Mit ‘Jean Rollin’ getaggte Beiträge

Nach dem Crowd Pleaser FRANKENSTEINS KUNG-FU MONSTER stand mit Rollins LES RAISINS DE LA MORT vergleichsweise schwere Kost auf dem Programm. Auch wenn es sich wahrscheinlich um den zugänglichsten, kommerziellsten Film des Franzosen handelt: Man merkte den Publikumsreaktionen im Verlaufe des Films an, dass sich nicht alle auf seine langsame, traumgleiche Inszenierung einlassen konnten oder wollten. Man muss einräumen, dass die deutsche Synchronisation dem Film mit ihrer Schmucklosigkeit manchmal ein wenig im Weg steht: Dass LES RAISINS DE LA MORT in der deutschen Fassung manchmal unfreiwillig komisch wirkt, ist vor allem der wenig sensiblen hiesigen Bearbeitung geschuldet. Wenn etwa Brigitte Lahaie als „große blonde Frau“ mit seltsam eingefrorenem Lächeln inmitten einer sich anbahnenden Apokalypse auftritt, rauben ihr die stumpf aufgesagten Dialogzeilen jede im Original inhärente Unheimlichkeit.

Trotzdem fand ich es ein bisschen schade, dass es manchen Menschen nicht möglich zu sein scheint, von so etwas zu abstrahieren und sich auf einen Film einzulassen, der vielleicht nicht ganz die Production Values eines Hollywood-Spektakels mitbringt, aber dessen Meriten doch ganz unverkennbar sind. Claude Bécognées Fotografie von LES RAISINS DE LA MORT ist ein Gedicht und den Eintrittspreis eigentlich schon allein wert. Wie Rollin die Romero’sche Zombie-Apokalypse in die urige französische Einöde verlegt, in eine in ewigem Dämmerlicht liegende und von bizarren Felsformationen gesäumte Landschaft, in der von der Zeit vergessene Menschen in uralten Backsteinbauten leben und die Zivilisation weit, weit weg ist, ist großes Kino und verleiht seiner Öko-Mär – die für ihn zugegebenermaßen kaum mehr als ein Aufhänger ist – eine ganz eigene Atmosphäre, die viel mehr mit Gothic Horror als Science Fiction zu tun hat. Die Reminiszenz an Bavas LA MASCHERA DEL DEMONIO, der hier einmal sehr deutlich und noch dazu wunderschön zitiert wird, ist weit mehr als nur eine Verbeugung vor einem europäischen Meister. Sie zeigt sehr deutlich, wo Rollins Vorlieben liegen: Eben nicht beim damals aufstrebenden Splatter (im Netz wird LES RAISINS DE LA MORT immer sehr idiotisch als „erster französischer Gore-Film“ bezeichnet, was immer das bedeuten soll), sondern, bei der schwarzromantischen Schauerliteratur und beim Pulp mit seiner saftigen Verquickung klassischer und moderner, vor allem erotischer Elemente.

LES RAISINS DE LA MORT funktioniert dann auch am besten als albtraumhafter Abstieg in eine fremde, vom Wahnsinn ergriffene Welt, besser als als „realistischer“ Seuchenfilm. Für Rollins Protagonistin, die in diese Welt ausgespieen wird und immer tiefer in das sich ihr darbietende, kaum zu begreifende Grauen einsinkt, dürften die Ereignisse ganz ähnlich wirken wie auf den Zuschauer: Sich an eine aus dem Horrorfilm als Ganzes gefilterte „Logik“ zu klammern, klappt nicht, man muss sich dem Gezeigten at face value stellen und hoffen, dass irgendwann wieder der Tag anbricht. Wenn einem das nicht gelingt, sollte man Rollin meiden. Aber es wäre schade.

Nicht mehr superaktuell, aber immer noch neu genug, um sie hier anzupreisen, sind drei Veröffentlichungen, an denen ich die Freude hatte, mitzuarbeiten.

Besonders freut es mich für die Blu-ray von Umberto Lenzis fantastischem MILANO ODIA: LA POLIZIA NON PUÒ SPARARE, mit der ich in diesem Leben schon nicht mehr gerechnet habe. Der Booklettext von mir dürfte mittlerweile zwei, wenn nicht gar drei Jahre alt sein – so lang hat es gedauert, bis das gute Stück endlich erschienen ist. Neben meinem Booklet gibt es außerdem einen Audiokommentar von meinen lieben Kollegen Christian Kessler und Pelle Felsch, der bestimmt superknorke ist.

