Mit ‘Jean-Louis Trintignant’ getaggte Beiträge

Eine Überraschung: An einen Film, in dem der damals 41-jährige Curd Jürgens die knapp 20 Jahre jüngere Brigitte Bardot auf seine ihm eigene onkelhaft-schmierige Art anschmachtet, hatte ich als bekennender Großfan des „normannischen Keliderschranks“ (den Spitznamen verpasste ihm die Bardot während der Dreharbeiten) natürlich immense Erwartungen geknüpft. Dass sich ET DIEU … CRÉA LA FEMME, das Debüt des Erotikers Roger Vadim, aber nicht etwa als Altherren-Schmierenspektakel, sondern im Gegenteil als protofeministischer, mindestens aber tief humanistischer Film entpuppen würde, der sogar das ausgesprochene Wohlwollen meiner bei dieser Thematik eher strengen Gattin erntete, hatte ich eher nicht auf der Rechnung.

Vadim setzt sich in ET DIEU … CRÉA LA FEMME mit gesellschaftlichen Zwängen auseinander, damit, wie Menschen aufgrund vorherrschender Moralvorstellungen und Konventionen in ein Korsett gepresst werden, ohne dass dabei auf ihre konkrete individuelle Disposition Rücksicht genommen würde. ET DIEU … CRÉA LA FEMME leuchtet in den schönsten mediterranen Technicolor-Farben, ist von der Sonne der Côte d’Azur durchflutet, aber die Welt, die er zeichnet, die Perspektive, die er für seine Protagonistin entwirft, ist eher düster. Für die weibliche Hauptfigur ist in dieser Welt eigentlich kein Platz.

Juliette (Brigitte Bardot), eine 18-jährige Waise, lebt in einer Pflegefamilie und geht einem langweiligen Job als Zeitungsverkäuferin nach. Mehr als an diesen Verpflichtungen ist sie aber am Nachtleben interessiert und an den Männern, und sie genießt es, ihnen die Köpfe zu verdrehen. Als sich beim Jugendamt die Beschwerden über ihre „Faulheit“ und ihre unmoralischen Umtriebe häufen, droht ihr die Rückkehr in das Waisenhaus. Der wohlhabende Architekt Carradine (Curd Jürgens) weiß, wie man Juliette, auf die er selbst ein Auge geworfen und mit der er Mitleid hat, retten könnte: indem man sie heiratet. Doch bevor er selbst diesen Plan in die Tat umsetzt, kommt ihm der schüchterne Michel (Jean-Louis Trintignant) zuvor. Gegen alle Warnungen heiratet er, der linkische Sonderling ohne jede Erfahrung mit Frauen, die „unbezähmbare“ Juliette. Und die fällt irgendwann selbst auf ihr Klischee herein und lässt sich von Michels Bruder Antoine (Christian Marquand) zu Boden zerren …

Das Motiv des von Natur aus libertinär-libidinöse Katzenweibs, das die Männer reihenweise um den Verstand bringt, lässt sich sehr wahrscheinlich auf antike, mythische Figuren zurückführen (man denke etwa an die Sirenen, die Schifffahrer mit ihrer Schönheit und ihren Stimmen ins Verderben locken). Im Film bedient es als Femme Fatale in erster Linie die latent masochistische Männerfantasie, einer wilden, sexhungrigen und selbstbewussten Frau zu unterliegen, die Kontrolle zu verlieren und selbst benutzt zu werden. Auch Vadim spielt mit diesem Motiv: Brigitte Bardot verkörpert Juliette als fast überiridisches Wesen, dem das unbeirrbare Bedürfnis nach Freiheit in jede Zelle eingeschrieben ist (sie zieht sich in nahezu jeder Szene die Schuhe aus). Sie bewegt sich ohne jedes Schamempfinden, schreitet mehr als dass sie geht, jede Bewegung mit dem Ziel vollführt, ihre körperlichen Reize perfekt zum Vorschein zu bringen, aber dennoch ohne jedes Kalkül. Es ist nicht so sehr ihre sexuelle Ausstrahlung, die sie in den Augen der Leute zur „Schlampe“ macht: Es ist die Tatsache, dass sie ihre Sexualität, ihren Körper als etwas Natürliches, Selbstverständliches betrachtet, sie nicht als etwas Unanständiges versteckt. Juliette ist ein Paradiesvogel in einer Welt voller Spatzen, sie passt einfach nicht hinein und ihr Anders-Sein fordert den Neid und den Zorn ihrer Mitmenschen heraus.

