Mit ‘Jeremy Renner’ getaggte Beiträge

Fernsehregisseur und Facebook-Entertainer Hasko Baumann pflegt Denis Villeneuve seit Jahren als „borelord“ zu bezeichnen. Das ist ein bisschen gemein, aber mittlerweile bin ich geneigt, ihm Recht zu geben. Auch bei Villeneuves ARRIVAL stellt sich wieder das Gefühl ein, das ich schon bei den Vorgängern ENEMY und SICARIO hatte: dass da zwar ein Mann am Werk ist, der ohne Zweifel einen eigenen Stil hat und offensichtlich weiß, was er tut, aber leider mit der emotionalen Bandbreite eines depressiven Roboters operiert. Ich möchte ihn packen, rütteln, ihm eine scheuern, um ihn aufzuwecken und ihm klarzumachen, dass Film durchaus auch Spaß machen darf und sich nicht zwingend wie zermürbende Fleißarbeit anfühlen muss.

ARRIVAL hat mit seiner seit den Fünfzigerjahren nun auch schon tausendfach durchexerzierten Alien-Invasion, die Menschen, Regierungen und Militärs rund um die Erdkugel in Aufruhr und besonnene Wissenschaftler in die Rolle der Bewahrer von Ruhe und Vernunft versetzt, zwar das Problem, nicht für einen Originalitätspreis in Frage zu kommen, aber immerhin wendet er sich einem Aspekt zu, der bislang eher weniger umfassend behandelt wurde. (Spielbergs ENCOUNTERS OF THE THIRD KIND bildet eine Ausnahme.) Seine Protagonistin ist nämlich die Linguistin Louise Banks (Amy Adams), der die Aufgabe zuteilwird, mit den Außerirdischen zu kommunizieren, um zu erfahren, welchen Zweck sie mit ihrem Besuch auf der Erde, auf der sie mit zwölf Schiffen an unterschiedlichen Orten gelandet sind, verfolgen. Aber wie verständigt man sich mit Wesen, deren Sprache nach einem komplett anderen Muster aufgebaut ist, deren Erfahrungshorizont und Denken nicht dem unseren entspricht? Banks muss sich ganz langsam annähern, zunächst den kleinsten gemeinsamen Nenner finden, bevor sie von da aus ihre Frage stellen kann. Kennen die Wesen, eine Mischung aus Spinnen- und Krakenwesen mit Elefantenhaut (ENEMY lässt grüßen), überhaupt das Konzept einer Frage? Begreifen sie sich als Kollektiv, denken sie zielgerichtet in die Zukunft? Dem Militär dauert diese Arbeit erwartungsgemäß viel zu lang, zumal man insgeheim eh davon überzeugt ist, es mit einem Angriff zu tun zu haben. Als China bereits den Krieg erklärt hat, sucht die Wissenschaftlerin auf eigene Faust den direkten Kontakt mit den Außerirdischen und erhält eine verblüffende Antwort auf ihre Frage.

Die Aliens sind für Villeneuve eigentlich nur Vorwand für einen sprachphilosophischen Essay, der letztlich auf die (wenig bahnbrechende) Erkenntnis hinausläuft, dass Sprache unser Denken wesentlich formt. Die Schrift der Aliens besteht aus Rauchzeichen, die allesamt die Grundform eines Kreises haben und für komplexe Sätze stehen. Louise Banks schließt daraus, dass der Zeitbegriff der Aliens ein völlig anderer ist sein muss als der unsere, der sich in unserer Schrift dahingehend spiegelt, dass wir Worte Schritt für Schritt aus Buchstaben bilden, die wir von links nach rechts anordnen. Ein wichtiger Satz aus dem Film besagt, dass die tiefe Immersion in eine Sprache zu einer Restrukturierung unseres Gehirns führt, also unser Denken verändert. Im Film kann Villeneuve diesen Prozess natürlich nicht abbilden, weshalb das Verständnis zum Finale hin wie ein Überraschungsei vom Himmel fällt. Es ist nahezu unmöglich, ins Detail zu gehen, ohne gnadenlos zu spoilern, aber ich versuche es trotzdem: Der große Kniff besteht in einer Art Zeitparadoxie. Die Protagonistin wird durch das Begreifen der Außerirdischensprache dazu befähigt, in die Zukunft zu sehen. Die vermeintlichen Erinnerungsbilder, die sie durch den Film begleiten, waren in Wahrheit Vorhersehungen, die Erzählstruktur von ARRIVAL ist kreisförmig, so wie die Rauchzeichen der Außerirdischen. Und damit das alles nicht zu abstrakt wird, sondern emotionalen Nachhall findet, nimmt Villeneuve die Ausfahrt Richtung Eso-Kitsch mit klagenden Streichern, einer rückblickend vorherbestimmten Zukunft, aber nicht der passiven Fügung in dieses Schicksal, sondern der bereitwilligen, gewissermaßen aktiven Akzeptanz des eigenen individuellen Schicksals.

