Mit ‘Jeff Wincott’ getaggte Beiträge

Jeff Wincott (mit zurückgeslickten Haaren und knöchellangem Mantel) ist der Polizist Sean Thompson: Nachdem er zu Beginn als Penner getarnt einen Waffenhandel platzen lässt – gemeinsam mit Kollegin Billie Blake (Cynthia Rothrock) -, wird er zum Detective befördert und in das Revier von Captain Krantz (Billy Drago) versetzt. Hier trifft er einen alten Akademie-Kumpel wieder, der wenig später in einem anscheinend selbstverursachten Autounfall verunglückt. Thompson glaubt natürlich nicht an einen Unglücksfall und beginnt zu ermitteln: Er kommt dem schurkischen Unternehmer Hamilton (Paul Johansson) auf die Schliche: Er hat eine Menge Dreck am Stecken, schmiert die Polizei, treibt Frauen in die Prostitution, betreibt MMA-Fights im Hinterzimmer seiner Bar und ist auch sonst ein echtes Arschloch …

Typische DTV-Kickbox-Action aus den frühen Neunzigern, genauso gut oder schlecht wie die meisten anderen Titel aus jener Zeit auch, idealer Stoff für einen lauen Videoabend also, bei dem man am besten einen ganzen Stapel solcher Hobel zur Verfügung hat und dann wechseln kann, wenn man Abwechslung braucht. MARTIAL LAW II ist sauber produziert, hat mit Wincott und Rothrock zwei Hauptdarsteller, bei denen es zu den ganz großen Weihen nicht gereicht hat, die aber doch sympathisch rüberkommen und ihre Fights adäquat absolvieren. Es gibt deutlich miesere Titel in diesem Segment, aber für die Spitze reicht es auch nicht.

Das Manko, das die meisten dieser mittelguten Actiongülle-Dinger mit sich bringen: Actiontechnisch geht tatsächlich eher wenig. Auch wenn sich die Figuren alle zehn Minuten mit Roundhouse-Kicks die Fresse polieren, richtig spektakulär oder gar spannend ist das selten. Das hat zum einen damit zu tun, dass diese Filme meist ultragenerisch sind, man immer weiß, was als nächstes kommt und erst gar keine Überraschungen versucht werden, zum anderen aber auch damit, dass die Inszenierung eher vom Typ „Ärmel hoch und in die Hände gespuckt“ ist. Kamera aufgestellt und drauf losgefilmt, echte Finessen oder gefährliche Stunts stellten wahrscheinlich ein zu großes Risiko dar. Das manische Geprügel – jede Kneipenschlägerei artet immer gleich zum MMA-Spektakel aus – ist auf Dauer eher ermüdend und führt zu nichts. Es ist eine richtiggehde Wohltat, wenn im Finale, das natürlich in einer Fabrik mit den obligatorischen Rohren, von der Decke hängenden Ketten, Treppen und Metallstegen stattfindet, endlich mal die Pumpgun ausepackt und für blutige Einschüsse verwendet wird. MARTIAL LAW II: UNDERCOVER ist OK, amüsant vor allem, wenn man sich an den ewig gleichen Klischees erfreuen kann, mehr aber auch nicht.

OPEN FIRE ist kein besonders guter Film. Es handelt sich um einen Vertreter der in den Neunzigerjahren florierenden DTV-Action, aber es fehlt ihm sowohl die Absurdität als auch der Wahnsinn; Eigenschaften, die so manchen Vertreter des preisgünstigen Genres in die Lage versetzte, mit den großbudgetierten Actionfilmen zu konkurrieren. Andererseits ist es auch diese manifestierte Durchschnittlichkeit, die OPEN FIRE so immens anschaubar macht, zumindest für mich. Ein Film wie Tiefkühlpizza: Wer Genuss oder Nährwert will, ist hier definitiv falsch, aber an manchen Abenden will man halt nicht mehr, als den Ofen anzuschmeißen und sich nach ein paar Minuten etwas Essbares zwischen die Kiemen zu schieben. So funktioniert auch Andersons Film: Man muss sich keine Sorgen machen, während der 90 Minuten überfordert zu werden und danach bleibt garantiert nichts von OPEN FIRE hängen, weder im positiven noch im negativen Sinne. Aber so lange, wie’s dauert, ist die Chose voll OK – vorausgesetzt, man hat ein Faible für diese Zwei-Wort-Titel-Filme, in denen irgendein muskulöser badass einer Horde generischer Schurken den Arsch versohlt und den Anzugtypen zeigt, wo der Frosch die Locken hat.

