Mit ‘Jeff Bridges’ getaggte Beiträge

Ich lese gerade das Buch „Final Cut: Art, Money, and Ego in the Making of Heaven’s Gate, the Film that Sank United Artists“ von Steven Bach, der wesentlich verantwortlich dafür war, dass United Artists den Film, der als einer der erschütterndsten Flops aller Zeiten in die Filmgeschichte einging, überhaupt produzierten. Ich habe bislang erst etwa ein Drittel des Buches geschafft, ohne dass Bach überhaupt bei den chaotischen Dreharbeiten angelangt wäre, was schon deutlich macht, dass die Geschichte dieses legendären Flops deutlich komplizierter ist, als es pointierte Trivia-Snippets vermuten lassen. Ich will und kann das hier nicht alles wiedergeben, aber die Kurzform lautet ungefähr so: HEAVEN’S GATE war in der Tat ein gewaltiges Verlustgeschäft für United Artists und die Mutterfirma Transcontinental, aber das Studio hätte danach durchaus weitermachen können (und machte dies ja zumindest nominell auch, nämlich als Tochter der MGM Studios), weil sich parallel produzierte Titel wie Scorseses RAGING BULL als sehr erfolgreich erwiesen und den finanziellen Verlust wenn schon nicht ausglichen, so doch zumindest abfederten. Was HEAVEN’S GATE nachhaltig zerstörte, war aber das Vertrauen des UA-Mutterkonzerns, eines Versicherungs- und Finanzunternehmens, dem die eigenen Gesetze des Filmgeschäfts und der dort tätigen kreativen Köpfe von Anfang an suspekt waren und das alle seine Vorbehalte im Scheitern des Mammutprojekts bestätigt sah. Die Gründe, warum HEAVEN’S GATE nicht nur an der Kasse, sondern auch bei den Kritikern durchfiel, sind vielseitig und nicht zur vollen Befriedigung wiederzugeben. Warnzeichen, die die Verantwortlichen hätten erkennen müssen, gab es früh, wie Bach rückblickend bereitwillig einräumt: Schon nach wenigen Drehtagen war klar, dass die Kosten des Films explodieren und das veranschlagte Budget weit übersteigen würden: Aus ursprünglich anberaumten 7,5 Millionen Dollar wurden am Ende rund 44 Millionen. Auch ein Resultat der Politik, mit der United Artists 1919 von den Künstlern Charlie Chaplin, Douglas Fairbanks, Mary Pickford und D. W. Griffith gegründet wurde, denn es gehörte zur ausdrücklichen Philosophie des Studios, dass sich die Geschäftsleute nicht in den kreativen Prozess einmischten. So konnte auch Cimino am Set ungehindert schalten und walten, Sets niederreißen und neu bauen lassen, weil ihn einzelne Details plötzlich störten, oder mehrere Drehtage auf Einstellungen verwenden, die im fertigen Film nur wenige Sekunden lang dauerten. Sicherlich trug auch die epische Länge des Films zu seinem Versagen bei: Ciminos ursprünglich vorgelegter Schnitt lag bei fast fünf Stunden, aus denen er dann einen rund 220-minütigen Director’s Cut machte, der von den Geldgebern noch einmal um 70 Minuten erleichtert wurde. Aber es gab auch genügend Beispiele für Filme mit Überlänge, die trotzdem ihr Publikum gefunden hatten: LAWRENCE OF ARABIA, THE GODFATHER, Ciminos zuvor in die Kinos gebrachter THE DEER HUNTER. Und warum sich die Kritik in seltener Einhelligkeit auf HEAVEN’S GATE stürzte und ihn zum künstlerischen Fiasko hochschrieb, lässt sich heute kaum noch begreifen, denn der Film ist in seiner visuellen Opulenz und Poesie schlicht überwältigend, auch über die volle Distanz von 3 1/2 Stunden fesselnd, dazu mit großartigen Performances veredelt und noch dazu thematisch faszinierend und vielschichtig. Zwei Verdachtsmomente liegen nah: Der Film erfuhr mit seiner Darstellung eines von der amerikanischen Regierung geduldeten Mords an ein paar Siedlern wahrscheinlich jenen Backlash, der sich dann ein Jahr später auch in der Wahl Ronald Reagans und seinem politischen Revisionismus manifestierte. Für realistische, kritische, auch schmerzhafte Filme, wie sie die Siebzigerjahre noch in Reihe hervorgebracht hatten, war plötzlich kein Platz mehr. Und Filmkritiker, die über Branchenblätter wie Variety über Jahre haarklein hatten mitlesen können, wie HEAVEN’S GATE gnadenlos aus dem Ruder gelaufen war, hatten wahrscheinlich auch ein bisschen Spaß daran, die heilige Kuh nun endgültig zu schlachten. Es kamen viele Dinge zusammen – und der Film selbst spielte am Ende kaum noch eine Rolle.

Das historische Ereignis, auf dem HEAVEN’S GATE fußte und das unter dem Begriff „Johnson County War“ als kleine Episode in die US-Geschichtsbücher einging, war bereits gute zehn Jahre vorher für ein Drehbuch aufbereitet worden und geisterte dann durch Hollywood, bis es schließlich bei Cimino landete, der nach THE DEER HUNTER eigentlich Ayn Rands „The Fountainhead“ verfilmen wollte (wohl auch, weil er selbst Architektur studiert hatte): 1892 kam es im nördlichen Wyoming zu einem bewaffneten Konflikt, als die in der Viehzüchtervereinigung von Wyoming zusammengeschlossenen Rinderbarone mit Waffengewalt gegen Siedler und Kleinfarmer vorgingen, die sich den diktierten Konditionen nicht unterwerfen wollten und einen Konkurrenzverband gegründet hatten. Um sie weiter zu kriminalisieren, wurde ihnen Viehdiebstahl vorgeworfen und ihre Namen landeten auf einer Todesliste: Am 5. April 1892 zog eine Truppe von über 50 bewaffneten Männern los, um die unliebsamen Siedler hinzurichten. Diese hatten jedoch Wind von dem Plan bekommen und stellten sich den Aggressoren entgegen. Die sahen angesichts der ihnen gegenüberstehenden Übermacht keine andere Wahl, als sich zu verschanzen und um Hilfe zu rufen. In Windeseile entsandte der zuständige Gouverneur mit Erlaubnis des Präsidenten eine Armee, die die gedungenen Mörder aus ihrer Lage befreite.

In HEAVEN’S GATE wird die Geschichte ein wenig verändert beziehungsweise erweitert: Die Belagerungssituation, in die das Scharmützel mündete, lässt Cimino weg, bei ihm ist der Kampf ein offener Schlagabtausch, in dem zwar beide Seiten gleichermaßen zu Ader gelassen werden, die Rinderbarone aber insgesamt doch die Oberhand behalten. Der Eindruck, dass die „Bösen“ gewonnen haben, wird noch dadurch verstärkt, dass zwei Protagonisten, die das Gemetzel zunächst überlebt haben, im Anschluss hinterrücks überfallen und niedergestreckt werden. Aber der Kampf selbst nimmt in HEAVEN’S GATE eigentlich nur geringen Raum ein. Den Großteil der Handlung bestimmt der Vorlauf der Schlacht, die Bemühungen von Sheriff James Averill (Kris Kristofferson), seine Bürger erst zu warnen und dann zu schützen, die Planungen des Angriffs durch Frank Canton (Sam Waterston), dem Vorstand der Rinderzüchtervereinigung, die Dreiecksbeziehung von James, der Prostituierten Ella (Isabelle Huppert) und dem Killer Nate Champion (Christopher Walken). Aber auch das beschreibt HEAVEN’S GATE nur unzureichend, denn Ciminos Epos ist weniger handlungs- als vielmehr stimmungsgetrieben. Das beginnt mit dem langen Prolog der Abschlussfeier von Averill und seinem Freund William (John Hurt) in Harvard, der keine echte Bedeutung für den Plot hat, aber ganz wesentlich zur Etablierung des Themas des Unschuldsverlusts beiträgt, das den Film prägt, setzt sich fort bei der ausdauernden Darstellung des Siedleralltags mit seinen Festen, Streitigkeiten und der babylonischen Sprachverwirrung (John Ford hätte HEAVEN’S GATE Film geliebt), den Bildern endloser Weite und schneebedeckter Gipfel unter einem eisblauen Himmel, und endet beim sprachlosen Epilog auf einer Yacht vor der amerikanischen Ostküste 20 Jahre nach dem Johnson County War.