Die Mittel, die die Gesellschaft anwendet, um sie einzunorden, sind typisch: Erst wird ihr mit wirtschaftlichen Konsequenzen und Freiheitsentzug gedroht. Nachdem sie mit Antoine geschlafen hat, einem ekligen Macho, der es von Anfang an nur auf ein Abenteuer mit ihr abgesehen hatte, erntet sie die Verachtung, während Antoines Verhalten zu keiner Sekunden hinterfragt wird. Juliette hat keine Chance auf eine gerechte Behandlung, sie wird immer diejenige sein, der man den schwarzen Peter zuschiebt. Wie man mit ihr umgeht, erinnert insofern durchaus etwas an inquisitorische „Beweisstrategien“. Das Individuum hinter der ach so verruchten Oberfläche findet keine Beachtung: Jeder muss sich fügen, das Miteinander ist keine Frage der Kompromisse, sondern eines der Unterwerfung unter herrschende Regeln. Nur dass diese für junge Frauen ungleich strenger sind als für Männer, deren Promiskuität gewissermaßen Kavaliersdelikt ist. Der Ausbruch aus diesem System funktioniert nur durch offene Rebellion, mit der man die endgültige Verbannung riskiert, oder durch Wohlstand, der die Freiheit erkauft. Von beidem sind Juliette und Michel am Ende weit entfernt, als sie sich noch einmal zusammenreißen und als Ehepaar ihre bescheidene Behausung beziehen.

ET DIEU … CRÉA LA FEMME hat mich sehr an Frank Wisbars wunderbaren BARBARA – WILD WIE DAS MEER von 1961 erinnert, der mich seit meiner Sichtung bei meinem ersten Hofbauer-Kongress nicht mehr losgelassen hat. Auch dort geht es um eine Frau (sie ist etwas älter als Juliette), die mit ihrem offenen Verhältnis zu Liebe und Sexualität in der sie umgebenden Spießbürgergesellschaft auf Widerstand und offene Ablehnung stößt. Vor allem die Männer kommen nicht damit klar, dass eine Frau einen eigenen Willen entwickelt, sich nicht mit der Rolle der passiven Empfängerin zufriedengibt. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren machte man mit solchen Filmen den nächsten Schritt auf dem langen Weg der Emanzipation. Vadim wie Wisbar lassen keinen Zweifel daran, dass nicht ihre Protagonistinnen „schuld“ sind, sondern die Welt um sie herum mit ihren rigiden Moralvorstellungen, ihren Vorurteilen, ihrer geistigen Unbeweglichkeit, ihrer Missgunst. Wisbar fällt am Ende seines Films etwas hinter seine zuvor gemachten Erkenntnisse zurück, überhöht seine Titelheldin eben zur sirenengleichen Verführerin a priori. Vadim, Sohn eines russischen Adligen und Diplomaten, Intellektueller und Bohèmien, ist da fünf Jahre zuvor schon einen Schritt weiter, auch wenn er das grundsätzliche Problem seiner Protagonistin nicht lösen kann. ET DIEU … CRÉA LA FEMME ist ein wunderbarer Film, sonnengegerbt und von trockener Sommerhitze durchzogen, aber gleichzeitig entspannend und erfrischend wie eine Abkühlung bringenden Meeresbrise. Hintergründig sind die traumhaften Bildkompositionen von Armand Thirard, in denen die Charaktere oft durch Requisiten oder räumliche Gegebenheiten voneinander isoliert werden. Aber das Zentrum der Aufmerksamkeit ist natürlich seine weibliche Hauptdarstellerin: Die Bardot musste nach diesem Film ein Star werden, agiert hier mit größter Selbstverständlichkeit und entwickelt eine körperliche Präsenz, die Ausnahmetalente auszeichnet. Und natürlich sieht sie anbetungswürdig aus, ganz kurvenreiche Lusterfüllung. Curd Jürgens indessen legte hier den Grundstein für seine anschließende Weltkarriere, geht aber aus einer potenziell ultraschmierigen Rolle als Sympathieträger hervor. Wie ich zu Anfang schrieb: eine Überraschung.

Marco (Jean-Louis Trintignant) leitet im Auftrag der Besitzerin – seine Gattin Anna (Gina Lollobrigida) – eine High-Tech-Hühnerfarm, zu deren Angestellten auch ihre Cousine Gabrielle (Ewa Aulin) zählt. Zusammen mit der „Association“ wird fieberhaft daran gearbeitet, die Gewinnspanne zu erhöhen, indem die Hühner mit radioaktiven Stoffen behandelt werden. Marco steht diesen Experimenten – und den damit verbundenen Marketing-Bemühungen – skeptisch gegenüber. Als es auf der Farm zu rätselhaften Unfällen kommt, fällt der Verdacht zwangsläufig auf ihn – zumal er die dumme Angewohnheit hat, Prostituierte in einem Hotelzimmer umzubringen …