OPEN FIRE ist ein lupenreines DIE HARD-Rip-off (sieht man schon am Poster, das dem Film außerordentlich schmeichelt): Eine Bande von Söldnern überfällt eine Fabrik, nimmt die Angestellten als Geisel und fordert die Freilassung ihres inhaftierten Anführers Stein Kruger (Patrick Kilpatrick), der einen besonderen Terrorplan hat. Nicht auf seiner Rechnung steht allerdings der einsame Ex-FBI-Agent McNeil (Jeff Wincott), dessen Papa (Lee deBroux) die Fabrik führt und der sich deshalb gegen den Befehl der FBI-Agenten auf eigene Faust in den Komplex schleicht, wo er die bösen Buben einen nach dem anderen ausschaltet. Natürlich kann Anderson mit McTiernans Klassiker nicht mithalten, es wäre absurd, dies anzunehmen: Wincott ist kein Willis, Kilpatrick kein Rickman, die traurige Fabrik mit ihren austauschbaren Metalltreppen und Rohren kein Nakatomi Tower. Die Action ist eher bescheiden, besteht darin, dass Wincott den Bösewichten die Fresse poliert, ihnen das Genick bricht, sie erschießt oder aufspießt, und dafür, dass er es mit einer „elite group of mercenaries“ zu tun hat, stellen diese sich ziemlich dämlich an. Einmal geht ein Auto in die Luft, aber viel mehr darf man nicht erwarten: Gemessen an dem irrwitzigen Spektakel, das das Vorbild abfackelte, ist OPEN FIRE eher traurig. Aber eben auch sehr sympathisch. Ich kann nicht anders, als den Mut der Verzweiflung zu honorieren, mit dem sich Anderson der – betrachtet man die ihm zur Verfügung stehenden Mittel – absolut hoffnungslosen Herausforderung stellte, einen der erfolgreichsten und besten Actionfilme seiner Zeit zu kopieren.

OPEN FIRE sammelt darüber hinaus Punkte mit seiner Ansammlung liebenswerter wie infantiler Klischees, die den Betrachter in geradwegs ins Jahr ’94 zurückversetzen. In seiner ersten Szene tritt Wincott als MacNeil mit ölig-freiem Oberkörper, Dreitagebart, Kopftuch, Sonnenbrille und Zigarillo im Mundwinkel als echter Malocher auf, der einem Statisten erst einmal erklärt, wie man einen Motor repariert, bevor er einen Telegrafenmasten hochkraxelt und seinen Papa anruft, der ihn dazu motivieren will eine freie Managementposition in seinem Unternehmen anzutreten. Aber dieser McNeil schleppt seelischen Ballast mit sich herum, wie wir wenig später erfahren: Weil er einen Befehl seines Vorgesetzten missachtete, starb seine Partnerin bei dem Versuch, einen bewaffneten Psychopathen festzunehmen. Bevor wir jedoch seiner quälenden Erinnerungen in einer Rückblende teilhaben, gibt es die obligatorische Kneipenschlägerei, bei der der mittlerweile sauber rasierte und in weit geschnittenes Denim-Wear gekleidete McNeil ein paar Proleten zusammenwichst, die einen tapferen, aber hilflosen Tropf beim Billard bescheißen. Am andere Ende des Spektrums stehen Patrick Kilpatrick als Stein Kruger, was schön evil und deutsch klingt und phonetisch gewiss nicht zufällig dem Namen von Alan Rickmans DIE HARD-Schurken „Gruber“ ähnelt. Die „elite mercenaries“, die der um sich schart, bestehen aus den typischen Verdächtigen: langhaargen Asiaten, kaugummikauenden Grinsfressen, einem blonden Hünen sowie zwei Frauen, die mit der MP in der Hand hoffnungslos überfordert aussehden. Der FBI-Mann ist ein anzugtragender Großkotz, der zwar absolut recht hatte, als er McNeil suspendierte, aber vom Film dafür trotzdem wie ein schlechter Verlierer mit Penisneid behandelt wird, der Knastwärter ein sadistischer Fiesling, der Kruger ständig irgendwelcher Schläger auf den Hals hetzt, weil er zu feige ist, ihm selbst gegenüberzutreten. Der Altman-Veteran Bert Remsen ist auch am Start und wird in den Credits auch an vorderer Stelle genannt, hat aber – wenn ich das richtig im Kopf habe – nicht eine Dialogzeile und tut wenig mehr, als dekorativ, aber deplatziert (und halbdement) herumzusitzen.

