Mit ‘Jean Cocteau’ getaggte Beiträge

La%20Belle%20et%20la%20Bete%20(Beauty%20and%20the%20Beast)_lg[1]Anlässlich meiner in Kürze erscheinenden Rezension zu Walerian Borowczyks LA BÊTE (mehr dazu demnächst) habe ich mir jetzt endlich auch einmal Cocteaus Märchenfilmklassiker angeschaut, der schon seit geraumer Zeit bei mir im Regal steht. Auch in dieser Verfilmung des  berühmten Märchens von Jeanne-Marie Leprince de Beaumont geht es um das Zusammentreffen einer Jungfrau (Josette Day) mit einem mysteriösen Tierwesen, dem titelgebenden Biest (Jean Marais), und um den in dieser Beziehung verbildlichten Konflikt zwischen menschlicher Vernunft und tierischen Trieben: um Begehren und Sex. Doch während Borowczyk das mit Bedeutung aufgeladene Bild der Bestie, die sich mit der Menschenfrau vereinigt, von seinen mythischen Konnotationen befreit und auf seinen psychologischen Gehalt zurückführt, mithin eine Strategie der „Entzauberung“ verfolgt, geht es Cocteau genau um jene. Schon der Beginn – die Credits werden mit Kreide und in Schreibschrift auf eine Tafel geschrieben – führt den Zuschauer räumlich zurück in die Schulzeit, bevor Cocteaus gesprochene Einleitung – die Aufforderung, sich für den folgenden Film seiner kindlichen Naivität zu besinnen und ihn vorurteilslos auf sich „wirken“ zu lassen -, ihn auch geistig in die Kindheit geleitet. Diese Forderung ist wohl kaum apologetisch zu verstehen: Warum sollte sich ein renommierter Künstler wie Cocteau auch rechtfertigen müssen? Vielmehr scheint dahinter das Bedürfnis zu stehen, dem Zuschauer den emotionalen Zugang zu seinem Film zu eröffnen und so letztlich auch dessen Verständnis zu erleichtern. In dieser Hinsicht verfolgen Cocteau und Borowczyk vielleicht sogar ein und denselben Zweck, sie bedienen sich dazu nur diametral entgegengesetzter Strategien. LA BELLE ET LA BÊTE ist – logischerweise – der leichtere, romantischere Film, er lebt ganz von der filmischen Realisation einer ihren eigenen Gesetzen folgenden Märchenwelt. Die Dekors und Kostüme sind prachtvoll und schwelgerisch, hinter jedem einzelnen Bild scheinen hundert weitere zu stehen, die man als Zuschauer ebenfalls noch erkunden möchte. Cocteaus Filmsprache ist ganz Poesie: Man beachte etwa die Szene, in der die Schöne zum ersten Mal das Schloss des Biests betritt und in Zeitlupe durch dessen Flure schwebt, oder jene, in der das Biest seine Geliebte die Stufen zu ihrem Schlafgemach emporträgt und dabei von einem fahlen Lichtstrahl eingefangen wird. Wollte ich diesem Film zu diesem Zeitpunkt gerecht werden, müsste ich eigentlich aufhören zu schreiben, Zeichnungen anfertigen, malen, selbst ein Märchen erzählen oder aber einfach träumen. Viele Menschen haben viele kluge Sachen über LA BELLE ET LA BÊTE gesagt, der Film ist – sehr zu Recht – ein Klassiker und einer der schönsten Märchenfilme überhaupt, aber ich kann und will jetzt, nach Erstbegegnung, nicht viel mehr über ihn sagen, als dass er sich mir noch als unüberschaubare Vielfalt darstellt, die es mir unmöglich macht, ein distanziertes Urteil über ihn zu fällen oder ihn analytisch zu zerlegen. Letzteres liefe dem Film eigentlich völlig zuwider und erschiene mir fast als Verbrechen.

urlDie Geschwister Paul (Edouard Dermithe) und Elisabeth (Nicole Stéphane) stehen in einer ungesunden Beziehung zueinander: Auf der Schwelle zum Erwachsensein gelingt es beiden nicht, sich voneinander zu lösen, ihre Kindheit hinter sich zu lassen. Diese Probleme werden durch den plötzlichen Tod der schwerkranken Mutter, der die Beiden ohne Erziehungsperson zurücklässt, noch verstärkt. Und als Paul sich dann auch noch in Agathe (Renée Cosima) verliebt, auf die auch der beste und einzige Freund Gerard (Jacques Bernard), ein AUge geworfen hat, naht die Katastrophe …

Francois Truffaut hat Melvilles Verfilmung eines Romans von Jean Cocteau einmal als „Melvilles größten Film“ bezeichnet, was durchaus einige Fragen aufwirft. LES ENFANTS TERRIBLES war erst Melvilles dritter Film, entstand unter tatkräftiger Mitarbeit des Autors selbst und lässt vor allem inhaltlich nur wenig von dem durchschimmern, was sich später als Melville-typisch herauskristallierisieren sollte. Um die Produktion des Filmes, die Rollenverteilung am Set – hier der zwar respektierte, aber doch auch noch junge Filmemacher, dort der eigenwillige und bereits arrivierte Poet, der nicht nur Vorlage, sondern auch das Drehbuch und seine Stimme zum Film beisteuerte und stets anwesend war– ranken sich Spekulationen, die auch das auf der Criterion-DVD enthaltene Featurette nicht gänzlich zu klären in der Lage ist. Melville erkennt man in der kontrastreichen Schwarz-Weiß-Fotografie, in der kühlen, beinahe surrealen Atmosphäre und der Unausweichlichkeit, mit der sich das Schicksal der Protagonisten entfaltet. Doch über diese Merkmale legt sich der expressive Stil Cocteaus wie ein Schleier: Es sind vor allem seine Voice-overs, Zitate aus seinem Buch, vorgetragen wie auf einer Lesung, mit dem vollen Bewusstsein der Schwere der Worte, die mir bei dieser Sichtung gewaltig im Weg standen und den Zugang erschwerten. LES ENFANTS TERRIBLES ist sicherlich ein wunderschön anzusehender, poetischer Film, aber er ist nicht gerade gut gealtert. Viele seiner Stilmittel wirken heute beinahe unfreiwillig komisch und forciert, der Film scheint die Klischees, die einem einfallen, wenn man an „Kunstkino“ denkt, lückenlos zu erfüllen. Seine Theatralik und Bedeutungsschwere ließen mich nur schwer Zugang finden. Doch einige dieser Schwierigkeiten sind tatsächlich reinen Oberflächenmerkmalen zuzuschreiben: Dass Edouard Dermithe deutlich älter als seine Figur ist, steht dem Gelingen von LES ENFANTS TERRIBLES nicht gerade wenig im Weg. Pauls weinerliches Gehabe – der Film beginnt damit, dass er wegen eines auf seine Brust geworfenen Schneeballs zusammenbricht – wirkt umso weniger nachvollziehbar, als sein Darsteller ein ausgesprochen gut gewachsener junger Mann ist, dem man die ihm von Cocteau zugedachte Blutarmut und Schwäche einfach nie richtig abnimmt. Schwierig.