Mit ‘Jessica Chastain’ getaggte Beiträge

Als Terrence Malick 1997 nach einer annähernd 20 Jahre langen Leinwandabstinenz mit THE THIN RED LINE sein Comeback feierte, wurde er von Cinephilen wie der verlorene Sohn empfangen: Nach zwei nahezu perfekten Filmen, BADLANDS (1974) und DAYS OF HEAVEN (1978), die beide das Versprechen eines großen Werks enthielten, war er in der Versenkung verschwunden: Hatte er schon alles gesagt? Und: Wie lange würde er uns diesmal erhalten bleiben? Seit THE THIN RED LINE hat Malick fünf weitere Filme gedreht und dass er einmal ein Verschollener war, ist längst vergessen. Ein neuer Malick ist heute nicht mehr Anlass für fiebrige Freude und spätestens mit THE TREE OF LIFE gibt es auch eine relativ breite Fraktion, die wohl nichts dagegen hätte, wenn er sich erneut vom Geschäft zurückziehen würde. Natürlich gab es auch große Begeisterung in den Feuilletons, als THE TREE OF LIFE erschien: In Cannes wurde der Film mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, Der Spiegel überschlug sich förmlich mit Lob und darüber, dass man ihn sehen musste, um mitreden zu können, herrschte weitestgehend Einigkeit (ich habe es trotzdem erst jetzt geschafft). Dennoch hörte man auch weniger freundliche Einschätzungen: Die Welt etwa bezeichnete THE TREE OF LIFE als „filmischen Totalschaden“, Malicks Rückzug aus dem Filmgeschäft gar als kalkulierten Karriereschritt, mit dem er sich das Publikum beim Comeback sicherte. Dass der Film salbungsvoll wie eine Priesterweihe sei, gibt die Schlagrichtung der negativen Stimmen vor, die Malick seither begleiten: Je nachdem, wie streng man mit ihm ist, sind seine Filme entweder Esokitsch oder gar religiös, noch dazu furchtbar bedeutungsschwanger und selbstverliebt.

Die Kritikpunkte sind valide: Die Familiengeschichte, die THE TREE OF LIFE erzählt, darf eben nicht bloß die Geschichte einer Familie sein, sie muss gewissermaßen das Prinzip des Lebens als ontologischer Größe repräsentieren. Während eines langen Exkurses, der etwas an den Sternenflug aus Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY erinnert, sieht der Zuschauer Bilder aus dem Weltraum, vom sich in den Tiefen der Ozeane herausbildenden Leben, von Dinosauriern und von auf der Erdoberfläche einschlagenden Kometen, auf der Tonspur haucht es dazu enigmatische Halbsätze. Wenn sich THE TREE OF LIFE wieder seinen menschlichen Protagonisten zuwendet, sehen wir diese stets wie durch einen Schleier. Es sind die Erinnerungen des ältesten Sohnes Jack (Sean Penn), mittlerweile ein Architekt, der sein Büro in einem gläsernen Hochhaus hat, aber irgendwie desorientiert in die Gegend starrt. In Traumbildern stolpert er im Anzug über eine karstige Steinwüste, später schreitet er an einem Strand entlang, wo ihm die Menschen seiner Vergangenheit wiederbegegnen, sein Vater, seine Mutter, sein mit 19 Jahren wahrscheinlich im Vietnamkrieg verstorbener Bruder.

