Mit ‘Jessica Moore’ getaggte Beiträge

topmodelDer Titel TOP MODEL ist gleich in zweierlei Hinsicht irreführend: Zum einen handelt es sich bei diesem Film des fleißigen Joe D’Amato um ein Sequel zu dessen 9 1/2 WEEKS-Rip-off 11 DAYS, 11 NIGHTS aus dem Jahr zuvor, das damals sogar einen deutschen Kinostart bekam. (Der Alternativtitel von TOP MODEL lautet dann auch wesentlich weniger geheimniskrämerisch 11 DAYS, 11 NIGHTS PART 2: THE SEQUEL.) Zum zweiten gibt es im ganzen Film kein einziges Top-Model zu bewundern, vielmehr müsste man die Protagonistin richtigerweise als „Upper Middle Class Prostitute“ bezeichnen, was zugegebenermaßen nicht ganz so glamourös und griffig klingt und auch schlechter auf ein Videokassetten-Cover passt.

Wie zuvor geht es um die gar nicht prüde Sarah Asproon (Jessica Moore): Sie arbeitet im vornehmen Callgirl-Betrieb von Dorothy (Laura Gemser), die – wenn ich das richtig verstanden habe – auch als ihre Verlegerin fungiert. Sarah ist nämlich eine Art Kreuzung aus Günther Wallraff und Erika Berger, und nachdem sie zuvor einen Bestseller über ihre Sexerlebnisse als clevere Aufreißerin geschrieben hatte, soll sich in ihrem neuen Buch nun alles um die verschiedenen Freier drehen, die sie bedienen muss. Da ist zum Beispiel der schwitzige Brillenfettsack, der sie in einem mit nackten Schaufensterpuppen ausgestatteten, sonst völlig leeren Loft empfängt und sie dann dabei fotografiert, wie sie Sex mit diesen simuliert. Oder ein fieser Geschäftsmann, der sie in einer Lagerhalle für Mardi-Gras-Umzugswagen vögelt und das Spektakel per Kamera in ein kleines Büro überträgt, wo seine Kumpels anerkennend mit der Zunge schnalzen. Dann gibt es da noch einen großen, sehnigen Schwarzen mit einem riesigen, extraordinär frisierten Schnauzbart, der wahre Sturzbäche der Lust schwitzt, während Sarah ihm … ja was denn eigentlich? Der Kameraperspektive und ihren Bewegungen zufolge vermute ich, dass sie ihm lustvoll die Kniescheiben massiert, aber ich kann mich natürlich irren, kenne mich schließlich nicht aus im Business.

Naja, wie dem auch sei, jedenfalls lernt Sarah eines Tages Cliff (James Sutterfield) kennen, der in Dorothys Agentur irgendwas mit den Computern machen soll. Er verguckt sich in die stets provokative Sarah, die von seiner Mischung aus jungenhafter Schüchternheit und durchtrainiertem Hardbody sogleich auf Betriebstemperatur gebracht wird. Nun kommt das eine Problem ins Spiel, das sich der Film gönnt – als „Konflikt“ kann man es kaum bezeichnen: Cliff ist während seines Aufenthalts in N’Awlins, wo der Film wie fast alles, was D’Amato in dieser Zeit gedreht hat, spielt, bei seinem Freund untergekommen, der seinerseits auf Geschäftsreise ist und gern eine Beziehung mit Cliff führen würde. Cliff ist sich nämlich über seine Sexualität nicht so recht im Klaren, zumindest sollen das seine hadernde Blicke und eine Szene, in der er ein Foto seines Freundes anhimmelt, suggerieren. Aber mit seiner inneren Zerrissenheit ist es dann doch nicht so schlimm, denn er nutzt jede sich bietende Gelegenheit, sich mit Sarah zu treffen und sich von ihr in die weite Welt der heterosexuellen Liebe einführen zu lassen. Diese Sarah ist wirklich bemerkenswert: Wo andere Prostituierte zwischen zwei Freiern froh wären, sich vom Job erholen zu können oder mal was ganz anderes zu machen, zum Beispiel neues Laminat verlegen oder die Fugen im Bad nachziehen, da trifft sie sich noch zum privaten Ficken. Da hat jemand wahrlich sein Hobby zum Beruf gemacht! Was in den seligen Eighties alles möglich war! Natürlich darf nach 9 1/2 WEEKS auch eine Szene nicht fehlen, in der Nahrungsmittel lüstern zweckentfremdet werden, in diesem Fall eine ganze Box mit Garnelen, die Cliff seiner Geliebten über den nackten Körper zieht (also die Gernelen, nicht die Box). Findet das wirklich irgendjemand geil auf diesem Planeten? Wenn ja, more power to them, aber zum Angucken ist das wirklich nix.