Deutlich frischer ist der Text, den ich zu Alberto de Martinos tollem Exorzismus-Film L’ANTICRISTO beigesteuert habe. Das Booklet vereint Kurzessays von Pelle Felsch, Marcus Stiglegger, Christian Kessler und einigen anderen Autoren und bietet damit einen neuen Ansatz für die beliebten Beipackheftchen. Als dritter Teil in Wicked Visions Jean-Rollin-Reihe ist LES DEMONIAQUES, zu Deutsch DIENERINNEN DES SATANS. Auch hier habe ich einen längeren Text beigesteuert, Pelle Felsch liefert eine Biografie zum französischen Filmemacher, der auch mit eigenem Audiokommentar zu hören ist.

Drei Veröffentlichungen, mit denen man gewiss nichts falsch macht.

Lebe wohl, Jean …

Veröffentlicht: Dezember 17, 2010 in Film
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Dass Jean Rollin kein Filmemacher „von der Stange“ war, spiegelte schon das Durcheinander um seine Todesnachricht wider. Mal hieß es, er sei 72-jährig nach schwerer, langer Krankheit verstorben, dann wurde diese Meldung mit dem Hinweis dementiert, dass es sich bei dem Verstorbenen um einen anderen Jean Rollin handelte. Nun ist es gewiss: Der französische Filmemacher, der mit seinen poetisch-erotischen Horrorfilmen zwar nicht weltberühmt, aber doch von vielen Filmfreunden – auch von mir – wegen seiner unverwechselbaren Handschrift geliebt und verehrt wurde, ist tot. See you on the other side, Jean.

Zwei Grabräuber benutzen die Gruft, die sie ausräumen wollen, auch gleich noch als Giftmülldeponie. Als das Gift durch ein Beben austritt, wird eine der Leichen zum Leben erweckt. Die junge Untote (Francoise Blanchard) begibt sich gleich zu ihrem ehemaligen Zuhause: dem Schloss Valmont, wo ihre einstige beste Freundin Hélène (Marina Pierro) immer noch wohnt. Beide verband als Mädchen eine Blutsschwesternschaft, die auch den Tod überdauert zu haben scheint …

Ich bin geneigt zu sagen, dass LA MORTE VIVANTE je nach Persepktive entweder eine idealer oder aber ein denkbar schlechter Einstieg ins Werk Rollins ist. Für mich war es anno dunnemals ebenfalls der erste Rollin und interessiert hatte er mich vor allem wegen der Beschlagnahmung, die ihn unter seinem deutschen Titel LADY DRACULA (nicht zu verwechseln mit dem Siebzigerjahre-Lustspielfilmchen) ereilt hatte. Die sanfte Irritation, die er damals bei mir auslöste, kann ich mit der bis heute erworbenen Kenntnis zahlreicher weiterer Filme des Franzosen ganz gut einordnen: LA MORTE VIVANTE scheint ein Versuch (ob von Rollin oder seinen Produzenten initiiert, kann ich nicht beurteilen) gewesen zu sein, im damals von Zombies und Kannibalen geprägten europäischen Splatterfilm Fuß zu fassen. Die wahrhaft bestialischen FX brauchen den Vergleich mit den bekannteren Werken dieser Strömung nicht zu scheuen, muten aber gleichzeitig wie Fremdkörper in einem Film an, der trotz einiger Zugeständnisse an ein breiteres Publikum – es gibt eine amerikanische Pseudoprotagonistin, die Geschichte ist recht linear und eingängig erzählt – unverkennbar Rollin ist.

