Mit ‘Jochen Busse’ getaggte Beiträge

die-jungen-tiger-von-hongkong„Dieser Film ist hart.“ Das sind die ersten Worte in DIE JUNGEN TIGER VON HONGKONG, gesprochen von einem Voice-over-Kommentator im typischen Duktus der ungefähr zur selben Zeit populären Report-Filme, an deren Erfolg Regisseur Hofbauer ja auch maßgeblich beteiligt war. Es gehe um die orientierungslose Jugend, die Abgründe, in die sie in dieser Orientierungslosigkeit schlittert und natürlich basiere der Film auf „wahren Begebenheiten“, die conditio sine qua non des deutschen Sleazefilms jener Tage.

Werner Pochath ist Walter, ein junger Mann, der noch keine Lust hat, aufs Erwachsen- und Vernüntigsein, der aufs Establishment scheißt, wie er selbst sagt, und schonmal Freunde zum Russisch-Roulette-Spiel nötigt. Mit seiner Clique hängt er im „Schocker-Club“ in Hongkong rum, heckt krumme Dinger und gefährliche Streiche aus. Zur Gang gehört auch Carl van Dreegen (Jochen Busse), Sohn eines erfolgreichen Geschäftsmanns, der nebenbei einen Mädchenhandelring organisiert und dem die Schocker-Gang, ohne es zu wissen, in die Quere kommt. Zwischen den Fronten agiert der schlagkräftige Testpilot Burt (Robert Woods), der auf der Suche nach seiner Frau ist, die ebenfalls von Dreegen in die Hände fiel …

Ach, was hätte das für ein Kracher werden können. Der Auftakt ist schön, vor allem wenn Pochath mit seiner unglaublichen Frisur auftritt und den dicken Max markiert. Leider hält die Freude aber nicht lang vor, denn recht schnell versandet DIE JUNGEN TIGER VON HONGKONG in der totalen Beliebigkeit austauschbarer Keilereien, Verfolgungsjagden und Tanzszenen. Hofbauer, der sich eigentlich wie kein zweiter darauf verstand, auf die Tube zu drücken und sich inszenatorisch von den ihm als Vorlage dienenden Pro-forma-Drehbüchern zu emanzipieren, kämpft auf verlorenem Posten oder hatte einfach keinen Bock. Er reiht sich mit seinem Film ein in die eh nicht so pralle Tradition der Wolf C. Hartwig’schen „Hongkong-Reißer“, die allesamt kaum über biederen Durchschnitt hinwegkamen, egal ob sie nun DAS MÄDCHEN VON HONGKONG, HEISSER HAFEN HONGKONG, EIN SARG AUS HONGKONG oder WEISSE FRACHT FÜR HONGKONG hießen. Hier ist die Enttäuschung angesichts der erhöhten Erwartungshaltung aber deutlich größer. Es fehlen einfach die absurden Details, die Over-the-Topness, die DIE JUNGEN TIGER VON HONGKONG zur Sleazegranate gebraucht hätte. Der Film sitzt zwischen den Stühlen, liebäugelt einerseits mit praller Exploitation, steht aber mit einem Fuß noch in der staubigen Abenteuerfilm-Tradition der Sechziger und sich somit ständig selbst im Weg. Der Handlungsverlauf ist unnötig kompliziert, Robert Woods als kerniger Held einfach langweilig, die coolen Kids vom Schockerclub verschwinden in der zweiten Hälfte fast völlig von der Bildfläche und einen richtig fiesen Schurken vermisst man genauso wie den feisten Exzess. Selbst Hongkong gibt als Kulisse seltsamerweise nichts her. Aber vielleicht wäre ich auch weniger enttäuscht, wenn die Filmjuwelen-DVD nicht mal wieder ein besonders trauriges Exemplar für einen lieblos hingerotzten Release wäre. Wenn nicht mal die Farben reinknallen …

omicidio-al-17-piano-img-124233Zu Beginn: Eine unfassbar laszive Nadja Tiller in einer nicht anders als „geil“ zu nennenden Sexszene. Schon auf dem Weg in das als Liebesnest beim Studenten Kirr (Jochen Busse) gemietete Appartement ist ihre Hilde Kusmeit kaum zu bändigen, lüstern lachend wie eine leuchtende Gottesanbeterin, die weiß, dass ihr mal wieder ein kapitaler Fang gelungen ist. Der Blick, mit dem sie sich, von ihrem bebenden Liebhaber bäuchlings aufs Bett geworfen, in die Matratze verbeißt, ist voll flammender Lust, gefährlicher, selbstzerstörerischer Triebhaftigkeit und kultischer Entrückung. Später, als sie genannten Kirr ranlässt – einen versnobten Blässling, der abgebrüht tut, aber doch nur ein verkappter Onanist ist –, um ihn gefügig zu machen, weicht das von archaischen Gelüsten gleißend aufgehellte Strahlen ihrer Augen (siehe Postermotiv) dem Schleier souverän-gelangweilter Überlegenheit.

