Mit ‘Jeff Chandler’ getaggte Beiträge

Ich beginne wieder mit einer kleinen Geschichtsstunde: Als „Merrills Marodeure“ wurde eine Spezialeinheit der US-Streitkräfte während des Zweiten Weltkriegs bezeichnet, der 1944 unter der Leitung von Brigadiergeneral Frank Merrill die Aufgabe zukam, das an Japan gefallene Burma zurückzuerobern und so den Zusammenschluss deutscher und japanischer Armeen zu verhindern. Die zu Beginn der Mission ca. 3.000 Mann starke Einheit operierte in schwierigstem Urwaldgelände und hinter feindlichen Linien, legte rund 1.000 Meilen zu Fuß zurück und erzielte trotz vergleichsweise leichter Bewaffnung große und strategisch wichtige Erfolge. Als die Einheit schließlich aufgelöst wurde, waren nur noch 250 Männer übrig geblieben.

Samuel Fullers Film ist eine Verbeugung vor der übermenschlichen Leistung der „Marauders“ – so wie Guy Hamiltons BATTLE OF BRITAIN eine Verbeugung vor den Piloten der britischen Luftwaffe war. Dennoch unterscheidet er sich in Haltung und Umsetzung gewaltig von diesem. MERRILL’S MARAUDERS basiert auf dem Erlebnisbericht „The Marauders“ von Charlton Ogburn, jr., der als Kommunikationsoffizier Bestandteil der Spezialeinheit war, und diese Innenperspektive prägt den Film, der mehr an den Strapazen interessiert ist, die die Soldaten zu durchleiden hatten, als an militärstrategischen Erwägungen. Zu dem psychischen Stress, dem sie ausgesetzt sind, weil sie in dem unwegsamen Terrain ständig mit Feindkontakt, der Gefahr, entdeckt zu werden, rechnen müssen, kommt die immense physische Belastung hinzu. Verpflegung und medizinische Versorgung sind streng rationiert, Malaria, Diphterie und andere Krankheiten nagen an ihrer Substanz, dennoch gibt es für sie keine Ruhepause. Als sie ihre erste Mission erfüllt haben, erhalten sie prompt die zweite, der dann die dritte folgt. Am Ende ihrer Kräfte schleppen sie sich durch den Urwald und über Bergkämme, verlieren immer mehr ihrer Kameraden und fallen in fiebrigen Wahn. In einer Szene bricht ihr Maultier zusammen, doch weil der für das Tier zuständige Soldat nicht will, dass es erschossen wird, beschließt er stattdessen das Gepäck zu tragen. Er bricht schließlich unter der Last zusammen und stirbt. Der emotional eindrucksvollste Moment ereignet sich während einer kurzen Rast in einem Dorf. Die Männer werden von den Einheimischen verpflegt, genießen die Gesellschaft von normalen Menschen, die sich rührend um die Fremden kümmern, die doch noch nicht einmal ihre Sprache sprechen. Sergeant Kolowicz (Claude Akins) sitzt mit einigen von ihnen zusammen, isst etwas Reis, den sie ihm zubereitet haben, als er ganz plötzlich und ohne Grund anfängt zu weinen. In seinen Tränen äußert sich der ganze Wahnsinn des Krieges. Sie sind eine Mischung aus Angst, Stress, Scham, Resignation, aber auch Zeichen der Freude darüber, diesen kurzen Moment des Friedens genießen zu können. Nur dass diese Freude längst nicht mehr unbelastet ist, vielmehr von der Gewissheit geprägt, dass das Leben seine Unschuld für immer verloren hat. Am Ende, nach einem Feuergefecht, dass die Truppe weiter dezimiert hat, liegen die Männer völlig zerschlagen am Boden, starren mit leerem Blick ins Nichts. Aber es gibt einen weiteren Marschbefehl. Nur Merrill, selbst seit Wochen am Rande eines Herzinfarkts stehend, ist noch auf den Beinen, fordert seine Männer auf, aufzustehen und weiterzumachen. Ungerührt schauen sie ihm nach, unfähig, seinem Befehl noch zu folgen. Dann bricht er schließlich selbst zusammen, fällt vornüber in den Schlamm. Wie von Fäden gezogen erheben sich die „Marauders“, dem Vorbild des Generals folgend. Sie helfen ihm auf und setzen ihren Marsch fort wie Zombies. Der Film endet an dieser Stelle, ein Voice-over-Kommentar klärt uns darüber auf, dass auch die letzte Schlacht noch von ihnen geschlagen wurde, die Einheit für ihre Leistungen bis heute geehrt wird.

