Mit ‘Jeremy Renner’ getaggte Beiträge

captain_america_civil_war_ver18_xlgDie beiden Filme um den „first avenger“ namens Captain America sind wahrscheinlich das beste, was unter dem Marvel-Logo bislang über die Leinwand geflimmert ist. Gerade der vorangegangene Teil wurde geradezu euphorisch aufgenommen und etablierte das inszenierende Bruderpaar der Russos sofort als neue Hoffnung am Franchise-Himmel. Wenn man sich den Drive anschaut, mit dem sie die Actionsequenz realisiert haben, mit der CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR beginnt, ist man geneigt, in die Jubelarien miteinzustimmen. Das Tempo ist hoch, der Schnitt frenetisch, ohne dabei die Übersichtlichkeit zu zerstören, und darüber hinaus ziemlich zupackend und brachial – durchaus überraschend für eine doch eher kindgerechte Comicverfilmung, deren Vielzahl an CGI einer echten, spürbaren Physis oft eher im Weg steht. Aber tonal hatte sich ja schon der Vorgänger vom bunten Firlefanz der anderen Filme des MCU abgehoben und die Brücke geschlagen zum Politthriller der Siebzigerjahre. Man mag es den Russos nicht verdenken, wenn sie die Erfolgswelle so lange reiten wie es geht und sich mit weiteren Comicverfilmungen gesund stoßen, aber insgeheim frage ich mich schon, zu was die beiden wirklich im Stande wären. „Wirklich“, das meint in diesem Fall: nicht in ein enges Konzept gepfercht, das wenig Freiheiten erlaubt, dafür aber vorsieht, dass innerhalb von knapp zwei Stunden ca. ein Dutzend handelnder Hauptfiguren eingeführt, ca. 28 offen herumliegende Handlungsfäden aufgenommen und nebenbei die nächsten zehn Filme angeteasert werden müssen.

Ich gebe, wie schon bei X-MEN: APOCALYPSE, gern zu, dass ich CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR deutlich besser fand als die letzten Marvel-Filme: Die Geschichte um den Riss, der durch die Superhelden-Mannschaft geht und sie plötzlich zu Feinden macht, ist um Längen interessanter als der Kampf um irgendwelche Steine mit unklaren Eigenschaften. Die Actionszenen sind, wie erwähnt, griffig inszeniert, die große Schlacht der Protagonisten gegeneinander stellt eine gelungene Übersetzung der Comic-Panels in Filmbilder dar, ebenso wie Spider-Mans unentwegte Sprücheklopferei hier sehr schön adaptiert wird. Und langweilig, wie so mancher Kollege, fand ich den Film auch nicht. Trotzdem muss ich nach 24 Stunden des Sackenlassens irgendwie konstatieren, dass CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR so gut wie gar keine Spuren bei mir hinterlassen hat. Er ist einfach so vorbeigerauscht. Ich weiß, oft genug lobe ich Filme für solche „Flüchtigkeit“ und Trivialität. Aber der hier will ja nicht flüchtig und trivial sein, sondern ist in jeder Sekunde mit dem Wissen um die Schlüsselfunktion produziert worden, die er im Übergang des MCU in die nächste Phase innehat. Satte 250 Millionen hat das Ding gekostet, das muss man sich mal vorstellen. Und dann hat man am Ende das Gefühl, eine überproduzierte Episode einer Fernsehserie gesehen zu haben. In irgendeinem Text, den ich unmittelbar nach dem Kinostart gelesen habe, fiel der Schreiber fast auf die Knie vor dem angeblichen erzählerischen Finessenreichtum, der Kunstfertigkeit, mit der alle zuvor angestoßenen Plotfäden hier zusammenlaufen. Ich glaube, für diese Form verblendeter Begeisterung bin ich zu alt: Das ist keineswegs genial, sondern genau wie in den zugrundeliegenden Heftchen (oder eben in einer Fernsehserie), nur dass man die in einer Viertelstunde durchgelesen hatte, nur einen Monat bis zur nächsten Ausgabe warten und dann nur ein paar Mark fuffzich dafür berappen musste, anstatt wie jetzt mit lauten Dröhnen der Marketingmaschine ein „Jahrhundertereignis“ vorgesetzt zu bekommen, dem dann ein ganzer Industriezweig seinen Merchandisingmüll hinterher kippt.

Ich finde es schade, dass ich nach mittlerweile zwei?, drei? Filmen immer noch nicht mehr über Hawkeye, Falcon oder Black Widow weiß, als dass sie Pfeile schießen, Flügel haben oder kämpfen können. Dass bei all der Zeit, die sie sich nehmen, entscheidende Handlungsmomente trotzdem noch lieblos hingeschludert oder schlicht hanebüchen wirken, Neuankömmlinge wie Black Panther oder Scarlet Witch (jaja, die war schon bei AVENGERS: AGE OF ULTRON dabei, aber wer will sich das alles merken), außer einem optischen Eindruck keinerlei Wirkung hinterlassen und das alles seltsam leer und leblos wirkt. Die Comics ließen auf wenigen Seiten und in statischen Panelen ganze lebendige Universen vor dem Auge entstehen, CIVIL WAR hingegen könnte auch in einem Gewerbegebiet gedreht worden sein, so aseptisch fühlt er sich an. Ich glaube, der Drang danach, die stilisierten, mal im- dann wieder expressionistischen Bilder der Comics in „realistische“ Filmbilder zu übersetzen, raubt den Figuren genau das, was ursprünglich mal ihre Kraft ausmachte und Menschen überhaupt dazu brachte, sie in ihre Herzen zu schließen: In den bunten Kästen gefangen wirkten Captain America, Iron Man und Konsorten wirlich überlebensgroß. In Fleisch und Blut sind sie Clowns mit überkandidelten Problemen.

