Mit ‘Joan Freeman’ getaggte Beiträge

Cormans Poe-Verfilmungen HOUSE OF USHER, THE PIT AND THE PENDULUM, THE PREMATURE BURIAL und TALES OF TERROR waren zu Beginn der 1960er-Jahre immens erfolgreich und verhalfen dem emsigen Billig- und Vielfilmer plötzlich zu vorher ungeahntem Respekt und Bekanntheit. Unter anderem erregten die Filme auch das Interesse des altgedienten Produzenten Edward Small, der als Geldgeber für TOWER OF LONDON fungierte. Wer letzten Endes die Idee dazu hatte, Shakespeares „Richard III.“ und „Macbeth“ zu verquicken, ist von meiner Warte aus nicht abschließend zu beurteilen: Sowohl Produzent Gene Corman, Rogers Bruder, als auch Small selbst behaupteten, den Ausschlag gegeben zu haben. Angeblich befürchteten Gene und Drehbuchautor Leo Gordon, der Bedarf des Publikums könne nach vier Poe-Filmen gesättigt sein und nach einer Abwechslung verlangen. Wenn dem so war, erwies sich ihre Befürchtung als falsch: TOWER OF LONDON war kein großer Erfolg beschieden und Corman kehrte danach schnell wieder zu dem bewährten, keinesfalls ausgereizten Erfolgsrezept zurück, drehte innerhalb von zwei Jahren THE RAVEN, THE MASQUE OF THE RED DEATH und schließlich TOMB OF LIGEIA. TOWER OF LONDON bezeichnete er rückblickend als „foolish“ und beklagte sich über die ständigen Interventionen seines Geldgebers Small. Die ursprünglich auf drei Filme angelegte Zusammenarbeit der beiden wurde aufgrund beiderseitiger Unzufriedenheit noch während der laufenden Dreharbeiten wieder aufgelöst. Small blieb dem Filmgeschäft danach noch einige Jahre erhalten und finanzierte im Anschluss unter anderem die beiden Vincent-Price-Filme TWICE TOLD TALES und DIARY OF A MADMAN, bevor er 1977 verstarb.

Hauptfigur von TOWER OF LONDON ist der körperlich wie seelisch deformierte Richard, Herzog von Gloucester (Vincent Price), Bruder des sterbenden Königs Edward (Justice Watson) und des braven George, Herzog von Clarence (Charles Macauley). Entgegen Richards Erwartungen ernennt Edward George zum Vormund seiner beiden Söhne und zum Interims-König und entfacht damit den Zorn und Neid des krankhaft ehrgeizigen Mannes. Der König ist noch nicht tot, da hat Richard seinen Bruder bereits erdolcht – mit einem Messer, dessen Griff das Wappen der Woodvilles zeigt, der Familie der Königin. Als nächstes muss die Kammerzofe Mistress Shore (Sandra Knight) dran glauben, weil sie sich weigert, das Gerücht zu streuen, die Prinzen seien unehelich gezeugt worden: Sie stirbt auf der Streckbank. Die Schandtaten gehen allerdings nicht spurlos an Richard vorbei: Die Geister der Ermordeten erscheinen ihm, prophezeien ihm den Tod an einem Ort namens Bosworth, durch die Hand eines Toten und treiben ihn sogar dazu, seine geliebte Gattin Anne (Joan Camden), seine einzige Vertraute, im Wahn zu erwürgen …

Das Drehbuch vermischt, wie bereits erwähnt, zwei Shakespeare-Dramen zu einem milde schwarzhumorigen Historienstoff inklusive Geisterzulage, der unter der versierten Hand Cormans durchaus schön und stimmungsvoll, aber letztlich doch etwas zu vorhersehbar und gemütlich geraten ist, um nachhaltige Spuren zu hinterlassen. Vordergründig mag sich TOWER OF LONDON von Cormans Poe-Adaptionen nur durch das Schwarzweiß (und natürlich die literarische Vorlage) unterscheiden, aber das hieße, das Genie seiner Horror-Klassiker zu verkennen. Sein Poe-Zyklus, so traditionsbewusst, klassisch und literarisch er auch anmuten mochte, zündete ja nicht zuletzt bei der jungen Generation, die zu Beginn der Sechzigerjahre sicherlich andere Dinge im Kopf hatte als die Klassiker der amerikanischen Schauerliteratur. Hinter der barocken Fassade verbargen sich Filme, die gnadenlos mit der Elterngeneration abrechneten, die Alten als verdrehte, neurotische, mitunter gar verbrecherische Heuchler zeichneten, die sich nicht nur weigerten, loszulassen und die Zügel den Jüngeren zu überlassen, sondern sie gleich mit ins Verderben rissen. Dieser Aspekt schwingt zwar auch in TOWER OF LONDON mit – in der wahrscheinlich schockierendsten Szene des Films fällt Richard zusammen mit seinem Kompagnon Ratcliffe (Michael Pate) über die beiden noch nicht den Kinderschuhen entwachsenen Prinzen her und erstickt sie mit einem Kissen im Schlaf -, aber der Anstrich des Historienfilms und die Geschichte um Thronfolge und höfische Ränkespiele entziehen den Film auch dem Erfahrungshorizont des Zuschauers, der sich eher fühlt wie ein distanzierter Museumsbesucher vor einem Glaskasten mit halbverfallenen Reliquien. Vincent Price hat sichtlich Spaß, als langsam dem Wahn verfallender Buckliger voll aufzudrehen, aber das Drehbuch hätte etwas mehr Fallhöhe vertragen können: Richard ist schon in der ersten Szene ein mörderisches Dreckschwein und die sich anschließende 90-minütige Talfahrt lässt als einzig offene Frage, wer der Tote ist, durch dessen Hand er sein Leben verlieren wird. Das ist nicht unbedingt das tragfähigste und noch weniger ein spannendes Konzept.