Villeneuve macht Vieles richtig: Er räumt dem Sounddesign einen hohen Stellenwert ein, vor allem natürlich dem angemessen fremdartig und außerweltlich klingenden Score von Jóhann Jóhannsson, den Soundeffekten, etwa um die Stimmen der Außerirdischen und die Atmosphäre in deren linsenförmigem Raumschiff, aber auch den Dialogen, die immer mit zurückgehaltener Stimme gesprochen werden, als verharrten die Figuren in Ehrfurcht vor der Erscheinung aus dem All oder fürchteten, den fragilen Frieden zu stören. Er baut auf die imposante Präsenz des schwebenden Raumschiffes, das gleichermaßen einen harten Kontrast zur umgebenden ruralen Landschaft bildet (ARRIVAL spielt in Montana, wurde aber in Kanada gedreht), aber sich auch ganz selbstverständlich in sie einfügt, und auf den dramatisch bewölkten Himmel, der die Konturen des UFOs noch schärfer erscheinen lässt. Er weiß außerdem, dass er eine besondere Verbindung zwischen seiner Linguistin und den Aliens herstellen, aber auch einen äußeren Konflikt schaffen muss, damit der Zuschauer am Ball bleibt. Und er arbeitet mit großer Präzision auf das Finale hin, das er dann mit all dem Schmelz versieht, den er vorher zurückgehalten hat. Aus handwerklicher und dramaturgischer Sicht gibt es also nicht viel zu meckern. Trotzdem ist da eben wieder dieses oben beschriebene Villeneuve-Gefühl, das noch alle seiner Filme mit Ausnahme von PRISONERS bei mir hinterlassen haben (sein BLADE RUNNER-Sequel werde ich demnächst mal nachholen): ARRIVAL ist halt irgendwie auch ziemlich öde und leblos, er erstickt fast vor Ergriffenheit vor der eigenen angenommenen Bedeutung (so wie seine Figuren vor den Aliens) und verlässt sich viel zu sehr darauf, dass das Herzschmerz-Ende für die vorangegangene Tristesse und Freudlosigkeit entschädigen werde. Zugegeben, der Zirkelschluss ist als Konstrukt wunderschön, aber so wie Villeneuve ihn in Szene setzt, als großen, in Gedanken an all die schluchzend in sich zusammensackenden Zuschauer geradezu triumphal intonierten Tusch, ruft er in mir leider nur Ablehnung hervor. Die ganze intellektuelle Fassade brach für mich am Ende krachend zusammen, entpuppte sich als bloße Pappkulisse für einen in dieser Form unangenehm kalkuliert wirkenden Schmachtfetzen. Nun lasse ich mich ja durchaus gern manipulieren, auch gegen Pathos-getränkte Auflösungen habe ich nichts. Aber der Weg dahin darf ruhig mit etwas mehr Verve und Energie beschritten werden, Herrgottnochmal!

 

Das ist es also, das große Finale, der Schlusspunkt unter ein Projekt, das 19 Filme in elf Jahren umfasste und dabei zu einem Moloch anwuchs, der das Kino wie wir es kennen, nachhaltig verändert hat. Nichts ist heute noch so wie in 2008, als mit IRON MAN und THE INCREDIBLE HULK die ersten beiden Filme des MCU erschienen. Wie das kommerzielle Kino der Zukunft aussehen könnte, lässt sich derzeit kaum erahnen, auch nicht, wie es mit dem MCU weitergehen wird. Der Bedarf muss ja irgendwann gesättigt sein, aber Disney und Marvel regieren derzeit mit eiserner Hand und werden ihre Vormachtstellung gewiss nicht kampflos aufgeben. Aber ob die kommenden neuen Filme um eher unbekannte Namen ähnlich Zugkraft entfalten wie die in ENDGAME verabschiedeten Zugpferde Iron Man und Captain America?

Ich habe mich hier in den letzten Jahren zunehmend als Kritiker der Marvel-Filme geäußert, als jemand, der den Superheldencomics mit Sympathie gegenübersteht, aber von ihrer Umsetzung zunehmend enttäuscht und gelangweilt, von der Kritiklosigkeit, mit der sie von ihrem Publikum empfangen wurden darüber hinaus mehr als nur ein wenig genervt war. Ich hatte immer das Gefühl, die Filme verlassen sich allzu sehr darauf, dass es den Comicfans schon reicht, möglichst viele ihrer Helden in einem trick- und produktionstechnisch aufwändigen Spektakel auf der Leinwand zu sehen: Wozu sich also noch lang damit aufhalten, wirklich überzeugende Filme zu inszenieren, mit Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden, und die nicht nur gemacht werden, um ein Franchise am Leben zu halten? AVENGERS: ENDGAME deutet in seinen besten Momenten und Passagen an, wie eine solche Geschichte um die Superhelden aussehen könnte. Aber wer behauptet, dass es zwingend nötig war, über die schon erwähnten elf Jahre und rund 20 Filme auf dieses Finale hinzuarbeiten, der hat von Storytelling keine Ahnung. Zugegeben: Es ist nicht ohne Reiz, dass hier Handlungsfäden zusammenlaufen, die zum Teil vor Jahren aufgenommen worden waren oder dass hier Figuren auftreten, die man seit Jahren nicht mehr gesehen hat, aber letztlich ist das nur ein Gimmick, Zierrat. Ob man Thors in THOR: THE DARK WORLD verstorbene Freundin Jane Foster (Natalie Portman) hier noch einmal in einem wortlosen Zehn-Sekunden-Cameo sieht oder nicht, ist für den Film und die Geschichte selbst natürlich völlig unerheblich.

Aber ich wollte nicht nur lästern: Die Geschichte, die ENDGAME erzählt, ist zunächst mal interessant. Nachdem Thanos (Josh Brolin) die Hälfte der Lebewesen des Universums ausgelöscht hat, sind fünf Jahre ins Land gezogen, in denen die geschlagenen Wunden immer noch nicht verheilt sind. Thanos ist tot, stirbt in einer ziemlich unangenehmen Racheszene, die die Avengers nicht im allerbesten Licht dastehen lässt, sondern sie eigentlich als feige Mörder zeigt, aber der Versuch, die Opfer durch einen Rückgewinn der Infinity Stones wiederzubeleben, scheitert daran, dass Thanos selbst sie zuvor vernichtet hat. Eine Zeitmaschine müsste her, denn mit ihrer Hilfe könnte man die Infinity Stones aus der Vergangenheit in die Gegenwart holen, sie benutzen, um den Massen-Genozid rückgängig zu machen und sie dann vernichten. Eine mögliche Lösung tut sich auf, als Scott Lang (Paul Rudd) aus dem Quantenraum zurückkehrt (in den er in ANT-MAN AND THE WASP geraten und dort verloren gegangen war).