Aus einem alten Giallo-Artikel Christian Kesslers in der Splatting Image wusste ich bereits, dass mich mit Giulio Questis Eierthriller ein reichlich bizarres Seherlebnis erwarten würde, trotzdem gelang es mir erst nach einer erneuten Sichtung der ersten 30 Minuten des Films Licht in das diffuse Zwielicht zu bringen. LA MORTE HA FATTO L’UOVO (zu deutsch etwa: „Der Tod legte ein Ei“) konnte mit seinen psychedelischen Schnittexzessen, dem ohrenbetäubenden Freejazz-Score und der kuriosen Verbindung von linker Agitprop, freudianischem Giallo und schwarzer Komödie wohl zu keiner anderen Zeit als den späten Sechzigern und in keinem anderen Land als Italien entstehen – auch wenn es nicht viel Fantasie braucht, um sich die Handvoll Änderungen vorzustellen, die nötig gewesen wären, um den Film in das Frühwerk Godards bis ca. WEEK END einzugliedern. Questis Film lässt sich zweifellos als filmische Kuriosität goutieren, doch verlöre ein Zuschauer mit solchem Ansatz wahrscheinlich recht schnell das Interesse an ihm: So bizarr das Geschehen um die Hühnerfarm auch ist, so wichtig ist es anzumerken, dass der Film sich längst nicht mit dieser vordergründigen Bizarrerie zufrieden gibt. Er beinhaltet eine Gesellschaftskritik, die auch heute zwar noch nicht überholt ist, allerdings längst nicht mehr mit dieser kämpferischen Schärfe herausgearbeitet wird, weil man sich mit dem Staus quo so schön abgefunden hat. Die gruseligen Errungenschaften der Lebensmitteltechnologie, die dummdreiste Propaganda der Werbung mit ihren Psychospielchen, die Verlorenheit des Individuums in der Güter- und Warenwelt, aber auch die Sinnlosigkeit, sich all diesen Tendenzen überhaupt noch von einem moralischen Standpunkt aus entgegenzustellen, weil auch die Moral (oder, wem’s lieber ist: der gesunde Menschenverstand) längst „einkassiert“ worden ist: All das artikuliert Questi in seinem Film, dem man definitiv nicht vorwerfen kann, er würde sich zum bräsigen Wegkonsumieren eignen. Seine dissoziativen Techniken haben etwas entschieden Labyrinthisches: Wie Marco wird man in ein unmöglich zu durchschauendes Komplott hineingezogen. Von der Hoffnung, da heil wieder herauszukommen, muss man sich schnell verabschieden, die einzige Möglichkeit, die einem bleibt, ist sich vom System einverleiben zu lassen, um es vielleicht von innen heraus zu zersetzen. Notfalls auch als Hühnerfutter.

1947: Dem gefährlichen Schwerverbrecher Emile Buisson (Jean-Louis Trintignant) gelingt die Flucht aus dem Gefängnis. Sofort beginnt er sein blutiges Treiben fortzusetzen. Der Sureté-Polizist Roger Borniche (Alain Delon) erhält den Auftrag, Buisson zu schnappen, doch das gestaltet sich schwieriger als erwartet. Als Borniche aufgrund anhaltender Erfolglosigkeit vom Fall abgezogen wird, packt ihn der Ehrgeiz …

51c1p8phh1l_ss500_.jpgFLIC STORY basiert auf der Autobiografie Borniches, dessen Jagd nach dem Kriminellen mehrere Jahre dauerte. Während dieser Zeit gelang es Buisson, mehr als 100 Raubüberfälle und 30 Morde auszuüben. Deray (LE MARGINAL, LE SOLITAIRE, TROIS HOMME À ABATTRE, BORSALINO) verfilmt diese Geschichte als Mischling aus knochentrockenem police procedural und period piece wandelt damit schlafwandlerisch auf dem schmalen Grat zwischen Routine und Langeweile. Es gibt leider nur wenig, dass einen abseits der Leistung von Delon und Trintignant für den Film einnehmen würde. Gerade letzter frisst seine Szenen, in denen er mit eiskalten Augen aus seinem klobigen Schädel glotzt, geradezu auf. Delon begnügt sich dagegen damit, eine exorbitante Zahl an Kippen zu rauchen, er hat wirklich in jeder Szene ein stinkendes Lungenbrötchen zwischen den Lippen. Ein ganz großes Problem des Films ist, dass es Deray nicht gelingt, den Lauf der Zeit greifbar zu machen: Dass Borniches Jagd auf Buisson mehrere Jahre dauerte, habe ich erst aus einem Text über den Film erfahren. Nach den ganzen großartigen französischen Filmen, derer ich in letzter Zeit ansichtig wurde, stinkt FLIC STORY mehr als nur ein wenig ab. Vielleicht ein ungerechter Vergleich, denn schlecht ist Derays Film beileibe nicht. Es fehlt lediglich der letzte Clou. Erst in den letzten 15 Minuten hat man den Eindruck, Deray erwache aus der inszenatorischen Lethargie. Dann ist der Film aber auch schon wieder zu Ende. Schade drum.