Im Kern des als Zombiefilm maskierten LA MORTE VIVANTE steht wieder einmal die an homoerotische Liebe grenzende Freundschaft zweier Frauen, die durch dunkelromantische Vorgänge auf eine harte Probe gestellt wird. Wie gewohnt gibt es barocke Settings zu bestaunen, geht der Film ein ganz eigenes schlafwandlerisch-verträumtes Tempo und kümmert sich – bis auf die genannten Ausnahmen, die vor diesem Hintergrund umso stärker als solche hervortreten – nur wenig um gängige Konventionen. Und deshalb fällt es mir auch nach wie vor schwer, mich im Anschluss an meine Einstiegsbehauptung für eine „Antwort“ zu entscheiden: Den Rollin-Freund wird das unpassende Blutvergießen in gleichem Maße stören, wie er die pulpig-surrealen Umwege, auf denen sich der Regisseur sonst so schön zu verlieren pflegt, vermisst. Der unbedarfte Horrorfan hingegen könnte mit LA MORTE VIVANTE von allen Rollins zwar vielleicht noch am ehesten warm werden, doch steht zu vermuten, dass ihm für echte Begeisterung immer noch zu viel Rollin in diesem angeblichen Zombiefilm steckt. Mir hat der Film gestern eigentlich ganz gut gefallen, was dafür spricht, dass man LA MORTE VIVANTE doch am besten einschätzen kann, wenn man sich im Werk des Regisseurs vorher ein bisschen orientiert hat. Dann wird einem das tragische Finale den wohligen Schauer bescheren, den Rollins Filme im besten Fall evozieren.

Auf nächtlicher Straße steht plötzlich eine nur mit einem Nachthemd bekleidete attraktive junge Frau vor Roberts (Alain Duclois) Auto, die sich ihm als Elisabeth (Brigitte Lahaie) vorstellt. Sonst kann sie sich an nichts erinnern und auch ihr Kurzzeitgedächtnis ist schwer beeinträchtigt: Nachdem Robert sie mit zu sich nach Hause genommen hat, hat sie bereits wieder vergessen, wie sie zu ihm gekommen ist. Als sie am nächsten Morgen allein in Roberts Wohnung ist, taucht ein Mann dort auf, der sich als Doktor Francis (Bernard Papineau) vorstellt und die verwirrte junge Frau wieder dort hinbringen will, von wo aus sie geflohen ist: ein „Schwarzer Turm“ genanntes Hochhaus, in dem der Doktor mehrere Patienten behandelt, die wie Elisabeth am schleichenden Verfall ihres Gehirns leiden …

LA NUIT DES TRAQUÈES macht es auch dem Rollin-erprobten Seher zunächst nicht leicht: Ist man von dem französischen Filmemacher doch sonst eher barocke Schauerszenarios gewohnt, die erst durchs Brennglas der Psychedelia gebrochen und dann mit den Groschenheftelementen Sex & Crime angereichert werden, führt einen dieser Film auf das für Rollin eher ungewohnte Terrain des kühlen apokalyptischen Science-Fiction-Films. Statt von einsamen Friedhöfen, verfallenen Schlossruinen oder nebligen Küstenlandstrichen wird LA NUIT DES TRAQUÈES von den geraden Linien gläserner Hochhäuser und der betongewordenen Tristesse einer modernen Großstadt bestimmt, die Rollin mit seiner gewohnt poetischen Bildsprache zu einem modernen Massengrab verzeichnet. Dem Sujet nach gehört LA NUIT DES TRAQUÈES dem in der Schnittmege von Horror und Science Fiction angesiedelten Subgenre des Seuchenfilms an und es lassen sich durchaus Spuren solcher moderner Klassiker wie Romeros DAWN OF THE DEAD oder Cronenbergs SHIVERS in ihm auffinden. Doch Rollin interessieren etwaige gesellschaftskritische Subtexte nur sofern sie sich in Bilder und Emotionen verwandeln lassen: Mehr als ein Film über die Einsamkeit des Menschen in der Konsumgesellschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist LA NUIT DES TRAQUÈES ein Film über die Einsamkeit schlechthin. Seine gewissenlosen Ärzte, die  in eine beiläufig-banale Dialogzeile gebannte Ursache der Krankheit – ein Unfall in einem Kernkraftwerk -, sie dienen lediglich als Wegweiser, damit sich der Zuschauer in Rollins Welt, die ganz und gar Poesie ist, zurechtfindet. Schon sein Versuch eines Ökohorrorfilms LES RAISINS DE LA MORT abstrahierte von der konkreten Bedrohung, die ihm nur noch den Anlass für seine elaborierten Horrortableaus bot, LA NUIT DES TRAQUÈES geht aber noch einmal einen Schritt weiter.