ENDGAME gliedert sich in vier große Abschnitte: die Einleitung, eine erstaunlich deprimierende Bestandsaufnahme, die folgende Rekrutierung der mittlerweile in alle Himmelsrichtungen verstreuten Avengers, das Zeitreiseabenteuer, das seinerseits in mehrere Missionen geteilt ist, und die große Schlacht am Ende. Seine besten Momente hat der Film in den mittleren beiden Teilen, die zum einen eine hübsche Weiterentwicklung der „arbeitslos“ gewordenen Superhelden zeigt, mit unter anderem Thor (Chris Hemsworth) als bierbäuchigem Hängertypen, zum anderen ein Wiedersehen mit Szenarien aus zurückliegenden Filmen ermöglicht, die man nun aus anderem Blickwinkel und verkompliziert um typische Zeitreiseparadoxien sieht. Endlich, endlich zeigt sich dann einmal, welches erzählerische Potenzial ein „Cinematic Universe“ wirklich mit sich bringen könnte, wenn die Backstorys der einzelnen Charaktere ihr gegenwärtiges Handeln bestimmen, Szenen aus unterschiedlichen Filmen miteinander in einen Dialog treten, aus dem dann auch tatsächlich etwas Neues hervorgeht. Trotzdem treten auch hier wieder Mängel auf, die immer wieder auch daran zweifeln lassen, dass da ein Mastermind seit 2008 an einem zusammenhängendem Narrativ werkelt: Die Begegnung von Hulk (Mark Ruffalo) und The Ancient One (Tilda Swinton) aus DOCTOR STRANGE wirkt hoffnungslos lazy, was sich nur damit erklären lässt, dass hier vor allem ein zukünftiger Storystrang angetriggert werden soll. Für den Betrachter, der sich heute noch nicht für in drei Jahren nachgereichte Erklärungen interessiert, sondern in erster Linie für die Schlüssigkeit des Films hier und jetzt, ist diese Masche immer noch schwer zu schlucken.

Auffallend auch, dass ENDGAME auf den letzten Metern deutlich die Luft ausgeht: Ich bin bei die finalen Scharmützel dann auch eingepennt. Was der Höhepunkt sein sollte, ist ein lebloses Spektakel aus dem Computer, in dem jeder Avenger seine 15 Sekunden bekommt, während der er seelenlose Avatare in die ewigen Jagdgründe befördern darf. Boring. Überhaupt: Bin ich der einzige, der findet, dass ENDGAME wie schon INFINITY WAR zuvor fürchterlich leblos wirkt? Die Menschheit, für die ich die Helden da angeblich einsetzen, spielt kaum eine Rolle, man hat eigentlich nie das Gefühl, dass sich das alles auf unserem Planeten abspielt. Der Film ist so sehr damit beschäftigt, die Dutzenden von Plotlines zu einem befriedigenden Ende zu bringen, dass keine Zeit bleibt, mal einen Moment atmen oder sich entwickeln zu lassen. Ich räume aber gern ein, dass mich dieser erste Zyklus auf de letzten Metern wieder etwas versöhnt hat. Ich würde mir einfach wünschen, dass man sich in der Zukunft ein bisschen mehr traut und wegkommt von diesen ultrasimplen Storylines, in denen die Helden einem blöden MacGuffin nachjagen und egale Schurken besiegen. Mal sehen.

captain_america_civil_war_ver18_xlgDie beiden Filme um den „first avenger“ namens Captain America sind wahrscheinlich das beste, was unter dem Marvel-Logo bislang über die Leinwand geflimmert ist. Gerade der vorangegangene Teil wurde geradezu euphorisch aufgenommen und etablierte das inszenierende Bruderpaar der Russos sofort als neue Hoffnung am Franchise-Himmel. Wenn man sich den Drive anschaut, mit dem sie die Actionsequenz realisiert haben, mit der CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR beginnt, ist man geneigt, in die Jubelarien miteinzustimmen. Das Tempo ist hoch, der Schnitt frenetisch, ohne dabei die Übersichtlichkeit zu zerstören, und darüber hinaus ziemlich zupackend und brachial – durchaus überraschend für eine doch eher kindgerechte Comicverfilmung, deren Vielzahl an CGI einer echten, spürbaren Physis oft eher im Weg steht. Aber tonal hatte sich ja schon der Vorgänger vom bunten Firlefanz der anderen Filme des MCU abgehoben und die Brücke geschlagen zum Politthriller der Siebzigerjahre. Man mag es den Russos nicht verdenken, wenn sie die Erfolgswelle so lange reiten wie es geht und sich mit weiteren Comicverfilmungen gesund stoßen, aber insgeheim frage ich mich schon, zu was die beiden wirklich im Stande wären. „Wirklich“, das meint in diesem Fall: nicht in ein enges Konzept gepfercht, das wenig Freiheiten erlaubt, dafür aber vorsieht, dass innerhalb von knapp zwei Stunden ca. ein Dutzend handelnder Hauptfiguren eingeführt, ca. 28 offen herumliegende Handlungsfäden aufgenommen und nebenbei die nächsten zehn Filme angeteasert werden müssen.

Ich gebe, wie schon bei X-MEN: APOCALYPSE, gern zu, dass ich CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR deutlich besser fand als die letzten Marvel-Filme: Die Geschichte um den Riss, der durch die Superhelden-Mannschaft geht und sie plötzlich zu Feinden macht, ist um Längen interessanter als der Kampf um irgendwelche Steine mit unklaren Eigenschaften. Die Actionszenen sind, wie erwähnt, griffig inszeniert, die große Schlacht der Protagonisten gegeneinander stellt eine gelungene Übersetzung der Comic-Panels in Filmbilder dar, ebenso wie Spider-Mans unentwegte Sprücheklopferei hier sehr schön adaptiert wird. Und langweilig, wie so mancher Kollege, fand ich den Film auch nicht. Trotzdem muss ich nach 24 Stunden des Sackenlassens irgendwie konstatieren, dass CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR so gut wie gar keine Spuren bei mir hinterlassen hat. Er ist einfach so vorbeigerauscht. Ich weiß, oft genug lobe ich Filme für solche „Flüchtigkeit“ und Trivialität. Aber der hier will ja nicht flüchtig und trivial sein, sondern ist in jeder Sekunde mit dem Wissen um die Schlüsselfunktion produziert worden, die er im Übergang des MCU in die nächste Phase innehat. Satte 250 Millionen hat das Ding gekostet, das muss man sich mal vorstellen. Und dann hat man am Ende das Gefühl, eine überproduzierte Episode einer Fernsehserie gesehen zu haben. In irgendeinem Text, den ich unmittelbar nach dem Kinostart gelesen habe, fiel der Schreiber fast auf die Knie vor dem angeblichen erzählerischen Finessenreichtum, der Kunstfertigkeit, mit der alle zuvor angestoßenen Plotfäden hier zusammenlaufen. Ich glaube, für diese Form verblendeter Begeisterung bin ich zu alt: Das ist keineswegs genial, sondern genau wie in den zugrundeliegenden Heftchen (oder eben in einer Fernsehserie), nur dass man die in einer Viertelstunde durchgelesen hatte, nur einen Monat bis zur nächsten Ausgabe warten und dann nur ein paar Mark fuffzich dafür berappen musste, anstatt wie jetzt mit lauten Dröhnen der Marketingmaschine ein „Jahrhundertereignis“ vorgesetzt zu bekommen, dem dann ein ganzer Industriezweig seinen Merchandisingmüll hinterher kippt.

