Mit ‘Jim Brown’ getaggte Beiträge

Das ein Jahr nach SLAUGHTER entstandene Sequel, in Deutschland unter dem wunderbar rassistischen Titel DER SOHN DES MANDINGO erschienen, merzt ein paar der von mir zuvor kritisierten Schwächen aus: Der Film ist runder, hat mehr Flow, ist besser gespielt und zeigt mehr jener typischen Blaxploitation-Elemente: Die Dilaogzeilen sind voller jive talk, alle Schwarzen quatschen sich selbstverständlich mit „brother“ an und es gibt auch den obligatorischen Pimp mit Riesenhut, Zigarettenmundstück, buntem Anzug und Klunkern an den Fingern. Die Schurken sind mal wieder weiße, mafiös organisierte Gangster, die großzügig mit dem Wörtchen „nigger“ umspringen und aus ihrer Verachtung für Slaughter keinen Hehl machen und natürlich steht der weiße Chief of Detectives auf ihrer Gehaltsliste.

Wenn SLAUGHTER’S BIG RIP-OFF aus diesen Gründen aber vertrauter und bunter wirkt und etwas besser reinläuft als sein Vorgänger, bedeutet das aber auch, dass er sehr viel austauschbarer ist. Die Ruppigkeit und Direktheit, mit der Jack Starrett die Gewalt zuvor inszenierte, ist hier weitestgehend abwesend. Die brutalste Szene gibt es gleich zu Beginn, wenn ein Freund Slaughters bei einem Picknick aus einem heranrasenden Flugzeug erschossen wird und ihm förmlich die Schädelecke wegfliegt. Danach erinnert die Gewaltdarstellung fatal ans Vorabendfernsehen: Da werden die Bösewichter von den Helden zwar in absurder Zahl umgebracht – ein Einbruch, den Slaughter zusammen mit dem Zuhälter Joe Creole (Dick Anthony Williams) durchführt, artet in ein regelrechtes Massaker aus, was aber niemanden so richtig tangiert -, aber das alles ist mit der Blutarmut einer Episode von THE A-TEAM inszeniert. Insgeheim wartet man darauf, dass alle wieder aufstehen und über Kopfschmerzen klagen.

Letzten Endes sind sich die beiden SLAUGHTERs trotz der beschriebenen Unterschiede sehr ähnlich: Ihnen fehlt eine Idee, die sie über die Anwesenheit des Ex-Football-Superstars Jim Brown hinaus, erwähnenswert machte. Ich kann mich jetzt, einen Tag nach SLAUGHTER’S BIG RIP-OFF, schon nicht mehr daran erinnern, wie Don Strouds Kirk, der Killer des Films, eigentlich stirbt. Das mag auch an den Bieren liegen, die ich gestern getrunken habe, ist ganz gewiss aber auch von der ultimativen Durchschnittlich- und Epigonenhaftigkeit von SLAUGHTER’S BIG RIP-OFF begünstigt worden. Klarer Fall von „kann man mal gucken, muss man nicht“.

Jim Brown ist eine amerikanische Footballlegende: Während seiner Zeit in der NFL, von 1957 bis 1965, wurde er in jedem Jahr für den ProBowl nominiert, das jährliche All-Star-Spiel, brach reihenweise Rekorde und gilt vielen als bester Footballspieler aller Zeiten – was ihn automatisch zu einem der größten Sportstars überhaupt macht. Für einen Deutschen ist Browns Popularität, vor allem bei Afroamerikanern, die in den Sechzigern ja noch ganz akut von der Segregation betroffen waren, kaum annähernd einzuschätzen und zu bewerten. Seine Beliebtheit mündete unmittelbar nach seinem Karriereende in eine neue Laufbahn als Leinwandheld, in der aber – da sind wir wieder beim alltäglichen Rassismus – zunächst die zweite Geige als Sidekick weißer Stars spielen musste, etwa in THE DIRTY DOZEN, DARK OF THE SUN, ICE STATION ZEBRA. Ein paar Hauptrollen in kleineren Produktionen fielen auch ab, z. B. in KENNER, 100 RIFLES, TICK … TICK … TICK … oder RIOT, aber es war dann SLAUGHTER, der seinen Ruf als einer der großen Blaxploitationhelden zementierte. Der billig runtergekurbelte Film war ein Hit, dem kurze Zeit später ein Sequel sowie weitere ähnliche Engagements folgten: BLACK GUNN, THREE THE HARD WAY sowie der von Antonio Margheriti inszenierte TAKE A HARD RIDE.