Diese Klischees zu zu suchen und abzuhaken ist deutlich unterhaltsamer als der eigentliche Film. Bruce Willis durch die Architektur des Nakatomi Towers turnen zu sehen, ist einfach was anderes, als Wincott dabei zuzuschauen, wie er durch eine Fabrik schleicht und hier und da auf einen doof herumstehenden Bösewicht zu treffen. Zum Showdown geht es dann in einen traurigen Lagerhallenkomplex irgendwo in der Pampa und Kruger wird nicht etwa blutigst hingerichtet, sondern schlicht überwältigt und verhaftet. „Antiklimaktisch“ ist gar kein Ausdruck. Dass angesichts der zahlreichen Verfehlungen des Films mit dem Schlussbild tatsächlich ein Sequel in Assicht gestellt wird, finde ich allerdings wieder ziemlich geil. Leider ist meines Wissens nichts daraus geworden. Würde ich mir auch auf jeden Fall geben.

 

Meine Liebe zum generischen DTV-Actionkino muss ich hier nicht mehr groß ausbreiten. Auch MISSION OF JUSTICE ist wieder so ein „Werk“, das mein Herz gar nicht wirklich erobern muss, weil es sich meiner grundsätzlichen Sympathie schon sicher sein kann und nur noch die schwungvolle Abfolge von gut abgehangenen Plotklischees, Kampfszenen, steingesichtigen Schurken, liebenswerter Drehbuchidiotie und budgetbedingter Limitierung zu liefern braucht. Wer den Exploitationfilm hingegen vor allem deshalb schätzt, weil er immer auch ein großes Experimentierfeld und Filmemachern fernab der großen Studios Möglichkeiten der Selbstverwirklichung bot, der kann MISSION OF JUSTICE  links liegen lassen. Inszenatorisch zieht Barnett nicht die Butter vom Brot, visuell betrachtet war Meister Schmalhans Küchenmeister und C-Lister Jeff Wincott ist auch nicht gerade der Martial-Arts-Gott, von dem man jeden Roundhouse-Kick gesehen haben muss. Aber der Film hat mich mit der unaufgeregten Art, mit der er seine hanebüchene Story darbietet, trotzdem mühelos eingefangen.

Im fiktiven Örtchen Eastgate (gedreht wurde in eher anonym aussehenden Teilen von L.A.) verrichtet der tapfere Cop Kurt Harris (Jeff Wincott) seinen Dienst: Sein auf Konflikt gebügelter Vorgesetzter Duncan (Christopher Kriesa) legt ihm aber immer wieder Steine in den Weg. Die grassierende Gewalt auf den Straßen macht sich auch Dr. Rachel Larkin (Brigitte Nielsen) zunutze: Mit dem Erfolg ihrer „Mission of Justice“, einer Mischung aus Bürgerwehr und Sekte, deren Philosophie auf ihren eigenen Lebenshilfe-Ratgebern fußt (Yin-Yang inklusive), will Larkin sich zur Bürgermeisterin wählen lassen. Eines ihrer Werkzeuge ist der ehemalige Schwergewichtsweltmeister Cedric Williams (Tony Burton), auch ein Kumpel von Kurt: Seine Popularität will sie für sich ausschlachten, doch der alternde Boxer hat keine Lust mehr auf ihre miesen Geschäfte. Es kommt, wie es kommen muss: Als der vom Dienst suspendierte Harris von der Ermordung des Freundes erfährt, schleust er sich in die „Mission of Justice“ ein …

