Mit ‘Jean Servais’ getaggte Beiträge

Nach EUGÉNIE springe ich noch einmal ein paar Jahre in die Vergangenheit: RIFIFI EN LA CIUDAD ist wie LA MUERTE SILBA EN BLUES wahrscheinlich am ehesten als Noir oder Gangsterfilm zu beschreiben, zeigt aber wie dieser das für Franco typische entspannte Pacing, das dem Aufbau von Bedrohung und Spannung eher abträglich ist und auch hier dazu beiträgt, aus RIFIFI einen gewalttätigen Loungefilm zu machen.

Die Handlung dreht sich um den mexikanischen Polizisten Mora (Fernando Fernán Gómez), der einen jungen attraktiven Mann namens Juan (Serafín García Vázquez) als Informanten benutzt, im Beweise gegen den Verbrecherboss Leprince (Jean Servais) zu sammeln, der auch ein sehr aussichtsreicher Kandidat bei der bevorstehenden Wahl ist. Als Juan auffliegt und ermordet wird, beginnt eine Serie von Morde an den Handlangern von Leprince.

Franco adaptierte für RIFIFI EN LA CIUDAD einen französischen Pulp-Bestseller, den er ab wesentlich abänderte. Für die Rolle des schurkischen Strippenziehers konnte er Leprince gewinnen, der einige Jahre zuvor im immens erfolg- wie einflussreichen DU RIFIFI CHEZ LES HOMMES die Hauptrolle gespielt hatte und dessen Mitwirken hier wohl auch den Titel erklärt. Die als französisch-spanische Kollaboration ausgewiesen Produktion bekam Probleme, als die französische Finanzierung wegbrach, trotzdem erlebte der Film seine Premiere in Frankreich. In Spanien, wo Franco Zeit seines Lebens immer wiede Probleme mit der Zensur hatte, rutschte RIFIFI EN LA CIUDAD interessanterweise unbeanstandet durch, und das obwohl man durchaus Parallelen zwischen dem verbrecherischen Leprince, dessen Konterfei auf Plakaten, die an Orwells „Big Brother“ denken lassen, geradezu omnipräsent sind, und dem spanischen Diktator Franco deutlich erkennbar sind. Vermutlich lenkte der Handlungsort Mexiko die Aufmerksamkeit der staatlichen Zensoren ab.

RIFIFI EN LA CIUDAD ist ein schöner Film mit bestechender Schwarzweiß-Fotografie und dem obligatorischen Lounge-Score. Was ihm fehlt, sind der Punch und ein fester Dreh an der Spannungsschraube. Auch wenn die Menschen sterben wie die Fliegen und ein maskierter Killer umgeht (man spürt einen leichten Einfluss der deutschen Wallace-Filme und spürt in den geflüsterten Drohungen des gesichtslosen Killers den Giallo heraufziehen), verliert RIFIFI EN LA CIUDAD nie seine aufreizende Lässigkeit. Die visuell aufregendste Szene ist dann auch eine schön choreografierte Tanznummer im „Stardust“, dem schicken Nachtclub, in dem Leprince seine schmutzigen Geschäfte abzieht, die voll ausgespielt wird. Das Ende ist wunderbar konstruiert, unendlich tragisch und melodramatisch zugleich. Man kann durchaus produktiv darüber diskutieren, ob dieses Finale auch bei einem ruppigeren, „amerikanischeren“ Gangsterfilm noch so funktioniert hätte: Franco impft dem Stoff die für ihn typische Melancholie ein, die eben am besten mit einer gewissen Langsamkeit korrespondiert. RIFIFI EN LA CIUDAD ist demnach nicht als abendfüllendes Kinohighlight zu programmieren, sondern eher als fluffiges Ambientkino für einen lauschigen Vormittag. Außerdem ist er als Anschauungsunterricht für Skeptiker geeignet, die Franco für einen Nichtskönner halten. Man sieht hier sehr deutlich, dass er durchaus in der Lage wahr, technisch sauber zu arbeiten und dann beachtliche Ergebnisse zu erzielen – aber eben auch, dass ihn konventionelles Erzählkino nicht so richtig reizte.