Malick behandelt die ganz großen Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was soll das alles überhaupt? Und der Regisseur ist niemand, der in der Beantwortung dieser Fragen Lakonie, Gelassenheit oder gar Zynismus walten ließe. Das Leben, das macht er in THE TREE OF LIFE ziemlich deutlich, ist ein unfassbares Wunder, die Welt (die Schöpfung?) ein Werk unergründlicher Schönheit und nie versiegender Mysterien, die Suche nach den Antworten ein spiritueller Trip, der uns gewissermaßen eins macht mit dem Universum. Klar, es ginge auch eine Nummer kleiner, und ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn man die huldvolle Ernsthaftigkeit, mit der Malick hier seine Antworten präsentiert, als überkandidelt empfindet. Mich hat THE TREE OF LIFE aber gepackt, wahrscheinlich, weil ich selbst so ein Kryptokatholik bin, der sich insgeheim danach sehnt, nach dem Ableben im Paradies aufzuwachen, und sich dann darüber freut, dass er sich mit seinem Agnostizismus geirrt hat. Neben der Tatsache, dass ich den Film ästhetisch einfach wunderschön fand – allein dieses magische Licht -, gefielen mir auch erzählerische Details: So etwa, dass Brad Pitts strenger Vater nicht einfach nur als autoritäres Arschloch, sondern als durchaus liebevoller, selbst im Inneren tief gespaltener Charakter gezeichnet wird (aber wie sicher und ruhig er agiert, als er einen bewusstlosen Jungen aus einem Schwimmbecken zieht, wie die Rolle des Anführers ihm wie von allein zufällt). Dass Jack irgendwann erkennt, dass auch er Züge dieses Vaters in sich trägt, zu dem ihn eine komplizierte Hassliebe verbindet. Dass der Zorn auf diesen Vater seinen wahren Gefühlen nicht entspricht, dass er diesen Mann anzunehmen lernen muss, um er selbst werden zu können. Die Mutter hingegen (Jessica Chastain) übernimmt wie schon die Ehefrauen in THE THIN RED LINE die Funktion der voraussetzungslosen Liebe, verkörpert ein universelles, mystisches Prinzip – und wirkt in jenem Maße überhöht und idealisiert, wie der Vater erdig und materiell anmutet. Einmal sieht der junge Jack sie wie eine Fee über dem Boden schweben und spätestens als es zum Streit zwischen den Eltern kommt, der Vater ihr vorwirft, sie untergrabe seine Autorität gegenüber den Kindern, wird klar, dass hier nicht bloß zwei Menschen miteinander streiten, sondern Prinzipien des Seins aufeinanderprallen.

Das ist alles nicht wirklich neu und deshalb kann ich die Kritik der Prätentiösität durchaus nachvollziehen – sähe der Film nicht so überaus fantastisch aus, die Szenen des griesgrämig durch die Wüste laufenden Sean Penn erinnerten wahrscheinlich an das bemühte Gleichniskino eines Philosophiestudenten im ersten Semester. Aber man kann die Form vom Inhalt ja nicht trennen. Malick will das Wunder des Lebens zelebrieren, ja, vielleicht sogar einen Gottesdienst dafür halten. Ich finde, es gibt schlechtere Anlässe für Pathos – und Esokitsch.

crimson-peak-mondo-poster-3„Ghosts are a metaphor for the past“, verteidigt die ambitionierte Schriftstellerin Edith Cushing (Mia Wasikowska) ihr Manuskript gegenüber dem skeptischen Verleger, der angesichts der Tatsache, dass die junge Frau ihm eine „ghost story“ andienen möchte, herablassend mit den Augen rollt. Sie solle es doch lieber mal mit einem Liebesroman versuchen, rät er ihr, aber immerhin sei ihre Handschrift sehr schön. Das nächste Manuskript werde sie mit der Maschine schreiben, erklärt die enttäuschte, aber nicht entmutigte Edith danach ihrem Vater (Jim Beaver), überzeugt, dass es ihre weibliche Handschrift war, die den Verleger von der Qualität ihres Romans abgelenkt hat.