 

So, da sind wir mal wieder, beim nächsten großen Marvel-Superheldenfilm, den ich mir eigentlich nicht mehr ansehen wollte, dann aber doch wieder weich geworden bin. Es sind das Gefühl, bei diesem einen Mal vielleicht doch etwas verpassen zu können, und die Neugier darauf, wie die nächsten filmischen Äquivalente zu den zweidimensionalen Vorlagen die Transition überstanden haben, die mich immer wieder zugreifen lässen. Wer ein Herz für die Superhelden-Comickultur hat, wird von Marvel auf diese Art und Weise mit jeder neuen Verfilmung eingefangen: mit einem Versprechen, zu dem die mindestens milde Enttäuschung fast schon dazugehört, um das Bedürfnis nach der nächsten Installation zu sichern. Die Masche funktioniert bislang noch, aber mit jedem Film, der folgt und sich dann doch wieder nur als Vorspiel auf das große, unüberbietbare Finale – oder auch nur auf den nächsten Verwertungszyklus – entpuppt, wächst auch die Gefahr, die Geduld überzustrapazieren oder Erwartungen zu schüren, die unmöglich zu erfüllen sind.

Auch über den zweiten AVENGERS-Film AGE OF ULTRON hätte ich schon vorab einen Text schreiben können, den ich dann nach der Sichtung kaum hätte modifizieren müssen. Man weiß ja mittlerweile, wie das läuft, was man erwarten kann und was man auch diesmal wieder nicht bekommen wird. Der zweite Teil hat mir eher gut gefallen, aber das liegt auch daran, dass ich deutlich Schlimmeres erwartet hatte. Neben den Jubelarien und ausufernden Diskussionen, die jeder neue Marvel-Film im Netz unweigerlich auslöst, kann man recht verlässlich auch Quasi-Verrisse von Leuten lesen, denen es ganz ähnlich geht wie mir. Da wird zu Recht bemängelt, dass eigentlich jeder Superhelden-Film nur noch der Teaser für die kommenden Projekte ist, dass vor lauter Charakteren, die da zusätzlich zu der Armada an eh schon existerenden eingeführt werden, kaum noch Zeit bleibt, tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, dass jegliche Vision, die möglicherweise einmal am Anfang stand, der radikalen Zielgruppenoptimierung zum Opfer gefallen ist. Das alles trifft auch auf AGE OF ULTRON zu. Regisseur Joss Whedon ließ sich nach der Fertigstellung wenig versöhnlich über die Erfahrungen mit Marvel zitieren, genervt über die Einmischung der Produzenten und die ständigen Kompromisse. Man sieht dem fertigen Film an, was drin gewesen wäre, aber nicht sein durfte, weil die nächsten 32 Subplots zu triggern waren, die dann bis ins Jahr 2022 vielleicht gelöst sein werden.

Die Thematisierung der Frage, wie weit man zur Sicherung des Friedens gehen darf, was ein solcher mit kriegerischer Gewalt gesicherter Frieden überhaupt wert ist, wann „gut“ endet und „böse“ beginnt, ist dabei eigentlich sehr interessant. Exemplifiziert wird sie zum einen durch die Geschichte Ultrons (James Spader), einer von Tony Stark (Robert Downey jr.) geschaffenen künstlichen Intelligenz, die der Kontrolle durch die Superhelden entweicht und zu dem nicht ganz abwegigen Schluss kommt, dass die Menschen Schuld am Zustand der Welt sind und demnach ausgelöscht gehören, zum anderen durch Bruce Banner (Mark Ruffalo), der als Hulk während eines Wutanfalls eine ganze Stadt verwüstet, auch seine Freunde fast umbringt, und daraufhin an seiner Eignung als Wohltäter zu zweifeln beginnt. Außerdem gibt es noch zahlreiche weitere Subplots und Exkurse, die Zeit beanspruchen und dem Film durch die daraus resultierende Oberflächlichkeit zwangsläufig den Charakter einer aufgeblähten Soap-Opera-Episode verleihen. Der Haupt-Erzählstrang um Ultron ist ein gutes Beispiel für die Probleme, die mangelndes editorisches Gespür verursacht: Innerhalb von zwei Szenen reift er von der Idee zur Realität, eine Szene später mutiert er bereits zum Superschurken mit Weltvernichtungsplan. Dass der vollanimierte Blechkasten überhaupt über etwas Charakter verfügt, ist einzig der Stimme von James Spader zu verdanken. Was Marvel erstaunlicherweise immer noch nicht gemerkt hat: Ein solcher Film steht und fällt mit einem vernünftigen Bösewicht. Bisher hatten es die Helden aber immer nur mit völlig austauschbaren Pappenheimern zu tun, auf deren Zugkraft noch nicht einmal die Macher selbst zu vertrauen scheinen. Wer glaubt, dass sich das mit Thanos ändern wird, hat mein aufrichtiges Mitleid.

