Mit ‘Jean Sorel’ getaggte Beiträge

95Mit IL DOLCE CORPORA DI DEBORAH gelang Romolo Guerrieri ein großer Publikumserfolg in seinem Heimatland: Sein früher Giallo bedeutete einen zweiten, europäischen Frühling für die bereits 37-jährige Carroll Baker und zog etliche recht unverhohlene Kopien nach sich, von denen Umberto Lenzis ORGASMO – ebenfalls mit Sorel und Baker – die frecheste ist, EL OJO DEL HURACÁN – nur mit Sorel – die spanischste. Alle diese Filme spielen in der Welt der schönen, ohne echtes Eigenverdienst zu Reichtum gekommenen Playboys und -girls, die sich an den Luxusstränden der Riviera oder Côte d’azur die Sonne auf den ohnehin schon gut gebräunten Leib scheinen lassen, sich in ihren plüschigen Urlaubsbungalows verlustieren und nebenbei finstere Mordkomplotte aushecken.

So auch hier: Der fesche Marcel (Jean Sorel) und seine frisch angetraute Deborah (Carroll Baker) sind auf ihrer Hochzeitsreise durch Europa, als ein alter Bekannnter (Luigi Pistilli) Marcel mit unglaublichen Vorwürfen konfrontiert: Er sei Schuld daran, dass sich Suzanne (Ida Galli), seine einstige Geliebte, umgebracht habe. Die Beschuldigungen stürzen Marcel in Selbstzweifel, doch das ist nicht das größte Problem, denn jemand scheint sich vorgenommen haben, die Gerechtigkeit widerherzustellen.

Das Vorbild für IL DOLCE CORPORA DI DEBORAH – geschrieben vom unermüdlichen Ernesto Gastaldi, der die Schreibmaschine damals kaum einmal verlassen haben dürfte – ist wahrscheinlich ein Stoff wie Patricia Highsmiths „The talented Mr. Ripley“, der ja nur acht Jahre zuvor von René Clement als PLEIN SOLEIL verfilmt worden und ebenfalls ein großer Hit gewesen war. Vor allem die äußerlichen Ähnlichkeiten sind frappierend und lassen kaum Zweifel an der Inspirationsquelle, auch wenn es in DEBORAH zugegebenermaßen nicht um eine versteckte homosexuelle Beziehung geht und der Film sich in seiner Story eher von Noir-Plots à la DOUBLE INDEMNITY beatmet zeigt. Jean Sorel ist Alain Delon ja nicht unähnlich – und gründete seinen Erfolg auf dem Typus, den er hier verkörpert: den schönen, kultivierten, wohlhabenden und etwas melancholischen, hinter der soften Fassade aber eiskalt kalkulierenden Killer. An Carroll Baker sollte er sich aber die Zähne ausbeißen, bei der war nichts zu holen. Das vermeintliche Püppchen mit dem zarten Marmorgesicht erwies sich als zäher Brocken und deutlich klüger als man es ihm zugute halten wollte.

IL DOLCE CORPORA DI DEBORAH ist toll, vor allem, weil er seinen Mörderplot so wunderbar fahrlässig entwickelt. Er vergisst ihn auch nicht, aber er steht ihm genauso indifferent gegenüber wie seine Protagonisten, die sich von anonymen Drohanrufen nicht wirklich aus der Ruhe bringen lassen. Was den Film deutlich mehr interessiert sind die mondänen Schauplätze, die Nachtklubs, das jetsetmäßige Hin und Her zwischen den europäischen Urlaubsorten, der endlose Müßiggang, das unverschämte Glück, das die beiden fantastisch aussehenden Protagonisten in ihrem Leben hatten und haben. Es gibt da eine fantastische Szene ziemlich in der Mitte des Films: Marcel und Deborah tanzen im Garten des für ihren einwöchigen Urlaub gemieteten Riesenhauses zu exotischer Musik, sie in einem grünen Jumpsuit, und spielen eine frühe Version von Twister. Für mich war das die einprägsamste Szene des Films, weil sie zum einen seinen ganzen Geist, aber auch das dekadente Ambiente so schön widerspiegelt. Menschen in fragwürdigen Klamotten freuen sich ihres sinnlosen Lebens. DEBORAH ist typisch für seine Zeit: eine Zeit, in der Nizza der Nabel der Welt war, schöne Menschen auf aufregenden Partys Champagner schlürften und sich danach auf dem Flokati vor dem Kamin räkelten. Man wäre nur zu gern dabeigewesen. Zu spät Geborenen wie mir bleiben leider nur tolle Filme wie dieser.