Cimino erinnert daran, woher die USA kamen, wie ihre Geschichte begann, wie sich das Land durch schmerzhafte K(r)ämpfe zu dem entwickelte, was es heute ist (oder damals war) und was dabei alles auf der Strecke blieb. Sein melancholischer Rückblick unterscheidet sich stark von den weißgewaschenen Mythen des Westerns, in dem Haudegen wie John Wayne oder Gary Cooper das Recht mit dem Revolver gegen unrasierte Outlaws verteidigten: HEAVEN’S GATE zeichnet eine bunte Gemeinschaft aus Deutschen, Russen, Franzosen, Ukrainern, Polen, Iren und anderen Einwanderern, die alle ihre eigene Kultur mitbrachten, aber auch die Bereitschaft, im Verbund mit den anderen etwas Neues aufzubauen. Er zeigt ein Land der Latenz und der heute noch beschworenen unbegrenzten Möglichkeiten, ein Land, das dabei ist, sich selbst zu erträumen – und das dann jäh aus diesen Träumen gerissen wird, von Mächten, denen es nicht schnell genug Gestalt annehmen kann. HEAVEN’S GATE zeigt auch, wie das große Ganze sich aus den Biografien der Einzelnen speist, wie sich das Große im Kleinen spiegelt und umgekehrt: in der Suche Ellas nach der Liebe, in Averills Unfähigkeit, sich zu ihr zu bekennen, in Nates und Williams verkorkster Vergangenheit, deren Schatten noch heute auf sie fallen. Den Spannungen zwischen der Mangelhaftigkeit des Individuums und den Idealen des Kollektivs, die den Staat zerreißen, ist auch Ciminos Film selbst unterworfen, dessen finales Scheitern vielleicht der letzte, überzeugendste Beleg seiner Wahrheit ist. Ciminos obsessive Jagd nach dem totalen Bild (es heißt, er habe zeitweise nur während der kurzen Zeit der blauen Stunde gedreht, um das Licht einzufangen, das ihm vorschwebte), sein Bemühen, eine universale Idee und einen historischen Prozess zusammen in einem Spielfilm einzufangen, einem ganzen Staat gleichzeitig den Spiegel vorzuhalten, ihn anzuklagen und ihm seine Liebe zu erklären, gleichzeitig seinen persönlichen Wahn und kommerziellen Anspruch miteinander zu versöhnen: Das war vielleicht etwas zu viel für einen Mann und einen Film. Ein Happy End wäre natürlich wünschenswert und verdient gewesen, aber so, wie es gelaufen ist, ist die Geschichte eigentlich viel schöner. Das Krachen des Films erschütterte Hollywood, es markierte das Ende einer Ära und sicherte ihm sein Erbe. Ich nehme an, dass Cimino ganz gut damit leben konnte, auch wenn der Flop von HEAVEN’S GATE eine sehr vielversprechende Karriere auf dem vermeintlichen Höhepunkt beendete. Heute ist sein Film ja auch als Kunstwerk rehabilitiert.

In Nebenrollen sind u. a. Mickey Rourke, Richard Masur, Geoffrey Lewis, Tom Noonan, Joseph Cotten, Brad Dourif und Paul Koslo zu sehen. David Mansfield liefert als Soundtrack-Komponist ein unfassbares Debüt ab. Vilmos Zsigmonds Bilder möchte man sich allesamt einrahmen und an die Wand hängen. Und danach eigentlich erst einmal keine Filme mehr sehen, so reich ist dieses Erlebnis. Weshalb ich mich dann auch wieder DER KOMMISSAR gewidmet habe.

 

Man kann ja nur wehmütig werden, wenn man einen Klassiker wie diesen wiedersieht, sich nach Zeiten zurücksehnen, in denen Filme ganz ohne Gimmicks auskamen, einfach nur eine Geschichte um ein paar Männer erzählten und dabei auch ohne Fantastillardenbudget eine Welt schufen, die bis in den letzten Winkel vibrierte vor Leben. Aber die Nostalgie schlägt im Falle von THUNDERBOLT AND LIGHTFOOT natürlich doppelt hart zu, denn Ciminos bemerkenswertes Debüt spielt in einer Version der USA, die heute schon als „historisch“ bezeichnet werden muss, fernab der gentrifizierten Metropolen, in den verschlafenen Nestern Montanas, die ihrem eigenen Pulsschlag folgen und die eine ganz andere Sorte „Männer“ hervorbrachte. Aber genau darum geht es ja auch in dem Film: um von der Zeit überholte Kerle, um ein Land im Wandel und eine neue Generation, die von ihren Vätern im Stich gelassen wurde und nicht weiß, wohin mit sich.

THUNDERBOLT AND LIGHTFOOT startete Ciminos Filmkarriere, aber der junge, unerfahrene Filmemacher stand unter genauer Beobachtung seines Stars, Clint Eastwood. Cimino schrieb das Script mit Eastwood im Kopf und modellierte es nach Douglas Sirks CAPTAIN LIGHTFOOT, einem seiner Lieblingsfilme, dem THUNDERBOLT AND LIGHTFOOT auch die Namen seiner beiden Hauptfiguren verdankt. Eastwood, der unbedingt ein Road Movie machen wollte, gefiel das Drehbuch und er setzte sich dafür ein, dass Cimino selbst die Regie übernahm, denn der hatte ihn mit seinen Rewrites für MAGNUM FORCE überzeugt. Die Legende besagt, dass Eastwood – der zu diesem Zeitpunkt selbst schon drei Filme inszeniert hatte – es gewohnt war, nie mehr als drei Takes zu drehen: Er achtete während der Dreharbeiten darauf, dass Cimino diese Gewohnheit respektierte und zügelte ihn, wenn er mehr Takes aufnehmen wollte. Cimino, dessen Karriere nach dem fulminanten Start mit diesem Debüt und dem folgenden, mehrfach Oscar-prämierten THE DEER HUNTER heftigen Schiffbruch erleiden sollte, als sein Mammut-Epos HEAVEN’S GATE die Beinahe-Pleite und den Verkauf von United Artists zur Folge hatte (ein ihn zügelnder Eastwood fehlte offensichtlich an allen Ecken und Enden), gab später zu Protokoll, dass er ohne Eastwood nie im Filmgeschäft hätte Fuß fassen können. Der Star wiederum war nach dem nur mäßigen Start von THUNDERBOLT AND LIGHTFOOT so sauer über das angebliche Fehlmarketing des Studios, dass er danach keinen weiteren Film mehr mit UA drehte. Tatsächlich merkt man dem Film Eastwoods positiven Einfluss an: Er erreicht eine ungeschliffene Perfektion und Klarheit, die Cimino in seinen späteren, zunehmend elaborierteren, bisweilen überambitionierten Werken nicht mehr erreichte.

Im Zentrum des Films steht die Freundschaft zweier ungleicher Männer: „Thunderbolt“ (Clint Eastwood) ist ein Veteran des Korea-Krieges und ein Bankräuber, der seinen Spitznamen der Tatsache verdankt, dass er einen Tresor einst mit schwerem Geschütz öffnete, „Lightfoot“ (Jeff Bridges) ein junger Streuner, der sich mit kleinen Gelegenheitsgaunereien über Wasser hält. Beide werden vom Schicksal zusammengeführt und benötigen nicht viele Worte, um sich ihrer gegenseitigen Sympathie zu versichern: Lightfoot schätzt die Verwegenheit Thunderbolts, Thunderbolt die gutgelaunte, sorglose Art Lightfoots. Den beiden kommt Thunderbolts Vergangenheit in Form seiner ehemaligen Partner Red Leary (gegen den Strich besetzt und ziemlich furchteinflößend: George Kennedy) und Eddie Goody (Geoffrey Lewis) in die Quere und es ist schließlich Lightfoot, der den neuen Coup vorschlägt, der ihm, Leary und Goody schließlich das Leben kostet – und sich in einer bitteren Pointe als komplett sinnlos erweist.