Ich finde es schade, dass ich nach mittlerweile zwei?, drei? Filmen immer noch nicht mehr über Hawkeye, Falcon oder Black Widow weiß, als dass sie Pfeile schießen, Flügel haben oder kämpfen können. Dass bei all der Zeit, die sie sich nehmen, entscheidende Handlungsmomente trotzdem noch lieblos hingeschludert oder schlicht hanebüchen wirken, Neuankömmlinge wie Black Panther oder Scarlet Witch (jaja, die war schon bei AVENGERS: AGE OF ULTRON dabei, aber wer will sich das alles merken), außer einem optischen Eindruck keinerlei Wirkung hinterlassen und das alles seltsam leer und leblos wirkt. Die Comics ließen auf wenigen Seiten und in statischen Panelen ganze lebendige Universen vor dem Auge entstehen, CIVIL WAR hingegen könnte auch in einem Gewerbegebiet gedreht worden sein, so aseptisch fühlt er sich an. Ich glaube, der Drang danach, die stilisierten, mal im- dann wieder expressionistischen Bilder der Comics in „realistische“ Filmbilder zu übersetzen, raubt den Figuren genau das, was ursprünglich mal ihre Kraft ausmachte und Menschen überhaupt dazu brachte, sie in ihre Herzen zu schließen: In den bunten Kästen gefangen wirkten Captain America, Iron Man und Konsorten wirlich überlebensgroß. In Fleisch und Blut sind sie Clowns mit überkandidelten Problemen.

 

So, da sind wir mal wieder, beim nächsten großen Marvel-Superheldenfilm, den ich mir eigentlich nicht mehr ansehen wollte, dann aber doch wieder weich geworden bin. Es sind das Gefühl, bei diesem einen Mal vielleicht doch etwas verpassen zu können, und die Neugier darauf, wie die nächsten filmischen Äquivalente zu den zweidimensionalen Vorlagen die Transition überstanden haben, die mich immer wieder zugreifen lässen. Wer ein Herz für die Superhelden-Comickultur hat, wird von Marvel auf diese Art und Weise mit jeder neuen Verfilmung eingefangen: mit einem Versprechen, zu dem die mindestens milde Enttäuschung fast schon dazugehört, um das Bedürfnis nach der nächsten Installation zu sichern. Die Masche funktioniert bislang noch, aber mit jedem Film, der folgt und sich dann doch wieder nur als Vorspiel auf das große, unüberbietbare Finale – oder auch nur auf den nächsten Verwertungszyklus – entpuppt, wächst auch die Gefahr, die Geduld überzustrapazieren oder Erwartungen zu schüren, die unmöglich zu erfüllen sind.

Auch über den zweiten AVENGERS-Film AGE OF ULTRON hätte ich schon vorab einen Text schreiben können, den ich dann nach der Sichtung kaum hätte modifizieren müssen. Man weiß ja mittlerweile, wie das läuft, was man erwarten kann und was man auch diesmal wieder nicht bekommen wird. Der zweite Teil hat mir eher gut gefallen, aber das liegt auch daran, dass ich deutlich Schlimmeres erwartet hatte. Neben den Jubelarien und ausufernden Diskussionen, die jeder neue Marvel-Film im Netz unweigerlich auslöst, kann man recht verlässlich auch Quasi-Verrisse von Leuten lesen, denen es ganz ähnlich geht wie mir. Da wird zu Recht bemängelt, dass eigentlich jeder Superhelden-Film nur noch der Teaser für die kommenden Projekte ist, dass vor lauter Charakteren, die da zusätzlich zu der Armada an eh schon existerenden eingeführt werden, kaum noch Zeit bleibt, tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, dass jegliche Vision, die möglicherweise einmal am Anfang stand, der radikalen Zielgruppenoptimierung zum Opfer gefallen ist. Das alles trifft auch auf AGE OF ULTRON zu. Regisseur Joss Whedon ließ sich nach der Fertigstellung wenig versöhnlich über die Erfahrungen mit Marvel zitieren, genervt über die Einmischung der Produzenten und die ständigen Kompromisse. Man sieht dem fertigen Film an, was drin gewesen wäre, aber nicht sein durfte, weil die nächsten 32 Subplots zu triggern waren, die dann bis ins Jahr 2022 vielleicht gelöst sein werden.