10841Wer Fulcis Einflüsse jenseits des italienischen Kinos kennen lernen will, wird mit UNA SULL’ALTRA fündig, in dem der Regisseur dem großen Alfred Hitchcock und dem Film Noir mit seinen Femmes Fatales seine Reverenz erweist. Die Sichtung des Thrillers lohnt aber auch aus anderen Gründen: nicht nur, um drei hoch attraktiven Darstellern des europäischen Kinos – Elsa Martinelli, Marisa Mell und Jean Sorel – beim erotisch aufgeladenen Intrigenspiel zuzusehen, sondern auch weil es sich bei diesem Werk aus der frühen Hochphase von Fulcis Schaffen um einen seiner visuell schönsten und aufregendsten handelt.

Der Plot vereint, wie oben schon angedeutet, klassische Noir-Motive – Versicherungsbetrug und das In-die-Schuhe-Schieben eines Mordes – mit Anleihen bei Hitchcocks VERTIGO und dessen Vorliebe für den unschuldig Verfolgten. In UNA SULL’ALTRA trifft es Dr. George Dumurrier (Jean Sorel), den Chef einer mit finanziellen Probleme kämpfenden Privatklinik. Als seine wohlhabende, aber ungeliebte Gattin Susan (Marisa Mell) einer langjährigen Krankheit erliegt, scheint der Weg frei für seine Heirat mit der Modefotografin Jane (Elsa Martinelli), seiner langjährigen Geliebten. Dass Susan ihm außerdem eine Million Dollar vererbt hat, nimmt er zwar gern mit, wirft aber auch unangenehme Fragen und Zweifel an seiner Unschuld auf. Als er dann auf die Striptease-Tänzerin Monica Weston (Marisa Mell) aufmerksam gemacht wird, die Susan zum Verwechseln ähnlich sieht, verdichtet sich sein Verdacht, Opfer eines Komplotts geworden zu sein. Zu Recht, wie er erkennen muss, als er wegen Mordes in der Todeszelle landet …

Fulci erzählt seine Geschichte sehr geduldig und ruhig, weniger mit einem stetig ansteigenden Spannungsbogen als vielmehr mit einem sich im letzten Drittel des Films förmlich überschlagenden Handlungsverlauf, der den Protagonisten mit totaler Ohnmacht schlägt und ihm die Teilhabe am Ausgang der Geschichte aus den Händen nimmt. Die Auflösung, der der Zuschauer nicht direkt beiwohnt, sondern die ihm aus zweiter Hand, in Form des Berichts eines Reporters, serviert wird, verstärkt dies noch, lässt außerdem an das umstrittene Ende von Hitchcocks PSYCHO denken – der auffälligste erzählerische Kniff von NA SULL’ALTRA, aber bei Weitem nicht sein einziger. Noch aufregender als die Frage nach dem Täter ist es etwa, sich ganz der vielsagenden visuellen Gestatung hinzugeben. Fulci frönt nicht nur dem damals angesagten psychedelischen Look, er führt die Konflikte des Films auch in der von Gegenüberstellungen lebenden Bildgestaltung auf die Spitze: Immer wieder kämpfen da zwei Charaktere um die Dominanz im Bildkader, wird auch das Liebesspiel als latent aggressiv gezeichnet, nicht als erotisches Miteinander, sondern als ständiges Schwanken und Umstürzen der Kräfteverhältnisse. Schon wie Fulci Marisa Mell in Szene setzt, als ihre männlichen Partner förmlich überragende Naturgewalt, lässt erahnen, dass es für George nicht viel zu lachen geben wird. Nur die nicht minder erotische Elsa Martinelli kann ihr Einhalt gebieten, in einer lesbischen Szene, die den Höhepunkt des Films darstellt und deren erotisches Knistern sich langsam zu einem lautstarken Krachen ausweitet.