Guillermo del Toro hat nicht, wie seine Heldin, das Problem, qua Geschlecht bestimmten Erwartungen ausgesetzt zu sein und trotzdem beherzigt er den Rat des Verlegers. Allerdings nicht, um seine wahren Interessen zu verschleiern, sondern weil beide Elemente, Geister/Erinnerung und Liebe, für ihn sowieso zusammengehören. Das Tolle an CRIMSON PEAK ist, dass del Toro gar keinen Hehl daraus macht, im Grunde genommen hoffnungslos romantisch und altmodisch zu sein. Nachdem es ihm trotz teilweise beachtlicher Leistungen und enormer Credibility unter Nerds und Genrefilm-Freunden nicht ganz gelungen ist, sich in Hollywood durchzusetzen – seit Jahren bemüht er sich, den dritten HELLBOY-Film an den Start zu bringen, vom HOBBIT-Mammutprojekt sprang er in letzter Sekunde ab und PACIFIC RIM war gewissermaßen der vorzeitige Samenerguss unter den Flops -, stellt CRIMSON PEAK eine stilistische und emotionale Rückkehr zu seinen beiden wahrscheinlich besten Filmen dar: EL ESPINAZO DEL DIABLO und EL LABERINTO DEL FAUNO, beides in erster Linie von ihrem Dekor, ihrer Stimmung und Einfühlsamkeit getragenen Filmen, für die der Begriff „Horror“ zu schrill, der Begriff „Grusel“ zu heimelig klingt.

In CRIMSON PEAK geht es um eine verhängnisvolle, tragische Liebe, eine Liebe, die alles, das sich ihr entgegenstellt, nicht nur missachtet, sondern auch umbringt und so zum eisigen Gefängnis für die Liebenden wird. Das Haus, in dem die beiden wohnen, versinkt langsam im roten Lehm, der – wie das Blut ihrer Opfer – langsam überall um sie herum aus dem Boden sprudelt, aus den Wänden und den Rohren sickert. Das erinnert natürlich an Poes „The Fall of the House of Usher“, in dem der marode Zustand eines einst stolzen Herrenhauses ein deutliches Zeichen für den moralischen Verfall und die Dekadenz seiner Bewohner ist. Auch wenn die beiden Antagonisten von CRIMSON PEAK große Schuld auf sich geladen und scheußliche Verbrechen begangen haben: Man trauert am Ende doch mit ihnen, weil sie schon in ihrer Kindheit auf einen verhängnisvollen Weg geführt wurden und nie wirklich die Chance hatten, ein normales Leben zu führen. Die schaurigen Gespenster, die als slicke, blutrote CGI-Kreaturen durch die dunklen Gänge der verwunschenen Ruine spuken, sind dagegen eher Beiwerk. Der wahre Star des Films ist eben dieses Haus, dessen spitze Türme sich wie Skelettfinger sehnsüchtig dem bleichen Himmel entgegenrecken, dessen löchriges Dach Wind und Wetter keinen Einhalt mehr gebietet, dessen verliesartiger Keller mit dem blutrot und zäh wie Lava durch den Boden dringenden Lehm wie der Eingang zur Hölle aussieht. Die Menschen bleiben – und das ist keinesfalls wertend gemeint – blass: Sowohl Mia Wasikowska als auch Tom Hiddleston und Jessica Chastain tragen eine blutarme Leichenblässe zur Schau, die einerseits mit dem zum Finale einsetzenden Schneegestöber korrespondiert, andererseits einen schönen Kontrast zum Scharlachrot bildet, das logischerweise eine wichtige Rolle im Film spielt. Wenn man del Toro vorwürfe, CRIMSON PEAK sei nicht gerade die Neuerfindung des Rades oder, noch etwas weniger nett gesagt, „konservativ“, es gäbe wenig, was sich wirklich dagegen vorbringen ließe. Ich hingegen bin sehr froh, dass sich noch jemand traut, solche Stoffe ohne Anbiederungen an zeitgenössische Trends, ohne geilen Twist, ohne Cliffhanger für ein mögliches Sequel, dafür aber mit jeder Menge spürbaren Herzbluts, viel sichtbarer Liebe zum gestalterischen Detail und größter erzählerischer Eleganz auf die große Leinwand zu bringen. Ich nehme gern mehr davon!