SLAUGHTER gilt mithin als einer der großen Hits seines problematischen Genres, aber so richtig warm geworden bin ich mit ihm auch bei dieser zweiten Sichtung nach vielen Jahren nicht. Wer auf ruppige Gewalt steht – und wer tut das nicht? -, der wird hier durchaus fündig, aber sowohl erzählerisch wie auch schauspielerisch und inszenatorisch ist Starretts Film kaum anders als als holprig und steif zu bezeichnen. Der Regisseur sollte im weiteren Verlauf seiner kurzen Karriere deutlich stärkere Arbeiten vorlegen, etwa das Horror-Roadmovie RACE WITH THE DEVIL oder den tragikomischen Heist-Film THE GRAVY TRAIN. SLAUGHTER, der eine sehr banale und schmucklose Rache- und Crime-Geschichte erzählt, hat hingegen nicht viel mehr zu bieten als die Präsenz Browns, die dicken Titten von Stella Stevens und eben die splatterigen Einschüsse. Auch Starrett selbst scheint nicht allzu überzeugt von der Potenz seines Scripts gewesen zu sein, was man daran erkennt, dass jede Gewaltszene mithilfe einer kruden Fischaugenlinse aufgemotzt wird. Es fallen ein paar schöne Aufnahmen ab, das Finale drückt ganz gut aufs Gas, Rip Torn gibt einen herrlich widerlichen Schurken und wirklich langweilig ist SLAUGHTER nun auch nicht, weil er sehr verlässlich nach zwei bis drei öden Dialogszenen, die das Nichts an Handlung sehr unbeholfen vorantreiben, eine Keilerei einschiebt, aber fesselnd ist definitiv was anderes. Die bunte Funk-geschwängerte Absurdität, die die besseren der kommerziellen Blaxploiter jener Tage an den Tag legen, geht ihm ebenfalls völlig ab: SLAUGHTER ist noch sehr in den Sechzigerjahren verhaftet und wirkt teilweise ziemlich altbacken. Vielleicht klappt’s beim nächsten Mal besser …

tick-_tick-_tickSpannend, sich vorzustellen, wie dieser Film wohl ausgesehen hätte, wäre er nur ein, zwei Jahre später entstanden, nachdem SHAFT die Ära der Blaxploitation eingeläutet hatte. Das unter Nelsons Regie eher ruhige, unspektakuläre Rassismus-Drama, dessen „Showdown“ aufgrund geglückter De-Eskalationsstrategie gar nicht erst stattfindet, hätte wohl einen deutlichen Testosteronschub erhalten und sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, Jim Brown mit stählernen Fäusten und großkalbrigen Knarren bewaffnet auf Rassistenjagd zu schicken. So geht es in TICK … TICK … TICK … aber (leider) nicht um wohltuende Triebabfuhr durch explosive Redneckbestrafung. Dass Nelsons Film dadurch automatisch „realistischer“ würde, möchte ich, in Unkenntnis der damaligen Verhältnisse zwar, aber dennoch, bezweifeln. Ralph Nelson, der sich im selben Jahr mit dem umstrittenen SOLDIER BLUE für die Belange der amerikanischen Ureinwohner einsetzen sollte, meint es gewiss ernst und hat einige interessante Gedanken zur friedlichen Koexistenz von Afroamerikanern und Weißen, aber leider trifft er nicht immer den richtigen Ton.

In einer Kleinstadt im Bundesstaat Mississippi bereitet sich Sheriff Little (George Kennedy) auf seinen Abgang vor. Am nächsten Tag soll Jim Price (Jim Brown), ein Schwarzer, den Posten übernehmen, ein Ereignis, dem die weißen Rassisten des Ortes mit sadistischer Neugier entgegensehen und den Fehltritt des unliebsamen Neuen, der nur eine Frage der Zeit ist, sehnlichst erwarten. Little, zwar verletzt wegen seiner Abwahl, aber ein gemäßigter Vertreter inmitten der tosenden Dummheit, steht dem unbeugsamen, aber auch etwas undiplomatischen Price zur Seite. Das ist auch bitter nötig, als der Sheriff den Sohn eines einflussreichen Politikers wegen Totschlags verhaftet …

