Mit ‘Jerzy Skolimowski’ getaggte Beiträge

Durch eine bizarr anmutende Felswüste stapfen drei US-Soldaten, beobachtet von einem über ihnen kreisenden Helikopter, aus dem auch der Zuschauer zunächst auf sie herabblickt. Dann befindet man sich direkt bei den GIs, die keineswegs den Eindruck vermitteln, sich im Krieg zu befinden: Zwanglos wird geplaudert, man beschwert sich über die Hitze, setzt sich vor einer Höhle schließlich für eine Pause hin und beginnt etwas Heroin zu rauchen. Der Araber (Vincent Gallo), der sich in dieser Höhle versteckt, gerät in Panik, erschießt die drei mit einer Panzerfaust, flieht vor dem nahenden Helikopter, wird aber schließlich gefangen genommen. Es ist der Anfang einer  Odyssee, die Jerzy Skolimowski in seinem Film eindrucksvoll in Szene setzt.

In einem Gefangenenlager wird der Araber in den bekannten orangefarbenen Overall gesteckt und erst verhört, dann schließlich gefoltert. Er landet in einem Gefangenentransport, der ihn in ein anderes, irgendwo in Osteuropa gelegenes Lager bringen soll, kann aber fliehen, als der Wagen von der Straße abkommt. Die Verfolger im Nacken, gelingt es dem Mann immer wieder sich durch Einfallsreichtum, Improvisationstalent oder schlicht wilde Entschlossenheit zu entziehen, doch fordern die Strapazen ihren Tribut: Er wird verwundet, erfriert fast, vergiftet sich mit wilden Beeren und halluziniert, verspeist Ameisen und Baumrinde, bis er ans Haus einer stummen Ärztin kommt, die seine Wunden verpflegt und ihn dann auf einem Schimmel ziehen lässt. Er wird nicht mehr weit kommen.

ESSENTIAL KILLING ist ein Film ohne Voraussetzung: Es gibt fast keine Dialoge, keinerlei Hintergrundinformationen, die das Geschehen genauer in Zeit und Raum verorten ließen, keine herkömmliche Dramaturgie mit Ruhepausen und Spannungsspitzen, keine explizit markierte Botschaft. Klar, wenn man will, lässt sich Skolimowskis Film wie jeder gute Kriegsfilm als Plädoyer gegen den Krieg lesen, indem er den Täter zum verängstigten Tier macht, den Konflikt aus seinem eigentlichen geografischen Raum in eine weit entfernte Region verlegt, in der sich die Nadelwälder auf schneebedecktem Boden von Horizont zu Horizont erstrecken und der Mensch bislang keinerlei Spuren hinterlassen zu haben scheint, die Sinnlosigkeit des Tötens in direkte Verbindung zur Gleichgültigkeit der Natur setzend. Im Grunde genommen ist ESSENTIAL KILLING so etwas wie die Avantgarde-Version von Ted Kotcheffs FIRST BLOOD: Die Schrecken des Krieges haben einen Mann in eine Kampf- und Überlebensmaschine verwandelt, die so lange ihr Programm abspulen wird, bis sie zerstört ist. Doch so vielsagend Skolimowskis Film in dieser Hinsicht auch ist, er erschöpft sich nicht in der Aufgabe, eine Botschaft unters Volk zu bringen. Da ist mehr.

ESSENTIAL KILLING ist ein enigmatischer, rauschhafter, betörender und verstörender Film, so klar, eindeutig und unmissverständlich er in seiner geradlinigen Handlung auch sein mag. Naturmystizismus trifft auf Spiritualismus, Action auf Impressionismus, das Konkrete auf das Unbestimmte, Offene. Aber er ist auch kein Film, den man nun Bild für Bild interpretieren müsste: Alles liegt ganz klar vor einem, unmittelbar verständlich, archaisch, direkt aus dem limbischen System heraus. Ein Film über das unbedingte Lebenwollen und das bedingte Sterbenmüssen, der in der unfassbar wunderbaren Szene kulminiert, in der sich Vincent Gallo an der Brust einer stillenden Mutter satttrinkt.