Ein Familienvater erschießt seine Frau, packt seine beiden kleinen Töchter ins Auto und rast davon. Nach einem Unfall versteckt er sich mit ihnen in einer einsamen Waldhütte. Dort wird er von etwas gepackt und umgebracht, bevor er sein Werk vollenden kann. Fünf Jahre später erfüllen sich endlich die Hoffnungen von Lucas (Nikolaj Costa-Waldau) dem Bruder des Amokläufers, seine beiden Nichten wiederzufinden. Wie durch ein Wunder haben sie überlebt, sind verständlicherweise halb verwildert und traumatisiert. Und sie erzählen von eine Gestalt namens „Mama“, die sie beschützt habe. Lucas und seine Partnerin Annabelle (Jessica Chastain) nehmen die Mädchen zu sich auf. Nachdem Lucas einen Unfall erleidet, verdichten sich die Anzeichen, dass „Mama“ keineswegs nur ein Hirngespinst ist …

Hier gibt es nicht viel zu sagen: MAMA ist ein Gruselfilm moderner Prägung, von vorn bis hinten vorhersehbar, klischeehaft, voller plotholes, aber eben grundsolide gemacht und mit dem ein oder anderen lichten Moment sowie eine Hauptdarstellerin, die sich für solche Massenware nach ihrer Leistung in ZERO DARK THIRTY eigentlich nicht mehr hergeben sollte. Die Grundidee mit den beiden verwilderten Kindern ist eigentlich ganz hübsch und böte Potenzial für eine Gruselversion von Truffauts L’ENFANT SAUVAGE, bietet letztlich aber kaum mehr als die Einleitung für eine Allerweltsgeistergeschichte, die nach üblichem Schema abläuft. Jeder Plopoint kommt mit Ansage und dass sich die Story als deutlich weniger originell entpuppt, als sie zu Beginn scheint, trägt auch nicht gerade zu einem Spannungsanstieg bei. Das Design der Titelkreatur ist ganz hübsch, wird aber etwas dadurch unterwandert, dass sie eingesetzt wird wie Hunderte von Geistern in vergleichbaren Filmen zuvor: Der Einfluss von Hideo Nakatas RINGU hat sich auch nach mehr als zehn Jahren noch nicht ganz verflüchtigt. Am Ende gibt es dann die erwartbare Dosis Pathos und ein bisschen Düsterkitsch, der auch den letzten Rest von Unbehagen vertreibt. Schade ist es um den ein oder anderen originellen Einfall: Die Szene in der die kleine Lily mit der durch die Rauminszenierung verdeckten Mama spielt, ist toll, weil sie deutlich macht, dass von „Mama“ nicht per se eine Gefahr ausgeht. Wie so vieles wird das aber nicht konsequent herausgearbeitet, sodass MAMA nie über biederes Mittelmaß hinauskommt. Kann man sich angucken, ist keine totale Zeitverschwendung, weil der ein oder andere potente Schock abfällt und vor allem auf ein süßliches Happy End verzichtet wird, ist aber schon wieder vergessen, noch bevor die Credits abgelaufen sind.

 