Jaja, die Geilheit. Sie ergreift auch Besitz von der nicht mehr ganz taufrischen Frau Dingeldey (Ellen Umlauf). Sie sollte sich wahrscheinlich lieber um ihre Tochter Moni (Susanne Uhlen) kümmern, aber die hauseigene Bar mit angeschlossener Diskothek sowie die dort wartenden, willigen Männer sind zu große Verlockungen für die dem „Sommer der Liebe“ eigentlich längst entwachsene Frau. So tanzt sie dann ekstatisch im Ozzy-Osbourne-Gedächtnis-Fransenkaftan, wirft ihre Löwenmähne als sei sie von einem afrikanischen Dämon besessen und schart die leichte Beute witternden „Verehrer“ um sich, während die Tochter sich in der Wohnung ein paar Stockwerke höher die Zeit mit Robert (Jan Koester) vertreibt, der wiederum der Sohn der Kusmeit ist – und ein Mörder.

ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN. Der Titel ist zweideutig. Sehr konkret bezieht er sich auf das Schicksal von Moni und Robert, noch unschuldigen „Engeln“ eben, die aufgrund ihres familiären Umfelds, oder vielmehr der Nichtvorhandenheit eines solchen, in den Tod getrieben werden. Der einprägsame Titelsong von Peter Thomas ist ihr Thema und erklingt fast in jeder Szene mit ihnen; was durchaus auch komisch ist: Ein bisschen sind sie auch Gefangene ihrer vermeintlichen Tugendhaftigkeit, mit der es ja auch nicht so weit her ist. Auf allgemeinerer Ebene bezieht er sich auf den Menschen überhaupt, der in einem halsbrecherischen Wettrennen ums flüchtige Glück gefangen ist, dass ihm jedoch umso mehr entgleitet, je fester er es zu greifen versucht. Die Menschen sind ja alle fürchterlich unentspannt in diesem Appartementhaus, das für jeden Geschmack Zerstreuung bietet: Die lüsternen, geilen, anzüglichen, herausfordernden Blicke sind kaum zu zählen, und jeder Bewohner ist voll in seinem Hamsterrad gefangen, selbst die greise alte Dame, die ihre große Chance wittert, bei der Aufklärung des Mordfalls mitzuhelfen. Die einzige Ausnahme sind die beiden Kinder, deren Blicke suchend und fragend statt taxierend und herabsetzend sind, und der lustige Hippie an der Bar, über dessen Gesicht ein zufriedenes Lächeln huscht, als alle anderen in brausende Aufruhr geraten. Der Vergleich mit David Cronenbergs SHIVERS, auf den ich hier gestoßen bin, fördert wirklich verblüffende Gemeinsamkeiten zutage, die bis in Details reichen: Beide Filme spielen in modernen Appartementhäusern, in beiden sind deren Bewohner in einem libidinösen Taumel gefangen, in beiden werden die letzten „Unschuldigen“ am Ende von einem rasenden Mob verfolgt, in beiden gibt es einen Showdown in einem Schwimmbad. Was die beiden unterscheidet, ist die Einschätzung des Rauschs: Könnte man ihn bei Cronenberg noch als Befreiung von gesellschaftlichen und biologischen Zwängen, gewissermaßen als Utopie verstehen, verhält es sich bei Brynych eher umgekehrt. Dieser Sex, der selbstvergessene, sucht- und triebhafte, unreflektierte, ist bei ihm Symptom eines Mangels.

Der zu befürchtende Sodbrennen verursachende Moralinsäuregehalt wird von Brynych durch großzügige Beigabe lakonischen Humors und tschechischer Zärtlichkeit gedrosselt. Auch wenn ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN tragisch endet, wird hier nicht mit erhobenem Zeigefinger von der Kanzel gepredigt. Mehr als eine realistische Bestandsaufnahme ist er eine überzogene Farce, eine Karikatur der hedonistischen Upperclass, die den Blick für das Wesentliche vollkommen aus den Augen verloren hat. Und der Film ist wirklich urkomisch. Am besten hat mir die Szene gefallen, in der Moni den Zimmerservice kommen lässt und die beiden überfreundlichen Kellner mit eben jener zickig-arroganten Herablassung behandelt, die sie sich wahrscheinlich von der Mutter abgeschaut hat. Ganz groß, wenn sie aus einem dicken Geldbündel einen Zehn-Mark-Schein fallen lässt, und dem Kellner, der ihn servil aufhebt, ein gönnerhaft-desinteressiertes „Der ist für sie.“ hinwirft. Aber ein Großteil des Witzes lässt sich nicht in der Nacherzählung einzelner Szenen wiedergeben, weil er vor allem darin besteht, wie die Charaktere miteinander umgehen, wie sie sprechen, wie sie sich zu ihrer Umwelt verhalten, welche Blicke sie sich zuwerfen. Ganz toll ist auch Karl-Otto Alberty als Polizeikollege von Siegfried Rauch. Wie er da stets gut sichtbar und lustvoll auf seinem Pfefferminzdrops lutscht, ihn mit der Zunge heraustreckt und wieder einrollt, das ist schon besonders dreist und offensiv. Und das freche Früchtchen Susanne Uhlen zeigt, dass sie das lolitahafte Schürzen der Lippen bereits im Schlaf beherrscht. Über allem thront natürlich Nadja Tiller, die in ihrer Erotik eine Autorität und Würde ausstrahlt, dass einem als Mann nur angst und bange werden kann. Ein Wahnsinnsfilm, einer, wie er nur alle paar Jahrzehnte mal aus dem günstigen Zusammentreffen künstlerischer Inspiration und glücklicher Fügung heraus geboren wird. Dafür muss man dankbar sein.