Dieser Film des amerikanischen Exilanten  Jules Dassin – nachdem sein Freund Edward Dmytryk ihn als Kommunisten denunziert hatte, landete er auf der schwarzen Liste und konnte folglich in den USA keine Filme mehr machen – ist die Blaupause für das auch heute noch beliebte Subgenre des Heist Movies oder – auf Deutsch – „Einbruchsfilms“. Das ist zumindest das, was die Geschichtsbücher sagen, und ich glaube es ihnen einfach mal, da mir auch kein älterer Film einfiele, der eine ähnlich elaborierte Einbruchsszene aufweisen würde. Diese steht im Zentrum von RIFIFI, nimmt eine gute halbe Stunde der Gesamtspieldauer ein und kommt gänzlich ohne Dialoge oder Musik aus, was zum einen ihren Realismus unterstreicht (RIFIFI hatte seinerzeit massive Zensurschwierigkeiten, weil man befürchtete, er könne als „Anleitung“ dienen; tatsächlich wurden einige Einbrüche nach seinem Vorbild verübt), zum anderen die Spannung ins Unermessliche steigert. Dassins Inszenierung ist dabei so makellos und überzeugend, das man sich kaum eine andere vorstellen kann: Folgerichtig greifen auch heute noch Regisseure bei der Inszenierung solcher Sequenzen auf die von ihm etablierten Stilistiken zurück (man vergleiche etwa so unterschiedliche Filme wie Melvilles LE CERCLE ROUGE, Soderberghs OCEAN’S ELEVEN oder De Palmas MISSION: IMPOSSIBLE).  

Den Film auf diese eine Sequenz zu reduzieren, wäre jedoch ungerecht, denn RIFIFI ist noch in anderer Hinsicht bemerkenswert: Ich habe selten einen Film gesehen, der bei einer Lauflänge von zwei Stunden ähnlich kompakt wirken würde. Er zeichnet sich durch eine unglaublich strenge Struktur aus, in der alles seinen Platz hat und nur wenig Raum für Spontaneität bleibt. Jede Szene hat eine Funktion, alles greift ineinander, eins kommt zum anderen. Doch RIFIFI ist dabei nicht etwa leblos, wie man anhand dieser Beschreibung annehmen könnte, vielmehr unterstreicht Dassin mit seiner Inszenierung die Tragik des Stoffes: Seine Protagonisten mögen Profis in ihren zwielichtigen Jobs sein, die nötige Akribie in der Planung ihres Coups aufweisen und das Expertenwissen und Geschick in der Umsetzung mitbringen, doch im Leben sind sie allesamt Amateure. Es bleibt ihnen kaum Zeit, ihren Erfolg zu genießen, weil einem von ihnen schon nach kurzer Zeit ein ebenso dummer wie unnötiger Fehler unterläuft, der ihnen letzlich allen das Leben kosten wird. Das Leben ist kein Schachspiel.

Beeindruckender als den Einbruch selbst fand ich die Schlusssequenz, für die Dassin seinen dokumentarisch-beobachtenden Stil zugunsten einer rauschaft-expressionistischen Inszenierung über Bord wirft. Wenn der letzte der „hommes“ tödlich verwundet am Steuer seines Wagens sitzt, das aus den Händen der Bösewichter gerettete Kind auf dem Beifahrersitz, und nur mit Mühe und Not bei Bewusstsein bleibt, um wenigstens noch etwas in seinem Leben richtig zu machen, bevor er sich für immer verabschiedet, die Welt um ihn herum in einen unaufhaltsamen Strudel gerät, dann ist das ebenso ein krasser Gegenentwurf zur Strenge des vorangegangenen Films als auch ein denkbar konsequentes Ende. Am Ende verlieren wir alle unser Pokerface.