Nelson beleuchtet den Grundkonflikt von unterschiedlichen Seiten, zeichnet die weiße Stadtbevölkerung nicht ausschließlich als schäumende Schwarzenhasser, sondern zeigt auch, wie politische Interessen die Situation noch anheizten. Dass Price die Position des Sheriffs überhaupt erringen konnte, verdankt er nicht zuletzt der Hilfe von Bürgerrechtlern von außerhalb, die längst das Weite gesucht haben, als er seinen Arbeitsplatz bezieht. Little hat zwar Recht, wenn er die wütenden Weißen daran erinnert, dass es keine „schwarzen“ und „weißen“ Stimmen, sondern nur Stimmen in einer Wahl gibt und die Mehrheit eben siegt, aber dass da ein gefährliches sozialpolitisches Experiment auf dem Rücken der Bürger – und dem von Price! – ausgetragen wird, ist nicht von der Hand zu weisen. Price hat aber längst nicht nur mit Vorurteilen von Rechts zu kämpfen: „Seine“ Leute erwarten von ihm nun ihrerseits eine Sonderbehandlung, wundern sich, als er einen Vergewaltiger verhaften will und bezeichnen ihn als Verräter, weil er keinen Unterschied zwischen Weiß und Schwarz macht. Unterlegt wird der Film vom titelgebenden unablässigen Ticken verschiedener Uhren, das wohl daran erinnern soll, auf welchem Pulverfass Price sitzt. Unterminiert wird dieser Kniff aber durch den allzu versöhnlichen Plotverlauf: Die drohende Gefahr kann durch die Zusammenarbeit von Schwarzen und Weißen am Ende leicht und ohne Blutvergießen abgewehrt werden und selbst der unversöhnlichste Redneck hat schließliche Resekt vor dem mutigen Sheriff, der kein Geheimnis daraus macht, Ambitionen auf das Amt des Bürgermeisters zu haben.

Nelson vertraut auf die menschliche Vernunft, was ihn gewiss ehrt, TICK … TICK … TICK … aber auch etwas naiv anmuten lässt. Hinzu kommen einige fragwürdige Entscheidungen wie jene, die Jagd auf den Totschläger, der kurz zuvor im Suff ein kleines Mädchen totgefahren hat, als munteren Ringelpiez mit abschließendem Badespaß zu inszenieren, der völlig vergessen lässt, dass da gerade ein Mensch sein Leben gelassen hat. Auf der Habenseite verbucht er aber die wunderbaren Darbietungen von Kennedy als mit sich selbst haderndem Ex-Sheriff, dessen Wunden von seiner kritischen Gattin zusätzlich mit Salz bestreut werden, und Fredric March als patriarchaischem, aber nicht mehr ganz taufrischem Bürgermeister, der die Bürger seiner Stadt behandelt wie der strenge Lehrer seine Schüler. Entgegen seines ernsten Themas, das ja oft Anlass für mahnende Lehrstunden à la MISSISSIPPI BURNING oder IN THE HEAT OF THE NIGHT war, ist TICK … TICK … TICK … also ein eher entspannter Film geworden. Vielleicht ist es vor allem die Verwunderung darüber, dass ich nicht hunderprozentig warm mit ihm geworden bin.

 

 

Zehn Jahre vor THE WILD GEESE, der seinerzeit zum Riesenhit avancierte und eine ganze Welle von Söldnerfilmen nach sich zog, erschien dieser Genrevertreter unter der Regie des Kameragenies Jack Cardiff (u. a. BLACK NARCISSUS, RAMBO: FIRST BLOOD PART 2, A MATTER OF LIFE AND DEATH, THE VIKINGS, THE RED SHOES und THE AFRICAN QUEEN). Statt großer Begeisterung und voller Kinos setzte es aber eher harsche Kritik: Die expliziten Gewaltdarstellungen überforderten viele Rezensenten, die auch Probleme damit hatten, einen realen Konflikt – die sogenannte Kongo-Krise – als pittoresken Hintergrund eines Abenteuerfilms „missbraucht“ zu sehen. Nachdem die Demokratische Republik Kongo, eine belgische Kolonie, 1960 die Unabhängigkeit erlangte, kam es dort zu Auseinandersetzungen zwischen Armee und belgischen Offizieren, die in einer Massenflucht der belgischen Einwohner und dem Eingriff von UN-Blauhelmen mündeten. Die folgenden Machtstreitigkeiten führten angestachelt durch die Interventionen Belgiens, der USA und der UdSSR in einen Sezessionkrieg, der die junge Nation in drei Teile spaltete (der deutsche Titel KATANGA ist der Name eines dieser Teilgebiete).