Cimino verquickt Elemente des Road Movies – das Sich-Treibenlassen seiner Protagonisten durch die Landschaft Montanas mit seinen weiten Ebenen und kleinen Städten – und des Heist Movies – das akribische Planen und Vorbereiten eines Bruchs, schließlich die minutiöse Durchführung, und schlägt dabei den Spagat von der Komödie zur Tragödie. Wie im Spätwestern geht es um Verlorene: Die Zeit, in der echte Kerle wie Leary und Thunderbolt einem eigenen, von der Armee geprägten Wertekodex folgten, ist vorbei, einen alternativen Lebensentwurf gibt es für sie nicht. Sie gehen ihren Weg beharrlich bis zum Ende: Wie dieses für Thunderbolt aussieht, bleibt allerdings unklar. Die Verbindung mit dem positiven Lightfoot scheint zunächst einen neuen Anfang zu markieren, dem auch Thunderbolt mit neuem Enthusiasmus entgegensieht, doch die neue Hoffnung findet ein jähes Ende. Lightfoot wiederum, ein Angehöriger der nachfolgenden Generation, hat kein klares Rollenbild mit auf den Weg bekommen. Über seine Eltern erfahren wir nichts, sein Name suggeriert die Hoffnung auf eine bessere Zeit, die sie mit ihm verknüpften, aber darüber hinaus scheinen sie ihm nichts vermittelt zu haben. Die Sorglosigkeit, die ihn auszeichnet, besiegelt auch seinen Untergang, weil sie für Leute wie Leary eine Schwäche und eine Gefahr darstellt. Als Lightfoot bemerkt, dass das Leben als Berufskrimineller und Schwerverbrecher nichts für ihn ist, knickt er auf eine Mahnung seines Freundes und die Häme Learys hin schnell wieder ein: Er will weder als Schlappschwanz dastehen noch einen Freund enttäuschen. Am Ende hat Thunderbolt einen Freund mit seinem Festhalten am Ganovenethos in den Tod getrieben. THUNDERBOLT AND LIGHTFOOT ist hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung auf ein neues, besseres Morgen, eine wehmütigen Rückschau auf Zeiten, die nicht wiederkommen, und dem Festhalten an einer Gegenwart, die bereits in Auflösung begriffen ist, zwischen den Fingern verrinnt wie feiner Sand. Die Figuren, die den Weg der Protagonisten kurzzeitig kreuzen, erinnern an Momentaufnahmen, Zeichen eines Jetzt, das keinen Bestand hat, einen Moment später bereits verblassende Erinnerung ist. Die Stimmung ist heiter, aber sie wird immer wieder erschüttert von Gewaltausbrüchen und Prophezeiungen des nahenden Endes.

Es scheint folgerichtig, dass Cimino sich nach THUNDERBOLT AND LIGHTFOOT dem Kriegsfilm widmete: In THE DEER HUNTER geht es um eine Gruppe idealistischer junger Männer, deren Träume und Hoffnungen im Krieg zerstört werden. Auch wenn dieser Film nur wenig mit seinem Debüt zu tun hat, zeigt auch er, wie die jüngere Generation von der älteren verheizt wird – und welchen ganz konkreten Einfluss kriegerische Auseinandersetzungen am anderen Ende der Welt auf die sozioökonomische Realität in der Heimat haben. In Paul Williams während der Schlusscredits laufenden Song „Where do I go from here“ heißt es: „If I knew the way I’d go back home/But the countryside has changed so much/I’d surely end up lost/Half remembering names and faces/So far in the past/On the other side of bridges that were burned once they were crossed.“ Leary beschwert sich mehrfach über die von Lightfoot verkörperte Jugend, ihren Mangel an Werten. Aber es sind seine und Thunderbolts Werte, die der Jugend den Weg verbauen und das Lad in jene Sinnkrise stürzten, die fast die ganzen Siebzigerjahre andauerte. Und irgendwie kommt einem das heute wieder ziemlich bekannt vor.

 

 

Ein weiterer Beleg für die in meinem letzten Eintrag aufgestellte These, die besten Filmerlebnisse seien immer die, in die man völlig unvorbereitet geht. RANCHO DELUXE gehört zu dem kleinen, heute weitestgehend brachliegenden Mini-Subgenre des Countryfilms, das in den Siebzigerjahren, wahrscheinlich in der Folge von Altmans NASHVILLE, reüssierte und uns unter anderem den göttlichen URBAN COWBOY bescherte. RANCHO DELUXE erschien im selben Jahr wie NASHVILLE und ist so unglaublich schräg, wie es Hollywood eigentlich nur in den Siebzigern gestattete. Die Kritik war dann auch entsprechend ratlos, u. a. Roger Ebert, der RANCHO DELUXE mit 1,5 Sternen abspeiste und fragte, was denn da wohl alles schiefgelaufen war. So kann man das natürlich sehen, allerdings entgeht einem dann ein wunderbares Filmerlebnis.

Jack McKee (Jeff Bridges) und Cecil Colson (Sam Waterston), der sich immer als „North American Indian“ vorzustellen pflegt, sind zwei liebenswerte Taugenichtse in einem Kaff in Montana, die auf das Spießerdasein mit Arbeit, Ehe und Kindern keinen Bock haben. Stattdessen treiben sie den wohlhabenden Rinderzüchter John Brown (Clifton James) mit ihrer Tätigkeit als „rustlers“ in den Wahnsinn: Sie erschießen seine Tiere, schlachten sie am Tatort und verkaufen dann das Fleisch. Sie träumen davon, sich irgendwann ihre „Rancho Deluxe“ finanzieren und zur Ruhe setzen zu können und sind auch deshalb auf gutem Weg, weil sie in Browns farmhands Burt (Richard Bright) und Curt (Harry Dean Stanton) zwei zuverlässige Informanten haben. Aber dann engagiert Brown den berühmt-berüchtigten Detektiv Henry Beige (Slim Pickens) …

Eigentlich ist das keine besonders ungewöhnliche Handlung und man kann sich gut eine stromlinienförmigere Version desselben Drehbuchs vorstellen. Die Protagonisten wären dann naive Träumer, die am Ende des Films mit der ganzen Härte der Realität konfontiert würden. In Perrys Film sieht das etwas anders aus: Ja, auch hier bekommen Jack und Cecil am Ende die Quittung für ihr illegales Treiben, aber ein echter Einschnitt in ihrem Leben ist das nicht. Sie sind in der glücklichen Lage, in allem das Positive zu sehen und so wird ihre Inhaftierung unversehens sogar zur Erfüllung ihrer Träume. Man muss das selbst sehen. Was immer wieder überrascht und aus der Bahn wirft, das sind die skurrilen Charaktere, unerwarteten Dialogverläufe und die left turns, die der Film nimmt. RANCHO DELUXE besetzt unter anderem Joseph Spinell als Vater Sam Waterstons, obwohl die beiden Schauspieler nur vier Jahre auseinanderlagen. Slim Pickens Detektiv Beige ist eine Art geriatrischer Columbo, seine Enkelin, die unschuldige, gottesfürchtige Jungfrau Laura (Charlen Dallas), hat es in Wahrheit faustdick hinter den Ohren. Elizabeth Ashley gibt Browns Ehefrau Cora als vom Farmleben gelangweilte Society-Queen, die bei den tumben Curt und Burt mit ihren Avancen leider keinen Erfolg hat.

Was gibt es sonst? Eine Pong-Partie zwischen Jack und Curt, Sex mit Hundemaske, die Theorie, das der Pick-up-Truck für den Einwohner Montana dasselbe ist wie das Feuerwasser einst für die Indianer, einen Zuchtbullen im Hotelzimmer. RANCHO DELUXE ist ein schönes Beispiel für Subversion im Mainstreamkino: Frank Perrys Film ist ein Wolf im Schafspelz und ein Film, der sich wiederzuentdecken lohnt.

