Zug, SPEED spielte wiederum erst an Bord eines Zuges, dann eines Luxusliners. Aber NON-STOP ist eigentlich kein Actionfilm, er spielt eher mit den Elementen des Thrillers. Bill Marks wird von Anfang an als zerrissener Held gezeichnet, der sich in seinem Job, in dem er für die Sicherheit hunderter Zivilpersonen verantwortlich ist, kaum noch wohlfühlt. Der Start eines Flugzeugs – sein Arbeitsplatz – bereitet ihm panische Angst, er leidet unter Selbstvorwürfen, seitdem seine Tochter verstarb, sein Alkoholismus tut sein Übriges. Als er Nachrichten eines möglichen Verbrechers erhält, der mit der Ermordung Unschuldiger droht, sollten ihm nicht 150 Millionen Dollar überwiesen werden, und sich auf die Suche begibt, gerät er bald selbst in Verdacht: Denn der Täter weiß genau, wen er sich da für sein ausgeklügeltes Spielchen ausgesucht hat. Es dauert nicht lange, da hat Marks nicht nur einen gefährlichen Killer gegen sich, sondern auch die Passagiere, die Crew und seine Vorgesetzten, die alle der Meinung sind, es mit einem durchgebrannten Psychopathen zu tun zu haben. Und es kostet Marks alle Anstrengung, nicht selbst den Glauben an sich zu verlieren.

Collet-Serra holt aus der Hitchock’schen Prämisse das Optimum raus: Das Script ist packend, vollgestopft mit falschen Fährten, gut getimten Überraschungen, Twists und Zuspitzungen, Neeson perfekt als geprügelter, aber ehrlicher und verlässlicher Hund, der auch kraftvoll zubeißen kann, wenn es nötig ist, der begrenzte Raum wird perfekt genutzt. Es ist enorm viel Bewegung drin, ob das nun daran liegt, dass Marks unentwegt zwischen Cockpit, Toilette, Stewardessen-Kabuff und den beiden getrennten Passagierräumen hin und her hetzt oder weil DoP Flavio Labiano, die Kamera elegant herumwirbelt. Auch die bei THE SHALLOWS noch etwas selbstzweckhafte und aufgesetzt wirkende Masche mit den eingeblendeten Textnachrichten fügt sich hier optisch ins Bild – und macht auch erzählerisch Sinn. NON-STOP verbindet klassisches, elegantes Filmmaking mit frischen Ideen, wie man es heute nicht mehr allzu oft bekommt, und stellt so eine schöne Ausnahme auf einem Markt dar, der heute überwiegend aus marktschreierisch beworbenen und mit CGI überfrachteten „Tentpoles“ besteht. Collet-Serras Film dürfte eigentlich gar nicht gemacht worden sein – in den Neunzigern wurde ganz ähnlicher Stoff direkt auf Video verwurstet -, umso erfreulicher, dass er bei einem lachhaften Budget von „nur“ 50 Millionen Dollar weltweit einen durchaus beachtlichen Gewinn einspielte; ganz ohne sexy Hauptdarsteller, hitlastigen Soundtrack, Spielzeug-Tie-in oder fette Marketing-Kampagne im Rücken. Es geht also noch. Den Erbsenzählern sei gesagt, dass man durchaus ein Haar in der Suppe finden kann, wenn man unbedingt danach suchen möchte: Die Geschichte ist natürlich krass konstruiert, mit den immer zu erwartenden Plot- und Logiklöchern und Schurken, die immer genauso intelligent oder dämlich sind, wie es die jeweilige Situation gerade verlangt. Auch die Auflösung bzw. ihre Motivation erscheint mir als kleiner Let-down, aber das liegt vielleicht auch an mir: Schließlich gibt es ja auch Menschen, die Flüchtlingsheime anzünden oder Synagogen überfallen, weil sie sich von diesem in ihrem Deutschsein gestört fühlen – und warum sollte ein Filmschurke klüger sein als irgendein real existierender Neonazi?