Das Tempo, das AGE OF ULTRON geht, trägt natürlich dazu bei, dass man sich nicht langweilt, nie zu lang bei einer Sache aufhalten muss, immer die nächste effektlastige Actionszene um die Ecke lugen sieht. AVENGERS: AGE OF ULTRON ist mit „kurzweilig“ schon ganz gut beschrieben, lässt aber jede Nachhaltigkeit vermissen. Es gibt ein paar schöne Bilder, etwa während der einleitenden Actionsequenz, in der die Kamera atemlos über ein Schlachtfeld fährt und immer wieder bei einem anderen Avenger „hängenbleibt“, oder im Zweikampf zwischen dem „Hulkbuster“ und Hulk – wie überhaupt die Szenen mit dem grünen Wutklumpen bei mir für einen enormen Anstieg der Stimmungskurve sorgten (Vision (Paul Bettany) ist auch ein HIngucker), aber nichts, was einen wirklich packt und sich unauslöschlich einbrennt, wie Actionfilme das im Idealfall leisten. Nichts bekommt überhaupt die Zeit, irgendeine über den ersten Wow-Effekt hinausgehende Wirkung zu entfalten, weil atemlos sofort die nächste Story angerissen oder beendet werden muss. Es ist wirklich erstaunlich: Da wurde eine Viertelmilliarde Dollar (!) dafür ausgegeben, einen Film zu drehen, dessen herausragendste Eigenschaft ist, dass er sich binnen kürzester Zeit verflüchtigt wie ein leiser Pups.

Mit meinem MIssfallen für Brad Birds Vorgänger, MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL stehe ich, wie ich kürzlich festgestellt habe, ziemlich allein dar. Na gut, wenn man vollkommen spannungslos inszenierte Actionsequenzen und Soap-Opera-Humor auf der großen Leinwand mag, ist  der vierte Teil wahrscheinlich wirklich brillant. (Sorry, der musste sein.) Mir mundet McQuarries neuester Serien-Beitrag wesentlich besser, weil man zum ersten Mal seit J. J. Abrams drittem Teil wieder das Gefühl hat, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. Schüsse und Fausthiebe krachen überaus schmerzhaft und Superagent Ethan Hunt (Tom Cruise) riskiert mal wieder mehr als nur den perfekten Sitz seiner Frisur. Zu behaupten, ROGUE NATION sei „realistisch“, setzte zwar ein reichlich naives Realitätsverständnis voraus, auch dieser Film bewegt sich in einem Comic-Paralleluniversum, in dem man sich mit bloßen Händen an startende Flugzeuge hängt oder bei 250 Sachen vom Motorrad abspringt, ohne sich einen Kratzer zu holen, aber insgesamt ist die Inszenierung wieder deutlich körperlicher. Sean Harris gibt als Solomon Lane, abtrünniger Kopf einer Terrororganisation, die die Weltordnung stürzen will, einen wunderbar bedrohlichen Schurken, ohne dabei auf Augenrollen und Zähnefletschen zurückgreifen zu müssen. die Schwedin Rebecca Ferguson ein sinnliches Love Interest Ilsa Faust, das sein Mysterium bis zum Ende bewahren darf. Gut, ich wäre auch diesmal wieder gut ohne den erneut eine Nummer zu breiten Humor ausgekommen, aber das mag auch an den EInfaltspinseln in der Reihe hinter uns gelegen haben, die jeden noch so zarten Witz mit schallendem Gelächter kurz vor dem Zwerchfellriss quittiert haben. Wenn man schon ins Kino geht, dann muss eben der maximale Spaß aus dem „Event“ gezogen werden, auch wenn es einen reichlich verzweifelt aussehen lässt.

Diese neuen Ambitionen in Richtung Vollbedienungs-Entertainment – die ersten drei MISSION: IMPOSSIBLE-Filme waren ja eher ernste Angelegenheiten – passen natürlich zu den Action-Set-Pieces, die schon in De Palmas erstem Teil zur Science Fiction tendierten, stehen aber m. E. im Widerspruch zu den in McQuarries Film wieder stärker zu vernehmenden Politthriller-Tendenzen. Nicht, dass McQuarrie an jenem unterkühlten Stil gelegen wäre, der besonders in den Siebzigern typisch war, aber jenseits der fantasievoll-spinnerten Heist-Szene – seit dem ersten Teil ein Muss – beharken sich die verfeindeten Parteien vor allem über jene Psychospielchen und Täuschungsmanöver, die seit jeher die Spezialwaffe des Geheimagenten sind. So drosselt der Regisseur das Tempo im letzten Drittel merklich, nachdem ROGUE NATION zuvor der viel zitierten Achterbahnfahrt glich. Vielleicht das größte Manko des Films: Er weiß am Schluss keinen mehr oben drauf zu setzen und der eigentliche Höhepunkt – die direkte Auseinandersetzung mit dem Schurken – mutet antiklimaktisch an. Andererseits würde ich das eher als schöpferische Eigenheit, denn als Manko verbuchen wollen. McQuarries größte Leistung ist es wahrscheinlich, ein Franchise-Movie gedreht zu haben, das den „Auteur“ dahinter noch erkennen lässt, nicht zur anonymen, am Marketing-Reißbrett entstandenen Massenware verkommt. Man mag von Tom Cruise halten, was man will: Als Produzent scheint er ein überaus fähiger, integrer Mann zu sein und seine Actionfilme – siehe auch den von McQuarrie gescripteten EDGE OF TOMORROW – bringen frischen Wind ins Hollywood- und Marvel-Einerlei.