 

Hal Ashbys Filmografie in den Siebzigern kann sich mit denen der allergrößten Filmemacher messen: HAROLD AND MAUDE, THE LAST DETAIL, SHAMPOO, COMING HOME und BEING THERE zählen zu den Sternstunden des New Hollywood, zuvor hatte er bereits als Cutter Großes geleistet und etwa CINCINNATI KID, IN THE HEAT OF THE NIGHT, THE RUSSIANS ARE COMING! THE RUSSIANS ARE COMING! und THE THOMAS CROWN AFFAIR mit seiner Kunst veredelt. Die Akribie, mit der er diese Filme bearbeitete, sich teilweise tagelang im Schneideraum einschloss, zahlte sich zu Beginn seiner Karriere noch aus, später verhedderte er sich unter dem Einfluss seiner Lieblingsdroge Cannabis oft bei der Arbeit und hatte aufgrund seines Perfektionismus zunehmend mit Schwierigkeiten mit seinen Auftraggebern zu kämpfen. 8 MILLION WAYS TO DIE, den er nach einigen Flops inszenierte, sollte sein letzter Film werden. Vielleicht wäre die Kritik etwas freundlicher mit ihm gewesen, wenn sie gewusst hätte, das eine große Karriere kurz vor ihrem Ende stand. So floppte die erste Verfilmung eines Matt-Scudder-Romans von Lawrence Block aus der Feder Oliver Stones und wurde bis heute nicht wirklich rehabilitiert. Danach drehte Ashby noch zwei Fernsehfilme und eine Doku über die Rolling Stones, bevor ihn Leber- und Darmkrebs im Alter von nur 59 Jahren 1988 hinwegraffte.

Aber man muss auch konstatieren, dass 8 MILLION WAYS TO DIE in jener Zeit starke Konkurrenz hatte – und Ashby, ein echter Hippie, der in den Siebzigern aufblühte, in den Achtzigerjahren etwas verloren wirkte. Den Zynismus und die Kälte, die der Copfilm in diesem Jahrzehnt an den Tag legte, waren seine Sache nicht, und die Ankündigung, mit der der ab- und ausgebrannte Cop Scudder (Jeff Bridges) den Film im Stile des Noir eröffnet, kann Ashby nie so richtig einlösen. Los Angeles sei eine verlorene Stadt an der Grenze zu Chaos, in der es acht Millionen Wege gäbe, jeden Tag sein Leben zu verlieren, sagt Scudder, doch Ashby ist kein Untergangsprophet, sondern ein Mann der Hoffnung. Er war vielleicht wirklich der Falsche, um Stones Drehbuch – wie SCARFACE eigentlich eine Aufarbeitung von dessen Drogenvergangenheit – adäquat und mit letzter Überzeugungskraft zu verfilmen. 8 MILLION WAYS TO DIE hat seine Momente, darunter wirklich eine haarsträubend eskalierende Drogenübergabe-Szene und einen ziemlich furchterregenden Handlungssprung, aber er leider auch sehr antiklimaktisch.

Matt Scudder erträgt seinen Job nur, weil er immer mal wieder einen Schluck aus der Pulle nimmt. Nachdem er bei einer Razzia einen Verdächtige vor den Augen von dessen Familie erschießt, weil er einen Baseballschläger zückt und auf Scudder Kollegen losgeht, quittiert er den Dienst und stürzt dann spektakulär ab. Frau und Tochter sind danach weg, doch bei den Anonymen Alkoholikern macht er einen vielversprechenden Neuanfang. Bis er der Prostituierten Sunny (Alexandra Paul) begegnet, die ihn um Hile bittet. Sie gehört zum Stall des schnieken Zuhälters Chance (Randy Brooks), von dem sie sich lösen möchte, doch sie fürchtet um ihr Leben. Ihre Angst bewahrheitet sich: Sie wird vor den Augen des hilflosen Scudder umgebracht, der danach einen heftigen Rückfall in die Alkoholsucht erlebt. Chance indessen behauptet, mit dem Mord nichts zu tun zu haben. Der Verdacht des Ex-Polizisten fällt auf den Drogendealer Angel Maldonado (Andy Garcia), der in Chances Haus ein und aus geht …

8 MILLION WAYS TO DIE fängt mit einem großartigen Flug über die Freeways der Westküstenmetropole, in dessen Verlauf das Bild immer mehr kippt, bis es schließlich fast auf dem Kopf steht. Das Gefühl des Kontrollverlustes, das dieses Bild evoziert und das wahrscheinlich auch Stone mit seinem Script anstrebte, wird aber leider viel zu selten wirklich fühlbar. Ashby geht ein eher behäbiges Tempo und hat vielleicht auch zu viel Empathie, um seinen Protagonisten so richtig abschmieren zu lassen. Bridges ist als Scudder eminent sympathisch und trotz seiner Abstürze scheint er doch zu geerdet: Die Besessenheit, mit der er sich in diesen merkwürdigen Fall stürzt, habe ich ihm nicht so richti abgenommen. Sein Charakter kommt aus einer gänzlich anderen, sich echter anfühlenden Welt als etwa sein Gegenspieler Maldonado, ein Tony Montana im Westentaschenformat, immerhin aber mit schön schmierigem Zöpfchen, oder auch Sunny, eine typische Männerfantasie, die die Autoren des Film Noir deutlich besser hinbekommen haben. Und das Happy End – Scudder geht mit Sarah (Rosanna Arquette), einer anderen Nutte aus Chances Stall in eine wahrscheinlich bessere Zukunft – wirkt auch eher dem Zweck geschuldet als wirklich glaubwürdig.

Ein Reinfall ist 8 MILLION WAYS TO DIE trotzdem nicht. Er verfügt über gut aufgelegte Darsteller, eine schön schwüle Atmosphäre und zumindest zwei sehr denkwürdige Szenen. Wie Scudder ohne Vorwarnung im Krankenhaus aufwacht, nicht nur ihm, sondern auch dem Zuschauer mehrere Tage einfach fehlen, ist schon ein großer Wurf, dessen Wirkung vom klischierten Drumherum leider stark abgedämpft wird. Ich mag den Film schon, vielleicht gerade weil ich ständig das ungehobene Potenzial durchschimmern sehe. Es ist ein unperfekter Film über einen unperfekten Protagonisten von einem großen Filmemacher, für den sich die Dinge leider nicht so etwickelt haben, wie sie es hätten tun sollen und insofern wahrscheinlich auch sehr richtig so, wie er ist. Wer ein „L-A-Copfilm-der-Achtzigerjahre“-Special plant, sollte auch 8 MILLION WAYS TO DIE unbedingt mit ins Programm aufnehmen, ihn aber vielleicht nicht direkt vor oder nach TO LIVE AND DIE IN L.A. schauen.

Ist THE BIG LEBOWKSKI der beliebteste Film der Coens? Ich glaube, trotz seines bescheidenen Einspielergebnisses ließen sich mehrere Belege dafür finden, die diese These untermauern. Ein Anhaltspunkt mag die unüberschaubare Vielzahl an Fan-Art sein, die die Eingabe des Filmtitels in die Google-Bildersuche zu Tage fördert. Eine andere die anhaltende Faszination, die der Charakter von Jeff Bridges, der Stoner Jeff Lebowski, genannt „The Dude“, auslöst. Das Netz hat ihn zum Paten einer ganzen Slacker-Philosophie auserkoren, einem Propheten des Hängertums, dessen entspannte Lebensauffassung Vorbild für Heerscharen von Menschen wurde, die sich den Anforderungen eines Lebens im Neoliberalismus nicht gewachsen fühlen. Dem „Dude“ selbst wäre diese Verehrung wahrscheinlich peinlich oder unangenehm: Er macht ja gar nichts, er ist einfach so wie er ist, und solange der Vorrat an Wodka und Kahlua nicht ausgeht und die Bowling-Halle ihn willkommen heißt, ist alles in Butter. Auf die ganze Aufregung, die die Ereignisse des Films für ihn bereithalten, könnte er jedenfalls auch ganz gut verzichten. Klar, ein bisschen Kohle zu verdienen wäre ganz nett, aber man muss es ja auch nicht übertreiben.

