Mit ‘Jenny Wright’ getaggte Beiträge

Zu seinem erfolg- und einflussreichen Vorgänger FAST TIMES AT RIDGEMONT HIGH verhält sich THE WILD LIFE ein wenig wie ST. ELMO’S FIRE zu THE BREAKFAST CLUB: Er zeigt Charaktere, die sich langsam, aber sicher, auf die Zeit nach der Highschool vorbereiten müssen, beschäftigt sich mit den Geburtswehen, die damit einhergehen, fühlt sich dementsprechend etwas gedrückter, pessimistischer an als der dann doch sommerlich-leichtfüßige Vorgänger – war dann auch weniger erfolgreich und ist heute beinahe vergessen. Das dramaturgische Vorgehen ist hingegen vergleichbar: Nach der Vorlage von Cameron Crowes Drehbuch verfolgt Regisseur Linson eine Gruppe von lose zusammenhängenden Charakteren, deren Weg sich immer wieder kreuzen. Der Zeitraum des Geschehens ist deutlich begrenzter als noch in FAST TIMES: Verteilten sich die Episoden dort über ein Schuljahr, spielt THE WILD LIFE in der letzten Ferienwoche vor dem Beginn des neuen – für einige der Figuren letzten – Schuljahres.

Der Film beginnt mit einem Knall: Der junge, sich als Guerilla-Krieger inszenierende, präpubertierende Jim (Ilan-Mitchell Smith) schleicht sich nachts in seine Schule, wird dort vom Hausmeister erwischt und sprengt beim Rausgehen den Kopf der vor dem Eingang stehenden Statue ab. Jim kokettiert während der folgenden 90 Minuten aufreizend mit dem eigenen Tod und prahlt mit seiner „Freundschaft“ zu einem Vietnamveteran (Randy Quaid). Sein älterer Bruder Bill (Eric Stoltz) trauert der Ex-Freundin Anita (Lea Thompson) hinterher, während er mit dem Einzug ins eigene Appartement schon die Selbstständigkeit probt. Anita befindet sich in einer leidenschaftlichen Affäre mit dem Streifenpolizist David (Hart Bochner), muss aber die leidvolle Erfahrung machen, dass sie für diesen nicht mehr als ein Betthäschen für zwischendurch ist. Ihre Freundin Eileen (Jenny Wright) sucht sich endgültig von ihrem Ex Tom (Chris Penn) zu lösen und muss sich in ihrem Job als Modeverkäuferin nebenbei gegen die Avancen ihres Vorgesetzten (Rick Moranis) erwehren. Tom ist ein sorgloser Partylöwe ohne Perspektive, der sein ganzes Leben unter dem Paradigma größtmöglichen Vergnügens gestaltet und so das Dasein aller, die mit ihm zu tun haben, erschwert: am deutlichsten jenes von Bill, der den Fehler macht, Tom bei sich einziehen zu lassen.