Auch wenn der reißerische deutsche Titel NACKT ÜBER LEICHEN es nicht unbedingt vermuten lässt: UNA SULL’ALTRA ist einer von Fulcis allerbesten Filmen. Er lässt den großen Stilisten erkennen und sollte alle, die bisher noch Zweifel an seinen enormen Fähigkeiten hatten, endgültig bekehren.

 

Nachdem sie sich von einem Autounfall erholt hat, erhält die Rennfahrerin Helen (Carroll Baker) eine Einladung von ihrem Ex-Gatten, dem Playboy Maurice (Jean Sorel), der sie vor drei Jahren verlassen hatte. Neugierig folgt sie der Einladung in sein prächtiges Haus an der mallorquinischen Küste, nur um dort etwas enttäuscht festzustellen, dass er eine neue Frau hat: die schon etwas ältere Constance (Anna Proclemer), die auch für den gemeinsamen Wohlstand verantwortlich ist. Nach einigen Tagen, in denen Helen sowohl von Maurice als auch von Constance Avancen gemacht wurden, offenbart sich die Gastgeberin: Sie will Helen – die selbst einmal mit der Waffe auf ihren Gatten losgegangen war – dazu überreden, Maurice umzubringen. Doch Constance hat nicht mit der Skrupellosigkeit des Ehemanns gerechnet, denn der wiederum schlägt seiner Ex vor, die lästige Ehefrau zu entsorgen, um sich mit ihrem Reichtum ein schönes Leben zu machen. Helen, dem Charme Maurice‘ wieder einmal erlegen, willigt ein. Nach vollbrachter Tat müssen nur noch die lästigen Fragen von Polizei und Freunden beantwortet werden. Doch dann steht auf einmal Constance‘ jugendlich-aufmüpfige Tochter Susan (Marina Coffa) auf der Matte …

Schon lustig: Jean Sorel war mir in zwanzig Jahren exzessiven Filmschauens nur einmal wissentlich begegnet (nämlich bei meiner Erstsichtung von Lados LA CORTA NOTTE DELLE BAMBOLE DI VETRO vor ein paar Jahren) und jetzt habe ich innerhalb von zwei Wochen gleich vier Filme mit ihm gesehen. Auch hier spielt er, ähnlich wie in José María Forqués EL OJO DEL HURACÁN, den attraktiven, charmanten Liebhaber, der einsame Frauen nach Belieben um den Finger wickelt und dieses Talent rücksichtslos zu seinem Vorteil einsetzt. Beide Filme liegen sowieso eng beieinander, nicht nur zeitlich: Sie transportieren klassische Noir-Plots aus den amerikanischen Straßenschluchten in den sommerlichen Mittelmeerraum, aus dem Zwielicht schummriger Bars und ranziger Hotelzimmer in die vom dolce vita geprägten Sphären des europäischen Jetsets. Als Vorbild für diese Filme darf man vielleicht René Clements Highsmith-Verfilmung PLEIN SOLEIL betrachten, der dem beneidenswerten Glamour von Hitchocks TO CATCH A THIEF endgültig die Unschuld raubte und die ganze Verkommenheit und Gier seiner Protagonisten auf eine Art und Weise bloßstellte, dass man selbst in der Mittagshitze noch eine Gänsehaut bekam. Auch in Lenzis PARANOIA gibt es keine einzige sympathische oder auch nur ehrliche Figur: Helen, die zunächst noch dem Typus der selbstbestimmten, starken Frau zu entsprechen scheint (Rennfahrerin …), entpuppt sich mehr und mehr als willenlos und entscheidungsunfähig zwischen Maurice und Constance schwankende Hysterikerin (… die einen Unfall baut), der schöne Maurice sich als aalglatter Intrigant und Egomane, Constance als feige und rückgratlos, die emotionale und moralische Integrität vorgaukelnde Susan als abgebrühte und zu allem entschlossene Zockerin. Es verschafft ja immer eine gewisse Genugtuung, mitanzuschauen wie sich die Reichen und Schönen ungehemmt gegenseitig betrügen, belügen und schließlich aus dem Weg räumen und das ist hier nicht anders: PARANOIA ist durchweg unterhaltsames Thrillerkino mit jenem unnachahmlichen Sixties-Flair und wenn der Handlungsverlauf auch nicht besonders originell ist, so gelingt es Lenzi dennoch mehr als einmal, den Zuschauer auf dem falschen Fuß zu erwischen.