THE BIG LEBOWSKI ist nach dem Debüt BLOOD SIMPLE der erste lupenreine Noir der Coens – sofern sie zu einem „lupenreinen“ Noir in der Lage sind. Dunkel ist ihr Film überhaupt nicht (auch wenn es wieder dunkle Elemente gibt), er fühlt sich insgesamt viel leichter an als ihr bisheriges Werk, er ist episodischer, bunter und musikalischer. Inspirationsquelle waren nach Aussage der Coens die Romane von Raymond Chandler: „We wanted to do a Chandler kind of story – how it moves episodically, and deals with the characters trying to unravel a mystery, as well as having a hopelessly complex plot that’s ultimately unimportant.“ Es stimmt, die Geschichte von der Scheinentführung einer untreuen Ehefrau (Tara Reid) und dem ebenso vorgetäuschten Versuch des Ehemanns (David Huddleston), sie mithilfe des willkommenen Trottels namens „Dude“ aus den Fängen der Entführer  zu befreien, wird mit unzähligen Wendungen und ausuferndem Figureninventar erzählt, nur um sich am Ende in Wohlgefallen aufzulösen. Aber es gehört enorm viel schöpferisches Können dazu, eine so komplexe Geschichte zu entwickeln, dabei gleichzeitig etwas völlig anderes zu erzählen und am Ende niemanden mit dem aufreizend lapidaren Finale zu vergrätzen.

Es funktioniert nicht zuletzt, weil die Geschichte einen willkommenen Anlass bietet, den „Dude“ mit einer Vielzahl skurriler Figuren und ebensolcher Situationen zu konfrontieren. Zuvorderst sind natürlich die deutschen Nihilisten zu nennen (Peter Stormare, RHCP-Bassist Flea und Thorsten Voges), die einst gemeinsam als „Autobahn“ ein Album namens „Nagelbett“ aufnahmen und sich nun in schwarzen Klamotten mit Baseballschlägern als Hobbykriminelle versuchen („These men are nihilists. There’s nothing to be afraid of.“). John Turturro hat einen unvergesslichen Auftritt als egozentrischer hispanischer Bowler Jesus Quintana („Nobody fucks with the Jesus!“), Julianne Moore begeistert als feministische Künstlerin mit einem Vagina-Monolog („The word itself makes some men uncomfortable. Vagina.“), Philipp Seymour Hoffmans verschämtes Lachen, wenn er die vollkommen schamlosen Kommentare vom „Dude“ und der blutjungen Gattin seines Chefs hört, sind ebenfall Weltklasse. Und wenn man dann denkt, es kann eigentlich nichts mehr kommen, tauchen auch noch Jon Polito als schmieriger Privatdetektiv und Ben Gazzara als Pornoproduzent auf, der einen der Nihilisten einst im Kabelverleger-Opus „Logjammin'“ dirigierte. Dazu kommen musicaleske Traumsequenzen, Cowboy Sam Elliott als geisterhafter Erzähler und viel Bowlingromantik. Die Bowlingbahn ist vielleicht das wichtigste Setting des Films, das Äquivalent zum Minnesota aus FARGO, Ausdruck der inneren Gelassenheit der Hauptfigur – die man tatsächlich nicht einmal beim Bowlen sieht – und Zeichen der bereits bekannten Liebe der Coens zur amerikanischen Alltagskultur (es ist ja auffällig, wie die Coens mit ihren Filmen die USA nicht nur geografisch, sondern auch durch die Zeit erschließen: Hier sind sie nun im L.A. der frühen Neunzigerjahre angekommen).

Bei allem Tumult des Plots, bei all den bescheuerten Gestalten, die den Film bevölkern und immer nur Verwunderung und Befremden beim „Dude“ auslösen: In der gebohnerten Mittelmäßigkeit des Bowlingtempels mit seinen dickbäuchigen, o-beinigen, glatzköpfigen Durchschnittstypen, die in stinkigen Kunstlederschuhen zur Hochform auflaufen, kommt der Film ganz zu sich. Wie die Kamera diese großen kleinen Leute einfängt, sie fast zu Ikonen stilisiert, wie sie an den Gesichtern der drei Freunde vorbeifährt: THE BIG LEBOWSKI erreicht in diesen kleinen Gesten eine Perfektion, die fast schmerzhaft ist. Der „Dude“, sein cholerischer Freund Walter (John Goodman), der in der Lage ist, alles und jeden zum Vietnamkrieg in Beziehung zu setzen, alles als Angriff auf den American way of life zu begreifen, für den er „face down in the mud“ gelegen habe, und der, weil er immer noch nicht genug Last auf den Schultern trägt, auch noch zum Judentum konvertiert ist, sowie der stets im Schlepptau an ihnen hängende Donny (Steve Buscemi) sind vielleicht die drei schönsten Figuren, die die Coens je entwickelt haben. Jeff Bridges hält als ruhender Pol alles zusammen und John Goodman poltert von einem Ausbruch zum nächsten, droht einem armen Bowler bei gezückter Waffe, dass dieser eine „world of pain“ betrete, wenn er sich nicht zu seinem Regelverstoß bekenne („This is not Nam! There are rules!“) und ist trotzdem so ein liebenswert wie ein Elefant, der seine zerstörerische Kraft einfach nicht einschätzen kann. Die sich ständig im Kreis drehenden, wie das Bowlingspiel vollkommen durchritualisierten Dialoge der beiden sind der Höhepunkt des Films („They peed on your fuckin‘ rug!“).

Aber ich meine, da gibt es noch eine andere Figur, die sehr vel wichtiger ist: Steve Buscemis Donny. Er ist der eigenschaftslose Mitläufer, dabei aber ein absolut elementarer Bestandteil des Trios, auch wenn keiner so recht weiß, warum. Er scheint ein bisschen dümmlich, er hat nichts zu erzählen, er hat einen furchtbaren Drei-Dollar-Haarschnitt, ist von insgesamt eher trauriger Gestalt, guckt stets etwas ziellos ins Nichts und scheint seltsam alterslos, wie ein Zwölfjähriger, dessen Körper zu schnell gewachsen ist. Immer wieder schaltet er sich mit alibihaften Wortmeldungen ins Gespräch ein, nur um von Walter mit einem barschen „Shut the fuck up, Donny!“ zur Ordnung gerufen zu werden – was er still erträgt. Wir erfahren rein gar nichts über ihn, aber Steve Buscemi macht aus ihm mit wenigen Gesten und Blicken einen dreidimensionalen Charakter. Wie hat er diese beiden raumgreifenden Gestalten kennen gelernt? Was verbinden sie mit ihm, außer der Tatsache, dass er immer dabei ist? Wo kommt er her? Was macht er? Wovon träumt er? Was denkt er von Walter und dem „Dude“? Er scheint lange Zeit nichts als eine Art Running Gag zu sein, nur dazu da, um die Dialoge zu beschleunigen und zu verschärfen – bis er wie aus dem Nichts verstirbt. Nach vielen an Gewalt nicht armen Filmen der Coens ist THE BIG LEBOWSKI sehr zurückhaltend, es gibt ein paar tätliche Angriffe, aber keinen Mord. Es gibt überhaupt nur einen Tod, nämlich diesen einen, besonders jämmerlichen, auf dem Parkplatz vor der Bowlinghalle, ohne Fremdeinwirkung, durch einen absurden Herzanfall. Donny ist weg, einfach so. Da ist wieder dieses FARGO-Gefühl: Nicht jeder Mensch hat das Glück, eine gewinnende Persönlichkeit zu haben, gut auszusehen, witzig oder charmant zu sein oder wenigstens eine mehr oder weniger liebenswerte Macke zu haben. Manche sind einfach nur da, bis sie nicht mehr da sind. Und erst dann merkt man, dass sie fehlen.

 

7939eBayEin Hoch auf das Internet: Auf diesen schönen Film, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte, bin ich nur dank des Hinweises einer meiner Stammleser gekommen. Als Fan von Backwood-, Südstaaten- und Hillbilly-Filmen benötigte ich keinerlei weiteren Argumente, um LOLLY-MADONNA XXX, der in den USA über die Warner Archive Collection verfügbar ist, zu ordern. Die famose Besetzung, die neben den Veteranen Rod Steiger und Robert Ryan Jungstars wie Jeff Bridges, Randy Quaid und Gary Busey sowie die immer wieder gern gesehenen Charakterdarsteller Scott Wilson, Paul Koslo und Ed Lauter aufbietet, hat natürlich auch nicht geschadet.

