Mit ‘Jeff F. King’ getaggte Beiträge

Ich habe zwei Filme aus dem rasant wachsenden DTV-Werk des ehemaligen Wrestlings-Weltmeisters Steve Austin angeschaut: den aktuellen RECOIL mit Danny Trejo als schurkischem Anführer einer Rockergang und den schon etwas älteren DAMAGE. Letzterer fügt sich lückenlos in die Riege großer DTV-Action-Meisterwerke, zeigt den schauspielerisch eher limitierten Austin in großartiger Form, bietet THE SHIELD-Powerhouse Walton Goggins in einer maßgeschneiderten Nebenrolle auf und rührte mich mit seiner hoch emotionalen Story tatsächlich zu Tränen (naja, fast jedenfalls). Den Text gibt es bei Hard Sensations.

Wie man keinen Seagal-Film macht: Ein Ratgeber in 10 Schritten

1. Seagal gegen einen Serienkiller antreten zu lassen, hat schon bei GLIMMER MAN nicht wirklich funktioniert. Seagal ist gut als knochenbrechende One-Man-Force und meinetwegen auch als mit allen Abwassern gewaschener CIA-Agent, aber nicht als Profiler. Ihn mit einem einzelnen Psychopathen zu konfrontieren, minimiert die Zahl der Gelegenheiten, in denen er seiner Kernkompetenz nachgegen kann: Knochen brechen. Niemand will Seagal dabei zusehen, wie er Leichen untersucht oder Psychologie für Baumschüler betreibt. Außer Seagal selbst.

2. Seagals ätzend herablassende und altväterliche Art, die er in Dialogen zum Besten gibt, wird noch potenziert, wenn man ihm a. einen Schwarzen und b. eine Frau zur Seite stellt. Der Pseudo-Ghetto-Lingo, in dem er sich in KILL SWITCH artikuliert und jeden Satz mit halbschwachsinnigen „Baby“s und „Brother“s anfüllt, als sei er einst höchstpersönlich mit einem Sklavenschiff aus Afrika rübergepaddelt, erfüllt den Tatbestand rassistischer Verunglimpfung, der offene Chauvinismus, mit dem er der als frigide Schreibtischpolizistin gezeichneten FBI-Agentin gegenübertritt, ist nicht cool, sondern weckt mit laufender Spielzeit mehr und mehr das Bedürfnis, ihm mit Anlauf in die unter seinem Speckwanst hängenden Eier zu treten. Ganz wichtig: Die Hauptfigur eines Films darf einem nicht schon nach drei Minuten die Zornes- und Schamesröte ins Gesicht treiben.

3. Seagal als Lover ist eine der widerlichsten Dinge, die je auf Zelluloid gebannt wurden. Dass man ihm in den letzten Jahren beständig halb so alte Striptänzerinnen als Freundinnen andichtet, kann nur an einer Vertragsklausel liegen, die sich Produzenten von Seagal aufschwatzen lassen. Als denkender Mann schämt man sich in Grund und Boden, wenn er Frauen das angedeihen lässt, was er anscheinend für „Zuneigung“ hält. Und Sexszenen, in denen man nur Gesichter sieht, sind eh überflüssig. (Bitte nicht falsch verstehen: Seagals nackten Leib zu zeigen, verbietet sich aus ästhetischer Sicht völlig.)

4. Seagal ist fast 60 und nicht mehr so beweglich. Nicht, dass er früher agil wie ein Panther gewesen wäre, aber offensichtlich sind ihm auch die Moves, die er in seinen ersten Filmen vollführte, nicht mehr möglich. Um das zu kaschieren, sollte man eine bessere Strategie haben, als bloß auf eine Augenkrebs erzeugende Mischung aus wackliger Kameraführung, totaler Fragmentierung per Schnittcomputer, Einsatz jederzeit erkennbarer Body Doubles und nicht dazu passender Close-ups von Seagals Gesicht aufzufahren. Das täuscht nämlich über gar nichts hinweg und sieht dazu auch noch scheiße aus.