In Cardiffs Film, inszeniert nach dem Roman von Wilbur Smith, wird der amerikanische Söldner Bruce Curry (Rod Taylor) vom kongolesischen Präsidenten Ubi (Calvin Lockhart) beauftragt, die belgischen Bewohner einer abgelegenen Stadt mit einem Zug in Sicherheit zu bringen. Noch wichtiger sind Ubi aber die Diamanten im Wert von 50 Millionen US-Dollar, die ebenfalls in der Stadt liegen und eine überlebensnotwendige Finanzspritze für die leere Staatskasse bedeuten. Zusammen mit seinem kongolesischen Freund Ruffo (Jim Brown), dem faschistischen Deutschen Henlein (Peter Carsten), dem trunksüchtigen Arzt Wreid (Kenneth More) und 40 Soldaten begibt sich Curry auf die gefährliche Reise. Am Ziel angekommen, erfährt er, dass der mit einer Zeitschaltuhr gesicherte Safe erst in drei Stunden geöffnet werden kann. Und die mordlüsternen Simbas sind schon im Anmarsch …

DARK OF THE SUN (oder auch THE MERCENARIES) vereint im Stile der großen Abenteuer-Kriegsfilme der Sechzigerjahre heute eigentlich Unvereinbares, nämlich Politik, Gewalt und kernige Landser-Romantik zu einem garantiert politisch unkorrekten Gebräu. Das Drehbuch von Ranald McDougall und Adrian Spies hakt alle Klischees ab, die dem Genre auch in den kommenden Jahrzehnten erhalten bleiben sollten: die Auftraggeber mit der Doppelagenda, den grausamen Konflikt vor exotischer Kulisse, den abgefuckten Protagonisten, der sich über die Verkommenheit seines Jobs mit der Ausrede hinwegtäuscht, dass ihn sonst jemand anderes machte, den uneigennützig handelnden Freund, dessen unablässige Ansprachen schließlich einen Sinneswandel beim Helden einleiten, den saufenden Verlierer, der in einem Märtyrerakt seine Menschlichkeit zurück erhält sowie neben den gesichtslosen, dafür umso barbarischer agierenden feindlichen Armeen einen wahrhaft scheußlichen Schurken. Peter Carstens Henlein basiert auf dem deutschen Söldner Siegfried Müller, der als „Kongo-Müller“ international bekannt wurde (und Didi Hallervordens „Kongo-Otto“ in seinem DIDI UND DIE RACHE DER ENTERBTEN inspirierte) und sich u. a. mit einem Eisernen Kreuz von der Presse ablichten ließ. Henlein ist noch eine Nummer widerlicher, denn bei ihm ist es das Hakenkreuz, das an seiner Brust prangt. Curry fordert ihn gleich zu Beginn auf, es abzunehmen, befiehlt ihm dann wenig später, nachdem der Deutsche zwei Kinder erschossen hat, es wieder anzulegen: „You have earned it“, kommentiert er angewidert, eine der besten Szenen des Films.

DARK OF THE SUN überzeugt zunächst einmal durch seine Production Values: Der in Jamaica gedrehte Film sieht so fantastisch aus, wie man das angesichts seines Regisseur erwarten durfte, wartet zudem mit einem phänomenalen Score von Jacques Loussier auf, der die ganze emotionale Bandbreite von spannend bis tragisch abdeckt. Auf dieser Basis gelingen auch einige immens packende Sequenzen, die ihre Wirkung beim Zuschauer nicht verfehlen. Besonders hervorzuheben ist natürlich der längere Abschnitt um die Befreiung des Ortes und die folgende Flucht per Zug. Als eine Explosion den letzten Waggon abtrennt und die schreienden Zivilisten zu den Meuchelmördern zurückrollen lässt, kommt es zu der bitteren Szene, in der der Bürgermeister seine Gattin erschießt, damit sie nicht den brutalen Simbas in die Hände fällt. Auch das Finale, in dem Curry die Mordlust packt und er dem schurkischen Henlein über Stock und Stein hinterherrast, ist ein Kracher und in seiner Verbissenheit durchaus komisch. Insgesamt ist DARK OF THE SUN aber eher düster, die Gewalt wird nicht im Stile der sanitized violence verbrämt und wenn man darüber nachdenkt, was da eigentlich passiert, läuft einem mehr als einmal ein kalter Schauer über den Rücken. Dennoch kann Cardiff den hinsichtlich dieses Sujets eher unpassenden Ruch des eskapistischen Spektakels nicht ganz loswerden und der Verdacht, dass man die Kongo-Krise auch deshalb für einen Actionfilm in Betracht zog, weil sie weit genug entfernt war von der Realität der Zuschauer, liegt nahe. Aller oberflächlichen Kritik an Kriegstreiben und Zynismus zum Trotz ist es am Ende eben doch der Ami, der vielleicht nicht als strahlender Held zurückkehrt, dessen Entschlossenheit aber immerhin den fiesen Nazi seiner gerechten Strafe zuführt. Aber seien wir ehrlich: Es sind ja auch solche Widersprüche und ideologischen Stolperfallen, die den Söldnerfilm überhaupt interessant machten. DARK OF THE SUN ist, diese Einschränkung vorausgesetzt, exzellentes Actionkino. Und das fabulöse Kinoplakat würde ich mir ohne zu zögern in die Wohnung hängen.