Lustige Frisuren vom Minipli über den quer über die Glatze gekämmten Klebescheitel und das exzentrische Minizöpfchen bis hin zur kunstvoll hochgetürmten Lockenmähne; dazu geschmacklose Designeranzüge, dunkel getönte Sonnenbrillen, tief ausgeschnittene Kleider, Absatzschuhe für beide Geschlechter und sich in der wie eine Auszeichnung zur Schaue getragenen Brustbehaarung verfangende Goldamulette; krampfhaft auf mondän getrimmte Wohnungseinrichtungen wie aus dem Handbuch der Pornofilm-Requisite; ein Soundtrack mit Discohits, Glam- und Seventiesrock und dazu Schauspieler, die mit Verve an die Grenze ihrer etablierten Persona gehen – Bale als verfetteter, kahlköpfiger eitler Geck, Cooper als zähnebleckender Koksegomane, Adams als innerlich zerrüttete Männerfängerin und Lawrence als zurückgelassenes und gelangweiltes Hausmütterchen. Auf den ersten Blick ist AMERICAN HUSTLE ganz Vordergrund und Oberfläche, ein die Stichworte von Klassikern wie GOODFELLAS, CASINO oder BOOGIE NIGHTS aufgreifendes Stück Ausstattungskino, das sich über die porträtierte Epoche (und ihre Repräsentanten) ebenso sehr lustig macht wie es leise Nostalgie im Betrachter heraufbeschwört. Aber es steckt mehr dahinter, wenngleich Russell auf die überdeulichen Signifikanten von Gesellschaftskritik und Hochkultur sowie auf Subtext unmissverständlich signalisierendes Zwinkern weitestgehend verzichtet. Sein Film darf im Herzen Komödie bleiben, seine Figuren bewahren ihre Würde auch im Moment des Sündenfalls, anstatt lediglich eine Funktion zur erfüllen, der Film isngesamt die Leichtigkeit, die ihn vom „wichtigen“, aber letztlich abfälligen filmischen Statement wohltuend abhebt.

AMERICAN HUSTLE basiert lose auf der ABSCAM-Operation, mit der die New Yorker Abteilung des FBI Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre erst dubiose Kunstfälscher, dann schließlich korrupte Politiker auf frischer Tat erwischen wollte. Trotz des Erfolges – insgesamt wurden etwa zehn Politiker aus Kongress und Repräsentantenhaus überführt – stießen die angewendeten Methoden auf Kritik: Als Lockvogel und Berater akquirierten die Staatsdiener einen Betrüger für ein Amnestie-Versprechen und machten immense Geldbeträge locker, um die Zielpersonen, gegen die das FBI bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts in der Hand hatte, in die Falle zu locken. Mit Verbrechensbekämpfung im herkömmlichen Sinn hatte die ganze Unternehmung wohl nur noch am Rande zu tun. Russell interessiert sich aber gar nicht so besonders für eine historisch akkurate Protokollierung des Skandals, vielmehr dient sie ihm als Grundlage für eine humanistische Auseinandersetzung mit menschlichem Erfolgs- und Machtstreben, Identitäts- und Idealverlust. Alle seine Figuren sind es so sehr gewöhnt, Rollen zu spielen, dass sie irgendwann ihre wahre Identität aus dem Auge verlieren. Alle rennen sie von kurzfristigem Ruhm und Reichtum benebelt einem Ziel hinterher, dessen Bedeutung für ihr persönliches Glück längst nicht gesichert ist. Alle sind sie in beengenden, zweckgerichteten Beziehungen gefangen, die sie geradezu krank machen, ohne jedoch aus ihnen befreien zu können. Es sind Neurotiker und Fehlgeleitete, ganz sicher, aber ihre Beweggründe bleiben menschlich und nachvollziehbar. Sydney Prosser (Amy Adams), bei der man bis kurz vor Schluss nicht genau weiß, ob sie gerissene Fadenzieherin oder doch hilfloses Opfer ist, kann ihre persönliche Krise auf eine einfache Formel bringen, deren selbstanalytische Klarheit absolut erschütternd ist: „“My dream is to become anyone else than who I was”. Die Menschen in AMERICAN HUSTLE sind so sehr von den Erfolgsversprechen des Amerikanischen Traums infiltriert, dass sie sich selbst darüber längst vergessen haben. Es geht ihnen um Erfolg um des Erfolgs willen.