5. Wenig spektakuläre Szenen werden nicht dadurch spektakulärer, dass man sie fünfmal wiederholt. In der Filmgeschichte sind schätzungsweise schon 125.873 Menschen aus dem Fenster geworfen worden, rund 53.412 aus einem höheren als dem ersten Stockwerk. Der popelige Fenstersturz, den King am Anfang förmlich in Dauerschleife laufen lässt, hat dem rein gar nichts hinzuzufügen, außer eben der Dauerschleife. Und die wirkt in diesem Kontext ebenso hilflos, wie die verzweifelten Beteuerungen des pickeligen Teenagers, er onaniere nicht mehr.

6. Practice what your preach: Wenn einem Charakter die Zähne rausgeschlagen werden, man zusätzlich zum Close-up auf jene rausgeschlagenen Zähne das Opfer auch noch seine Empörung darüber zum Ausdruck bringen lässt, dass ihm soeben die Zähne rausgeschlagen wurden, man mithin keinerlei Zweifel daran lässt, dass dieser Person tatsächlich die Zähne rausgeschlagen wurden, dann macht es einen ziemlich armseligen Eindruck, wenn besagtes Opfer in der nächsten Szene mit perlweiß glänzender, vollkommen unbeschädigter Kauleiste zu sehen ist. Das ist so, als würde man oben genannten pickeligen Teenager auf dem Schulklo beim Wichsen erwischen, unmittelbar nachdem er … siehe 5.

7. Creed, Nickelback, Puddle of Mudd oder Staind waren das letzte Mal vor ca. acht Jahren für maximal fünf Minuten der geistigen Unzurechnungsfähigkeit nicht für jeden halbwegs intelligenten Menschen als kompletter Scheißdreck identifizierbar. 2008 einen Haufen gefährlicher Rocker in einem abgeranzten Rockclub, in dem sich mit Vorliebe ein derangierter Massenmörder aufhält, zu einem minderbemittelten Klon jener eh schon peinlicher Combos amoklaufen zu lassen, zerstört die Illusion, es mit dem Film eines Mannes, der das Alter von 15 überschritten hat, zu tun zu haben, sofort.

8. Dynamik ist etwas anderes als Hektik, Virtuosität etwas anderes, als im Menü des Schnittprogramms bei „Effekte“ „Alles“ anzuwählen. Du bist Jeff F. King und nicht Michael Bay.

9. Wenn man nicht einen, sondern zwei Serienmörder braucht, um eine Geschichte zu erzählen, hat man etwas falsch gemacht. Noch dazu, wenn einem beide dieser Killer komplett auf den Zeiger gehen.

10. Wenn man einen miserablen Film gedreht hat, ist das auch dadurch nicht wettzumachen, dass man in der letzten Szene eine Frau blank ziehen lässt. Schon gar nicht, wenn das das Vorspiel für eine Sexszene mit Seagal sein soll. Siehe Punkt 3.

Der russische Ex-Mobster Ruslan (Steven Seagal), mittlerweile ein erfolgreicher Autor autobiografischer Gangsterromane, erhält von seiner Ex-Frau Catherine (Inna Korobkina) die Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter Lanie (Laura Mennell). Kurz vor dem Fest brechen jedoch Gangster in das Haus der Familie ein, töten Catherine und verletzen Lanie schwer. Ruslan, außer sich vor Zorn, greift sich Lanies zukünftigen Gatten Stephan (Dmitry Chepovetsky), selbst Sohn eines russischen Mobsters, und begibt sich mit ihm in die Unterwelt, um Rache an den Verbrechern zu üben …

Ein Brett!!!

