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all that jazz (bob fosse, usa 1979)

Veröffentlicht: Februar 25, 2015 in Film
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Mein Monat voller filmischer Wunderwerke geht weiter mit ALL THAT JAZZ, einem Film, der eigentlich niemals funktionieren dürfte, alle Zeichen eines unerträglich selbstverliebten, selbstmitledigen und weinerlichen Clusterfucks trägt, aber dank des bitteren, bissigen Drehbuchs, brillanter formaler Gestaltung und eines Roy Scheider, der in einer für ihn eher untypischen Rolle eine Leistung für die Ewigkeit ablieferte, alle Hürden mit beeindruckender Leichtigkeit überwindet. Regisseur Bob Fosse verbindet in seinem unverkennbar autobiografischen Film Bestandsaufnahme, Karriererückschau und -ausblick, Showbiz-und Selbstkritik zu einer tragikomischen, schwarzhumorigen Farce, die Realität und Traum durchmisst und gleichermaßen von Melancholie, Liebe, Narzissmus, Selbsteinsicht und -ironie geprägt ist.

Fosses Alter-Ego Joe Gideon (Roy Scheider), ein ebenso erfolgreicher wie perfektionistischer Musical- und Filmregisseur und darüber hinaus gnadenloser Womanizer, Kettenraucher und Workaholic, arbeitet sich in eine lebensbedrohliche Krankheit hinein, findet, von Todessehnsucht und unbändiger Lebenslust getrieben, jedoch auch dort keine Ruhe und stirbt schließlich, während er in einer ausufernden Trauminszenierung Abschied von der Bühne des Lebens nimmt. Die Szenen, die seinen Schicksalsweg nachzeichnen, werden immer wieder von einem Gespräch unterbrochen, in dem Gideon – möglicherweise im Todesdelirium – einem engelhaften Wesen (Jessica Lange) seine Lebensgeschichte und Gedanken offenbart und so versucht, mit sich selbst ins Reine zu kommen, Frieden zu schließen – und auch diese Frau zu verführen wie so viele andere.

ALL THAT JAZZ legt ein irrwitziges Tempo vor, überschlägt sich fast in dem Bemühen, mit dem Rhythmus Gideons mitzuhalten, der keine Pausen kennt. Zwischen dem aufreibenden Endschnitt seines Hollywood-Films „The Stand-up“ (der unverkennbare Parallelen zu Fosses eigenem LENNY aufweist) und einer neuen Broadway-Inszenierung gefangen, bei der er sich mit mäßig talentierten Tänzerinnen, pfennigfuchsenden, fantasielosen Produzenten sowie dem eigenen, nie zufriedenzustellenden Anspruch herumschlagen muss, können ihn auch seine Ex-Frau Audrey (Leland Palmer), seine Tochter Michelle (Erzsébet Földi) und seine Geliebte Katie (Ann Reinking) nicht bändigen. Gideon muss immer weiter, immer weiter, immer weiter, auch gegen den eigenen Körper und die Vernunft. Das Leben ist eine Show und die muss bekanntlich weitergehen, bis der Vorhang fällt. Man kennt diese Dramaturgie aus zahlreichen Biopics oder vor allem schweren Krankheitsdramen, in denen der Tod seinen langen Schatten unheilvoll und dräuend vorauswirft, man den Protagonisten warnen möchte wie einst im Kasperletheater, und am Ende, wenn sich das Schicksal wie erwartet vollzieht, alle Tränendämme brechen. Aber ALL THAT JAZZ ist anders. Der Tod ist keine Zäsur, er beendet nicht etwas, das hätte weitergehen sollen, sondern er ist der logische Höhe- und Kulminationspunkt von Gideons Leben, der Moment, in dem alles plötzlich Sinn ergibt und er endlich die Ruhe vor der Sucht findet, die er sich im Leben nie gönnen konnte. Sicher, man schüttelt unweigerlich den Kopf, wenn Gideon, dem der Arzt unter unmissverständlicher Schilderung der Schwere seiner Krankheit absolute Ruhe nahegelegt hat, Zigaretten qualmt und rauschende Partys feiert, dem Tod gewissermaßen feixend ins Gesicht lacht, aber dann muss man auch seine Energie und Chuzpe bewundern. Er entscheidet sich bewusst für seinen Weg und nimmt das Ende, das ihm droht, in Kauf. Ruhiger zu treten, das Arbeiten, das Rauchen, die Frauen aufzugeben: Das wäre schlimmer als der Tod, weil es die Negierung all dessen wäre, was Gideon ist.