Man merkt dem Film Fullers Involvierung in den Zweiten Weltkrieg an, er sympathisiert mit den einfachen Soldaten, aber er hat auch sichtbaren Respekt vor Merrill, diesem Mann, der Pflichterfüllung bis zur Selbstaufgabe verkörpert. Dennoch ist MERRILL’S MARAUDERS nur eine seiner eher seltenen Auftragsarbeiten: Er wurde mit dem Versprechen geködert, im Anschluss sein Traumprojekt THE BIG RED ONE inszenieren zu dürfen. Das pathetische Ende mit dem Voice-over und dem Archivmaterial stammte nicht von Fuller und wurde gegen seinen Willen eingefügt, andere Szenen, die dem Studio zu expressiv waren, wurden vom 2nd Unit Director nachgedreht. Der daraus resultierende Streit bedeutete auch das Ende der ursprünglichen Abmachung: Fuller musste noch weitere 20 Jahre warten, bevor er seinen wohl persönlichsten Film endlich realisieren durfte. MERRILL’S MARAUDERS – auf den Philippinen gedreht –  ist zwar erfolgreich in seinem Unterfangen, für einen Fuller-Film aber auch etwas finessenarm. Den Fuller-typischen knalligen Auftakt, der einen wie eine Tabloid-Headline sofort ins Geschehen zieht, sucht man hier vergebens. Auch sonst ist der Film in seinem Bemühen um Authentizität etwas eindimensional. 90 Minuten lang sieht man den „Marauders“ dabei zu, wie sie durch den Busch taumeln, hier und da in eine Schießerei geraten, nach und nach zusammenbrechen und sich doch immer wieder aufraffen, gegen jede Vernunft und jede Wahrscheinlichkeit. Merrill muss immer wieder die unangenehme Entscheidung treffen, ob er seine Männer schonen und damit eine gefährliche Wendung der Kriegshergänge riskieren will oder ob er sie weiter antreibt, in dem Wissen, dass die meisten von ihnen dies nicht überleben werden. In gewisser Hinsicht ist es konsequent, den Film als eine endlose Folge des Immergleichen zu inszenieren, aber es ist eben nicht besonders aufregend. Dass man doch bis zum Ende dabei bleibt und Anteil am Geschehen nimmt, liegt nicht zuletzt an der aufopferungsvollen Darstellung von Jeff Chandler als Merrill, auch wenn seine überzeugende Leistung nicht allein auf seine Schauspielkunst zurückzuführen war. Während einer Drehpause verletzte er sich bei einem Basketballspiel mit der Crew am Rücken und konnte infolgedessen nur noch unter starken Schmerzen agieren, die man ihm deutlich ansieht. Gerade in der zweiten Hälfte des Films merkt man, dass dem Mann jede Bewegung große Qualen bereitete. Sein Kampfgeist kostete ihm letztlich das Leben: Nachdem die Dreharbeiten beendet waren, musste er sich einer Bandscheibenoperation unterziehen, bei der es Komplikationen gab. Gerade einmal 43-jährig verstarb er an den Folgen einer Blutvergiftung nur vier Tage nach der US-Kinopremiere von MERRILL’S MARAUDERS. Sein Name ist heute nicht mehr sonderlich geläufig, obwohl er in den Fünfzigerjahren einer der populärsten Schauspieler von Universal war. Aufgrund seines prägnanten Gesichts und seines dunklen Teints spielte er oft Indianer – seine bekannteste Rolle hatte er als Indianerhäutling Cochise in Delmer Daves‘ BROKEN ARROW – und seine schon früh vollständig ergrauten Haare waren ein weiteres markantes Merkmal, das ihn von anderen abhob. Auf seiner englischsprachigen Wikipedia-Seite habe ich ein schönes Zitat des Filmhistorikers David Shipman über ihn gefunden, das ich hier kurz wiedergeben möchte:

„Jeff Chandler looked as though he had been dreamed up by one of those artists who specialise in male physique studies, or, a mite further up the artistic scale, he might have been plucked bodily from some modern mural on a biblical subject. For that he had the requisite Jewishness (of which he was very proud) – and he was not quite real. Above all, he was impossibly handsome. He would never have been lost in a crowd, with that big, square, sculpted 20th-century face and his prematurely grey wavy hair. If the movies hadn’t found him the advertising agencies would have done – and in fact, whenever you saw a still of him you looked at his wrist-watch or pipe before realising that he wasn’t promoting something. In the coloured stills and on posters his studio always showed his hair as blue, heightening the unreality. His real name was Ira Grossel and his film-name was exactly right; his films were mainly dreams spun by idiots. It’s hard to believe he really existed.“

Vielleicht hat ja jemand Lust, Jeff Chandler zu entdecken und mit ihm zu träumen. MERRILL’S MARAUDERS oder auch Aldrichs TEN SECONDS TO HELL sind gute Einstiegspunkte.

