Mit ‘Jean Seberg’ getaggte Beiträge

In meiner Erinnerung verschmelzen alle Katastrophenfilme zu einem großen Filmbrei aus unzuverlässigen technischen Wunderwerken, menschlichem Versagen, hochtoupierten Betonfrisuren auf den Köpfen frustrierter und mit viel Schminke zugekleisterter Damen sowie kernigen Typen, die sich von Drinks ernähren und stets just in dem Moment angerufen werden, um den Tag zu retten, in dem sie sich über ihre 30 Jahre jüngere Geliebte hermachen wollen. George Kennedy ist als Mr. Zuverlässig immer da, um im richtigen Moment eine Sicherung reinzuschrauben, das Licht einzuschalten oder eine Sprengung vorzunehmen und manchmal rollt Ernest Borgnine dazu mit den Augen und zeigt seine anbetungswürdige Zahnlücke. Dass es dann auch noch eine kongeniale ZAZ-Persiflage gibt, die sich vom absurden real deal tatsächlich nur in Nuancen abhebt, macht die Unterschiedung völlig unmöglich. Damals, in den Achtzigern, da liefen diese Filme rauf und runter, galten als ganz großes Kino und verzeichneten wahrscheinlich Rekord-Einschaltquoten bein Einsatz als Wunschfilm am Samstag zur besten Sendezeit.  Ich sah diese Dinger als Steppke und war begeistert: Da war ja wirklich alles drin!

Tatsächlich sind die Katastrophenfilme jener Tage eine recht seltsame Laune des Geschäfts. Man erkennt, dass sie eine wichtige Evolutionsstufe auf dem Weg zum heutigen Eventkino darstellten, mit kühlem Verstand kalkuliertes Spektakel voller Stars und Attraktionen, aber formal sind sie hoffnungslos rückständig, nur wenige Schritte vom oft kitschigen Monumentalkino eines Cecil B. DeMille entfernt – Opas Kino, das in der Blütezeit des New Hollywood wie ein Relikt aussehen musste. Trotzdem war AIRPORT ein Riesenerfolg, spielte 100 Millionen Dollar ein (heute ca. eine halbe Milliarde) und räumte auch bei den Oscars ab (na gut, es war nur einer, aber dafür hagelte es Nominierungen). Bizarr, denn man sollte sich von all der Politur nicht täuschen lassen: AIRPORT ist – wie auch sein Kollege THE TOWERING INFERNO und andere Kandidaten – besoffener, überteuerter, geschmackloser Hochglanz-Trash, wo gelangweilte Superstars mit dem Gehaltsscheck im Hinterkopf die Zähne zusammenbeißen, hirnrissigste Dialogzeilen aufsagen, ohne in Lachkrämpfe zu verfallen, sich durch melodramatische Seifenoperplots kämpfen, zu schwofigen Scores durch ausladende Plüschsettings schweben und generell so tun, als seien sie bei der Geburtsstunde großer Kunst dabei.

Auch AIRPORT braucht nur wenige Minuten, um dem Fass komplett den Boden auszuschlagen. Burt Lancaster ist der Flughafenmanager Mel Bakersfield, der sich um eine im Schneegestöber auf dem Rollfeld feststeckende Maschine kümmern muss und für den nächtlichen Ausflug einen Anschiss von der frustrierten Gattin bekommt. Man weiß nicht, ob seine schlechte Laune stressbedingt ist oder ob Lancaster einfach nur nicht in Stimmung war, seine Verachtung für die ganze Produktion zu verbergen (er bezeichnete AIRPORT später mal als „the biggest piece of junk ever made“). Seaton (bzw. Hathaway, der als Regisseur uncredited ist) greift immer mal wieder auf den beliebten splitscreen zurück, doch was bei DePalma wahnsinnig avanciert, raffiniert und durchdacht ist, sieht hier einfach nur absurd aus. Der visuelle Buhei fördert gnadenlos zu Tage, wie altbacken dieser melodramatische Quark aus erzählerischer Perspektive eigentlich ist. Und dann tritt Dean Martin als Pilot auf, dessen Beteiligung an diesem Film wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass er auf der Suche nach der nächsten Flasche Wodka die falsche Tür genommen hatte. Die Frauen sind entweder hysterisch (Bakersfields Gattin), aufopferungsvoll und patent (Jean Sebergs Tanya Livingston und Jacqueline Bissets tapfere Stewardess Gwen) oder schrullig (Helen Hayes als blinder Passagier), Attentäter verstört und verschwitzt, Zollbeamte eine tragende Säule der Zivilisation. Der Flughafen ist nicht etwa ein schnöder Umschlagplatz, sondern ein Tempel der Modernität, wo die herausragenden Vertreter der Spezies aufeinandertreffen. Wer hier arbeitet, steht nur ganz knapp unter dem Präsidenten und das auch nur, weil die Welt so verdammt ungerecht ist. Hier dürfen Männer noch Männer sein, denn boys will schließlich always be boys. Am Ende haut sich Patroni (George Kenndy) den kubanischen Kotzbalken in die Schnauze und zieht die Kuh vom Eis, während sich Bakersfield endlich für seine treue Assistentin Tanya entscheidet, die akzeptiert, dass er mit seinem Job verheiratet ist: “Well, you’ve been bragging about your scrambled eggs, it’s time I found out just how good they really are.” Was so 1970 als Happy End durchging …