Fosse macht trotzdem nicht den Fehler, den ausschweifenden Lebensstil seines Protagonisten (seiner selbst) hoffnungslos zu glorifizieren. Eine sehr eindringliche Sequenz macht nachvollziehbar, unter welchem Druck Gideon ständig steht: Bei einer Scriptlesung in Anwesenheit der Geldgeber wird der Dialog komplett stumm geschaltet, alles, was man hört, sind die Geräusche von Gideons nervös und ungeduldig trommelnden Fingern, dem Scharren seiner Füße, das Knistern seiner Zigaretten, das Knacken des Belistifts, den er schließlich zerbricht. Hier begreift man, dass Gideon nicht einfach nur eine spezielle Haltung zum Leben einnimmt, sondern dass er seine Umwelt ganz anders wahrnimmt. Schon auf einem Stuhl zu sitzen, wird für ihn zu einer Tortur, weil er machen, machen, machen will. Und genau diese Rast- und Ruhelosigkeit ist es auch, die ihn überhaupt erst zu einem großen Künstler werden lässt. Als Gideon an einer Musicalnummer verzweifelt, verbeißt er sich förmlich in die Arbeit und präsentiert dann schon bei der Probe eine absolut atemberaubende, grenzensprengende Choreografie, die die Zuschauer – sowohl intra- wie extradiegetisch – sprach-, fassungs-, mitunter auch verständnislos zurücklässt. (Die spätere CONAN-Darstellerin Sandahl Bergman geizt hier nicht mit ihren Reizen.) Ständig strebt Gideon zu Höherem, ohne jede Rücksicht auf sich, nur die Kunst im Blick – und muss dann miterleben, wie seine Errungenschaften unter schnöden ökonomischen Gesichtspunkten bewertet werden. Das Problem von Gideon ist, dass er sich selbst nicht gehört, sich selbst nur als Durchlaufstationen für ehabene Ideen, als Werkzeug begreift – und auch von anderen nur so begriffen wird. (Seine Produzenten hoffen nach der Rücksprache mit der Versicherung auf seinen Tod, da sie dann einen Gewinn erwirtschaften, ohne dass ihr Stück überhaupt aufgeführt wird.)

Das Timing, die Musik, die Bilder, der Schnitt, die Darsteller, der Humor: Hier ist wirklich alles perfekt, selbst, wenn es einmal nicht perfekt ist. ALL THAT JAZZ wirft sich lustvoll in den Wahnsinn, verwandelt auf wundersame Weise auch noch den potenziell schmerzhaft peinlichsten Moment in ein rauschhaftes Bekenntnis zum Leben und zur Kunst. Das Ende ist sicherlich kritikwürdig, dehnt den vielleicht uninteressantesten Song des Films am längsten aus, zögert das doch Unvermeidliche und längst Feststehende anscheinend unnötig heraus und ist über die volle Distanz höchst redundant. Ich hatte ein kurzes Streitgespräch mit meiner Gattin, die dieses Ende als zäh und als Schwachpunkt des Films empfand. Das ist rein emotional betrachtet wahrscheinlich sogar richtig (die zeitgenössische Kritik bewertete es ähnlich), aber aus inhaltlicher Sicht muss es meines Erachtens nach genau so, darf es gar nicht anders sein. Wir haben bei diesem Finale teil an der Todesfantasie eines selbstverliebten Egoisten, eines sympathischen zwar, aber dennoch eines Narzissten, der seine letzten Sekunden für sich als großen Triumph inszenieren darf. Einmal steht er im Mittelpunkt, einmal redet ihm keiner rein, einmal kann er all seinen Instinkten folgen (auch den schlechten) und tun und lassen, was er will. Und, was faszinierend ist: zum ersten Mal ist er auch mit sich selbst ganz zufrieden, bleibt sein sonst rasender Perfektionismus vollkommen stumm. Auch ohne religiösen Kitsch und tränenreiches Pathos wird der Tod hier zu etwas unendlich Beruhigendem, Befreiendem.Gideon war noch nicht fertig, aber er stirbt trotzdem mit einem Lächeln auf den Lippen.