ice_station_zebra_xlgUm ICE STATION ZEBRA, der heute meist als verkappter Trashfilm im teuren Gewand des Blockbusters belächelt wird, rankt sich eine wunderbare kleine Anekdote, derzufolge dies der erklärte Lieblingsfilm des Moguls Howard Hughes war. In seinem Privatkino soll er eine Kopie des Films weit über 100 mal laufen lassen haben, und wenn er in Las Vegas war, wo er einen lokalen Fernsehsender besaß, pflegte er dort stets anzurufen, um die Ausstrahlung des Films zu bestellen. Paul Anka schrieb in seiner Autobiografie, dass man daran erkennen konnte, dass Hughes in der Stadt war: „You’d get back to your room, turn on the TV at 2 a.m. and the movie ‚Ice Station Zebra‘ would be playing. At 5 a.m., it would start all over again. It was on almost every night. Hughes loved that movie.“ Ich liebe diese Geschichte vor allem deshalb so sehr, weil sie so viel über Filmleidenschaft sagt. ICE STATION ZEBRA ist objektiv betrachtet – was immer das bedeuten mag – ganz gewiss kein Film, der solche Hingabe unbedingt erfordert. Und wären mir solche apodiktischen Behauptungen nicht zuwider, würde ich mich wahrscheinlich gar dazu hinreißen lassen, ihn als „schlecht“ zu bezeichnen – was nicht heißt, dass er mir nicht gefallen hat, doch dazu später mehr.

Der mit zweieinhalbstündiger Laufzeit viel zu lange Film ist ein recht kläglich gescheiterter Versuch, großes, buntes Abenteuerkino im Stile von THE GUNS OF NAVARONE (oder Sturges‘ THE GREAT ESCAPE) zu machen. Wie ersterer basiert auch ICE STATION ZEBRA auf einem Roman von Alistair MacLean, und er sollte 1963 unter Mitwirkung der NAVARONE-Stars Gregory Peck und David Niven in Produktion gehen. Daraus wurde jedoch nichts und als 1967 nach etlichen Rewrites endlich die erste Klappe fiel, war eine gänzlich neue Besetzung an Bord. Dem Erfolg tat das keinen Abbruch, auch wenn die Kritiker nicht gerade begeistert waren. Aber von der Größe des Vorbilds ist in ICE STATION ZEBRA nichts mehr zu sehen: Die ersten 90 Minuten des Films spielen ausschließlich an Bord eines U-Boots, danach begeben sich die Stars auf Expedition über einen im Studio nachgebauten Nordpol (wo sie in ihren dicken Jacken sicherlich brutal geschwitzt haben müssen). Die Geschichte ist durchaus interessant, die Spannung wird langsam aufgebaut, darf sich dann aber nie in dem Finale entladen, das man sehnsüchtig erwartet. Selbst der Showdown im Eis ist nicht mehr als eine zähe Verhandlung zwischen den von Captain Ferraday (Rock Hudson) angeführten Amerikanern und den Russen. 

Trotzdem übte ICE STATION ZEBRA einen mir unerklärlichen Reiz auf mich aus. Einen Teil meines Gefallens kann ich sicherlich auf die Schauspieler zurückführen: Vor allem Patrick McGoohan ist spitze als mysteriöser Geheimagent, aber auch Ernest Borgnine als neugierig-freundlicher Russe ist gewohnt toll und Rock Hudson ist halt Rock Hudson. Ich mag ihn einfach. Aber genauso wichtig ist diese mit äußerstem Ernst und Geduld erzählte Geschichte, die Suggestion, dies sei eben nicht bloß Kintopp, sondern großes, vielleicht gar tagesaktuelles Kino. Der Aspekt des Make-believe, der hier noch eine größere Rolle spielt als bei anderen Filmen, weil man ihm abnehmen muss, dass seine Studiosettings das Interieur eines U-Boots und der Nordpol sind. ICE STATION ZEBRA ist fürchterlich aus der Zeit gefallen, wirkt streckenweise wie ein B-Movie aus den Fünfzigern, das man mit einer Multimillionen-Dollar-Injektion gedopt hat. Diese Kluft zwischen dem was sein sollte und dem was ist, dazu diese fast comichaft-surreale Künstlichkeit: Das macht seinen Reiz aus. Es wundert mich nicht, dass zu den Fans des Films auch John Carpenter zählt, der ihn als ausgewiesenes guilty pleasure beschreibt, ohne jedoch genau erklären zu können, was er an ihm genau schätzt. Während des Films dachte ich noch, dass seine Settings und die Atmosphäre in der titelgebenden Eisstation etwas an sein THE THING erinnern, nun weiß ich, dass sich Carpenter hier ganz sicher hat inspirieren lassen. Und die Frage nach „gut“ und „schlecht“ macht dann tatsächlich keinen Sinn mehr. Warum an etwas herummäkeln, das so vielen tollen Menschen so viel Freude bereitet?