Gerade deshalb erweist sich die Verortung des Films innerhalb eines ziemlich fest umrissenen Genre auch hinderlich für eine unvoreingenommene Betrachtung, weil sie Erwartungen schürt, die Rollin gar nicht einzulösen gedenkt. Und die ungewohnte Illusionslosigkeit seiner Bilder steht in hartem Kontrast zu den Gefühlswallungen, von denen die umständlich-ausschweifenden Dialoge künden. Unter eher technischen Gesichtspunkten der Erzählökonomie betrachtet, muss die Entscheidung, seinem schwungvollen (und mit einer Lahaie-Sexszene garnierten) Auftakt eine Reihe ellenlanger Dialogszenen folgen zu lassen, in denen wieder und wieder dasselbe berichtet wird, als geradezu katastrophal bezeichnet werden. Es macht – zumindest nach der ersten Sichtung – den Eindruck, als sei auch Rollin einer der Infizierten, die sich in der Welt (des modernen kommerziellen Erzuählkinos) zunehmend fremd fühlen, das, was um sie herum passiert, nicht mehr verstehen: als habe er diesen Film nicht kontrolliert, sondern als sei er ganz impulsiv, ungefiltert, unrefelektiert aus ihm herausgeflossen. Aus dieser Perspektive bertrachtet ist LA NUIT DES TRAQUÈES extrem spannend, auch wenn er dies eigentlich gerade nicht ist. Wie alles von Rollin: eigenartig, erst nach einer weiteren Sichtung halbwegs verlässlich einzuordnen.

Nach einem misslungenen Schulmädchenstreich befinden sich Marie (Marie-Pierre Castel) und Michelle (Mireille Dargent) plötzlich auf der Flucht und haben bald schon eine Leiche im Gepäck. Die Bemühungen, ihren Verfolgern zu entkommen führt sie erst zu einem einsamen Friedhof und dann schließlich zu einer Festung, die von einem weiblichen Vampir bewohnt wird. Diese ist die Dienerin des letzten Vampirs der Welt, der in den Mädchen die Hoffnung sieht, sein Erbe weiterzutragen …

Die vielen, vielen reißerischen Titel, die diesem Film angeheftet wurden, um ihn weltweit zu vermarkten, deuten schon an, das die Verantwortlichen nicht so recht wussten, was sie da vor sich hatten. Wer von markigen Titeln wie „Caged Virgins“, „Crazed Virgins“, „Dungeon of Terror“ oder „Sex Vampires“ in die Irre geführt einen Softsexfilm oder Exploitationkracher erwartet, wird sich von REQUIEM POUR UN VAMPIRE (ursprünglicher französischer Titel VIERGES ET VAMPIRES) bald enttäuscht sehen, denn außer einer zwar ausgedehnten, aber recht singulären Sexszene weist REQUIEM wenig in obigem Sinne zu Interpretierendes, dafür aber alle Merkmale eines Rollin-Films auf: eine reduzierte Geschichte (eigentlich nur eine Ausgangssituation), eine auf die Etablierung einer traumgleichen und märchenhaften Atmosphäre abzielende Inszenierung, die eher Stimmungen evoziert, als Themen zu referieren. Das kann man herzlich langweilig finden oder faszinierend: Ich tendiere zu letzterem, auch wenn REQUIEM in mancher Sequenz durchaus auch etwas kürzer hätte sein dürfen. Visuell ist er aber wieder einmal ein Fest, und das ganz ohne effekthascherischen Schnickschnack. Rollin reicht ein malerisches Geschick, ein untrügliches Auge für stimmungsvolle Settings (der Friedhof etwa, der irgendwo in Frankreich tatsächlich existiert, ist so außerweltlich schön, dass man gar nicht glauben mag, dass er nicht extra für diesen Film gebaut wurde) und eine Vorstellungsgabe, die sich zu gleichen Teilen aus romantischer Literatur, dem fantastischen Film vergangener Tage (Cocteaus LA BELLE ET LA BÉTE etwa wird ganz explizit zitiert), expressionistischer Poesie und schwartigem Pulp speist. Heraus kommt etwas, das ich nur schwerlich beschreiben kann, weil es sich klammheimlich an der Ratio vorbei ins limbische System schleicht.