Der im vorangegangenen Text zu THE GARMENT JUNGLE erwähnte Streit mit Harry Cohn, der dazu führte, dass Aldrich als Regisseur entlassen und durch Vincent Sherman ersetzt wurde, bedeutete eine Zäsur in Aldrichs Karriere: War er zuvor mit zwei Filmen pro Jahr überaus produktiv gewesen, dauerte es nun ganze zwei Jahre, bis er mit TEN SECONDS TO HELL seine nächste Regiearbeit vorlegte, für die er zum ersten Mal auch offiziell als Drehbuchautor verantwortlich zeichnete. Gedreht wurde der Film in Berlin und als Produzent fungierte Michael Carreras, der zu jener Zeit die Geschicke der florierenden britischen Hammer Studios lenkte. Die Zuschreibung des Produktionslandes gestaltet sich dann auch als schwierig: Die IMDb weist den Film als Koproduktion zwischen Großbritannien und den USA aus, die OFDb als amerikanische und Wikipedia wiederum als deutsch-britische Produktion. Die Versionen der OFDb und der Wikipedia sind mit Sicherheit auszuschließen – sowohl die britischen Hammer Studios als auch die US-amerikanischen Produktionsfirmen Seven Arts und United Artists waren definitiv beteiligt –, denkbar ist aber, dass die deutsche UFA eine tragende Rolle in der Finanzierung spielte: Immerhin stellte sie ihre Studios für die Dreharbeiten zur Verfügung. Wie dem auch sei: TEN SECONDS TO HELL ist keiner der ganz großen Filme in Aldrichs Werk, aber eben unverkennbar Aldrich. Es spricht einiges dafür, den Film als „Re-Imagining“ seines großen Klassikers VERA CRUZ zu betrachten, dem er in wesentlichen Aspekten ähnelt.

Die deutschen Soldaten Erik Koertner (Jack Palance), Karl Wirtz (Jeff Chandler), Franz Löffler (Robert Cornthwaite), Peter Thiele (Dave Willock), Wolfgang Schultz (Wesley Addy) und Hans Köpcke (James Goodwin) – die Rollennamen weichen in der Originalfassung von der deutschen Synchronversion,  die mir vorlag, ab – kehren als Bomben-Räumkommando ins zerstörte Berlin zurück und finden dort schnell eine Anstellung bei guter Bezahlung für die lebensgefährliche Arbeit. Im Gespräch gestehen die beiden Freunde/Rivalen Koertner und Wirtz, dass sie eine makabre Wette abgeschlossen haben: Sie zahlen ihre Gewinne auf ein Konto ein, dessen Inhalt dem ausgezahlt wird, der den anderen überlebt. Weil es in den beschwerlichen Nachkriegsjahren nur wenig Hoffnung gibt, ans große Geld zu kommen, und die Männer wissen, dass einige von ihnen in Ausübung ihres Berufs sterben werden, klinken sie sich in die Wette der beiden ein. Nach drei Monaten soll das Gesparte unter den Überlebenden aufgeteilt werden. Als mit einem unbekannten Zünder ausgestattete britische Bomben die Kameraden dezimieren, entpuppt sich Wirtz immer mehr als rücksichtsloser Egoist …

Das von Bürgerkriegsunruhen zerrissene Mexiko aus VERA CRUZ weicht in TEN SECONDS TO HELL in einem Schwebezustand zwischen Depression und Neuanfang befindlichen, in Trümmern liegenden Berlin; der Veteran Ben Trane dem nach Jahren des Tumults müde gewordenen, reuigen Koertner, der tollkühne, zynische Materialist Joe Erin dem egomanischen Wirtz. Statt eines Goldschatzes geht es nun um den Inhalt eines Kontos, auf das die Männer einen Anteil ihres monatlichen Gehalts einzahlen, und die Rolle der mexikanischen Freiheitskämpferin Nina, die Trane auf den rechten Pfad zurückführt, fällt hier der französischen Emigrantin Margot (Matine Carol) zu, die Koertner dazu ermahnt, sein Leben nicht allzu leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Sogar die unsichtbare Instanz, die das zentrale moralische Dilemma von VERA CRUZ philosophisch unterfütterte, taucht in TEN SECONDS TO HELL wieder auf: Berichtete Joe Erin im Westernklassiker von Ace Hannah, dem Mörder seines Vaters, der ihn dann aus Mitleid unter die Fittiche nahm, und von dem Einfluss, den dieser auf ihn hatte, so erzählt Wirtz von seinem Onkel Oskar, der ihn maßgeblich prägte. Sowohl Joe Erin als auch Wirtz wurden von ihren Ziehvätern zu gnadenlosen Egoisten gedrillt: Wer es zu etwas bringen wolle, müsse zunächst an sich selbst denken. Jeder, der etwas anderes sage, sei ein Dummkopf. Wie gut ihre Schüler ihre Lehren verinnerlicht hatten, mussten beide Mentoren ironischerweise am eigenen Leib erfahren: Hannah wurde von Erin aus Rache für den Mord an seinem Vater erschossen, als der für den älteren Mann keine Verwendung mehr hatte, Onkel Oskar wurde von seinem Neffen der Zugang zum rettenden Bunker während eines Bombenangriffs verwehrt. Es zeigt sich sowohl in VERA CRUZ als auch in TEN SECONDS TO HELL, dass der krasse Egoismus als Lebenskonzept nicht haltbar ist. Sein Erfolg gründet darauf, dass es immer jemanden gibt, der sich selbst nicht egoistisch verhält – und dass man diesen gegen jede Loyalität und Freundschaft gnadenlos hintergeht. Erin und Wirtz stehen am Ende völlig isoliert da: Für den materiellen Erfolg haben sie alles verraten, was das Leben eigentlich überhaupt erst lebenswert macht. Der Unterschied zwischen beiden ist, dass Wirtz seinen Fehler erkennt und die Konsequenzen zieht. Er geht sehenden Auges in den Tod und überlässt das Feld Koertner, dessen Blick in eine bessere Zukunft gerichtet ist.