Ausgerechnet der Trickbetrüger Irving Rosenfeld (Christian Bale) und der korrupte Bürgermeister Carmine Polito (Jeremy Renner) reifen zum moralischen Zentrum des Films: Ersterer bemerkt früh, dass ihn der mephistophelische Deal mit dem überambitionierten FBI-Mann Richie DeMaso (Bradley Cooper) viel tiefer in die Scheiße reitet, als all die krummen Dinger, von deren Schuld er sich mit seiner Kooperation befreien soll, und Polito hat als einer der Wenigen in AMERICAN HUSTLE nicht nur sein eigenes Wohl im Kopf – auch wenn er die Regeln natürlich übertritt. Sein Fall ist doppelt tragisch: Nicht nur, weil Russell und Renner in nur wenigen Sekunden glaubhaft andeuten, dass hier ein Familienglück schmerzhaft zerschellt, sondern auch weil es Rosenfeld nicht gelungen ist, den einzigen Menschen, der ihn nicht von vorn bis hinten manipuliert hat, zu retten. Alle anderen ringen mit sich selbst und nicht allen gelingt es, ihre inneren Konflikte zu lösen. Gewinner gibt es am Ende nicht, nur mehr oder weniger Gezeichnete. Es mag angesichts dieser Beschreibung verwundern, aber AMERICAN HUSTLE hat mich mit seiner Leichtigkeit überrascht – und vielleicht etwas auf dem falschen Fuß erwischt. Es ist aller ausgefeilten Ausstattung zum Trotz ein Ensemblefilm und kommt als solcher vor allem dank seiner begnadeten schauspielerischen Leistungen und genauer Beobachtungen auf den Punkt, mehr als durch grandiose formale Würfe. Was unter weniger sensibler Führung leicht zur zynischen Freakshow verkommen wäre, bleibt hier in Menschlichkeit geerdet. Herausstechend waren für mich Amy Adams, deren abgezocktes material girl unerwartete Abgründe offenbart und unsere uneingeschränkte Empathie auf sich zieht, genauso wie die als „verwöhnte Schlampe“ nur höchst unzureichend charakterisierte Rosalyn von Jennifer Lawrence. Jeremy Renner beeindruckt mit einer Nahbarkeit und Verletzlichkeit, die ich ihm nicht zugetraut habe, und Louis C. K. brilliert in einer Nebenrolle, die keinesfalls bloße Sideshow ist, sondern das Wesen des Films in einer parabelartigen Episode destilliert.

 

Die mittlerweile vierteilige MISSION: IMPOSSIBLE-Reihe ist eine merkwürdige Ausnahmeerscheinung unter den vielen Film-Franchises, die Hollywood in den vergangenen 30 Jahren etabliert hat. Beinahe unbemerkt, so wie ihre Protagonisten, hat sie sich zu einer Konstante entwickelt: Ca. alle fünf Jahre kann man mit einem neuen Abenteuer um den Superagenten Ethan Hunt (Tom Cruise) und seine wechselnden Partner rechnen und doch ist man immer wieder überrascht, wenn es soweit ist. Jeder Beitrag ist für sich genommen erfolgreich gewesen, obwohl doch niemand jemals wirklich auf einen neuen MISSION: IMPOSSIBLE-Film gewartet hätte.  Andere Filmserien haben eine treue Fangemeinde, die den Diskurs über das Objekt ihrer Begeisterung auch zwischen den Filmen weiterträgt, ihre Darsteller und die Charaktere, die sie verkörpern, werden zu Kultfiguren, denen man huldigt und die ein Eigenleben entwickeln. Und diese Serien folgen einer Idee, sind in einer konkret entwickelten Welt angesiedelt, die über zahlreiche Beiträge hinweg identitätsstiftend wirken. Über die Jahre hinweg mögen sich diese Idee und die Art, wie sie umgesetzt wird, verändern, so wie sich Menschen über die Jahre verändern, aber der Kern, ihr Wesen bleiben in der Regel unangetatstet. Wesentliche Eingriffe in die DNA eines solchen Franchises machen einen auch nach außen als solchen artikulierten Neustart, neudeutsch: Reboot, notwendig. Wenn ich das richtig sehe, trifft nichts davon auf  die MISSION: IMPOSSIBLE-Filme zu.