41Y3PASBDWLBei einer Razzia wird der Partner von Detective Jon Chance (Lawrence Hilton-Jacobs) von dem schwerkriminellen Clarence (Kevin Benton) erschossen, dem anschließend die Flucht gelingt. Clarence soll für seinen Boss Sylvio (Robert Gallo) einen großen Drogendeal abschließen, doch dazu kommt es nicht, weil er von dem Gangleader Spyder (Miles Thoroughgood) gefangen genommen wird. Es kommt zum Krieg der Fraktionen und in der Mitte steht mit Chance ein Cop, der noch nie einen Menschen erschossen hat …

L.A. HEAT, im selben Jahr gedreht wie L.A. VICE, der ebenfalls um die Figur des Detective Chance kreist, hat eine recht ambitionierte Handlungsstruktur, die etwas an John Flynns OUT FOR JUSTICE erinnert, um nur mal ein prominentes Beispiel zu nennen. Der ganze Film handelt von der Suche nach dem verschwundenen Verbrecher, dessen Freiheit zahlreiche Komplikationen nach sich zieht. So wird der für sich genommen schon ernste Fall eines Polizistenmords nur der Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Verbrechen, die bald die ganze Stadt in Mitleidenschaft ziehen. Diese Geschichte mit ihrem Countdown- und Eskalations-Charakter hebt L.A. HEAT von vergleichbaren DTV-Cop-Actionfilmen ab, auch wenn Merhi zu diesem frühen Zeitpunkt von PM Entertainment noch nicht so aus dem Vollen schöpfen konnte. Interessant ist der Film aber vor allem wegen seiner Hauptfigur: Hilton-Jacobs ist eine ganze Ecke besser als der typische DTV-Schauspieler und verleiht seinem Helden eine glaubwürdige Verwundbarkeit, die für zusätzliche Fallhöhe sorgt. Die Tatsache, dass Chance noch nie einen Menschen erschossen hat, wird hier nicht als Ausweis humanistischer Überlegenheit interpretiert, sondern ganz klar als Schwäche. Chance leidet unter dem Wissen, dass sein Vater – ebenfalls ein Cop – einst aus Versehen einen zehnjährigen Jungen niederstreckte, den er für einen bewaffneten Angreifer hielt. Regelmäßig wird Chance nun von Träumen geplagt, die ihn als Cowboy im Duell zeigen und in denen er die tödliche Kugel einfängt, weil es ihm einfach nicht gelingt, den Abzug zu betätigen. Je näher er Clarence kommt, umso bewusster wird ihm, dass er seine Angst ablegen muss, wenn er nicht selbst sterben will. Die Jagd nach dem Bösewicht bekommt so eine zweite Ebene, die den Film über das herkömmliche Shoot ‚em up hinaus interessant macht.

Sonst gibt es aber auch nicht viel mehr zu sagen: Man erkennt, dass Merhi als Regisseur um Längen besser ist als etwa Christ T. Kanganis, der im selben Jahr DEADLY BREED für PM Entertainment drehte. Das Budget dürfte nur unwesentlich höher gewesen sein, trotzdem wirkt L.A. HEAT nicht wie nach Feierabend von übermotivierten und untertalentierten Actionfans gedreht. Die Szenen zwischen den Ballereien sehen nicht aus, als hätte man sie bloß als notwendiges Übel betrachtet, Dialoge wirken authentischer, die Schauspieler agieren weniger gestelzt. Trotzdem ist L.A. HEAT nun nicht unbedingt eine verschollene Perle. Für Copfilm-Fans, die sich nicht scheuen, auch in die Abgründe der DTV-Produktion vorzudringen, ist er aber durchaus einen Blick wert. Bei der Version, die man sich auf Youtube ansehen kann, ist übrigens die Tonspur zensiert. Alle „fucks“, „shits“ und „damns“ werden dort ausgeblendet. Sehr skurril.