Bob Fosse machte nach ALL THAT JAZZ noch einen Film, inszenierte noch ein Bühnenstück, dann starb er – an einem Herzinfarkt. Welchen Song er auf den Lippen hatte, als er die letzte große Reise antrat, werden wir nicht erfahren.

king kongDie Änderungen zum Original: Der Schurke ist Fred Wilson (Charles Grodin), der auf der Hemaitinsel des Riesenaffen Erdöl vermutet, die Heldenrolle fällt Jack Prescott (Jeff Bridges) zu, der Böses ahnt und den Landgang als blinder Passagier verhindern will, Jessica Lange ist Dwan, eine schiffbrüchige Schauspielerin, in die sich der arme Affe verliebt, das Empire State Building wird gespielt vom World Trade Center und Kong ist keine Stop-Motion-Animation mehr, sondern ein schnöder Mann im Affenkostüm.

Für mich mit ähnlich viel Erinnerungen aufgeladen wie LO CHIAMAVANO BULLDOZER ist KING KONG im kollektiven Gedächtnis vor allem als megalomanischer Trash und einer von vielen De-Laurentiis-Flops verankert. Bislang – die letzte Sichtung ist lange her – konnte ich die Häme, die über ihm ausgeschüttet wird, nicht so ganz nachvollziehen: Für mich war KING KONG immer ein großer, aufwändiger Hollywood-Film, der zudem mit einem wirklich herzzerreißenden Affentod aufwarten konnte. Nun, diese Wahrnehmung würde ich heute weitestgehend kindlicher Verblendung zuschreiben, denn Guillermins Event-Remake ist tatsächlich wenig mehr als teurer Schund. Klar, das ist alles mit großer Geste inszeniert und John Barrys schwelgerischer Score tut seinen Teil, KING KONG zu dem Großereignis aufzublasen, das er sein soll, aber das verstärkt nur den Eindruck, es mit mit viel Geld auf Hochglanz poliertem Käse zu tun zu haben. Die Fettnäpfchen im Einzelnen: Debütantin Jessica Lange sieht zwar super aus, kann ihrer als oberflächlich-hohlbirnigem Starlet gezeichneten Dwan aber überhaupt keine menschlichen Fassetten abringen. Ein Riesenaffe scheint tatsächlich ihr idealer Partner, dennoch bleibt die Liebesbeziehung zwischen beiden reine Behauptung, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass das Drehbuch den zentralen Handlungsstrang – Jack muss Dwan aus Kongs Händen befreien – auf wenige Minuten runterkürzt. Die Entscheidung, Kong am Ende nicht aufs Empire State Building, sondern auf das WTC klettern zu lassen, ist ja nur folgerichtig, der Effekt verpufft aber wirkungslos, weil sich kein einziger Mensch in Manhattan aufzuhalten scheint. Panik? Fehlanzeige. Den finalen Sargnagel bedeuten aber die Special Effects, für die tatsächlich ein Oscar vergeben wurde, damit sämtlichen japanischen Godzilla-Kostüm-Herstellern ins Gesicht spuckend, und die die schöneren Einfälle des Film ein ums andere Mal sabotieren. Zwar ist das Affengesicht schön animiert worden, aber das ändert nix daran, dass ein Schauspieler, der im Jahre 1976 im Affenkostüm vor einem Bluescreen oder aber in Minaturkulissen rumlatscht, die Effektkunst nicht zu neuen Ufern treibt, sondern diese um ein bis zwei Jahrzehnte zurückwirft. Der interessanteste inhaltliche Aspekt scheint mir die Unentschlossenheit des Aktivisten Jack, der sich einerseits für den Erhalt der Umwelt und fremder Kulturen einsetzt, aber dennoch nicht unbeteiligt bleiben will, wenn Geschichte geschrieben und die entsprechenden Tantiemen vergeben werden. So wie das im fertigen Film abgehandelt wird, scheint es aber eher ein Unfall als Absicht zu sein.

Ich will  trotzdem nicht allzu viel meckern: KING KONG ist recht bunte Sonntagnachmittag-Unterhaltung, die mit entsprechend nostalgischem Background für 120 kurzweilige und mit unfreiwilligem Humor gespickte Minuten sorgt und als Musterbeispiel menschlicher Hybris eh unumgänglich ist. Er zeigt zudem sehr anschaulich, wogegen sich die Protagonisten des 1976 schon wieder auf dem absteigenden Ast befindlichen New-Hollywood-Kinos eigentlich positioniert hatten: gegen dummdreiste und unkreative, aber mit viel Finanzpower hochgetunte Popanze wie diesen hier. Ein Riesenaffe von einem Film, ideed.