Als 1996 Brian De Palmas MISSION: IMPOSSIBLE erschien, da war noch nicht abzusehen, dass sich Hollywood in den folgenden Jahren und Jahrzehnten immer mehr in eine Wiederverwertungsmaschine verwandeln sollte. Die Verfilmung und Wiederbelebung einer langlebigen Agentenserie aus den Sechziger- und Siebzigerjahren war noch eine vergleichsweise originelle Idee, die Serie vielen älteren Zuschauern noch im Gedächtnis, die Erkennungsmelodie wurde in der Neuvertonung von Danny Elfman auf Anhieb ein neuer Evergreen. Brian De Palma konnte sich zwar nicht ganz von einem auf spektakuläre Set Pieces fokussierenden Drehbuch emanzipieren, warf aber einen wohl auch altersbedingten Traditionalismus in die Wagschale, mit dem er die Verbindung zum unterkühlten, von der Paranoia des Kalten Kriegs geprägten Agententhriller weitestgehend aufrechterhielt. MISSION: IMPOSSIBLE nimmt in seinem Werk als Auftragsarbeit verständlicherweise keine besonders hervorgehobene Rolle ein, wird m. E. aber dennoch unterschätzt. Und mit der Heist-Sequenz lieferte er mit dem an Seilen hängenden Hunt ein mittlerweile ikonisch gewordenes Bild, das die spätere Schlagrichtung der Filme mehr beeinflusste als jeder erzählerische Einfall. John Woos schlicht MISSION:IMPOSSIBLE 2 (oder, noch kürzer, M:I-2) benanntes Sequel von 2000 ist gewissermaßen der „schwere Ausnahmefehler“, das Äquivalent zu Jack Sholders NIGHTMARE ON ELM STREET PART 2. Er könnte kaum weiter von De Palmas Film und seinen Nachfolgern entfernt sein und ist wahrscheinlich der am wenigsten gut gealterte Beitrag der Reihe. Woos damals schon nicht mehr ganz aktuellen Manierismen muten heute, wo er längst die Rückkehr in seine Heimat angetreten hat, wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit an. Trotzdem ist sein Film zumindest konzeptionell interessant, greift er doch das Chamäleonhafte, die sich im Tragen zahlreicher Masken äußernde Gesichtslosigkeit Hunts auf und stilisiert ihn zum Übermenschen, der zu Beginn als Freeclimber in Jesus-Christ-Pose an einem gewaltigen Felsmassiv in der Wüste hängt. Eine krasse Abkehr von der technokratischen Intelligenzbestie des Vorgängers. Doch auch wenn MISSION: IMPOSSIBLE 2 der am radikalsten stilisierte Film der Reihe ist und bildlich am weitesten aus ihr herausfällt, so greift er dennoch ein dekonstruktives Element auf, das schon in De Palmas Film angelegt war: Ethan Hunt, von Superstar Tom Cruise nicht gespielt, sondern verkörpert, ist kein Charakter, kein Mensch im eigentlichen Sinne, sondern eine „Cipher“, eine vollkommen leere Projektionsfläche, die sich nahezu beliebig aufladen lässt. Wahrscheinlich ist das die Grundlage, auf der die Serie eine nun fast zwei Dekaden andauernde Existenz aufbauen konnte, ohne dabei jemals eine echte Identität zu entwickeln. J. J. Abrams MISSION: IMPOSSIBLE III, für sich genommen vielleicht der beste Eintrag der Serie (an den ich mich aber leider kaum noch erinnern kann), bedeutete nach Woos Formexzess und einer sechsjährigen Pause einen Neustart, der beinahe naturalistisch ausfiel. Wieder an die Agententhriller-Tradition, der die Reihe entstammt, anknüpfend, bietet er  geradlinige Action, die durch ihr Timing und zudem eine schlicht perfekt komponierte Struktur besticht. Thematisch und stimmungsmäßig etwas an die damals populären Filme um den Agenten Jason Bourne erinnernd, verwirft Abrams deren Intensified-Coninuity-Auswüchse zugunsten einer saubereren Inszenierung der Actionszenen. Es verwundert etwas, dass der Film keinen größeren Nachhall fand, gehört er doch mit Leichtigkeit zu den besten Vertretern des großbudgetierten Actionfilms der vergangenen 10, 15 Jahre.

Der Schachzug, Ethan Hunt wieder mehr menschliches Profil zu verleihen und ihn zum Mittelpunkt eines realistischeren Szenarios zu stellen, war der richtige Einfall, der jedoch in Brad Birds MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL gleich wieder revidiert wird. Die Ecken und Kanten des Vorgängers werden abgeschliffen, das Augenmerk verstärkt auf spektakuläre Set Pieces gelegt, der Versuch, eine Geschichte um menschliche Protagonisten zu erzählen, weicht einer Aneinanderreihung von Episödchen, die von 4 auf den ersten Blick typifizierbaren menschlichen Folien zusammengehalten werden. Statt eines versierten Actionregisseurs (oder, im Fall Abrams‘, eines cleveren Erzählers) inszeniert der ehemalige Pixar-Mann Brad Bird den Film mit Fokus auf die Bilder. So gibt es die Explosion des Kremls zu bestaunen, die ungesicherte Kletterei am Burj Khalifa, dem mit 828 Metern höchsten Gebäude der Welt (ein Stunt, der die erwartbaren und wahrscheinlich einkalkulierten Pressereaktionen nach sich zog), sowie die Verfolgungsjagd durch einen Sandsturm. Starke Bilder, die jedoch die Aktionen der Figuren überlagern: Es gelingt Bird nur selten, echte Dynamik zu erzeugen. Die Wirkung der Burj-Khalifa-Sequenz verpufft auf dem heimischen Fernseher weitestgehend (selbst wenn dieser eine stattliche Größe hat) und entfaltet wohl nur auf der IMAX-Leinwand, für die der Film gedreht wurde, seine volle Kraft. Das größte Manko von GHOST PROTOCOL ist aber seine Leere: Bird bemüht sich um Menschlichkeit, erkennbar vor allem an dem innerhalb der Serie eher ungewöhnlichen, prominent eingesetzten Humor und einem dramatischen Subplot um die vermeintliche Tötung von Hunts Ehefrau, scheitert mit diesen Bemühungen aber an der auf Schauwerte ausgerichteten Oberfläche seines Films. Und an Tom Cruise: Er ist der Inbegriff des nichts dem Zufall überlassenden, peinlichst genau auf sein Image achtenden Superstars, ein Mensch, dessen wahres Wesen hinter einer Vielzahl von Projektionen verschwindet und der deshalb stets unnahbar bleibt, selbst wenn er bei Oprah Winfrey den Mann spielt, der sich das innere Kind bewahrt hat. Für Ethan Hunt, den Agenten ohne Gesicht und ohne Privatleben, ist er gewissermaßen die Idealbesetzung, aber wenn er mit Schauspielern wie Simon Pegg oder Jeremy Renner interagiert, die in einem völlig anderen Universum beheimatet zu sein scheinen, dann wirkt er wie ein Außerirdischer. Das ist Bird nicht ganz verschlossen geblieben, weshalb Hunt dann auch den mythischen Abgang in einer Dampfwolke erhält, während die anderen ganz sterblich „Tschüss!“ sagen, aber der Film leugnet diese Tatsache geflissentlich und tut doch so, als sei Hunt ein Mensch mit einer Geschichte und einem Privatleben. Was bei Abrams noch geklappt hat, das geht hier in die Hose, wohl auch, weil sich das Drehbuch für diese Versuche gar keine Zeit lässt. Der Aufwand, der da in den Action- und Effektszenen betrieben wird, steht in keinem Verhältnis zu den sich auf Soap-Opera-Niveau bewegenden Dialogen, die kaum mehr als Füllmaterial sind, Pausen, damit sich die Zuschauer einen neue Cola holen und aufs Klo gehen können. Brad Birds MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL ist wahrscheinlich nicht der schlechteste Film der Reihe (ich müsste Woos Beitrag erst noch einmal sehen), aber sicherlich der profilloseste und uninteressanteste. Es steht zu befürchten, dass Produzent Tom Cruise die Serie mittlerweile als reines Showcase für sein Ego gekapert hat (Teil 5 steht in den Startlöchern). Das wäre schade, denn die Serie bietet doch gerade aufgrund ihrer Offenheit viel Potenzial für Experimente, seltsame Querschläger und gewagte Sidesteps. Aber selbst ein Film wie Woos erstes Sequel scheint mittlerweile nahezu unmöglich …