Ein junger Mann in Uniform wird zu seiner Hinrichtung geführt. Die Gefangenen, an deren Zellen er vorbeigeht, erweisen ihm ihren Respekt, indem sie mit Metalltellern gegen die Gitterstäbe schlagen. Einige rufen ihm aufmunternde Worte zu, doch der junge Mann ist einfach nur irritiert, völlig überfordert damit, auch nur annähernd zu begreifen, was gerade mit ihm geschieht. Er hat das Gesicht eines Jungen, es scheint völlig undenkbar, dass er etwas getan hat, was seine Bestrafung rechtfertigt. Die ihn umgebenden Offiziere und Wachen, die seine Exekution sicherstellen sollen, sind völlig desinteressiert an seiner Lage: Ohne jede Empathie, ohne auch nur einen Blick für ihn walten sie ihres Amtes und leiten ihn schließlich in jenen Raum, von dessen Decke die Schlinge baumelt, an der er seinen Tod finden soll. „Haben Sie noch etwas zu sagen?“, wird er gefragt, nachdem man ihm schon eine schwarze Kapuze übergestülpt und ihm die Schlinge um den Hals gelegt hat. Und wie ein kleiner Junge fängt er nun unter dem schwarzen Stoff an zu wimmern: „Ich habe das doch nicht gewollt. Es war doch keine Absicht.“ Seine Beteuerungen helfen nicht, es war ja nie vorgesehen, dass seine Worte etwas ändern könnten. Fast scheinen die Anwesenden etwas empört darüber, dass der Verurteilte ihnen nun auch noch ein schlechtes Gefühl beschert. Ein Hebel wird umgelegt, der Mann stürzt durch eine Falltür, bevor das Seil ihm mit einem Krachen das Genick bricht. Major Reisman (Lee Marvin) hat das alles aus dem Hintergrund mit versteinertem Gesicht und eben noch zurückgehaltenem Zorn und Ekel beobachtet. Nun hat er genug gesehen. Er dreht sich um und geht.

Die Szene ist inhaltlich nur von tangentialer Bedeutung für THE DIRTY DOZEN, dient vor allem als Einführung Reismans als unbequemem, hartem, aber menschlich gebliebenem Soldaten, der den Entscheidungen der Vorgesetzten kritisch gegenübersteht und seinem Missfallen auch ungeschönten Ausdruck verleiht. Und sie dient als Anschauungsmaterial dafür, was den zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Titelhelden, dem „dreckigen Dutzend“, blüht. Viele von ihnen sind zum Tode verurteilt, andere sehen einem Leben hinter Gittern entgegen. Wichtiger aber ist dieser Prolog, um eine gewisse Stimmung zu etablieren, ein Bild im Gedächtnis der Zuschauer zu implantieren, das auch in den folgenden heitereren Momenten des Films nie ganz verblasst. THE DIRTY DOZEN erscheint nämlich streckenweise – konträr zu seiner Thematik – wie ein freundlicher Abenteuerfilm: Er erzählt, wie eine Gruppe von Outcasts über einer gemeinsamen Aufgabe zusammenwächst – ähnlich wie in Aldrichs vorangegangenem THE FLIGHT OF THE PHOENIX –, beschwört dabei Teamgeist, bedient sich einer gewissen Außenseiterromantik und zeichnet die Mission der Titelhelden – den Überfall auf ein mit ranghohen Nazis besetztes Schloss – als tollkühnes Abenteuer. Es ist diese Auftaktszene, die den Film erdet. Hier sterben keine charismatischen Raubeine den Heldentod: Hier werden Männer ohne jede Chance berechnend und mitleidlos in den Tod gehetzt. Sie bekommen eine Chance, die keine ist, und müssen das Beste daraus machen.