Dazu kommt, dass dieser Postkartenthriller unter der Regie des Italieners mit dem Faible fürs Saftige eine dezente Schlagseite zum Sleaze hin erhält, die das Abgündige noch abgründiger macht: Gleich zu Beginn, wenn Helen auf die Frage des Arztes, welches der drei Laster Zigaretten, Sex und Alkohol sie denn glaube, auch weiterhin in vollen Zügen genießen zu können, kurzentschlossen mit „Alkohol“ antwortet, ahnt man schon, dass diese Frau ein ausgesprochenes Talent dafür hat, sich lustvoll in die Scheiße zu reiten. Der Freund, der die Rekonvaleszente abholt, macht erst einmal Halt an einer Tankstelle, die er als seinen „Whiskey-Stop“ bezeichnet, um ihr neuen Stoff zu beschaffen (eine Gelegenheit, die sie sofort dazu nutzt, mit seiner Karre abzuhauen), und der schöne Maurice hat keine Hemmungen, sich im Beisein der Ehefrau mit diversen Bikinischönheiten zu vergnügen. Als er Helen mit seinem zahnreichen Verführerlächeln begrüßt, montiert Lenzi einen kurzen Erinnerungsfetzen Helens ein, der zeigt, wie er ihr mit dem Handrücken eine saftige Maulschelle verpasste, nachdem sie mit einer Pistole auf ihn losgegangen war. Schöne Gesellschaft. PARANOIA fällt aus meiner Giallo-Reihe eher raus, weil er – wie oben ausgeführt – einer anderen Traditionslinie entstammt, aber er hat mir trotzdem sehr gut gefallen. Und einen solchen dann doch überwiegend geschmackssicheren, beinahe schon als „edel“ zu bezeichnenden Thriller hatte ich von Lenzi definitiv nicht erwartet. Mir wird immer mehr bewusst, welchen Abstieg das italienische Kino und seine Protagonisten im Verlauf der Siebziger- und Achtzigerjahre tatsächlich hingelegt haben. Von PARANOIA zu LE PORTE DELL’INFERNO: Das muss man auch erst einmal hinbekommen …

(Achtung: Diesen Film – der auf Englisch A QUIET PLACE TO KILL heißt – kann man nur allzu leicht mit Lenzis ORGASMO verwechseln: Der lautete international nämlich auf den Titel PARANOIA und bietet, um die Verwirrung komplett zu machen, ebenfalls Carroll Baker als Hauptdarstellerin auf. Wer meinen Text ganz kurz nach meiner Veröffentlichung gelesen hat, wird sich bemerkt haben, dass ich selbst auf die Namensgleichheit hereingefallen war und das falsche Postermotiv ausgewählt hatte.)

Der in Prag arbeitende Journalist Gregory Moore (Jean Sorel) liegt in einem Zustand der Katatonie auf dem Tisch des Leichenbeschauers, bekommt alles, was um ihn herum passiert, mit, ist aber unfähig, sich bemerkbar zu machen. Verzweifelt versucht er, sich daran zu erinnern, wie er in diese missliche Lage kommen konnte: Ihm fällt ein, dass seine Verlobte Mira Svoboda (Barbara Bach), mit der er die Tschechoslowakei verlassen wollte, spurlos verschwunden war und ihn seine Versuche, sie wiederzufinden, auf die Fährte einer Verschwörung geführt hatten …