Was zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts mit dem an die Agenten- und Politthriller der Siebzigerjahre angelehnten THE BOURNE IDENTITY begann, endete 2007 mit THE BOURNE ULTIMATUM, der die intensified continuity auf die Spitze trieb – und also mit dem ursprünglichen Retro-Appeal des ersten Teils rein gar nichts mehr gemein hatte. Es schien kaum möglich, dieses formale Gewitter noch zu überbieten, weshalb der Abgang von Hauptdarsteller Matt Damon vielleicht sogar ein Glücksfall war. Mit einem neuen inhaltlichen Start konnte auch stilistisch ein neuer Weg eingeschlagen werden. Unter Regisseur Tony Gilroy wird hinsichtlich Schnittfrequenz und desorientierender Kameraperspektiven dankenswerterweise ein Gang zurückgeschaltet. THE BOURNE LEGACY mutet gegenüber den Vorgängern beinahe aufgeräumt an. Das trifft auch auf die Handung zu: Fein säuberlich sind die Actionszenen um den neuen Superagenten Aaron Cross (Jeremy Renner) vom Rest getrennt. Es ist fast so, als schaute man zwei Filme: einen mäßig aufregenden Politthriller, der mit viel Buhei ins Nichts läuft, und einen Actionfilm, der ständig unterbrochen wird. Der Übergang von Jason Bourne zu einer neuen Identifikationsfigur wird inhaltlich gut bewältigt. Nur leider ist der Film, der zu diesem Zweck entstanden ist, kaum mehr als ein auf zwei Stunden ausgedehnter Teaser.

Die Kontroverse um den abtrünnigen Agenten Jason Bourne führt die Verantwortlichen zu dem Entschluss, das Programm, aus dem er hervorging, abzusetzen. Alle noch existierenden Superagenten müssen sofort ausgeschaltet werden. Zu diesen Agenten gehört auch Aaron Cross, der gerade sein Überlebenstraining mitten in der Wildnis absolviert – und das Glück hat, dass ihm niemand die für ihn gedachte Todespille überreichen kann. Auch den Dronen, die auf ihn angesetzt werden, kann er mit knapper Not entgehen. Totgeglaubt sucht er die Wissenschaftlerin Dr. Marta Shearing (Rachel Weisz) auf: Er braucht dringend seine Medikation. Und weil sie als Mitarbeiterin an dem Programm eine ungeliebte Mitwisserin ist, kann sie Cross‘ Hilfe gut gebrauchen. Die Jagd beginnt …

Wie schon THE BOURNE ULTIMATUM springt auch THE BOURNE LEGACY ein Stück gegenüber dem Vorgänger zurück, mit dem Vorteil, dass man sich als Zuschauer sofort im Mittelpunkt des Geschehens wiederfindet. Der Beginn ist dann auch recht stimmungsvoll: Während die Staatsbeamten über das weitere Vorgehen beratschlagen, kämpft sich Aaron Cross wie ein alter Krieger durch die Einöde. Jeremy Renner ist vielleicht der einzige echte Pluspunkt des Films. Das Starpotenzial, das ihm abgeht, macht er durch Kampfgeist wett: Seine etwas untersetzte, gedrungene Gestalt und das knautschige Arbeitergesicht prädestinieren ihn für solche Kämpferrollen. Zum Vorgänger Matt Damon verhält er sich beinahe so wie Daniel Craig zu Pierce Brosnan oder Roger Moore. Leider muss sich Renner aber durch ein Sequel arbeiten, dessen Macher alle Konzentration darauf verwendeten, eine erfolgreiche Serie schlüssig fortzusetzen und keine darauf, einen für sich allein funktionierenden, guten Film zu machen. THE BOURNE LEGACY hat zwei gute Actionsequenzen – eine zu Beginn, eine zum Ende – und dazwischen jede Menge bedeutungsschwangeres Geschwätz, dass ausschließlich für Leute interessant ist, die um jeden Preis wissen wollen, wie eine eigentlich abgeschlossene Geschichte weitergeht – und denen es dabei egal ist, ob es diese Geschichte überhaupt wert ist, erzählt zu werden. Damit wir uns da nicht falsch verstehen: Ich habe gar nichts gegen dialoglastige Filme, zumal Dialoge ein wichtiges gestalterisches Merkmal des Politthrillers sind. Aber in THE BOURNE LEGACY ergibt sich überhaupt kein Zusammenhalt zwischen den Elementen. In ihrer Struktur erinnern mich die Auftritte von Scott Glenn, Edwart Norton oder Stacy Keach an die „Hauptrollen“, die abgehalfterte Stars in preisgünstigen B- und C-Kloppern einzunehmen pflegen: Zeitlich und räumlich völlig unabhängig vom Rest des Films sitzen sie meist an einem Schreibtisch und telefonieren, ohne dass auch nur ein anderer Schauspieler das Bild betreten würde. THE BOURNE LEGACY verlässt sich blind darauf, dass der Name „Bourne“ die Leute auch dazu bewegt, sich einen Film anzuschauen, der ieigentlich nur der aufgeblasene, langweilige Mittelteil eines anderen, spannenderen Films ist. Wehe, wenn der Nachfolger nicht richtig kickt: Dann ist THE BOURNE LEGACY wirklich kaum mehr gewesen als eine ziemlich teuere Zeitverschwendnung.