Die Sichtung von ZERO DARK THIRTY war eine der schwierigeren der letzten Zeit: Beim ersten Anlauf brach ich nach ca. 90 Minuten müde ab, beim zweiten Anlauf, noch einmal von vorne, schlief ich nach einem stressigen Arbeitstag sogar noch früher ein. Zwar durfte ich mir noch kein Urteil über den gerade mal zur Hälfte absolvierten Film erlauben, etwas enttäuscht war ich von dem, was ich bis dahin gesehen hatte, aber trotzdem: Nicht nur der unmittelbare Vorgänger THE HURT LOCKER, eigentlich alles von Kathryn Bigelow hatte mir bis dahin ausgezeichnet gefallen, und die positiven Urteile über ihren neuesten Film – von Menschen, auf deren Urteil ich mich gern verlasse überdies – hatten zusätzlich eine gewisse Erwartung erzeugt, die zunächst nicht erfüllt wurde. Mir erschien ZERO DARK THIRTY wenig zwingend, etwas selbstverliebt und ziellos in der akribischen Dar- und Nachstellung einer zermürbenden Menschenjagd, die sich vor allem als Wühlen durch Aktenberge, das Zutagefördern widersprüchlicher Aussagen unter anderem durch Foltern austauschbarer Informanten sowie das Prüfen verrauschter Video- und Tonaufzeichnungen darstellte. Ja, die Suche nach Osama Bin Laden, dem gefürchteten und gehassten Anführer von Al-Quaida, war schwierig, langwierig und frustrierend, gefährlich außerdem, vor allem ging sie nicht so sauber vonstatten, wie man sich das als Humanist wünschen würde. Gleichzeitig aber auch: Ja, man kann den Eifer und den Fanatismus der Amerikaner, die den furchtbaren, sinnlosen Tod von 3.000 ihrer Freunde, Verwandten und Nachbarn betrauern, außerdem die Zerstörung eines nationalen Wahrzeichens und ihres nationalen Stolzes verkraften mussten, irgendwie verstehen. Und Bin Laden ringt einem auch nicht gerade Mitleid ab: Es gibt durchaus Menschen, deren gewaltsamen Tod man als wenn schon nicht gerecht, so doch zumindest als folgerichtig und legitim betrachten kann. Live by the sword, die by the sword, gewissermaßen. Wer Wind sät … Beide Impulse – die Identifikation mit den Amerikanern, die einen skrupellosen Massenmörder fassen wollen, sowie der Zweifel an der Richtigkeit ihres Tuns, der einen beschleicht, wenn man ihre Methoden sieht – neutralisieren sich in Bigelows Film nahezu. Das hat zwar einen Grund, zu dem ich später noch komme, sorgt aber eben nicht unbedingt für ein auf Anhieb fesselndes und mitreißendes Kinoerlebnis. Stattdessen passiert etwas anderes mit einem: Man denkt nach.

Die junge, ambitionierte und engagierte CIA-Agentin Maya (Jessica Chastain) wird nach Pakistan geschickt, wo sie dabei helfen soll, eine Spur zum Aufenthaltsort von Osama Bin Laden zu finden. Gemeinsam mit Dan (Jason Clarke) foltert und verhört sie Gefangene aus Al-Quaida-Kreisen, geht Hinweisen nach, stellt Querverbindungen auf, landet aber schließlich, vermeintlich kurz vor dem Ziel, in einer Sackgasse. Bis dahin hat sie schon zahlreiche Freunde und Kollegen bei einem Selbstmordattentat verloren, Vorgesetzte kommen und gehen sehen, selbst einen Anschlag überlebt und Jahre damit verbracht, einem Phantom hinterherzujagen. Als sie dann doch ein verdächtiges Haus eines Al-Quaida-Vertrauten entdeckt, in dem ein nicht identifizierbarer Einwohner geradezu besessen darauf achtet, keinerlei Beweise für seine Anwesenheit zu hinterlassen, ist sie überzeugt, den „gefährlichsten Mann der Welt“ gefunden zu haben …

ZERO DARK THIRTY beginnt mit dem Ursprung des Traumas: Tonmaterial vom Flug 93, von Opfern im World Trade Center und ihren Angehörigen. Die Eindrücke aus dem nur wenige Sekunden dauernden Vorspann schnüren einem sofort die Kehle zu. Doch Kathryn Bigelow wird dieses Gefühl im Folgenden eben nicht für Propaganda, Folter- und Infiltrationslegitimation ausschlachten. Die Aufnahmen dienen ihr lediglich zur Schaffung von Kontext: So war das an 9/11, als 3.000 ganz normale Bürger, die sich morgens, nichts Böses ahnend, von ihren Familien verabschiedet hatten, dem größten Terroranschlag des 20. Jahrhunderts zum Opfer fielen. Der Zorn, Eifer und Fanatismus von Maya, ihren Kollegen und Vorgesetzten wird vor diesem Hintergrund nachvollziehbar, verständlich. Die physische und psychische Folter, der Dan einen Häftling unterzieht, erscheint als vertretbarer Preis, der eben gezahlt werden muss, wenn man den Schuldigen für den Anschlag zur Rechenschaft ziehen will. Aber zwischen der Gier Mayas und dem Interesse des Zuschauers klafft im Verlauf des Films eine zunehmend größer werdende Kluft: Die ganze, sich über Jahre hinziehende Jagd nimmt einen nie gefangen, bleibt seltsam abstrakt, selbstzweckhaft. Wie das obsessive Festhalten des Verlassenen an einer Geliebten, die längst Geschichte ist. Spannung erzeugt ZERO DARK THIRTY eigentlich nie: Man weiß ja, wie die Geschichte ausgeht, die Freude über kleine Erfolge wird von einem elliptischen Handlungsverlauf unterminiert, der teilweise Jahre überspringt und sich als Aneinanderreihung mal mehr, aber meist weniger miteinander verbundener und immer austauschbarere werdender Episoden entfaltet.