In einer Rückblende erzählt Aldo Lado seine Geschichte und webt so gleich zwei Spannungsbögen ineinander. Der erste verbindet den Zuschauer mit dem Protagonisten, dessen Erinnerungen nach und nach zurückkommen und sich zu einem schlüssigen Bild zusammenfügen, das ihm die Frage beantwortet, wie er als Scheintoter enden konnte, der zweite erreicht seinen Höhepunkt erst ganz zum Schluss: Wird Gregory aus seiner Starre erwachen? Man ahnt allerdings schon vorher, welches Ende LA CORTA NOTTE DELLE BAMBOLE DI VETRO nehmen wird: Lado, der mit L’ULTIMO TRENO DELLA NOTTE ein paar Jahre später ein italienisches LAST HOUSE ON THE LEFT-Rip-off drehen würde, das es locker mit dem großen Vorbild locker aufnehmen konnte, ist dann doch ein zu großer Realist, als dass er in Versuchung geriete, seiner Ostblock- und Faschismus-Allegorie mit einem läppischen Happy End den kritischen Zahn zu ziehen. Das Setting des sozialistischen Prags ist die halbe Miete bei diesem exzellenten Mystery-Thriller, weil es nicht bloß einen wunderbar unverbrauchten bildlichen Rahmen liefert, sondern auch entscheidend zur Atmosphäre des Alters, des Verfalls und des Todes beiträgt, die den Film bestimmt. Es gibt kaum junge, frische Gesichter in dem Film zu sehen, stattdessen fast ausschließlich ergraute, greisenhafte Gestalten, die mit den ruinösen Häusern um sie herum in symbiotischer Beziehung zu stehen scheinen. Der Sozialismus hat jedes Leben aus dem Land gesaugt und was übrig ist, ist hässlich, krank und moralisch verrottet, nur auf den eigenen Erhalt bedacht. Es ist klar, dass solch attraktive Personen wie Gregory oder Mira hier keine Chance haben.

Aldo Lado hat leider neben diesem Film – einem mehr als beachtlichen Debüt –, der im weiteren Sinne noch als Giallo zu bezeichnen ist, nur noch ein weiteres Mal in diesem Genre gearbeitet – CHI L’HA VISTA MORIRE? läuft dann auch demnächst in diesem Kino. Das ist sehr schade, weil er neben der inszenatorischen Finesse und einem ausgezeichneten Sinn für das Visuelle – LA CORTA NOTTE DELLE BAMBOLE DI VETRO sieht wirklich großartig aus – auch eine beachtliche Intelligenz und ein intaktes soziales Gewissen mitbrachte; Eigenschaften, die seine Thriller über bloß spannende Unterhaltung hinauswachsen lassen. Wer italienisches Genrekino allerdings in erster Linie für sein ehrliches Bekenntnis zum Trivialen schätzt, der bekommt hier immerhin einen Auftritt von Jürgen Drews als Straßensänger serviert, der eine ergreifende Ballada über die Schmetterlinge der Freiheit trällert …

Die wohlhabende Künstlerin Ruth (Analìa Gadé) trennt sich von ihrem Ehemann Michel (Tony Kendall), als sie sich in den attraktiven, smarten Paul (Jean Sorel) verliebt. In ihrer luxuriösen Mittelmeervilla haben die beiden eine leidenschaftliche Romanze, bis zwei rätselhafte Unfälle Ruth beinahe das Leben kosten. Ruth vermutet ihren eifersüchtigen Ehemann dahinter, der bald wieder bei ihr auftaucht. Doch dann belauscht sie ein geheimes Gespräch der beiden Männer …

Kein lupenreiner Giallo, sondern ein sehr ruhiger und entspannter Thriller, dessen mediterranes Flair und die Bilder der von der Nachmittagssonne beschienenen Naturschönheit den Vergleich mit etwa Lenzis SPASMO oder Caianos L’OCCHIO NEL LABIRINTO heraufbeschwören, dessen Plotline mit Mordkomplott und Dreiecksbeziehung hingegen an einen Film Noir mit vertauschten Geschlechterrollen denken lässt (beim Noir ist ja in der Regel der Mann derjenige, der verraten wird, hier ist es die Frau). Forqué inszeniert seine Geschichte mit viel Geduld und setzt dabei voll auf die Stimmung von Müßiggang und Tagträumerei, die nicht nur seiner Protagonistin die Sinne vernebelt. EL OJO DEL HURACÁN wirkt irgendwie irreal mit seinem Sonnenglitzern auf der trügerisch ruhigen Meeresoberfläche und dem charmanten Lächeln Pauls, der einfach zu perfekt ist, als dass mit ihm nicht etwas faul sein könnte. Wenn die schmucke Fassade langsam wegbröckelt, erhalten seine edlen Züge, sein selbstbewusstes verführerisches Lächeln und sein weltmännischer Charme plötzlich heftige Schlagseite Richtung Psychopathentum: Jean Sorel liefert eine Glanzleistung ab, agiert sehr subtil und versteigt sich niemals zu wildem Grimassieren. Es sind nur Nuancen, die sein Spiel in der ersten Hälfte des Films von dem in der zweiten unterschieden und das macht ihn geradezu teuflisch effektiv. Die schöne Analía Gadé, die die etwas undankbare Rolle der Betrogenen innehat, macht die Verletzung ihrer Ruth sehr nachvollziehbar und hilft so dabei, den eigentlich sehr abgebriffenen Stoff lebendig zu halten. So ist es dann auch zu verschmerzen, dass EL OJO DEL HURACÁN kein großer Wurf, sondern lediglich ein sehr solider Euro-Thriller geworden ist, dem Atmosphäre und Stil alles sind und dem ich es daher nur zu gern verzeihe, dass er darüber Innovation und erzählerische Raffinesse etwas vernachlässigt.