Die Inhaltsangabe liest sich schon wie die zu tausend anderen Filmen und so setzen sich die Déjà Vus auch auf der Mikroebene der Handlung fort: Supercop Kurt (Muskelshirt, Lederblouson und Wildleder-Cowoboystiefel zur Jeans) hat die Faxen dicke von den ständigen Gängeleien, von doofen Regeln und nachsichtigen Richtern. Nachdem er seinen Job geschmissen hat, besucht er das Gym seines alten Freundes Cedric, um erst einmal ordentlich zu pumpen. Kaum hat er das schäbige Etablissement verlassen, tauchen Larkin und ihre Schergen auf (darunter der hünenhafte Matthias Hues) und machen kurzen Prozess mit Apollo Creeds Ex-Trainer. Natürlich wird die Tat von einem der sogenannten „Peacemaker“ der „Mission of Justice“ beobachtet, doch der traut sich nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil die teuflische Larkin ein perfides Netz aus Überwachung und Strafe gesponnen hat. Wenn Kurt vom Tod von Cedric erfährt, begießt er die Trauer mit Whiskey und herzt das Foto, das ihn mit dem Freund zeigt. Das Vertrauen von Larkin erschleicht er sich, weil just im Moment seiner Bewerbung drei Rockertypen auftauchen, um Ärger zu machen, von Kurt aber mit Fausthieben und Tritten ruhigestellt werden. Bis zur Enttarnung der Schurkin, die auch vor dem Mord an einem alten Mütterchen nicht Halt macht (der Oma des Zeugen), gibt es die üblichen Versatzstücke: Kurt hat eine brutale Aufnahmeprüfung zu bestehen, er schleicht auf der Suche nach Beweisstücken in der Firmenzentrale herum, manipuliert eine Überwachungskamera und findet ein belastendes Video (das der Einfachheit halber unmissverständlich beschriftet ist). Außerdem geht er mit den anderen Peacemakern auf Tour durchs Viertel und räumt bei der Gelegenheit ein bisschen auf: Der Actionhöhepunkt des Films ist eine ausgedehnte Keilerei in einer illegalen Autowerkstatt, bei der unter anderem auch Kettensäge, Bohrer und Hebebühne zum Einsatz kommen und die kein Ende zu nehmen scheint.

Was MISSION OF JUSTICE an Finesse und Feinschliff vermissen lässt, macht er mit Einsatz wieder wett: Die choreografisch eher mittelprächtigen Fights steigern sich zu wahren Prügelorgien, bei denen die „Helden“ jede Hemmung verlieren und die erschrockenen Gesichter ihrer Gegner wie Irre mit Schlägen bearbeiten. Des Eindrucks, dass da so Einiges kompensiert wird, kann man sich nur schwer erwehren. Schön auch, dass Gleichberechtigung hier nicht nur ein Lippenbekenntnis ist: Die beiden kämpfenden Damen des Films – Kurts Partnerin Lynn (Karen Sheperd) und Larkins „Analystin“ Erin (Cyndi Pass) – gehen mit derselben Blutgier aufeinander los wie ihre männlichen Kollegen. Der Augenblick, in dem Lynn einen Schreibtisch zu Hilfe nimmt, um für einen eingedrehten Sprungkick in die Fresse ihrer Kontrahentin den richtigen, die Wirkung maximierenden Einfallwinkel zu bekommen, war vielleicht mein persönliches Highlight des Films. Aber die armselig kopierten Schwarzweiß-Wahlposter, die Larkin und den abgehalfterten Ex-Boxer zeigen und der große Coup ihres Wahlkampfes sein sollen, sind auch ziemlich toll. Und das alles präsentiert Barnett ohne Augenzwinkern, anscheinend ohne jedes Bewusstsein für die inhärente Absurdität seiner Geschichte und ihrer Klischees. Das ist einfach wunderbar.

Deadly-Bet-dvdcoverIch meine, einen Trend in den während der frühen Neunzigerjahre enstandenen Filmen von PM Entertainment ausgemacht zu haben: Es handelt sich oft um lupenreine Dramen, die lediglich mit einigen lose eingestreuten Beigaben um die Gunst der die Videotheken nach neuer Ware durchforstenden Actionfans buhlen. NIGHT OF THE WILDING war ein Gerichtsfilm, THE LAST RIDERS ein tragischer, RING OF FIRE ein romantischer Liebesfilm, FINAL IMPACT ein Sportlermelodram und DEADLY BET ist ein lupenreiner Film Noir, dessen Protagonist jedoch nicht nur ein krankhafter Zocker ist, sondern auch noch ein ziemlich guter KIckboxer.