Der Film mit dem seltsamen Titel handelt vom Konflikt zweier Familien, den Feathers und den Gutshalls, die sich in den Bergen Tennessees um ein Stück Weideland streiten. Der Streit erreicht eine neue Eskalationsstufe, als die Gutshalls die Feathers mithilfe einer im Namen der erfundenen Lolly-Madonna geschickten Postkarte von ihrem Grund und Boden weglocken, um in der Zwischenzeit deren Moonshine-Destillerie zu zerstören. Die Feathers entführen daraufhin die durch Zufall durchreisende Roonie Gill (Season Hubley), in dem Glauben, bei ihr handle es sich um besagte Lolly-Madonna. Als die Gutshalls wiederum davon erfahren, beschließen sie, das Mädchen zu befreien. Während Roonie zarte Bande zum Feathers-Sohn Zack (Jeff Bridges) knüpft, vergewaltigen Thrush (Scott Wilson) und Hawk Feather (Ed Lauter) die Gutshall-Tochter (Joan Freeman). Angeführt durch die unversöhnlichen Patriarchen Laban Feather (Rod Steiger) und Pap Gutshall (Robert Ryan) läuft der Streit auf die unvermeidliche Katastrophe zu …

Bestseller-Autorin Sue Grafton adaptierte für diesen Film höchstselbst ihren zweiten Roman „The Lolly-Madonna War“ von 1969, eine Warnfabel über die Eigendynamik von Gewalt und das Leid, das die Elterngeneration oft über ihre Sprösslinge bringt. In beiden Familien schwelen ungelöste Konflikte und tragen neben der Unfähigkeit zur friedlichen Kommunikation dazu bei, dass die Eskalation von niemandem verhindert wird. Es ist vor allem die autoritäre Art der beiden Väter, ihre Angewohnheit die eigenen Kinder wie Befehlsempfänger zu behandeln, sich nie auf ihre Ebene zu begeben und sie als eigenständige Individuen zu betrachten, die den Grundstein für das finale Massaker legt. Vincent Canby verriss den Film damals in der New York Times mit den Worten: „hillbillies make rotten metaphors“: Seiner Meinung nach war es ein Zeichen der Feigheit, dass Sarafian und Grafton ihre Vietnam-Kritik im Gewand eines Backwood-Dramas versteckten. Das kann man so sehen, aber die Kritik von LOLLY-MADONNA XXX ist dann doch etwas universeller, richtet sich nicht nur gegen die US-amerikanische Außenpolitik, sondern gegen die männlich geprägte Denkweise, die jeder kriegerischen Auseinandersetzung zugrunde liegt. Der Film ergeht sich dann auch nicht so sehr in den blutigen Details der Familienfehde, als dass er zeigt, welche Narben der Missbrauch durch die Väter auf den Seelen der Söhne hinterlassen hat.

Der Exploitation-Reißer, den ich eigentlich erwartet hatte, ist LOLLY-MADONNA XXX nicht, stattdessen ein über weite Strecken ruhiger und überraschend feinfühliger Film, dessen Gewaltausbrüche weniger im Zentrum stehen, als die verheerenden Wirkungen, die sie nach sich ziehen. Der eindrucksvollste Moment des Films gehört dann auch Rod Steiger, der kurz vor dem finalen Shootout geistig abwesend an seinem Tisch sitzt und sich ein Sandwich schmiert, nachdem er kurz zuvor seinen eigenen Sohn zu Tode geprügelt hat. Er ist das Opfer seines eigenen Ichs geworden und muss damit leben lernen, seine Familie zerstört zu haben.

STARMAN, zwischen CHRISTINE und BIG TRUBLE IN LITTLE CHINA entstanden, ist der „odd man out“ in Carpenters Werk. Es geht um eine außerirdische Lebensform, die von einem menschlichen Signal angelockt zur Kontaktaufnahme auf die Erde kommt und dort die Gestalt von Scott (Jeff Bridges), dem verstorbenen Ehemann von Jenny (Karen Allen), annimmt und mit ihr quer durch die USA reist, um rechtzeitig nach Arizona zu kommen, wo sie wieder abgeholt werden soll. Nach anfänglicher Angst beginnt Jenny dem fremden Wesen mit der vertrauten Gestalt immer mehr zu vertrauen. Es entwickelt sich eine grenzüberschreitende Liebe zwischen den beiden, die schließlich in der Zeugung eines Kindes kulminiert, das die Freundschaft der unterschiedlichen Spezies repräsentiert.

STARMAN sticht sowohl inhaltlich und tonal als auch ästhetisch aus Carpenters in sich doch sehr geschlossenem Werk heraus: Statt der kargen Bildsprache gibt es nun prächtige Panoramen und poetisches Lichtspiel, das den zärtlichen Zusammenprall der Spezies, den Einbruch des Unbegreiflichen in die Normalität akzentuiert; statt einer mit fast mathematischer Präzision fortschreitenden Dramaturgie den ruhigen Fluss des Roadmovies mit seinen Pausen und Zwischenstopps; statt einsilbiger Raubeine ein Wesen von kindlicher Unschuld, das erlegte Rehe zu neuem Leben erweckt, und eine Frau, die ihren Mann einfach nicht vergessen kann. Und zu guter Letzt wird das alles nicht von kalten, hypnotischen Synthieklängen untermalt, sondern vom grandiosen Score von Jack Nitzsche, der die sphärisch-ätherische Komponente des Films mit der romantisch-emotionalen Seite kongenial verbindet. Dass STARMAN aber kein typischer Carpenter-Film geworden ist, liegt nicht etwa an einem bewussten Stilwechsel des Meisters, sondern daran, dass er nur der letzte in einer langen Reihe von Kandidaten war, die den Film für Columbia Pictures drehen sollten: Vor ihm waren angeblich Adrian Lyne, John Badham, Tony Scott und Peter Hyams für die Regie vorgesehen. Am ehesten sieht noch der durchaus unheimliche Anfang, mit dem sich durch DNA-Analyse als Mensch materialisierenden Außerirdischen, nach dem einstigen „Master of Horror“ aus. Aber gerade das nötigt einem bei Betrachtung ja auch einigen Respekt ab: Wie es Carpenter gelungen ist, einen Film zu drehen, der nur wenig mit „seinen“ Themen zu tun hat, aber trotzdem durch und durch überzeugt. Ich würde soweit gehen, STARMAN als den – wahrscheinlich sogar mit einigem Abstand – schönsten Film in Carpenters Filmografie zu bezeichnen.

Gut möglich aber, dass gerade Carpenter mit seinem Background genau der richtige Mann für den Film war. Nur zu gut kann man sich vorstellen, dass STARMAN unter anderer Regie total zur vorhersehbaren Fish-out-of Water-Komödie oder zur kitschigen RomCom geraten wäre, Genres, die Carpenter nur zur Auflockerung streift, ohne den ernsten, warmherzigen und dramatischen Ton seines Films dadurch ganz aufzugeben. Es ist wohl seine Leistung, die unterschiedlichen Einflüsse und Elemente so ausgewogen zusammengeführt zu haben, dass sie nicht mehr wie Klischees erscheinen. Die natürliche Chemie von Jeff Bridges, der scheinbar mühelos den Eindruck eines nichtmenschlichen Wesens in einem fremden Körper erweckt, und Karen Allen trägt natürlich erheblich zum Gelingen der ganzen Unternehmung bei. Das Finale berührt tatsächlich, anstatt bloß manipulativ und kitschig rüberzukommen, wie das unter anderen Umständen ohne Zweifel der Fall gewesen wäre. Für mich war aber die visuelle Gestaltung des Films der Schlüssel, der mir das Herz geöffnet hat: Der Anfang in Jennys fast märchenhaft daliegendem Blockhaus, das subtile Make-up von Bridges, der gleichzeitig menschlich wie auch seltsam „anders“ aussieht, die traumhafte Fahrt durch ein winterliches Monument Valley, das Finale unter dem roten Licht des landenden Ufos. Alles Szenen mit einer ganz eigenen, nur schwer zu beschreibenden, aber absolut fesselnden Ästehtik, die ursächlich dafür ist, dass STARMAN nicht nur äußerlich wärmt, sondern einen wirklich berührt. Ein wunderbarer Film.