Die Thematisierung der Frage, wie weit man zur Sicherung des Friedens gehen darf, was ein solcher mit kriegerischer Gewalt gesicherter Frieden überhaupt wert ist, wann „gut“ endet und „böse“ beginnt, ist dabei eigentlich sehr interessant. Exemplifiziert wird sie zum einen durch die Geschichte Ultrons (James Spader), einer von Tony Stark (Robert Downey jr.) geschaffenen künstlichen Intelligenz, die der Kontrolle durch die Superhelden entweicht und zu dem nicht ganz abwegigen Schluss kommt, dass die Menschen Schuld am Zustand der Welt sind und demnach ausgelöscht gehören, zum anderen durch Bruce Banner (Mark Ruffalo), der als Hulk während eines Wutanfalls eine ganze Stadt verwüstet, auch seine Freunde fast umbringt, und daraufhin an seiner Eignung als Wohltäter zu zweifeln beginnt. Außerdem gibt es noch zahlreiche weitere Subplots und Exkurse, die Zeit beanspruchen und dem Film durch die daraus resultierende Oberflächlichkeit zwangsläufig den Charakter einer aufgeblähten Soap-Opera-Episode verleihen. Der Haupt-Erzählstrang um Ultron ist ein gutes Beispiel für die Probleme, die mangelndes editorisches Gespür verursacht: Innerhalb von zwei Szenen reift er von der Idee zur Realität, eine Szene später mutiert er bereits zum Superschurken mit Weltvernichtungsplan. Dass der vollanimierte Blechkasten überhaupt über etwas Charakter verfügt, ist einzig der Stimme von James Spader zu verdanken. Was Marvel erstaunlicherweise immer noch nicht gemerkt hat: Ein solcher Film steht und fällt mit einem vernünftigen Bösewicht. Bisher hatten es die Helden aber immer nur mit völlig austauschbaren Pappenheimern zu tun, auf deren Zugkraft noch nicht einmal die Macher selbst zu vertrauen scheinen. Wer glaubt, dass sich das mit Thanos ändern wird, hat mein aufrichtiges Mitleid.

Das Tempo, das AGE OF ULTRON geht, trägt natürlich dazu bei, dass man sich nicht langweilt, nie zu lang bei einer Sache aufhalten muss, immer die nächste effektlastige Actionszene um die Ecke lugen sieht. AVENGERS: AGE OF ULTRON ist mit „kurzweilig“ schon ganz gut beschrieben, lässt aber jede Nachhaltigkeit vermissen. Es gibt ein paar schöne Bilder, etwa während der einleitenden Actionsequenz, in der die Kamera atemlos über ein Schlachtfeld fährt und immer wieder bei einem anderen Avenger „hängenbleibt“, oder im Zweikampf zwischen dem „Hulkbuster“ und Hulk – wie überhaupt die Szenen mit dem grünen Wutklumpen bei mir für einen enormen Anstieg der Stimmungskurve sorgten (Vision (Paul Bettany) ist auch ein HIngucker), aber nichts, was einen wirklich packt und sich unauslöschlich einbrennt, wie Actionfilme das im Idealfall leisten. Nichts bekommt überhaupt die Zeit, irgendeine über den ersten Wow-Effekt hinausgehende Wirkung zu entfalten, weil atemlos sofort die nächste Story angerissen oder beendet werden muss. Es ist wirklich erstaunlich: Da wurde eine Viertelmilliarde Dollar (!) dafür ausgegeben, einen Film zu drehen, dessen herausragendste Eigenschaft ist, dass er sich binnen kürzester Zeit verflüchtigt wie ein leiser Pups.

Mit meinem MIssfallen für Brad Birds Vorgänger, MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL stehe ich, wie ich kürzlich festgestellt habe, ziemlich allein dar. Na gut, wenn man vollkommen spannungslos inszenierte Actionsequenzen und Soap-Opera-Humor auf der großen Leinwand mag, ist  der vierte Teil wahrscheinlich wirklich brillant. (Sorry, der musste sein.) Mir mundet McQuarries neuester Serien-Beitrag wesentlich besser, weil man zum ersten Mal seit J. J. Abrams drittem Teil wieder das Gefühl hat, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. Schüsse und Fausthiebe krachen überaus schmerzhaft und Superagent Ethan Hunt (Tom Cruise) riskiert mal wieder mehr als nur den perfekten Sitz seiner Frisur. Zu behaupten, ROGUE NATION sei „realistisch“, setzte zwar ein reichlich naives Realitätsverständnis voraus, auch dieser Film bewegt sich in einem Comic-Paralleluniversum, in dem man sich mit bloßen Händen an startende Flugzeuge hängt oder bei 250 Sachen vom Motorrad abspringt, ohne sich einen Kratzer zu holen, aber insgesamt ist die Inszenierung wieder deutlich körperlicher. Sean Harris gibt als Solomon Lane, abtrünniger Kopf einer Terrororganisation, die die Weltordnung stürzen will, einen wunderbar bedrohlichen Schurken, ohne dabei auf Augenrollen und Zähnefletschen zurückgreifen zu müssen. die Schwedin Rebecca Ferguson ein sinnliches Love Interest Ilsa Faust, das sein Mysterium bis zum Ende bewahren darf. Gut, ich wäre auch diesmal wieder gut ohne den erneut eine Nummer zu breiten Humor ausgekommen, aber das mag auch an den EInfaltspinseln in der Reihe hinter uns gelegen haben, die jeden noch so zarten Witz mit schallendem Gelächter kurz vor dem Zwerchfellriss quittiert haben. Wenn man schon ins Kino geht, dann muss eben der maximale Spaß aus dem „Event“ gezogen werden, auch wenn es einen reichlich verzweifelt aussehen lässt.