Im Netz steht überall zu lesen, dass TOWER OF LONDON nichts mit dem gleichnamigen 1939er-Film von Rowland V. Lee zu tun habe (aus dem Corman sich zur Bebilderung der finalen Schlacht bediente), was ich nach Überfliegen diverser Inhaltsangaben für eine einigermaßen abenteuerliche Behauptung halte. Beide Filme drehen sich um Richard, Herzog von Gloucester, und seine verbrecherischen Anstrengungen, den Thron zu besteigen, basieren lose auf Shakespeares Stück und enden mit Richards Tod auf dem Schlachtfeld. Es sind schon Filme für weniger Gemeinsamkeiten als „Remakes“ bezeichnet worden.

Die Teenagerin Cookie (Melissa Leo) flieht gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Tim (Randall Batinkoff) aus dem dysfunktionalen Elternhaus nach New York. Dort erregt sie schon am Busbahnhof die Aufmerksamkeit des Zuhälters Duke (Dale Midkiff), der sie unter seine Fittiche nimmt. Als Cookies Mitbewohnerin Heather, ebenfalls eines der Mädchen von Duke, von ihm brutal zusammengeschlagen wird, bietet sie ihre Dienste dem Zuhälter Jason (Leon) an. Dessen Männer versagen bei dem Versuch, Duke umzubringen, sodass dieser sich rasend vor Wut auf die Suche nach der Verräterin macht …

STREETWALKIN‘ beackert ein ähnliches Terrain wie Gary Shermans meisterlicher VICE SQUAD: Beide siedeln ihre Geschichten auf den Straßen einer Metropole an (VICE SQUAD spielt in L. A., STREETWALKIN‘ in Manhattan), in beiden muss sich eine Prostituierte eines psychotischen Zuhälters erwehren und wird die Handlung auf den Zeitraum einer einzigen Nacht verdichtet. Was die Filme voneinander unterscheidet, ist ihre Perspektive: Während Sherman mit dem Polizisten Tom Walsh einen männlichen Protagonisten einführt, der die Aufgabe hat, die Prostituierte Princess gegen den Zuhälter Ramrod zu beschützen, steht in STREETWALKIN‘ die junge Prostituierte Cookie im Mittelpunkt. Sie und ihre Freundinnen sind am Ende allein gegen Duke gestellt, es gibt niemanden, der ihnen zur Hilfe eilt. Das beeinflusst auch den Ton des Films: STREETWALKIN‘ ist von Mitgefühl geprägt, nimmt seine Geschichte eher zum Anlass, die Schicksale seiner weiblichen Figuren zu zeigen und die Machtverhältnisse, in die sie eingebunden sind, offenzulegen, als aus der Konfrontation von Psychopath und Nutte einen harten Großstadtreißer zu stricken. Auch wenn STREETWALKIN‘ immer noch exploitativ ist, so spürt man doch, dass hier eine Regisseurin am Werk war, der es nicht in erster Linie darum ging, ein männliches Publikum zu beliefern. Wenn man wollte, könnte man daraus auch einen Vorwurf konstruieren: Auch wenn Freeman nicht gerade paradiesische Zustände zeichnet, so scheinen die meisten von Cookies Kolleginnen doch ganz gut mit ihrem Job zurechtzukommen. Eklige Kunden gibt es nicht und wenn doch, dann werden sie kurzerhand weggeschickt, die „Versorgung“ eines masochistisch veranlagten Freiers wird als Comic Relief inszeniert, während Cookies sonstige Kunden entweder verschüchterte Jungfrauen oder gar gutmütige Geschäftsmänner sind, die sie ganz Traumprinz-mäßig erretten wollen. Die Prostituierten sind untereinander die besten Freundinnen und Duke scheint lediglich ein besonders schwarzes Schaf zu sein. Man darf wie gesagt Zweifel daran haben, ob das alles so authentisch ist, aber hinter dieser vielleicht etwas zu positiven Darstellung scheint mir weniger das Motiv zu stehen, eine Männerfantasie zu bedienen oder das Geschäft zu romantisieren, als vielmehr die Weigerung, sich in einem Unterhaltungsfilm in der Darstellung von Leid zu suhlen, die vielleicht realistischer, aber in diesem Rahmen ja kaum weniger fragwürdig wäre.

STREETWALKIN‘ ist also durchaus empfehlenswerter Hochglanz-Sleaze mit einem gegen Ende beachtlich auf die Tube drückenden Dale Midkiff, der wirklich verachtenswert prollig ist. Interessant ist der Film natürlich auch als Vertreter des Mitte der Achtziger- bis in die frühen Neunzigerjahre recht populären Teenies-auf-dem-Strich-Subgenres, zu dem auch der bekanntere ANGEL (die Trilogie wird im November auf DVD wiederveröffentlicht, nachdem sie lange OOP war) sowie die demnächst als Double Feature in der Roger-Corman-Reihe von Shout erscheinenden STREETS und ANGEL IN RED zu zählen sind, aber auch als Frühwerk von Melissa Leo, die dieses Jahr immerhin den Oscar als beste Nebendarstellerin einheimsen konnte.