Das Nebeneinander ausgelassener und überaus grausamer Szenen hat dem Klassiker durchaus einige kritische Stimmen eingebracht. Dass Soldaten als kernige Recken dargestellt werden, der Krieg als Abenteuer gilt spätestens seit den 1970er-Jahren, in denen der Kriegsfilm als Antikriegsfilm „wiedererfunden“ wurde, als verpönt. Seitdem sind wir es gewöhnt, den Armeealltag als stumpfsinnig und unmenschlich zu sehen, Kriegseinsätze als grausam und sinnlos. Aldrich spart diese Seite nicht aus, aber es ist nicht die einzige, die er zeigt. Wenn das „dreckige Dutzend“ sich gegenüber den  verbohrten, peniblen und arroganten Paragrafenreitern Breed (Robert Ryan) und Denton (Robert Webber) beweisen muss, indem es ein Manöver für sich entscheidet, ist jedes Grauen weit weg, erreichen der Film und seine Protagonisten eine ungeahnte Leichtfüßigkeit. Die 12 Lumpen haben sich zusammengerauft, sie zeigen, was sie gelernt haben und bescheren den Männern, die immer nur verächtlich auf sie herabgeblickt haben, eine schallende Ohrfeige. Wie schwungvoll, herzlich und einnehmend THE DIRTY DOZEN in dieser Sequenz ist, erkennt man auch an seinem Erbe: Unzählige High-School- und Sportkomödien haben die Dynamik, die sich Adrich hier zunutze macht, eins zu eins kopiert: das Team der gedemütigten Underdogs gegen die Bessergestellten. Aber auch diese Momente der Unbeschwertheit dienen letztlich dazu, Fallhöhe zu schaffen. Seinen grausamen Höhepunkt erreicht der Film, wenn die Männer um Reisman ihre Mission erfüllen: Die in einem Luftschutzkeller eingepferchten Nazi-Offiziere und ihre Frauen werden von den „Helden“ buchstsäblich ausgeräuchert. Die Szene, in der die Todgeweihten hilf- und zwecklos versuchen, die Handgranaten, die ihren Tod bedeuten werden, „abzublocken“, vor Angst schreiend, außer sich vor Panik, verwischt jede bestehende Grenze zwischen den „guten“ Alliierten und den „bösen“ Nazis. Aldrich zielt mit seiner Kritik weniger auf den Krieg allgemein ab – wahrscheinlich, weil er zu sehr Realist ist, um eine Welt ohne Kriege fordern zu können: Krieg ist nicht zu verurteilen, weil er Menschenleben kostet, sondern weil er Menschen dazu zwingt, anderen das Leben zu nehmen, sie in eine solch radikale Grenzsituation zu werfen, in der sie nicht anders können, als sich über ihren „Gegner“ zu stellen. Die armen Schweine des Dutzends haben ja keine Wahl. Am Ende der Mission wird nur einer von ihnen überlebt und sich mit seinem Einsatz ironischerweise nicht die Freiheit, sondern eine Zukunft in den Diensten des Militärs „verdient“ haben. Es ist ganz klar, wen Aldrich als die eigentlichen Übeltäter ausgemacht hat: Wladislaws (Charles Bronson) letzter Satz lautet: „Killin‘ generals could get to be a habit with me.“

Die moralische Anrüchigkeit von THE DIRTY DOZEN ist eigentlich Ausdruck seiner immensen Pointierung. Das Überleben der einen ist an den Tod der anderen geknüpft. Die Verbrecher erhalten Absolution, wenn sie sich als besonders effektive Mörder erweisen. Den Wert des Lebens lernen die Mitglieder des Dutzends kennen, als ihr eigenes keinen mehr hat: in einer kurzen Schonfrist, die ihnen gegeben wird. Ihre Situation erinnert natürlich an jene der Absturzopfer von THE FLIGHT OF THE PHOENIX: Anstatt auf den sicheren Tod zu warten, ergreifen sie den Strohhalm, der sich ihnen bietet und finden in der „Arbeit“ einen neuen Sinn. Umso grausamer ist es, dass sie ihr Schicksal nur ein Stück hinauszögern können. Dass es für sie keine Chance gibt, wird spätestens klar, als Aldrich ihr letztes gemeinsames Zusammentreffen vor ihrer Mission als letztes Abendmahl mit Reisman als Jesus ins Bild setzt. Eine wunderbare Blasphemie ist es außerdem.

THE DIRTY DOZEN ist für mich untrennbar mit Sturges‘ THE MAGNIFICENT SEVEN und THE GREAT ESCAPE verbunden. Alle drei Filme sind großes Abenteuerkino mit einer Darstellerriege, die einem erst das Wasser im Mund zusammenlaufen und dann die KInnlade runterklappen lässt. Alle drei sind episch, decken ein ganzes Spektrum von Emotionen ab, bieten großes Hollywood-Entertainment, das sich einfach nicht abnutzt. Und natürlich spielt in allen dreien Charles Bronson mit. THE DIRTY DOZEN hatte ich beim ersten Mal als „lustigen“ Actionfilm gesehen. Beim letzten Mal war ich schockiert über seine Härten. Diesmal ist diese Irritation der Erkenntnis gewichen, dass Aldrichs Film nicht vom Krieg, sondern vom Leben handelt. Und dasb betrachtet er mit dem Blick des unsentimentalen Realisten und dem Herzen eines Philanthropen.