Diese neuen Ambitionen in Richtung Vollbedienungs-Entertainment – die ersten drei MISSION: IMPOSSIBLE-Filme waren ja eher ernste Angelegenheiten – passen natürlich zu den Action-Set-Pieces, die schon in De Palmas erstem Teil zur Science Fiction tendierten, stehen aber m. E. im Widerspruch zu den in McQuarries Film wieder stärker zu vernehmenden Politthriller-Tendenzen. Nicht, dass McQuarrie an jenem unterkühlten Stil gelegen wäre, der besonders in den Siebzigern typisch war, aber jenseits der fantasievoll-spinnerten Heist-Szene – seit dem ersten Teil ein Muss – beharken sich die verfeindeten Parteien vor allem über jene Psychospielchen und Täuschungsmanöver, die seit jeher die Spezialwaffe des Geheimagenten sind. So drosselt der Regisseur das Tempo im letzten Drittel merklich, nachdem ROGUE NATION zuvor der viel zitierten Achterbahnfahrt glich. Vielleicht das größte Manko des Films: Er weiß am Schluss keinen mehr oben drauf zu setzen und der eigentliche Höhepunkt – die direkte Auseinandersetzung mit dem Schurken – mutet antiklimaktisch an. Andererseits würde ich das eher als schöpferische Eigenheit, denn als Manko verbuchen wollen. McQuarries größte Leistung ist es wahrscheinlich, ein Franchise-Movie gedreht zu haben, das den „Auteur“ dahinter noch erkennen lässt, nicht zur anonymen, am Marketing-Reißbrett entstandenen Massenware verkommt. Man mag von Tom Cruise halten, was man will: Als Produzent scheint er ein überaus fähiger, integrer Mann zu sein und seine Actionfilme – siehe auch den von McQuarrie gescripteten EDGE OF TOMORROW – bringen frischen Wind ins Hollywood- und Marvel-Einerlei.

Lustige Frisuren vom Minipli über den quer über die Glatze gekämmten Klebescheitel und das exzentrische Minizöpfchen bis hin zur kunstvoll hochgetürmten Lockenmähne; dazu geschmacklose Designeranzüge, dunkel getönte Sonnenbrillen, tief ausgeschnittene Kleider, Absatzschuhe für beide Geschlechter und sich in der wie eine Auszeichnung zur Schaue getragenen Brustbehaarung verfangende Goldamulette; krampfhaft auf mondän getrimmte Wohnungseinrichtungen wie aus dem Handbuch der Pornofilm-Requisite; ein Soundtrack mit Discohits, Glam- und Seventiesrock und dazu Schauspieler, die mit Verve an die Grenze ihrer etablierten Persona gehen – Bale als verfetteter, kahlköpfiger eitler Geck, Cooper als zähnebleckender Koksegomane, Adams als innerlich zerrüttete Männerfängerin und Lawrence als zurückgelassenes und gelangweiltes Hausmütterchen. Auf den ersten Blick ist AMERICAN HUSTLE ganz Vordergrund und Oberfläche, ein die Stichworte von Klassikern wie GOODFELLAS, CASINO oder BOOGIE NIGHTS aufgreifendes Stück Ausstattungskino, das sich über die porträtierte Epoche (und ihre Repräsentanten) ebenso sehr lustig macht wie es leise Nostalgie im Betrachter heraufbeschwört. Aber es steckt mehr dahinter, wenngleich Russell auf die überdeulichen Signifikanten von Gesellschaftskritik und Hochkultur sowie auf Subtext unmissverständlich signalisierendes Zwinkern weitestgehend verzichtet. Sein Film darf im Herzen Komödie bleiben, seine Figuren bewahren ihre Würde auch im Moment des Sündenfalls, anstatt lediglich eine Funktion zur erfüllen, der Film isngesamt die Leichtigkeit, die ihn vom „wichtigen“, aber letztlich abfälligen filmischen Statement wohltuend abhebt.

AMERICAN HUSTLE basiert lose auf der ABSCAM-Operation, mit der die New Yorker Abteilung des FBI Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre erst dubiose Kunstfälscher, dann schließlich korrupte Politiker auf frischer Tat erwischen wollte. Trotz des Erfolges – insgesamt wurden etwa zehn Politiker aus Kongress und Repräsentantenhaus überführt – stießen die angewendeten Methoden auf Kritik: Als Lockvogel und Berater akquirierten die Staatsdiener einen Betrüger für ein Amnestie-Versprechen und machten immense Geldbeträge locker, um die Zielpersonen, gegen die das FBI bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts in der Hand hatte, in die Falle zu locken. Mit Verbrechensbekämpfung im herkömmlichen Sinn hatte die ganze Unternehmung wohl nur noch am Rande zu tun. Russell interessiert sich aber gar nicht so besonders für eine historisch akkurate Protokollierung des Skandals, vielmehr dient sie ihm als Grundlage für eine humanistische Auseinandersetzung mit menschlichem Erfolgs- und Machtstreben, Identitäts- und Idealverlust. Alle seine Figuren sind es so sehr gewöhnt, Rollen zu spielen, dass sie irgendwann ihre wahre Identität aus dem Auge verlieren. Alle rennen sie von kurzfristigem Ruhm und Reichtum benebelt einem Ziel hinterher, dessen Bedeutung für ihr persönliches Glück längst nicht gesichert ist. Alle sind sie in beengenden, zweckgerichteten Beziehungen gefangen, die sie geradezu krank machen, ohne jedoch aus ihnen befreien zu können. Es sind Neurotiker und Fehlgeleitete, ganz sicher, aber ihre Beweggründe bleiben menschlich und nachvollziehbar. Sydney Prosser (Amy Adams), bei der man bis kurz vor Schluss nicht genau weiß, ob sie gerissene Fadenzieherin oder doch hilfloses Opfer ist, kann ihre persönliche Krise auf eine einfache Formel bringen, deren selbstanalytische Klarheit absolut erschütternd ist: „“My dream is to become anyone else than who I was”. Die Menschen in AMERICAN HUSTLE sind so sehr von den Erfolgsversprechen des Amerikanischen Traums infiltriert, dass sie sich selbst darüber längst vergessen haben. Es geht ihnen um Erfolg um des Erfolgs willen.