Angelo (Jeff Wincott) verspricht seiner Freundin Isabella (Charlene Tilton) hoch und heilig, mit ihr aus Las Vegas abzuhauen, wo er mehrere Vermögen gewonnen und gleich wieder verballert hat. Dummerweise kommt ihm Rico (Steven Vincent Leigh) in die Quere, der ihm eine letzte Wette anbietet, der Angelo nicht widerstehen kann. Weil ihm 1.000 Dollar Einsatz fehlen, bietet Angelo dem Kontrahenten kurzerhand die Freundin an, und guckt dumm aus der Wäsche, als er im Fight kurz darauf gnadenlos unterliegt. Der anschließende Versuch, frisches Geld einzunehmen, scheitert kläglich und nun steht er auch noch beim Griechen (Michael DeLano) in der Kreide. Angelo fasst den Entschluss, mit der Zockerei endgültig aufzuhören. Damit er seine Schulden begleichen kann, bietet der Grieche ihm die Teilnahme an einem Kickbox-Turnier an, bei dem auch Rico antritt …

Wenn Lorenzo Lamas FINAL IMPACT getragen hat, gehört dieser Film Jeff Wincott: Sein whiskeygegerbter New Yorker Akzent ist ideal für den idealtypischen Spieler, der auf dem Strip zu Hause ist und keine Wette ausschlagen kann, sofern sie genug Gewinn verspricht. Er ist eine tragische Figur, denn es ist keine Charakterschwäche, die ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringt, sondern sein ihm ureigenes Wesen. Das Zocken gehört gewissermaßen zu ihm wie die Kartoffelnase zu Gary Daniels, der hier wieder einmal einen Kurzauftritt absolviert. DEADLY BET folgt Angelos Irrwegen durch die glitzernde Wüstenstadt, beobachtet ihn dabei, wie er NIederlage um Niederlage einsteckt, Prügel um Prügel, und doch immer wieder nur die nächste Wette im Blick hat, mit der sich das Schicksal auf wundersame Weise ändern soll. Erst als er mit dem Killer vom Griechen auf Mordtour geht und sieht, was den Leuten blüht, die ihre Schulden nicht bezahlen können, dämmert ihm, was auch ihm bevorsteht. Es folgt eine der typischen, rührend-naiven Montagen, die die PM-Filme jener Zeit sehr oft aufweisen. Zu einem dylanesken Folksong schwingt sich Angelo morgens um halb sechs aus dem Bett, bereitet sich einen gesunden Drink (rohes Ei) zu, den er direkt aus dem Mixer schlürft, putzt seine Küche und geht dann joggen. Vor einem Casino harrt er kurz aus, weil er einen Chip auf der Straße findet. Er überlegt kurz, doch dann besinnt er sich auf seine guten Vorsätze und schenkt den Chip … dem Sänger des Folksongs, der plötzlich mit seiner Klampfe auf dem Boden sitzt. Diese Sequenz ist so wunderbar, dass man es fast bedauert, dass dann doch noch ein Kickboxturnier in die letzten 20 Minuten Film gequetscht werden muss. Natürlich nur fast, denn das einzige, womit sich ein Film noch besser füllen lässt als mit Fresseklopperei, ist Sex und dafür fehlen hier die attraktiven Darstellerinnen.

DEADLY BET ist wahrscheinlich der objektiv betrachtet beste Film, den PM Entertainment bis zu jenem Zeitpunkt vorgelegt hatten (ich kenne noch nicht alle). Er verfügt über eine schöne Fotografie, die das verführerische Zwielicht von Las Vegas sehr effektiv einfängt (das Youtube-Video präsentiert den Film dann auch im Widescreen-Format statt des üblichen Vollbilds) und eine passende, schwül-schwere Noir-Atmosphäre, die die schicksalhafte Latenz in griffigen Bildern einfängt. Jeff Wincott gegenüber muss Schurke Steven Vincent Leigh natürlich verblassen, aber seine (wahrscheinlich mit der in RING OF FIRE verdienten Prämie) neu gekaufte Zahnreihe präsentiert er so stolz wie der GTI-Fahrer seinen Spoiler. Sein selbstverliebtes Grinsen und der ölige Zuhältercharme machen ihn zu dem Schurken, den man zu hassen liebt, und den es braucht, um den Film abzurunden. Nach Munchkins krampfigem Vorgänger hatte ich die Entspanntheit, die hier zum Ausdruck kommt, gewiss nicht erwartet. Sogar der Schlussgag funktioniert! Ohne weitere Worte daher mein Fazit: Rundum empfehlenswert.