 

 

 

the shallows (jaume collet-serra, usa 2016)

Veröffentlicht: September 14, 2019 in Film
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Ich liebe Haifilme: Wie könnte es anders sein, denn JAWS machte mich einst zum Filmfan. Ich muss nicht unbedingt jeden Haifilm sehen, aber wenn alle Jubeljahre mal einer rauskommt, der mit schönen Production Values auftrumpfen kann, bin ich dabei. THE SHALLOWS habe ich mir, wie auch den zuletzt mit viel Freude nachgeholten BAIT, lange vor mir hergeschoben. Für einen Haifilm muss ich einfach in der richtigen Stimmung sein und am liebsten mag ich es, wenn sich mehrere angesammelt haben, die ich dann innerhalb kurzer Zeit schauen kann. Da bin ich ziemlich genau so wie die Filmhaie, die ja auch regelmäßig von 90-minütigen Heißhungerattacken heimgesucht werden, während derer sie dann ganze Hundertschaften von Statisten und Nebenfiguren verspeisen.

THE SHALLOWS war 2016 wenn schon kein großes Ding, so doch ein ziemlich breit in den Kinos gestarteter Genrevertreter, der mit einer recht interessanten Prämisse (und einer knackigen Hauptdarstellerin) aufwarten konnte. Anstatt wieder einmal eine größere Gruppe von Menschen mit der schwimmenden Fressmaschine zu konfrontieren, ist THE SHALLOWS über weite Strecken ein Ein-Personen-Stück, das sich dem verzweifelten Überlebenskampf der Surferin Nancy (Blake Lively) widmet, die nach einer Haiattacke schwer verletzt auf einem kleinen Riff strandet, das von der kommenden Flut überschwemmt zu werden droht. Sofern sie nicht als Fischfutter für den sie belauernden Weißen Hai enden will, muss sie also rechtzeitig einen Weg finden, sich in Sicherheit zu bringen.

Jaume Collet-Serra, der sich nach seinen Anfängen mit den Horrorfilmen HOUSE OF WAX und ORPHAN in den letzten Jahren vor allem als Spezialist für Liam-Neeson-Actionfilme erwiesen hat (mit dem Nordiren drehte er UNKNOWN, NON-STOP, RUN ALL NIGHT und THE COMMUTER), baut sein Konfrontations- und Belagerungsszenario schön langsam und mit großem Gespür für die menschliche Urangst vor dem Unbekannten, das in der Tiefe lauert, auf. Das Meer der verlassenen mexikanischen Bucht (gedreht wurde THE SHALLOWS in Australien) leuchtet so verlockend wie in einem TUI-Werbespot, doch der Zuschauer weiß im Gegensatz zur Protagonistin ja bereits, dass diese Schönheit überaus trügerisch ist. Immer wieder blickt die Kamera über die sanft wogende Meeresoberfläche, die für das Auge undurchsichtig ist, gleitet dann in die Tiefe, um noch einmal die Verlorenheit der auf ihrem Surfbrett sitzenden Nancy deutlich zu machen. Der Hai tritt wie in Spielbergs Meisterwerk eigentlich erst gegen Ende wirklich grafisch in Erscheinung, aber er ist dennoch ständig präsent. Und das ist es ja, was die Situation der jungen Frau so prekär macht: dass sie eben nie genau weiß, wo das Raubtier sich befindet, dass die Bedrohung da ist, auch wenn sie sich nicht zeigt. Damit das Warten auf die Konfrontation und den unvermeidlichen Showdown nicht zu dröge wird, gibt es zuvor zwei Surfer und einen Säufer, die Bekanntschaft mit dem Tier machen: Die Angriffe sind schön wirkungsvoll inszeniert, auch wenn die CGI nicht (mehr) ganz State of the Art sind. Das betrifft auch die Szenen gegen Ende, als sich der Himmel über der Bucht verdunkelt und man ziemlich deutlich erkennt, dass sich die schöne Blake Lively nicht auf einem Riff im Meer, sondern im trockenen Studio vor einem Greenscreen räkelt. Als ähnlich unschön empfand ich die Idee, ihre Facetime-Dialoge mit Papa (Brett Cullen aus STEWARDESS SCHOOL) und Schwester mittels EInblendung des Displays im Bild zu lösen. Das ist eine etwas alberne Spielerei, die wahrscheinlich dem Wunsch geschuldet ist, ihrer Familie ein Gesicht zu geben, ohne direkt in deren Domizil schneiden zu müssen. Ich verstehe den Gedankengang dahinter, aber es wirkt ein bisschen gimmicky, sieht scheiße aus und bringt THE SHALLOWS nicht wirklich weiter. Der Film hat also definitiv seine Schwächen, etwa die Tolpatschigkeit Nancys, die sich wirklich ständig irgendwo stößt, verletzt oder schneidet, eine ist, aber ich rechne es Collet-Serra trotzdem hoch an, sich in einem knappen, straff erzählten 90-Minüter auf die Konfrontation von Schöner und Biest auf begrenztem Raum konzentriert zu haben, anstatt seine Geschicht künstlich aufzublasen und mit allerhand erzählerischem Ballast vollzustopfen. Ich mochte den im letzten Jahr gelaufenen, reichlich doofen THE MEG ja ganz gern – wie gesagt: I’m a sucker for sharxploitation -, aber er zielt mit seinem Riesenhai ziemlich an dem vorbei, was meine anhaltende Hai-Faszination bzw. -Angst eigentlich ausmacht. THE SHALLOWS hat verstanden, worum es geht, und delivert die goods. Mehr braucht es manchmal nicht.