CUTTER’S WAY spielt im Küstenstädtchen Santa Barbara, Hauptstadt der sogenannten kalifornischen Riviera und einer der teuersten Flecken der USA, aber er beginnt in tristem Schwarzweiß: Eine Parade marschiert in Zeitlupe eine Straße entlang, geradewegs auf die Kamera zu. Mädchen tanzen, sodass ihre Röcke hochfliegen. Es ist ein Bild der Freude, doch Jack Nitzsches Musik verwandelt es in ein Monument der Trauer. Die Euphorie und Begeisterung, die im Bild eingefangen ist wie ein Insekt im Bernstein, ist eine gestrige, betrachtet durch den Schleier der Zeit mit den Augen eines Menschen, dem die Kraft zur Nostalgie längst abhanden gekommen ist. Die Farbe kehrt bald zurück ins Bild, die Erinnerung scheint lebendiger zu werden, aber die Distanz zwischen dem Hier und Jetzt und dem Gestern, das das Bild einzufangen scheint, wird dadurch nicht kleiner.  Was sich vergrößert, ist nur der Schmerz der Gewissheit, dass etwas endgültig und unwiederbringlich verloren ist. Dieser Auftakt ist wie der letzte Moment der Hellsichtigkeit, der das Hirn noch einmal durchzuckt, bevor alles Leben aus ihm weicht.

CUTTER’S WAY spielt also in Santa Barbara, einem Ort, der nur dafür gemacht zu sein scheint, die unerreichbaren Träume der unteren Mittelschicht von Reichtum, Glamour, Sonne und Palmenstränden zu verkörpern – und genau dies als Handlungsort der gleichnamigen Soap Opera (in Deutschland jahrelang nachmittags auf RTLplus unter dem Titel CALIFORNIA CLAN ausgestrahlt) auch tat. Aber die Yachthäfen, Poloturniere, Prachtvillen und mondänen Luxus-Restaurants, die einen Teil seiner Settings ausmachen, sprechen hier nicht von Traumerfüllung; vielmehr illustrieren sie, wie weit seine Protagonisten von einer solchen selbst entfernt sind. Sie sind hier fehl am Platze, ein Dorn im Auge der makellosen Schönheit, eine Rolle, die sie mit fast sadomasochistischer Lust spielen. Als hätten sie diesen Ort nur deshalb ausgewählt, weil sie dort niemals heimisch sein können, immer wie Aussätzige wirken müssen. CUTTER’S WAY wird vielerorts als Noir bezeichnet (worüber man streiten kann, wie dieser Text belegt), doch er spielt, nur anscheinend ironisch, fast ausschließlich bei Tageslicht. Die kalifornische Sonne macht das Geschehen aber keineswegs freundlicher; wenn überhaupt, sorgt sie dafür, dass die ganze moralische, emotionale, spirituelle Leere, die seine Protagonisten, aber auch ihre Zeit erfüllt, schonungslos sichtbar wird. Die meiste Zeit aber blendet sie, hüllt alles in ein entrücktes Glimmern, das sich wie ein Schleier auf die Welt legt, einlullt, betört, einschläfert, betäubt. Es ist dasselbe matte, trügerische Licht, das schon in Arthur Penns NIGHT MOVES oder Robert Altmans THE LONG GOODBYE die Sinne der Protagonisten vernebelte.  Beides Filme der Siebzigerjahre.

So wie seine Protagonisten in einem Limbo der Handlungsunfähigkeit gefangen sind, so hat CUTTER’S WAY seine Zeit verfehlt. Im Jahre 1 der neuen Zeitrechnung der Achtzigerjahre veröffentlicht, steht er noch ganz in der Tradition des New Hollywood der Siebzigerjahre, eines vom europäischen Autorenkino beeinflussten Gegenentwurf zu den überkommenen Studio-Exzessen, die Hollywood in den Sechzigerjahren fast in den kreativen wie finanziellen Ruin getrieben hätten. 1980 hatte dieses Schicksal dann seinerseits New Hollywood ereilt: Michael Ciminos HEAVEN’S GATE war der große Knall, der die Studios dazu brachte, die Zügel wieder straffer zu halten, die finanziellen Risiken zu minimieren und die Gewinne zu sichern. Es war das Ende von New Hollywood und seiner intimen, persönlichen, künstlerisch ambitionierten und mutigen Filme und der Beginn des Eventkinos, das seine Zuschauer mit immer größeren Attraktionen in die Lichtspielhäuser lockte. CUTTER’S WAY kam mindestens ein Jahr zu spät, verfehlte sein Publikum, wurde umbetitelt und noch einmal, erneut ohne Erfolg, gestartet, bevor er in der Versenkung verschwand. Im Jahr von RAIDERS OF THE LOST ARK und SUPERMAN II konnte CUTTER’S WAY nur verlieren: Vom tschechischen Regisseur Ivan Passer inszeniert, ist er ein Film ohne große Stars, ohne ausufernde Actionszenen oder Spezialeffekte und ohne markige Thesen, stattdessen angetrieben von einer behutsamen, konzentrierten Inszenierung, vielschichtigen, subtilen Charakterzeichnung und einem Drehbuch, dessen Gesellschaftskritik umso harscher wirkt, als sie auf Parolen und Polemik gänzlich verzichtet. Der Film schleicht 110 Minuten lang um den von dieser rätselhaften Santa-Barbara-Stimmung in Watte gepackten Betrachter herum, bevor er ohne jede Verabschiedung wieder verschwindet. Und dann, Stunden nach seinem Ende, bemerkt man, dass da etwas anders ist als zuvor.  Diese Charaktere fehlen plötzlich. Wo sie waren, klafft nun eine tiefe Wunde.

Dabei machen sie es einem nicht leicht. Richard Bone (Jeff Bridges), ein attraktiver junger Mann, ist schon mit seinen knapp 30 Jahren am Ende angelangt: Vollkommen ambitions- und ziellos geht er einem Alibijob als Bootsverkäufer nach – ein Job, den er vor allem wegen seines guten Aussehens innehat – und stürzt sich nachts in folgenlos bleibende Liebesabenteuer mit einsamen Frauen. Sein bester Freund ist der Vietnamveteran Alex Cutter (John Heard). Einäugig, einarmig, einbeinig, schwerer Alkoholiker, zutiefst verbittert und verzweifelt auf der Suche nach jemandem, dem er die Schuld an seinem Schicksal geben kann. Er ist verheiratet mit Mo (Lisa Eichhorn), und sein Selbsthass hat sie mit in den Sumpf des Alkoholismus gezogen, aus dem sie aus eigener Kraft nicht mehr entrinnen kann. Sie ist verliebt in Bone, doch eine Mischung aus Sentimentalität, Loyalität und Mitleid, hält sie gefangen. Das und Bones Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen, eine dauerhafte Verpflichtung einzugehen. Diese drei Verlierer, Opfer, wie immer man sie nennen mag, sind auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet: Zu mutlos, einander loszulassen, verstärken sie ihre schlimmsten selbstzerstörerischen Impulse und taumeln, ihre Lage erkennend, aber verleugnend, dem Abgrund entgegen. Was die Geschichte eines langsamen, schleichenden, aber unaufhaltsamen Verfalls sein könnte, wird beschleunigt, als Bone nachts Zeuge wird, wie ein Mann eine Leiche in einer Mülltonne entsorgt. Er kümmert sich nicht weiter darum, selbstbezogen und bequem wie er ist, bis am nächsten Morgen die Polizei bei ihm auftaucht, ihn als Tatverdächtigen verhört und mit der Schwester der Ermordeten konfrontiert. Cutter, begeistert von der sich bietenden Abwechslung, beginnt Bone über das Gesehen auszufragen und entlockt diesem schließlich einen Tatverdächtigen. Der Mann mit der Sonnenbrille, den Bone auf einer Parade wiederzuerkennen glaubt, ist kein Geringerer als der Großindustrielle J. J. Cord (Stephen Elliott). Ein gefundenes Fressen für Cutter, verkörpert Cord doch alles, was er hasst an Amerika: Er ist einer jener reichen, feigen Säcke, die andere für ihren eigenen Profit ins Feuer schicken, ohne jemals selbst etwas riskieren oder gar Strafe fürchten zu müssen. Und so überredet er den schwächlichen Bone, Cord gemeinsam mit der Schwester der Toten zu erpressen. Natürlich geht alles schief, was schiefgehen kann …