Durch Zufall stellen Detective Curt Bellmore (Jeff Wincott) und sein Partner Detective Kane (Jonathan Banks) den gefährlichen Bankräuber Underwood (Jonathan Fuller). Als Bellmore wenig später erfährt, dass angeblich  ein bloß minimaler Geldbetrag beschlagnahmt worden sei, obwohl er die Beute mit eigenen Augen gesehen hat, verdächtigt er sofort Lieutenant Seagrove (Steve Eastin). Sein Verdacht erhärtet sich, als Seagrove bei einer Schießerei erscheint und „aus Versehen“ Bellmores Partner erschießt. Ohne Unterstützung von oben erwarten zu können, nimmt Bellmore den Kampf gegen die Korruption in seinem Revier und den wieder auf freiem Fuß befindlichen Underwood auf. Und der scheint mit dem ganzen LAPD eine gut gehende Geschäftsbeziehung zu unterhalten …

LAST MAN STANDING dürfte eine der Meisterleistungen aus dem Hause PM Entertainment sein: Im Minutentakt werden hier fette Explosionen gezündet, teure Autos zu Klump gefahren und Menschen erschossen, die Story, die sich nicht lang mit lästigen Details oder leisen Tönen aufhält, ist erfolgreich dabei, auch rein expositorische Dialoge noch wie Actionsequenzen erscheinen zu lassen. Wer Spaß daran hat, kilometerbreite Plotholes zu erspähen, der wird hier glücklich werden: Warum Underwood auf Kaution freigelassen wird, obwohl es bei seiner Festnahme gleich mehrere Tote gab, warum Seagrove nach der Erschießung seines Kollegen völlig straffrei ausgeht, während Bellmore eine Suspendierung erfährt, weil er seine Waffe abgelegt hatte, das ist auch dann nicht nachvollziehbar, wenn man annimmt, dass alle Beamten auf dem Gehaltszettel des Verbrechers stehen. Aber es ist egal, weil Merhi ein kompaktes Pfund Affektkino ohne jedes Gramm Fett dran abliefert: LAST MAN STANDING ist pure muscle. Und Logik ist was für Beamte.

Bevor es hier Missverständnisse gibt: LAST MAN STANDING ist durchaus adäquat und mit einigem Geschick erzählt. Veteran Jonathan Banks liefert eine exzellente Vorstellung in der undankbaren Partnerrolle ab und hat so neben Merhis erstaunlich sensibler Regie (er bleibt mit der Kamera draußen, als Bellmore Banks‘ Mutter aufsucht, um ihr die Nachricht vom Tod ihres Sohnes zu überbringen) einigen Anteil daran, dass die dramatischen Szenen um seine Erschießung emotionalen Nachhall entwickeln. Die meist als bloßes Alibi herhaltende oder für typische Klischeeprobleme sorgende Ehe des Helden erfährt hier eine originelle und willkommene Umdeutung Richtung BONNIE & CLYDE und ein kleiner selbstreflexiver Moment – Bellmore und Gattin lauschen einer Radiodiskussion über „Gewalt im Fernsehen“ – öffnet den Film plötzlich wie eine unerwartet sonnige Lichtung. Und Robert LaSardo, der Go-to-Guy, wenn es gilt, tätowierte Latinos mit Ganghintergrund zu besetzen, seitdem Danny Trejo zu seiner eigenen Marke geworden ist, wertet den Film auch nicht gerade wenig auf.

Bleibt unterm Strich ein exzellenter Vetreter des DTV-Actionfilms, den PM Entertainment mitte der Neunziger mit wissenschaftlicher Präzision beackerten. Man muss sich an die klinisch-sterile Atmosphäre ihrer Filme gewöhnen, die immer etwas aussehen, als seien sie in einem unbewohnten Gewerbegebiet gedreht worden, aber wenn man diese kleine Hürde genommen hat, dann steht einer glücklichen Liebesbeziehung nichts mehr im Weg.