Carol Hammond (Florinda Bolkan) gehört mit ihrem Mann Frank (Jean Sorel) der Londoner Oberschicht an. Gemeinsam führen sie ein in Routine erstarrtes Eheleben, das sich Frank mit einer Affäre aufpeppt, während seine Gattin alle ihre Wut und ihre Fantasien auf die attraktive Nachbarin Julia (Anita Strindberg) projiziert, die ein enthemmtes Leben voller rauschhafter Partys führt. Das schnöde Bürgerleben gerät aus dem Ruder, als Julia ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden wird – genau einen Tag, nachdem Carol davon geträumt hatte, sie zu erdolchen. Und es ist ihr Brieföffner, der als Tatwaffe am Tatort liegt …

Lucio Fulci ist ein sträflich unterschätzter Regisseur und UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA beweist das sehr eindrucksvoll. Berühmt wurde Fulci weltweit, als er in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren maßgeblich an der Welle italienischer Splatterfilme beteiligt war, die Europa, aber auch die USA im Sturm eroberte. Eine Welle, die ihn leider selbst mit fortriss und sein inszenatorisches Können so Stück für Stück abtrug. Doch die besten seiner Splatterepen sind weitaus mehr als Splitter im Auge, zerschmelzende Gesichter und platzende Köpfe vielleicht suggerieren: In ihnen erkennt man den Surrealisten hinter der Kamera, der – kaum weniger als sein von Cineasten einhellig gefeierter Kollege Dario Argento – Traumwelten auf die Leinwand bringt und dessen Filme keineswegs unlogisch sind (wie oft behauptet wird), sondern lediglich ihrer eigenen Logik folgen. Was mich nun zu diesem Giallo aus dem Jahr 1971 bringt, der sich geradwegs in den Kopf einer Frau begibt, die sich in einer schweren psychischen Krise befindet. UNA LUCERTOLA verbindet psychedelische Schnitt- und Bildfolgen, die den Zuschauer unterstützt von Morricones jazzigem Score schier überwältigen. Die Traumsequenzen sind einfach nur eindrucksvoll: sinnlich, beängstigend, verführerisch. Der verschlungene Krimiplot mit seinen unzähligen Verdächtigen, falschen Fährten, versteckten Motiven und dunklen Geheimnissen spiegelt die Verwirrung der jungen Frau, die von Florinda Bolkan in einer ganz ähnlichen Rolle verkörpert wird, die sie schon im fantastischen LE ORME bekleidete. Tatsächlich ist sie mir ihrem dichten dunklen Haar, den dunklen Augen und den markanten Gesichtszügen wie gemacht für diese neurotischen, herben Schönheiten. Und sie gibt ihr Geheimnis in UNA LUCERTOLA bis zum Schluss nicht preis: Auch wenn es eine klassische Krimiauflösung gibt, Carol bleibt ein Mysterium. Wenn ich etwas an Fulcis Film kritisieren müsste, dann wäre das das etwas antiklimaktische Ende: Eine Reihe von Dialogszenen beendet den Film eher unspektakulär. Aber eigentlich ist das auch wieder nachvollziehbar: Das seelische Chaos, repräsentiert durch die dionysischen Traumsequenzen zu Beginn, hat der Verstand des Polizisten einigermaßen in Ordnung gebracht. Was nicht bedeutet, dass ich am Ende nicht das Gefühl hatte, bei der ein oder anderen Wendung den Anschluss verloren zu haben. Ein toller Film.