Der Vergleich zu FAST TIMES AT RIDGEMONT HIGH muss eigentlich nicht gezogen werden, da beide Filme inhaltlich nichts miteinander zu tun haben, trotzdem kommt man als Zuschauer kaum um den Abgleich herum, zumal auch die Marketing-Abteilung auf dem Poster noch einmal deutlich machte, dass hier dieselben Macher am Werk waren. Dass THE WILD LIFE nicht dieselbe Begeisterung auslöst, liegt schon in der erwähnten nüchteren, wenn nicht gar ernüchterten Haltung des Films und seiner Charaktere begründet. Das Erwachsenendasein zeigt sich bereits in seinen ersten Besuchen als runterziehende Abfolge von nervenden Verpflichtungen, existenziellen Sorgen und aufreibender Verantwortung. Entsagung scheint auch keine Alternative, wenn man sich Tom anschaut, der mit seiner Lebensphilosophie „It’s casual“ nur durchkommt, weil er sich darauf verlassen kann, dass ihm immer wieder Freunde aus der Patsche helfen, die es weniger lässig nehmen mit ihrem Leben. Tom ist natürlich nach dem Vorbild Jeff Spicolis modelliert und mit Sean Bruder Chris konsequent besetzt, aber man kann nicht ganz so reuelos für ihn jubeln wie für den ewig bekifften Surferdude. Im Gegensatz zu diesem, lebt Tom sein Leben auf Kosten anderer und man vermisst bei ihm jede Einsicht. Dennoch scheut auch Produzent Linson – der den Film kurzerhand selbst inszenierte, weil der eigentlich vorgesehene Regisseur kurzfristig ersetzt werden musste – wie Regisseurin Heckerling vor ihm davor zurück, einen seiner Charaktere ans Kreuz zu nageln. Letztlich kann er sich das leisten, weil THE WILD LIFE mit seinem spektakulären Höhepunkt – einer Abrissparty, die Tom in Bills Wohnung ausrichtet (und bei der Ron Wood von den Stones einen Cameo als Gast absolviert) – die Sphäre des Realismus ein ganzes Stück hinter sich lässt. Selbst der eigentlich gelackmeierte Bill kann dem Mitbewohner verzeihen und ihm ein Lächeln schenken.

So endet THE WILD LIFE zwar auf einer versöhnlichen Note: Noch einmal haben alle die Kurve gekriegt, aber man spürt, wie viel Glück dabei auch im Spiel war. THE WILD LIFE wird so seinem Titel gerecht und kann außerdem als eine Art optimistisches Spiegelbild eines Films wie RIVER’S EDGE betrachtet werden. Jener teilt mit diesem die Figur des durchgebrannten Vietnamveterans, der als eine Art missverstandenes Vorbild fungiert. Für Jim ist dieser gezeichnete Krieger eine exotische Figur, die Abenteuer und Draufgängertum symbolisiert, deren Außenseiterstatus zudem von Verwegenheit, Autonomie und Authentizität kündet. Er kleidet sich in Armyklamotten und streift wie ein Einzelkämpfer durch die Straßen, immer auf der Suche nach einem Gegner. Letztlich erkennt er aber, womit er da kokettiert, dass sein großes Idol kein Held, sondern ein Opfer ist: Er erhascht den Veteran dabei, wie er sich auf seinem vergiften Klo einen traurigen Schuss setzt. Ein kurzer flüchtiger Blick nur, aber er verleiht Jims Leben die Erkenntnis, die es für eine Kehrtwende braucht. Wer weiß, wo es sonst mit ihm hingegangen wäre. Wie in FAST TIMES AT RIDGEMONT HIGH gibt es für jede der handelnden Figuren immer die Möglichkeit zur Veränderung. Aber einige kommen diesem Point of no Return hier deutlich näher als im Vorläufer.

 

i, madman (tibor takács, usa 1988)

Veröffentlicht: November 15, 2010 in Film
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Die Schauspielschülerin Virginia (Jenny Wright) verfällt den Schundromanen eines gewissen Malcolm Brand, vor allem dessen „I, Madman“ hat es ihr angetan. Darin schneidet ein verrückter Arzt seinen Opfern Gesichtsteile ab, um sich aus diesen selbst ein neues, schöneres Gesicht zu basteln und so endlich seiner Angebeteten – einer Schauspielerin – zu gefallen. Aus Fiktion wird Realität, als Los Angeles von einer Mordserie erschüttert wird, die der aus dem Buch aufs Haar gleicht, und plötzlich eben jener Arzt in Virginias Wohnung steht …