CUTTER’S WAY zeigt eindrucksvoll, welche Spätfolgen der Vietnamkrieg gezeitigt hat: Sie offenbaren sich nicht nur in den Verletzungen und Narben Cutters, sondern auch in der emotionalen Verkarstung der Menschen in seinem Umfeld. Aber Passers Film ist mehr als nur ein Post-Vietnamkriegsfilm oder Heimkehrerdrama. Er besetzt genau jenen Punkt in der Geschichte Amerikas, in dem der Zorn und die Aufruhr, die von den Tumulten der späten Sechzigerjahre noch übrig waren, sich an der neu errichteten Fassade aus Materialismus, Lethargie und Selbstzufriedenheit brachen, die die Achtzigerjahre charakterisieren sollte. Für den fehlgeleiteten, aber gerechten Zorn Cutters ist kein Platz mehr, stattdessen lässt man es sich im eigenen Wohlstand gut gehen. Einmal bringt er es im Suff auf den Punkt: „I watched the war on TV like everybody else. Thought the same damn things. You know what you thought when you saw a picture of a young woman with a baby lying face down in a dictch, two gooks. You had three reactions, Rich, same as everybody else. The first one was real easy: ‘I hate the United States of America’. Yeah. You see the same damn thing the next day and you move up a notch. ‘There is no God’. But you know what you finally say, what everybody finally says, no matter what? ‘I’m hungry.’” Die Probleme sind immer nur die Probleme der anderen und viel zu weit weg, um wirklich zu interessieren. Aber CUTTER’S WAY ist kein wütender, allenfalls ein bittersüßer Film. Er führt seine Figuren nicht vor, er begegnet ihnen mit Empathie. Selbst der Feigheit Bones. Auch wenn bis zum Ende nicht geklärt wird, ob Cutter und Bone nun wirklich einem Mörder auf die Schliche gekommen oder doch nur einer Fantasie hinterhergerannt sind: Endlich haben sie etwas getan. Cutter, bis dahin allenfalls Ritter von der traurigen Gestalt, verwandelt sich am Schluss tatsächlich in den Ritter auf dem weißen Pferd, von dem Mo gehofft hatte, dass er sie befreien würde. Es ist zwar längst zu spät, aber immerhin. Und Bone besiegelt zum Schluss wahrscheinlich gleich zwei Schicksale, aber er hat endlich einmal eine Entscheidung getroffen – wenn es auch vielleicht die falsche war.

CUTTER’S WAY ist ein wunderbarer Film, tieftraurig, dabei niemals larmoyant, sondern sehr warm und dank der pointierten, eloquenten Dialoge ungemein witzig. Er ist glasklar inszeniert, filigran und kunstvoll, ohne jemals auf diese eigenen Kunstfertigkeit zu verweisen. Das Gleiche gilt für das Drehbuch, dessen Brillanz sich gerade darin äußert, dass man sie während des Films kaum bemerkt, weil man einfach „drin“ ist. Eine Kunst, die heute kaum noch jemand beherrscht: CUTTER’S WAY ist beinahe literarisch, ohne jemals unfilmisch zu werden. Die Krönung sind die drei Hauptdarsteller und Jack Nitzsches Score. Heard, Bridges und Eichhorn ziehen den Zuschauer an sich, lassen ihn nicht wieder los, Nitzsches gleichzeitig einschmeichelnder wie beunruhigender Score lässt erahnen, dass diese neue Freundschaft eine verhängnisvolle ist. Trotzdem möchte man sofort zurückkehren zu Bone, Cutter und Mo. Es gibt hier so viel zu entdecken, so viele kleine Details und Geheimnisse und die Zeit ist viel zu kurz.

Weil mir die Worte ausgehen noch ein paar Links zu weiterführenden Texten:

The Guardian: CUTTER’S WAY is a cinematic masterpiece

Left Field Cinema – Hier wird erörtert, was CUTTER’S WAY mit THE BIG LEBOWSKI gemein hat.

Little White Lies

Electric Sheep Magazine

Ruthless Culture: The Complete Hero

 

king kongDie Änderungen zum Original: Der Schurke ist Fred Wilson (Charles Grodin), der auf der Hemaitinsel des Riesenaffen Erdöl vermutet, die Heldenrolle fällt Jack Prescott (Jeff Bridges) zu, der Böses ahnt und den Landgang als blinder Passagier verhindern will, Jessica Lange ist Dwan, eine schiffbrüchige Schauspielerin, in die sich der arme Affe verliebt, das Empire State Building wird gespielt vom World Trade Center und Kong ist keine Stop-Motion-Animation mehr, sondern ein schnöder Mann im Affenkostüm.

Für mich mit ähnlich viel Erinnerungen aufgeladen wie LO CHIAMAVANO BULLDOZER ist KING KONG im kollektiven Gedächtnis vor allem als megalomanischer Trash und einer von vielen De-Laurentiis-Flops verankert. Bislang – die letzte Sichtung ist lange her – konnte ich die Häme, die über ihm ausgeschüttet wird, nicht so ganz nachvollziehen: Für mich war KING KONG immer ein großer, aufwändiger Hollywood-Film, der zudem mit einem wirklich herzzerreißenden Affentod aufwarten konnte. Nun, diese Wahrnehmung würde ich heute weitestgehend kindlicher Verblendung zuschreiben, denn Guillermins Event-Remake ist tatsächlich wenig mehr als teurer Schund. Klar, das ist alles mit großer Geste inszeniert und John Barrys schwelgerischer Score tut seinen Teil, KING KONG zu dem Großereignis aufzublasen, das er sein soll, aber das verstärkt nur den Eindruck, es mit mit viel Geld auf Hochglanz poliertem Käse zu tun zu haben. Die Fettnäpfchen im Einzelnen: Debütantin Jessica Lange sieht zwar super aus, kann ihrer als oberflächlich-hohlbirnigem Starlet gezeichneten Dwan aber überhaupt keine menschlichen Fassetten abringen. Ein Riesenaffe scheint tatsächlich ihr idealer Partner, dennoch bleibt die Liebesbeziehung zwischen beiden reine Behauptung, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass das Drehbuch den zentralen Handlungsstrang – Jack muss Dwan aus Kongs Händen befreien – auf wenige Minuten runterkürzt. Die Entscheidung, Kong am Ende nicht aufs Empire State Building, sondern auf das WTC klettern zu lassen, ist ja nur folgerichtig, der Effekt verpufft aber wirkungslos, weil sich kein einziger Mensch in Manhattan aufzuhalten scheint. Panik? Fehlanzeige. Den finalen Sargnagel bedeuten aber die Special Effects, für die tatsächlich ein Oscar vergeben wurde, damit sämtlichen japanischen Godzilla-Kostüm-Herstellern ins Gesicht spuckend, und die die schöneren Einfälle des Film ein ums andere Mal sabotieren. Zwar ist das Affengesicht schön animiert worden, aber das ändert nix daran, dass ein Schauspieler, der im Jahre 1976 im Affenkostüm vor einem Bluescreen oder aber in Minaturkulissen rumlatscht, die Effektkunst nicht zu neuen Ufern treibt, sondern diese um ein bis zwei Jahrzehnte zurückwirft. Der interessanteste inhaltliche Aspekt scheint mir die Unentschlossenheit des Aktivisten Jack, der sich einerseits für den Erhalt der Umwelt und fremder Kulturen einsetzt, aber dennoch nicht unbeteiligt bleiben will, wenn Geschichte geschrieben und die entsprechenden Tantiemen vergeben werden. So wie das im fertigen Film abgehandelt wird, scheint es aber eher ein Unfall als Absicht zu sein.

Ich will  trotzdem nicht allzu viel meckern: KING KONG ist recht bunte Sonntagnachmittag-Unterhaltung, die mit entsprechend nostalgischem Background für 120 kurzweilige und mit unfreiwilligem Humor gespickte Minuten sorgt und als Musterbeispiel menschlicher Hybris eh unumgänglich ist. Er zeigt zudem sehr anschaulich, wogegen sich die Protagonisten des 1976 schon wieder auf dem absteigenden Ast befindlichen New-Hollywood-Kinos eigentlich positioniert hatten: gegen dummdreiste und unkreative, aber mit viel Finanzpower hochgetunte Popanze wie diesen hier. Ein Riesenaffe von einem Film, ideed.