3266_xxl[1]Nach der Fehlgeburt ihres dritten Kindes entschließen sich Kate und John Coleman (Vera Farmiga & Peter Sarsgaard) zur Adoption einer Tochter. Die kleine Esther (Isabelle Fuhrmann) erobert mit ihrer ungewöhnlichen Intelligenz und ihrem künstlerischen Talent sofort das Herz des Ehepaars. Doch dann beginnen die Probleme: Esther benimmt sich merkwürdig und offen feindselig gegenüber ihrer Mutter. Aber das ist nur der Anfang …

Horrorfilme, in denen Kinder ihren Eltern oder anderen Erwachsenen zusetzten, waren auf dem diesjährigen Festival kaum zu zählen. ORPHAN stellt den wohl größten, aber auch den „glattesten“ Beitrag dieses Trends dar. HOUSE OF WAX-Regisseur Collet-Serra ist ein sehr zugänglicher und durchaus spannender Film gelungen, aber eben auch einer, der kaum Überraschungen bietet. Ich sage „kaum“, weil der Film natürlich auf die gerneübliche große Enthüllung hinausläuft, die zwar tatsächlich recht originell ist, dem Film aber inhaltlich rein gar nichts hinzuzufügen weiß. Der vor zwei Jahren an selber Stelle gezeigte JOSHUA gleicht ORPHAN bis aufs Haar, nicht zuletzt deshalb, weil dessen Hauptdarstellerin ebenfalls Vera Farmiga hieß. So ist es kein Wunder, dass die Schauspielerin ihre Rolle sehr überzeugend interpretiert und das emotionale Zentrum eines Films darstellt, der so poliert ist, dass er ebenso schnell reinläuft wie er danach wieder vergessen ist. Lediglich ein paar kleinere Härten und Geschmacklosigkeiten sowie die angemessen unheimliche Isabelle Fuhrmann unterscheiden ihn vom vollkommen egalen Hausfrauenhorror-Mainstream, dem er eigentlich zuzurechnen ist. War aber trotzdem ganz OK.