Erst im letzten Drittel, wenn der vermeintliche Aufenthaltsort Bin Ladens ausfindig gemacht wurde, die politischen Köpfe aus Washington überzeugt und dann die Einsatzkräfte instruiert worden sind, entfaltet ZERO DARK THIRTY so etwas wie echten Zug. Und genau hier stürzt dann das mühsam errichtete Kartenhaus der moralischen Rechtfertigung spätestens zusammen: Die brutale Härte, mit der amerikanische Soldaten in ein Wohnhaus einfallen und ohne Warnung alles töten, was sich bewegt, in einem fremden Land zudem, die Dreistigkeit und Kaltschnäuzigkeit, die dahintersteckt, die selbstgerechte Gutsherrenart, mit der man es sich herausnimmt, einen Menschen hinzurichten, von dem man ja lediglich ANNIMMT, dass er der Gesuchte ist, ist nicht mehr zu übersehen, nicht mehr zu rechtfertigen, nicht mehr hinzunehmen. Als Maya vor dem Leichnam des Mannes steht, dem sie fast 10 Jahre ihres Lebens hinterhergerannt ist, den sie glaubte besser zu kennen als einen Verwandten, obwohl sie ihn nie persönlich zu Gesicht bekommen hatte, stellt sich nicht das Gefühl eines Triumphes, sondern großer Leere ein. Der Moment, auf den sie hingefiebert, für den sie sich geopfert hatte, er ist einfach so verpufft, ohne Fanfaren, ohne Glücksgefühle. Jetzt liegt da nur ein toter alter Mann vor ihr, der wohl für niemanden mehr eine echte Gefahr darstellte. Allein fliegt sie endlich nach Haus, eine wichtige Person, die ihre Schuldigkeit getan hat. Sie muss jetzt wahrscheinlich nicht mehr arbeiten. Die Frage ist: Könnte sie es überhaupt noch? Was macht man, nachdem man Osama Bin Laden getötet hat?

Kathryn Bigelow macht eigentlich alles richtig mit ZERO DARK THIRTY: Weder hat sie einen propagandistischen Hetzfilm gedreht, der die Exekution Bin Ladens zur braven Heldentat und patriotishen Pflicht verzeichnet, noch geht sie den entgegengesetzten Weg und überzieht ihre Charaktere mit dem Hass des aus sicherer Distanz urteilenden Moralisten. Sie präsentiert sehr ausgewogen zwei unterschiedliche Wahrheiten und Perspektiven, von denen sich keine unmittelbar aufdrängt. Ihre Inszenierung ist sehr zurückhaltend, sie bemüht einen beinahe dokumentarischen Stil, wahrt die Distanz zum Geschehen und überlässt dem Zuschauer das Urteil. Das ist sehr mutig, weil es den WIderspruch, aber auch die Unentschiedenheit ausdrücklich zulässt. Vielleicht der einzige Weg, solche Geschichten überhaupt zu erzählen. Kathryn Bigelow hat eigentlich alles richtig gemacht. Aber mitgerissen oder bewegt hat mich ZERO DARK THIRTY zu keiner Sekunde. Ein reiner Kopffilm.