Ausgerechnet der Trickbetrüger Irving Rosenfeld (Christian Bale) und der korrupte Bürgermeister Carmine Polito (Jeremy Renner) reifen zum moralischen Zentrum des Films: Ersterer bemerkt früh, dass ihn der mephistophelische Deal mit dem überambitionierten FBI-Mann Richie DeMaso (Bradley Cooper) viel tiefer in die Scheiße reitet, als all die krummen Dinger, von deren Schuld er sich mit seiner Kooperation befreien soll, und Polito hat als einer der Wenigen in AMERICAN HUSTLE nicht nur sein eigenes Wohl im Kopf – auch wenn er die Regeln natürlich übertritt. Sein Fall ist doppelt tragisch: Nicht nur, weil Russell und Renner in nur wenigen Sekunden glaubhaft andeuten, dass hier ein Familienglück schmerzhaft zerschellt, sondern auch weil es Rosenfeld nicht gelungen ist, den einzigen Menschen, der ihn nicht von vorn bis hinten manipuliert hat, zu retten. Alle anderen ringen mit sich selbst und nicht allen gelingt es, ihre inneren Konflikte zu lösen. Gewinner gibt es am Ende nicht, nur mehr oder weniger Gezeichnete. Es mag angesichts dieser Beschreibung verwundern, aber AMERICAN HUSTLE hat mich mit seiner Leichtigkeit überrascht – und vielleicht etwas auf dem falschen Fuß erwischt. Es ist aller ausgefeilten Ausstattung zum Trotz ein Ensemblefilm und kommt als solcher vor allem dank seiner begnadeten schauspielerischen Leistungen und genauer Beobachtungen auf den Punkt, mehr als durch grandiose formale Würfe. Was unter weniger sensibler Führung leicht zur zynischen Freakshow verkommen wäre, bleibt hier in Menschlichkeit geerdet. Herausstechend waren für mich Amy Adams, deren abgezocktes material girl unerwartete Abgründe offenbart und unsere uneingeschränkte Empathie auf sich zieht, genauso wie die als „verwöhnte Schlampe“ nur höchst unzureichend charakterisierte Rosalyn von Jennifer Lawrence. Jeremy Renner beeindruckt mit einer Nahbarkeit und Verletzlichkeit, die ich ihm nicht zugetraut habe, und Louis C. K. brilliert in einer Nebenrolle, die keinesfalls bloße Sideshow ist, sondern das Wesen des Films in einer parabelartigen Episode destilliert.

 

Die mittlerweile vierteilige MISSION: IMPOSSIBLE-Reihe ist eine merkwürdige Ausnahmeerscheinung unter den vielen Film-Franchises, die Hollywood in den vergangenen 30 Jahren etabliert hat. Beinahe unbemerkt, so wie ihre Protagonisten, hat sie sich zu einer Konstante entwickelt: Ca. alle fünf Jahre kann man mit einem neuen Abenteuer um den Superagenten Ethan Hunt (Tom Cruise) und seine wechselnden Partner rechnen und doch ist man immer wieder überrascht, wenn es soweit ist. Jeder Beitrag ist für sich genommen erfolgreich gewesen, obwohl doch niemand jemals wirklich auf einen neuen MISSION: IMPOSSIBLE-Film gewartet hätte.  Andere Filmserien haben eine treue Fangemeinde, die den Diskurs über das Objekt ihrer Begeisterung auch zwischen den Filmen weiterträgt, ihre Darsteller und die Charaktere, die sie verkörpern, werden zu Kultfiguren, denen man huldigt und die ein Eigenleben entwickeln. Und diese Serien folgen einer Idee, sind in einer konkret entwickelten Welt angesiedelt, die über zahlreiche Beiträge hinweg identitätsstiftend wirken. Über die Jahre hinweg mögen sich diese Idee und die Art, wie sie umgesetzt wird, verändern, so wie sich Menschen über die Jahre verändern, aber der Kern, ihr Wesen bleiben in der Regel unangetatstet. Wesentliche Eingriffe in die DNA eines solchen Franchises machen einen auch nach außen als solchen artikulierten Neustart, neudeutsch: Reboot, notwendig. Wenn ich das richtig sehe, trifft nichts davon auf  die MISSION: IMPOSSIBLE-Filme zu.

Als 1996 Brian De Palmas MISSION: IMPOSSIBLE erschien, da war noch nicht abzusehen, dass sich Hollywood in den folgenden Jahren und Jahrzehnten immer mehr in eine Wiederverwertungsmaschine verwandeln sollte. Die Verfilmung und Wiederbelebung einer langlebigen Agentenserie aus den Sechziger- und Siebzigerjahren war noch eine vergleichsweise originelle Idee, die Serie vielen älteren Zuschauern noch im Gedächtnis, die Erkennungsmelodie wurde in der Neuvertonung von Danny Elfman auf Anhieb ein neuer Evergreen. Brian De Palma konnte sich zwar nicht ganz von einem auf spektakuläre Set Pieces fokussierenden Drehbuch emanzipieren, warf aber einen wohl auch altersbedingten Traditionalismus in die Wagschale, mit dem er die Verbindung zum unterkühlten, von der Paranoia des Kalten Kriegs geprägten Agententhriller weitestgehend aufrechterhielt. MISSION: IMPOSSIBLE nimmt in seinem Werk als Auftragsarbeit verständlicherweise keine besonders hervorgehobene Rolle ein, wird m. E. aber dennoch unterschätzt. Und mit der Heist-Sequenz lieferte er mit dem an Seilen hängenden Hunt ein mittlerweile ikonisch gewordenes Bild, das die spätere Schlagrichtung der Filme mehr beeinflusste als jeder erzählerische Einfall. John Woos schlicht MISSION:IMPOSSIBLE 2 (oder, noch kürzer, M:I-2) benanntes Sequel von 2000 ist gewissermaßen der „schwere Ausnahmefehler“, das Äquivalent zu Jack Sholders NIGHTMARE ON ELM STREET PART 2. Er könnte kaum weiter von De Palmas Film und seinen Nachfolgern entfernt sein und ist wahrscheinlich der am wenigsten gut gealterte Beitrag der Reihe. Woos damals schon nicht mehr ganz aktuellen Manierismen muten heute, wo er längst die Rückkehr in seine Heimat angetreten hat, wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit an. Trotzdem ist sein Film zumindest konzeptionell interessant, greift er doch das Chamäleonhafte, die sich im Tragen zahlreicher Masken äußernde Gesichtslosigkeit Hunts auf und stilisiert ihn zum Übermenschen, der zu Beginn als Freeclimber in Jesus-Christ-Pose an einem gewaltigen Felsmassiv in der Wüste hängt. Eine krasse Abkehr von der technokratischen Intelligenzbestie des Vorgängers. Doch auch wenn MISSION: IMPOSSIBLE 2 der am radikalsten stilisierte Film der Reihe ist und bildlich am weitesten aus ihr herausfällt, so greift er dennoch ein dekonstruktives Element auf, das schon in De Palmas Film angelegt war: Ethan Hunt, von Superstar Tom Cruise nicht gespielt, sondern verkörpert, ist kein Charakter, kein Mensch im eigentlichen Sinne, sondern eine „Cipher“, eine vollkommen leere Projektionsfläche, die sich nahezu beliebig aufladen lässt. Wahrscheinlich ist das die Grundlage, auf der die Serie eine nun fast zwei Dekaden andauernde Existenz aufbauen konnte, ohne dabei jemals eine echte Identität zu entwickeln. J. J. Abrams MISSION: IMPOSSIBLE III, für sich genommen vielleicht der beste Eintrag der Serie (an den ich mich aber leider kaum noch erinnern kann), bedeutete nach Woos Formexzess und einer sechsjährigen Pause einen Neustart, der beinahe naturalistisch ausfiel. Wieder an die Agententhriller-Tradition, der die Reihe entstammt, anknüpfend, bietet er  geradlinige Action, die durch ihr Timing und zudem eine schlicht perfekt komponierte Struktur besticht. Thematisch und stimmungsmäßig etwas an die damals populären Filme um den Agenten Jason Bourne erinnernd, verwirft Abrams deren Intensified-Coninuity-Auswüchse zugunsten einer saubereren Inszenierung der Actionszenen. Es verwundert etwas, dass der Film keinen größeren Nachhall fand, gehört er doch mit Leichtigkeit zu den besten Vertretern des großbudgetierten Actionfilms der vergangenen 10, 15 Jahre.