Unmittelbar nach der Sichtung von TEN SECONDS TO HELL war ich geneigt, ihn als schwachen Film abzutun. Ich hatte den Eindruck, dass es Aldrich nicht gelungen ist, das volle Potenzial der eigentlich sehr spannenden Prämisse auszuschöpfen. Der Spannungsaufbau ist nicht vollständig geglückt, es gibt keinen stetigen Anstieg der Spannungskurve, vielmehr erreicht der Konflikt zwischen Koertner und Wirtz schon relativ früh einen kritischen Punkt, der dann bis zur finalen Auseinandersetzung nur noch „gehalten“ wird. Das Sterben der Kollegen entfaltet ebenfalls nicht die volle Wirkung, weil sie über den Status von Folien nicht hinauskommen. Ihre Tode sind nur die Stationen, die der Film notwendigerweise anlaufen muss, um zum eigentlichen Höhepunkt zu gelangen. TEN SECONDS TO HELL wird nie wirklich lebendig und bleibt seltsam leer. Als seien alle handelnden Personen bereits tot, ohne es zu wissen. Aber nach längerem Nachsinnen scheint mir das weniger Makel als eben das, was den Film auszeichnet. Ich habe die Nachkriegszeit zum Glück nicht miterlebt, aber ich kann mich im Moment an keinen Film erinnern, dem es ähnlich gut gelingt, die Härten jener Zeit körperlich fühlbar zu machen. Jedes Bild, jeder Dialog vermittelt eine niederdrückende Hoffnungslosigkeit, ein wie nasse Kälte in die Knochen ziehendes Gefühl der Lähmung. So muss es den damals lebenden Menschen gegangen sein, die sich inmitten der materiellen wie metaphorischen Trümmer mit dem ernüchternden Status quo und der Frage auseinandersetzen mussten, wie es nun weitergehen kann und soll. Mehr als unter Armut und Hunger, denen zu entrinnen natürlich die Hauptmotivation der Protagonisten von TEN SECONDS TO HELL ist, leiden diese an der spirituellen Leere: Es gibt nichts, was ihr Leben sinnvoll ausfüllen könnte. Alles, was sie tun, steht in direkter Verbindung zu dem Schrecken, der hinter ihnen liegt, sie aber noch voll umfangen hält. Das ist dann auch der große Unterschied zu Aldrichs VERA CRUZ: Drang die Erkenntnis, was für ein schrecklich zynisches Dasein Trane und Erin führen, nur ganz allmählich durch den farbenprächtigen Technicolor-Vordergrund, lässt der schwarzweiße Nachkriegsfilm von Beginn an gar nicht erst das Gefühl aufkommen, das Bombenentschärfergeschäft könne etwas anderes sein als ein grausamer Wettlauf mit dem Tod. Die eindrucksvollen Bilder nicht enden wollender Trümmerfelder und wie Saurierskelette in den bleichen Himmel ragender Häusergerüste sowie die schmutzige Schwarzweiß-Tristesse lassen Abenteuerlust oder Aufbruchsstimmung gar nicht erst aufkommen. Man will nur weg hier. Die Zuversicht, mit der der Voice-over-Kommentator am Schluss von jener besseren Zukunft spricht, deren Bestandteil ja nun auch wir sind, erscheint einem angesichts der vorangegangenen 90 Minuten wie Hohn. Der Krieg wird immer bleiben. Aldrich hatte Recht.

Für die Zurverfügungstellung dieses Films, den es noch nicht auf DVD gibt, danke ich meinem Leser Michael!