Seinen Verbleib bei der Polizei sichert sich der S.W.A.T.-Cop Jim Street (Colin Farrell), indem er seinen skrupellosen, draufgängerischen Kollegen Brian Gamble (Jeremy Renner) beim Vorgesetzten anschwärzt. Fortan muss er zwar Frondienste in der Waffenkammer verrichten, doch als Sergeant „Hondo“ (Samuel L. Jackson), ein alter S.W.A.T.-Veteran, seinen Dienst als Teamleiter wieder aufnimmt, erhält er eine neue Chance. Gemeinsam mit seinen Kameraden bekommt er gleich eine schwere Bewährungsprobe: Der international gesuchte Schwerverbrecher Alex Montel (Olivier Martinez) konnte durch einen Zufall gefasst werden und muss nun in ein anderes Gefängnis überführt werden. Dass er medienwirksam eine Belohnung von 100 Millionen Dollar auf seine Befreiung auslobt, macht die Ausführung des Jobs nicht einfacher. Und so gibt es dann auch ein Wiedersehen zwischen Speed und Gamble, diesmal auf unterschiedlichen Seiten des Gesetzes …

S.W.A.T., Verfilmung einer mir unbekannten Serie aus den Siebzigerjahren, hat mich durchaus positiv überrascht (vielleicht auch nur, weil ich wirklich das Schlimmste erwartet habe). Zwar ist er alles andere als makellos, mit vielen Fehlern behaftet, die solche Megabuck-Produktionen üblicherweise auszeichnen, und letztlich nur leicht überdurchschnittlich, aber er ist dies auf sehr viel sympathischere Art und Weise, als ich das erwartet habe. Was den Film positiv aus den Massen total egaler, nur auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigung abzielender Mainstream-Actioner heraushebt, ist seine Anlage: Johnson macht ein weites Feld auf, führt seinen Protagonisten ein, beleuchtet die Zusammenstellung des Teams und die Ausbildung seiner Mitglieder, baut nebenbei den finalen Konflikt auf und lässt sich dann viel Zeit, den Showdown vorzubereiten. In seinen 115 Minuten deckt S.W.A.T. ein enormes Spektrum ab und vermeidet Langeweile, auch wenn er selten wirklich Neues erzählt. Das ist dann auch sein eigentliches Problem: Er beißt mehr ab, als er eigentlich kauen kann.

Clark Johnson hat nur wenige Filme in seinem Lebenslauf, dafür aber unzählige Serienbeiträge, darunter mehrere Episoden für die brillante Copserie THE SHIELD, deren Einfluss man auch hier zu spüren meint. Für S.W.A.T. bemüht er sich, den Realismus dieser Serie, die Vielzahl interessanter und wichtiger Figuren mit eigenen Geschichten, die Akribie, mit der der Arbeitsalltag und die mit der Polizeiarbeit verbundene Bürokratie und Politik gezeichnet wurden,  auf einen zeitlich enorm komprimierten Film zu übertragen. Das muss misslingen. S.W.A.T. erzählt viel, bleibt dabei aber zwangsläufig immer nur an der Oberfläche. Die Charaktere sind eindimensional, die harte Ausbildung mutet wie ein Spaziergang an, die finale Mission ist ohne rechte Anbindung an den Rest, auf feiste Actioneinlagen, die bebildern, was es mit den „Special Weapons and Tactics“ eigentlich auf sich hat, wartet man vergeblich. Auch wenn das alles viel größer produziert ist und bis in die letzte Nebenrolle mit fähigen Leuten besetzt, ist S.W.A.T. dann doch irgendwie nur Fernsehen. Mit den vielen guten Ansätzen, die nicht richtig zu Ende geführt werden, erinnert er ein bisschen an eine Serie, die nach zwei Episoden wegen schlechter Einschaltquoten abgesetzt wurde. Das haut ja auch von der Länger her hin. Aber immerhin ist es eine Serie, von der man gern mehr gesehen hätte. Wenn ich es mir recht überlege, ist eigentlich nur eine Sache richtig unverzeihlich: Die Besetzung von Samuel L. Jackson in der Rolle eines Ausbilders namens „Hondo“. Gegen dessen immergleichen Shtick muten selbst die wie immer betanktoppte Michelle Rodriguez und der stolz das Sixpack präsentierende LL Cool J wie gegen den Strich besetzt an.