Ich bin ja angesichts der Klasse von URBAN JUSTICE, PISTOL WHIPPED und eben DRIVEN TO KILL wirklich geneigt, von einem Comeback Seagals vielleicht nicht zu alter, aber doch zu neuer Form zu sprechen und verkneife mir das vorläufig nur deshalb, weil ich mit KILL SWITCH  den Vorläufer dieses Werks noch nicht gesehen (ein Text folgt aber in Bälde) und vom Vampiractioner AGAINST THE DARK nur gehört habe, er neige zu ähnlich inszenatorisch-erzählerischen Unzulänglichkeiten à la ATTACK FORCE. Solche sind in DRIVEN TO KILL, einem ruppigen, ohne Umschweife auf die Zwölf krachenden Rachefilm gänzlich abwesend, stattdessen gelingt es Jeff F. King ähnlich wie Roel Reiné in PISTOL WHIPPED ausgezeichnet, die Physis und das Alter Seagals zu seinem Vorteil einzusetzen, anstatt sie in einem verwirrenden Schnittgewitter zu kaschieren. Mit schmierigen Gangstertattoos auf den Unterarmen und einem moderaten russischen Akzent gibt Seagal zwar einen seiner typischen geheimnisumwitterten Krieger, doch ist dessen Reue hier nicht mehr länger nur eine schmückende und letztlich doch nur dessen Heldentum bestätigende Eigenschaft. Wenn Ruslan den unschuldigen Stephan dazu nötigt, ihm bei seiner Mordtour zu helfen, weil ein echter Mann den Mord an seinen Geliebten gefälligst zu rächen habe, er einen harmlosen Pfandleiher, der ihm eine Information mit der Begründung verweigert, er sei kein Auskunftsbüro, brutal zusammenschlägt, einem der typischen Nebendarsteller-Proleten mitleidlos ein Glas ins Gesicht rammt und mit seinen Feinden in einer Weise abrechnet, die falscher Sentimentalität völlig unverdächtig ist, fühlt man sich als Zuschauer eher abgestoßen als angezogen. Soll das etwa die Identifikationsfigur sein? Seagals Filme haben ja noch nie einen Zweifel an der Entschlossen- und Überlegenheit ihres Protagonisten gelassen, doch so explosiv und finster wie hier hat man ihn wohl noch nie gesehen.

Es gibt eine tolle Körperstudie, eine längere Einstellung, die Ruslan einfach nur dabei zeigt, wie er auf die Kamera zugeht, und die künstlich verlängert wird, indem der Schnitt immer wieder ein kleines Stück „zurückspult“. Als letztes sieht man nur noch ein Stück seines Kopfes, das sich links aus dem Bild schiebt. In dieser kurzen Szene kommt die ganze Entschlossenheit und Unaufhaltsamkeit dieses Mannes zum Ausdruck, der einmal angestoßen wohl nur durch eine Kugel in die Stirn aufzuhalten ist. Und Seagals von Falten zerfurchtes Gesicht wird hier auch endlich nicht mehr als Bürde empfunden, sondern immer wieder in Szene gesetzt: Ein tolles Close-Up seiner Augenpartie würde ich am liebsten als Banner für mein Blog verwenden. Meine Lieblingsszene gibt es aber gleich zu Beginn: Ruslan wird von einem Groupie auf eine Stelle in einem seiner Bücher angesprochen, in der er von einem Spiel erzählt, bei dem drei Becher und ein Nagel eine wichtige Rolle spielen. (Wie das Spiel nicht funktioniert, kann man hier sehen.) Ruslan wird von ihr aufgefordert, ihr das vorzumachen, was er dann auch tut, völlig ungerührt. Auf die Frage, wo der Trick liege, sagt er nur: „The trick is to not give a fuck.“ Badassery vom Allerfeinsten.

Natürlich erschöpft sich der Reiz von DRIVEN TO KILL nicht in der Inszenierung seines Hauptdarstellers: King serviert dem Zuschauer einen sackbrutalen Actionfilm, der leise Zwischentöne mit der Sensibilität einer Abrissbirne pulverisiert. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit gibt es wieder etliche dieser Seagal-Momente, für die man dessen Filme in den frühen Neunzigern verehrt hat und anlässlich derer man die Hände überm Kopf zusammenschlägt und sich fragt, ob man das gerade richtig gesehen hat. Mitleidlos wird von ihm alles plattgemacht, was sich ihm in den Weg stellt. Dabei bleibt DRIVEN TO KILL staubtrocken, verkommt nie zum überzogenen Splatter-Buhei, für die ADS-Generation. Aller moderner visueller Effekte zum Trotz ist Kings Film eher den harten Actionthrillern der Siebzigerjahre verpflichtet. Hätte man auch nicht gedacht, dass man Seagal mal in eine Traditionslinie mit Charles Bronson, Lee Marvin oder Steve McQueen stellen könnte …