Die junge Chris Miller (Marisol) kehrt von ihrem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zurück in das Haus ihrer Stiefmutter Ruth (Jean Seberg). Die kämpft immer noch mit dem Zorn auf ihren Ehemann, Chris‘ Vater, der beide Frauen vor einem Jahr ohne Angabe von Gründen sitzen lassen hat. In die komplizierte Beziehung zwischen den beiden Frauen platzt der Musiker Barney (Barry Stokes): Der will eigentlich nur Unterschlupf finden, wird von Ruth jedoch erst vernascht, dann verjagt, als nächstes schließlich auf die Stieftochter angesetzt. Will Ruth die labile Chris aus Rache an ihrem Ehemann verletzen? Und ist Barney möglicherweise der umgehende Serienmörder?

LA CORRUPCIÓN DE CHRIS MILLER ist ein Thriller, der als Modernisierung einer klassischen Märchenprämisse verstanden werden darf: Die schöne Tochter bekommt es mit der bösen Stiefmutter zu tun, wird unter dem Deckmantel der Fürsorge nach und nach korrumpiert, wie der Titel verrät. Einen schönen Prinzen gibt es auch, nur ist nicht so ganz klar, ob es sich bei diesem nicht doch um den Wolf im Schafspelz handelt. Juan Antonio Bardem, der Onkel des Oscar-Preisträgers Javier Bardem, lässt diese Frage lange offen, erkundet in der ersten Filmhälfte zunächst die Beziehung zwischen Ruth und Chris, bevor er den männlichen Protagonisten in die Wagschale wirft. Die Entscheidung im sich langsam entwickelnden Psychoduell, in dem Ruth die treibende Kraft ist, wird jedoch recht abrupt kurz vor der Eskalation vertagt, weil sich der Film nun dem Killer zuwendet, von dem immer noch nicht klar ist, ob es sich bei diesem um Barney handelt. Die Sequenz, in der sich der Unhold in das Haus einer nichts Böses ahnenden Familie einschleicht, ist für sich genommen zwar durchaus spannend geraten, kostet letztlich aber vor allem Zeit, die dann am Ende fehlt, um die Geschichte um Ruth, Chris und Barney zu einem befriedigenden Ende zu bringen. Es geht plötzlich alles etwas hopplahopp, wo zuvor noch Geduld oberste Priorität hatte, und der finale Twist ist etwas zu banal, um als Höhepunkt durchzugehen. Bardem hätte lieber auf den sich dann noch anschließenden, merkwürdigerweise wieder aufreizend langsam entwickelten Epilog verzichtet, der so gar nichts bringt.

Auch wenn LA CORRUPCIÓN DE CHRIS MILLER also kein zu Unrecht vergessenes Meisterwerk ist, darf man ihn Freunden des mediterranen Spannungskinos als leicht überdurchschnittlichen Vetrreter empfehlen. Bardem gelingt es ganz gut, die Spannung zwischen den drei Protagonisten auf die Spitze zu treiben; die erste Hälfte des Films verspricht letztlich mehr, als die zweite einzulösen weiß, aber ein Versagen muss man ihm auch nicht attestieren. Bei der Recherche zum Film habe ich erfahren, dass Jean Seberg der Film, den sie aus rein pekuniären Gründen gedreht hat, angeblich eher unangenehm gewesen sein soll. Das finde ich reichlich übertrieben. Gut, für jemanden, der in Godards À BOUT DE SOUFFLE mitwirken durfte, einem der vielleicht einflussreichsten Filme des 20. Jahrhunderts, mag LA CORRUPCIÓN DE CHRIS MILLER tatsächlich wie nichtswürdiger Schund aussehen, etwas Humor und die Fähigkeit, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen, könnten da aber Wunder wirken. Wenn man bedenkt, was andere, weitaus berühmtere Schauspieler für Leichen im Keller haben … Naja, für die Seberg kommt diese Anmerkung natürlich ein paar Jahrzehnte zu spät. Zugutehalten muss man ihr, dass man ihrem Spiel die Abneigung nicht anmerkt: Lediglich ihre fürchterliche Frisur, eine Art Vokuhila für Hausfrauen, könnte man als kleinen Sabotageakt deuten.

Nächste Station auf meiner Weltreise: Italien.