Das ist auch der Grund, warum Knilche wie dieser IMDb-Kommentator die angebliche Unfähigkeit Rollins mit Hinweisen auf Plotholes oder technische Unzulänglichkeiten zu beweisen versuchen, was an der Sache vollkommen vorbei geht. Natürlich muss man bei einem Film wie REQUIEM hinsichtlich der Ausstattung ein paar kleinere Abstriche machen: Sein Budget dürfte kaum der Rede wert gewesen sein. Wer sich von mancher vielleicht etwas unfreiwillig komisch anmutender Szene aber so vom großen Ganzen ablenken lässt, stellt damit eigentlich nur seine ausgesprochene Herzlosigkeit unter Beweis. Wer sich auf fantastisches Kino jenseits glattgebügelter Perfektion oder eingefahrener Genrekonventionen einlassen kann und die Bereitschaft mitbringt, sich von Rollin mit auf die Reise ans Ende der Nacht mitnehmen zu lassen, wird mit einem Erlebnis belohnt, dass einem in dieser Form kaum ein anderer Filmemacher beschert.

In einem Sanatorium trifft die aufmüpfige Michelle auf die in sich gekehrte, verschlossene Marie. Gemeinsam fliehen sie aus der Gefangenschaft und begeben sich auf die Reise. Im Publikum eines Schaustellers treffen sie schließlich auf Sophie, die davon träumt, mit ihrem Freund, dem Seefahrer Pierrot, auf große Fahrt zu gehen und ihre Heimat hinter sich zu lassen. Sie ringt Pierrot das Versprechen ab, auch die beiden Mädchen mitzunehmen: Doch dazu wird es nicht kommen …

LES PAUMÉES DU PETIT MATIN galt bis vor kurzem als der „verlorene“ Film Rollins. Auf den Vorschlag eines Produzenten, es doch einmal mit einem realistischeren Stoff zu versuchen, verfilmte Rollin das Drehbuch von Jacques Ralf, dessen Vorstellungen von Kino denen Rollins jedoch diametral entgegenstanden und das Projekt von Beginn an unter einen schlechten Stern stellten. Rollin verlor kurz nach Fertigstellung das Interesse an dem für ihn unbefriedigend geratenen Film, der dann auch keinen Verleih fand und in den Archiven verstaubte. Erst vor ein paar Jahren erfuhr er seine Veröffentlichung, als ein Fernsehsender ein Paket von mehreren Rollin-Filmen kaufte, in dem dann eben auch dieser enthalten war. Auf der britischen Redemption-DVD, die den Film unter dem Titel THE ESCAPEES präsentiert, spricht ein mittlerweile mit dem Film versöhnter Rollin über die Schwierigkeiten, die LES PAUMÉES schließlich scheitern ließen: Das positivste, was er über ihn sagen kann, ist jedoch auch heute noch, dass er „not bad“ sei.

Das trifft es auch ganz gut. Tatsächlich ist LES PAUMÉES zwar keineswegs schlecht, aber doch ein Film der vergebenen Möglichkeiten: Aus der eigentlich Rollin-typischen Ausgangssituation, die doch ideal in ein surreales Road Movie hätte münden können, macht das Drehbuch viel zu wenig. So hat man den Eindruck, dass die Handlung über weite Strecken auf der Stelle tritt. Die gespreizten Dialoge unterwandern den „realistischen“ Anstrich des Szenarios zusätzlich und lassen LES PAUMÉES etwas unentschlossen zwischen Poesie und kühlem Sozialrealismus pendeln. Doch wie Rollin richtig sagt, ist sein Film „not bad“: Man spürt die Sensibilität des Regisseurs, die sich in märchenhaften Szenarien wie dem einer nächtlichen Varieté-Veranstaltung inmitten einer brachliegenden Bahnlandschaft widerspiegelt und die Flucht aus dem Sanatorium nicht realistisch abbildet, sondern vielmehr zu einer Metapher überhöht.

Rollin-Verehrer werden mit LES PAUMÉES durchaus etwas anfangen können, zumal auch treue Weggefährten wie Brigitte Lahaie vorbeischauen und dem Film den Rollin-Stempel aufdrücken. Mir hat er durchaus gefallen, auch wenn das vielleicht eine ketzerische Meinung ist. Aber allein die Tatsache, dass er erst jetzt der breiten Öffentlichkeit zugänglich ist, macht ihn doch eigentlich zu einer Pflichtveranstaltung.