Ganz, ganz zum Schluss, man fragt sich schon, wo diese träge Aneinanderreihung von supersoft gefilmten Sexszenen eigentlich hinführen soll, kommt dann der Moment der Eskalation, auf den in RomComs so verlässlich wie das Amen in der Kirche eine Montagesequenz folgt, die die beiden eigentlich füreinander Bestimmten, nun aber durch ein dummes Missverständnis Getrennten dabei zeigt, wie sie traurig die Orte des verflossenen gemeinsamen Glücks aufsuchen, bedröppelt bei ihren ausgelassen lachenden Freunden sitzen oder sich in Jogginghose und Unterhemd zwischen aufgerissenen Chipstüten und Kleenexpackungen gehen lassen: Sarah sieht Cliff, wie er auf dem Flughafen seinen zurückkehrenden Freund abholt und dieser ihm vertraulich die Hand auf den Arm legt. Ich wusste ja, dass Amerikaner als keusch gelten, aber ob diese kleine Freundschaftsbekundung wirklich jenes Entgleisen der Gesichtszüge rechtfertigt, das Sarah danach befällt? Aus der oben skizzierten Trauer und der folgenden tränenreichen Versöhnung wird leider nichts, denn kaum hat Sarah sich umgedreht, um in eine Zukunft ohne Cliff zu schreiten, kommt der auch schon hinter ihr hergerannt und es gibt eine Umarmung, die sagt: „Lass uns heiraten! Ach nee, lass uns erst einmal irgendwas Geiles mit unseren Geschlechtsteilen machen.“ Wer will es Cliff verdenken? Wer sich einmal von Sarah die Kniescheiben hat massieren lassen, ist für homosexuelle Popoliebe für immer verloren.

51qrh8blzklEtwas mehr als ein Jahr nach Adrian Lynes Skandalfilm 9 1/2 WEEKS kam mit 11 DAYS, 11 NIGHTS Joe D’Amatos Version der Geschichte um experimentierfreudigen Sex, Manipulation und Enttäuschung in die deutschen Kinos (ja, richtig gelesen, in die Kinos). Vom Vorbild unterscheidet sich der Nachzügler in der etwas kürzeren Liaison, dem Schauplatz (New Orleans statt New York), vor allem aber durch die vertauschten Vorzeichen: Bei D’Amato ist es der Mann, der zum hilflosen Spielzeug wird, während die Frau in bester Noir-Tradition die Rolle der kreativ-fantasievoll-verruchten Verführerin übernimmt. Natürlich gibt es noch weitere gravierende Differenzen: Wo sich im US-amerikanischen Erotikklassiker die übernatürlich attraktiven Kim Basinger und Mickey Rourke mit dem Becken durch perfekt eingerichtete Yuppie-Wohnungen schoben, da sind es in 11 DAYS, 11 NIGHTS zwei eher durchschnittlich attraktive Gestalten, deren Sexspielchen zudem reichlich abgeguckt und weniger perfekt umgesetzt anmuten. Man kann das durchaus als Realismus verbuchen: Der Aufstieg der Protagonisten auf den Olymp der Lust gleicht hier einem unter Keuchen absolvierten Fußmarsch auf den Kahlen Asten, auf dessen enttäuschendem Gipfel man sich ernüchtert die wund gelaufenen Plattfüße kühlt und sich in der mit Souvenir-Scheußlichkeiten vollgestellten Touristengaststätte labberige Knackwurst mit Kartoffelsalat aus dem Eimer servieren lässt.

11 DAYS, 11 NIGHTS hält sich nicht lang mit einer Exposition auf. Auf einer Fähre begegnet der absurd bebrillte Michael Terenzi (Joshua McDonald) der blonden Sarah Asproon (Jessica Moore), deren Name zwei ihrer hervorstechendsten Merkmale beinhaltet: Arsch und Dörrpflaume. Als erstes zeigt sie dem sofort hingerissenen Michael aber ungefragt ihre Brüste – und klaut ihm die Brieftasche. Als sie ihn wenig später anruft, ist das der Beginn einer wilden Affäre, die allerdings zeitlich begrenzt ist: In 12 Tagen soll Michael nämlich seine etwas dröge Verlobte Helen (Mary Sellers) ehelichen. Je wilder die Spielchen mit Sarah aber werden, umso weniger Lust hat Michael auf das nur wenig sexuelle Aufregung verheißende Leben mit der Ehefrau in spe. Was er nicht weiß: Sarah ist ein abgezocktes Biest, das die Männer in Reihe ausnutzt, um ihre Erfahrungen in einem Buch zu verarbeiten …