Der Schachzug, Ethan Hunt wieder mehr menschliches Profil zu verleihen und ihn zum Mittelpunkt eines realistischeren Szenarios zu stellen, war der richtige Einfall, der jedoch in Brad Birds MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL gleich wieder revidiert wird. Die Ecken und Kanten des Vorgängers werden abgeschliffen, das Augenmerk verstärkt auf spektakuläre Set Pieces gelegt, der Versuch, eine Geschichte um menschliche Protagonisten zu erzählen, weicht einer Aneinanderreihung von Episödchen, die von 4 auf den ersten Blick typifizierbaren menschlichen Folien zusammengehalten werden. Statt eines versierten Actionregisseurs (oder, im Fall Abrams‘, eines cleveren Erzählers) inszeniert der ehemalige Pixar-Mann Brad Bird den Film mit Fokus auf die Bilder. So gibt es die Explosion des Kremls zu bestaunen, die ungesicherte Kletterei am Burj Khalifa, dem mit 828 Metern höchsten Gebäude der Welt (ein Stunt, der die erwartbaren und wahrscheinlich einkalkulierten Pressereaktionen nach sich zog), sowie die Verfolgungsjagd durch einen Sandsturm. Starke Bilder, die jedoch die Aktionen der Figuren überlagern: Es gelingt Bird nur selten, echte Dynamik zu erzeugen. Die Wirkung der Burj-Khalifa-Sequenz verpufft auf dem heimischen Fernseher weitestgehend (selbst wenn dieser eine stattliche Größe hat) und entfaltet wohl nur auf der IMAX-Leinwand, für die der Film gedreht wurde, seine volle Kraft. Das größte Manko von GHOST PROTOCOL ist aber seine Leere: Bird bemüht sich um Menschlichkeit, erkennbar vor allem an dem innerhalb der Serie eher ungewöhnlichen, prominent eingesetzten Humor und einem dramatischen Subplot um die vermeintliche Tötung von Hunts Ehefrau, scheitert mit diesen Bemühungen aber an der auf Schauwerte ausgerichteten Oberfläche seines Films. Und an Tom Cruise: Er ist der Inbegriff des nichts dem Zufall überlassenden, peinlichst genau auf sein Image achtenden Superstars, ein Mensch, dessen wahres Wesen hinter einer Vielzahl von Projektionen verschwindet und der deshalb stets unnahbar bleibt, selbst wenn er bei Oprah Winfrey den Mann spielt, der sich das innere Kind bewahrt hat. Für Ethan Hunt, den Agenten ohne Gesicht und ohne Privatleben, ist er gewissermaßen die Idealbesetzung, aber wenn er mit Schauspielern wie Simon Pegg oder Jeremy Renner interagiert, die in einem völlig anderen Universum beheimatet zu sein scheinen, dann wirkt er wie ein Außerirdischer. Das ist Bird nicht ganz verschlossen geblieben, weshalb Hunt dann auch den mythischen Abgang in einer Dampfwolke erhält, während die anderen ganz sterblich „Tschüss!“ sagen, aber der Film leugnet diese Tatsache geflissentlich und tut doch so, als sei Hunt ein Mensch mit einer Geschichte und einem Privatleben. Was bei Abrams noch geklappt hat, das geht hier in die Hose, wohl auch, weil sich das Drehbuch für diese Versuche gar keine Zeit lässt. Der Aufwand, der da in den Action- und Effektszenen betrieben wird, steht in keinem Verhältnis zu den sich auf Soap-Opera-Niveau bewegenden Dialogen, die kaum mehr als Füllmaterial sind, Pausen, damit sich die Zuschauer einen neue Cola holen und aufs Klo gehen können. Brad Birds MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL ist wahrscheinlich nicht der schlechteste Film der Reihe (ich müsste Woos Beitrag erst noch einmal sehen), aber sicherlich der profilloseste und uninteressanteste. Es steht zu befürchten, dass Produzent Tom Cruise die Serie mittlerweile als reines Showcase für sein Ego gekapert hat (Teil 5 steht in den Startlöchern). Das wäre schade, denn die Serie bietet doch gerade aufgrund ihrer Offenheit viel Potenzial für Experimente, seltsame Querschläger und gewagte Sidesteps. Aber selbst ein Film wie Woos erstes Sequel scheint mittlerweile nahezu unmöglich …