Warum ich I, MADMAN erst jetzt gesehen habe, ist eigentlich kaum zu erklären: Nicht nur hat er damals überall ausnehmend positive Reaktionen hervorgerufen (und auch Fürsprecher in meinem Freundeskreis gehabt), Takács hatte zuvor mit THE GATE auch einen Film gemacht, den ich in meinen Jugendjahren abgöttisch geliebt habe (und dringend mal wieder sehen muss). Ich hatte I, MADMAN eigentlich immer auf dem Schirm, nur geschaut habe ich ihn eben nie. Umso schöner war dann jetzt auch die Erstsichtung, denn nicht nur hat sie all jene positiven Stimmen bestätigt, ich hatte auch das große Vergnügen, eines der Highlights des Achtzigerjahre-Horrors zum ersten Mal sehen zu dürfen. Zunächst mal: I, MADMAN sieht einfach nur fantastisch aus. Takács gelingt es hervorragend, durch das Design der Settings, die Kostüme und die Musik eine Atmosphäre zu erzeugen, die einen geradewegs in das Los Angeles der Hardboiled- und Pulpromane versetzt – obwohl I, MADMAN in der Gegenwart situiert ist. Viele kleine Details der Inszenierung sorgen dafür, dass die Geschichte, die allzu leicht zur akademisch-faden Fingerübung zum Thema Selbstreferenzialität hätte verkommen können, lebendig und plastisch bleibt: Ich liebe es etwa, wie Takács die melancholische Pianomusik, die in der ersten Hälfte des Films zu hören ist, wenn Virginia in ihrer Wohnung sitzt und schmökert, in der Diegese verortet: Ein kurzer Blick von Virginia und ein leichter Kameraschwenk offenbaren, dass sie gegenüber von einem Pianoreparateur arbeitet, der auch in der späten Nacht noch am Klavier sitzt und spielt. Doch natürlich ist auch die Story um den fiktiven Killer, der sich sehr real entpuppt, hoch interessant und originell. Takács hält es lange in der Schwebe, ob Virginia einfach etwas überspannt ist oder ob sie mit ihren Befürchtungen tatsächlich Recht hat, und auch wenn die Endcredits dann laufen, sind längst nicht alle Fragen geklärt: Genauso sollte es schließlich sein bei einem Horrorfilm. I, MADMAN zeichnet sich in seinem Zusammenspiel von Form und Inhalt fast durch eine lyrische Qualität aus, die mich nicht wenig an Lovecraft erinnert hat. Das Grauen ist immer auch tragisch konnotiert und der Wahnsinn lauert manchmal schon an der nächsten Ecke. Die Figur des Malcolm Brand hatte dabei durchaus das Potenzial für mehrere Filme, aber es ist natürlich gut so, dass es bei diesem einen geblieben ist: So kann man seine eigenen Sequels im Kopf ausspinnen. Ich glaube, dass Takács genau so etwas im Sinn hatte: Sein Film ist eine wundervolle Liebeserklärung an Schundromane, B-Movies und Exploitation und an die Menschen, die diesem „Schund“ hoffnungslos verfallen und dazu in der Lage sind, seine Qualitäten zu erkennen, die anderen verborgen bleiben.

Beenden möchte ich an dieser Stelle mit ein paar Worten zur Hauptdarstellerin Jenny Wright, die ich nicht nur unglaublich süß finde, sondern die für die Virginia die Idealbesetzung ist, weil sie mit ihrer natürlichen Fragilität die für die Geschichte so wichtigen Beschützerinstinkte beim Zuschauer auslöst, gleichzeitig aber auch die Faszination fürs Abseitige glaubhaft verkörpern kann. Zuvor hatte sie in Kathryn Bigelows grandiosem NEAR DARK eine Hauptrolle gespielt, seit 1998 muss man sie als „verschollen“ bezeichnen: Es war ihren NEAR DARK-Kollegen nicht gelungen, sie für ein DVD-Featurette ausfindig zu machen. Man soll ja nicht scherzen, aber angesichts von I, MADMAN drängen sich da diverse Spekulationen geradezu auf, die das Thema des Films fortschreiben würden. Ich hoffe, es geht dir gut, Jenny. Hätte gern mehr von dir gesehen.