Als sie ihm ganz am Ende des Films ihr Geheimnis offenbart, ihm außerdem gesteht, dass er der hundertste war, mit dem sie ihr Spielchen gespielt hat, fragt er sie, warum sie ausgrechnet ihn auserkoren habe. Weil er schwach sei, so schwach, wie es in solchen Konstellationen sonst eigentlich nur Frauen seien, antwortet sie ihm. Es ist der Moment, in dem D’Amato selbst die Beziehung zu Lynes Film offenlegt und sich zu diesem ins Verhältnis setzt, als quasi-feministischer Gegenentwurf oder gar Wiedergutmachung. Wenn Michael in einer Spiegelung der entsprechenden Szene aus 9 1/2 WEEKS von Sarah auf der Toilette eines vornehmen Restaurants dazu gezwungen wird, in Frauenkleider zu schlüpfen, er wenig später sehr ungelenk auf hochhackigen Schuhen, in Seidenstrümpfen, Strapsen und einem kurzen Pailettenkleid unter den verwunderten Blicken der anwesenden Gäste hinausstolpert, möchte man 11 DAYS, 11 NIGHTS tatsächlich als die unblutige Revenge-Hälfte zur 9 1/2 WEEKS-Rape interpretieren. Aber diese Lesart geht nur bedingt auf, weil D’Amato keinen misanthropischen Designer-Sexfilm gedreht hat, sondern, wie schon mit BLUE ANGEL CAFE, ein Melodram, das den ganzen WASP-Mief der Achtzigerjahre ausdünstet, es aber nicht schafft, sich von ihm loszusagen. Michael ist im Grunde genommen ein jämmerlicher Feigling, der kurz vor der Heirat kalte Füße bekommt, aber sich seiner Angst nicht stellt, sondern vor ihr wegrennt wie ein kleiner Junge, und seine nichtsahnende Gattin einfach allein lässt, wahrscheinlich in der Hoffnung, sie werde sich in Luft auflösen. Und dann diese Frau, bei der er die Erlösung sucht: In unseren Breiten gibt es dafür den schönen Begriff „Pommeslocke“, eine etwas babyspeckig anmutende Blondine von mäßiger Attraktivität  und zweifelhaften Vorstellungen von Spaß. Gut, letzteres konnte man über Mickey Rourke natürlich auch sagen, aber seine Einfälle waren dann wenigstens wirklich kinky und diabolisch. In 11 DAYS, 11 NIGHTS besteht eines der gemeinen Spielchen Sarahs etwa darin, eine ganze Horde fieser Leute zu einem „romantischen Date“ mitzubringen, die sich wie die Tiere über das schäbige Essen vom China-Taxi hermacht und enthusiasmiert zur gruseligen Pornomucke aus dem Kasettenrekorder tanzt, bis Michael einen Anfall bekommt und sie rausschmeißt. Das ist nicht sexy, sondern einfach nur scheiße.

In seinem letzten Akt, wenn eigentlich alles erzählt ist, ergeht sich 11 DAYS, 11 NIGHTS in einer wahren Flut von Montage-Sequenzen: Fugenkunst, wie es Christoph von Eskalierende Träume nennt. Da wird New Orleans bis in den letzten Winkel und zurück erkundet, während sich der Synthie-Soul in einen emotionalen Taumel stürzt. Die längste dieser Sequenzen zeigt Michaels Gattin, die Lunte gerochen hat und ihrem mit der neuen Errungenschaft wie ein frisch Verliebter durch die Stadt bummelnden Verlobten nachstellt. Wie Helen da tränenreich und ohne jeden Selbstrespekt um die Liebe dieses Lappens kämpft, der so tut als wäre nichts, obwohl seine Hochzeit vor der Tür steht, ist geradezu schmerzhaft mitanzuschauen. Ich weiß nicht, ob D’Amato das bittere Ende nicht vielleicht doch ernst gemeint haben könnte: Nachdem Michael bemerkt hat, dass er einer Soziopathin aufgesessen ist, kehrt er am Hochzeitsmorgen zu Helen zurück, klingelt wie ein geprügelter Hund mit einem Sträußchen Blumen an ihrer Tür und bittet sie um Verzeihung. Nach kurzer Ungewissheit lächelt sie, er lächelt zurück und das Bild friert ein. Man muss schon ein hoffnungsloser Träumer und Naivling sein, um das als Happy End begreifen zu können.