Mit ‘Jody Hill’ getaggte Beiträge

EASTBOUND & DOWN ist kompliziert. Das Lachen fällt mitunter schwer, oft will man sich abwenden von dem, was sich da abspielt, seinem Protagonisten den Rücken zudrehen, ihn nie wieder sehen, nichts mehr mit ihm zu tun haben – wie die ganzen Nebenfiguren, die vom Schicksal dazu gezwungen wurden, ihren Weg oder gar ihr Blut mit ihm zu teilen. Die Serie suhlt sich in Obszönität und crassness, die Macher nutzen die Tatsache, dass die Privatsender-Produktion nicht an geltende Bestimmungen hinsichtlich Sprache, Nacktheit und Gewalt gebunden ist, weidlich aus. Zu verkennen, dass ein Teil des Konzeptes darin besteht, moralische Standards lustvoll zu zerschmettern, wäre naiv: Die Hauptfigur Kenny Powers (Danny McBride) ist förmlich darauf hin konzipiert, sie auf ihrem Weg durch die vier Staffeln jedes nur erdenkliche Tabu brechen, sie sich  benehmen zu lassen wie der letzte Mensch auf Erden, Dinge sagen zu lassen, die kein Mensch mit Anstand jemals sagen würde. So weit, so unspektakulär. Das Kunststück, dass den Machern jedoch gelingt (mehr und besser noch als schon in der Fingerübung THE FOOT FIST WAY), ist es diesen Charakter nicht nur als Witzfigur durch die einzelnen Folgen zu hetzen, sondern ihm bei allen unübersehbaren, unentschuldbaren Fehlern, die er hat und begeht, nicht die Sympathie zu verwehren. Als Zuschauer ertappt man sich immer wieder dabei, mit diesem Dummkopf, Rassisten und Sexisten mitzufühlen – und das, ohne billige Drehbuchstrategien. Irgendwo las ich, man müsse EARTHBOUND & DOWN sehen, wenn man das Redneck-Amerika verstehen wolle, das Donald Trump ins Weiße Haus gewählt hat. Und sieht man mal davon ab, dass es viel wichtiger wäre, zu verstehen, warum auch Nicht-Rednecks Trump ihre Stimme gaben, stimmt das. Kenny Powers ist ein buffoon, ein Mann, der mit jeder Faser seines Seins dazu verdammt ist, in jeder Sekunde seines Lebens das Falsche zu tun, die falsche Entscheidung zu treffen; der ein dummes, gestriges Amerika verkörpert, eines, das Konföderierten-Flaggen, das Recht auf Schusswaffen, Mullets und Dosenbier hochhält, Frauen, Schwarze, Immigranten und Homosexuelle verachtet. Wie entwickelt man vor diesem Hintergrund eine Serie, die doch immer auch darauf beruht, dass ihr Protagonist eine Entwicklung zum Guten durchläuft, eines Guten, dass hier einfach nicht in Reichweite ist?

Kenny Powers war einst ein Shooting Star im Major League Baseball. Sein Hundert-Meilen-Fastball und seine Catchphrase „You’re fucking out!“ machten ihn in jungen Jahren zum Medienphänomen und Liebling der Massen. Es kam, was unweigerlich kommen musste: Größenwahn, Drogen, Steroide, abfallende Leistungen, die gepaart mit der großen Klappe, die ihn zum Liebling machte, und den schon angesprochen notorisch falschen Entscheidungen seinen unweigerlichen Abstieg einleiteten. Bei Start der ersten Staffel ist Powers, der sich für Gottes Geschenk an die Menschheit hält und in seiner Eigenwahrnehmung immer noch ein Superstar ist, obwohl die Welt sich längst weitergedreht und ihn bestenfalls noch als Witz in Erinnerung hat, ein ausgebrannter has-been und völlig pleite. Er erwirbt eine Qualifikation, die es ihm ermöglicht, in seiner Heimatstadt als Sportlehrer zu arbeiten – wo er seine Jugendliebe April (Katy Mixon) wiedertrifft, die er sofort zurückerobern will, obwohl sie mit seinem Arbeitgeber, dem Schuldirektor Terrence Cutler (Andrew Daly) verlobt ist. Er nistet sich im Haus seines Bruders Dustin (John Hawkes) und dessen Ehefrau Cassie (Jennifer Irwin) ein und „arbeitet“ an seinem großen Ziel: zurück in die Major League, in die er dem eigenen Empfinden nach immer noch gehört.

Im weiteren Verlauf der Serie landet Powers in Mexiko, wo er seinen Vater (Don Johnson) wiedertrifft, der vor Jahrzehnten nur mal kurz Zigaretten holen wollte und ihn, seinen Bruder und seine Mutter (Lily Tomlin) kurzerhand sitzen ließ, und ein Amateurteam gegen sich aufbringt, in Myrtle Beach, wo er in einer niedrigen Liga für die Rückkehr in die Majors vorbereitet werden soll, schließlich in seiner Heimat, wo er den Karriereweg einschlägt, der für solche Großmäuler und ehemaligen Sportstars die einzige Option zu sein scheint: Er wird Mitglied in der Talkshow seines ehemaligen Teamkameraden Guy Young (Ken Marino). Immer dabei auf seinem Weg: Sein Sidekick Stevie (Steven Little), ein rückgratloser Versager, der als einziger die Autosuggestionen Kennys bedingungslos unterstützt und deshalb ein unverzichtbarer Krückstock für das Kind in Menschengestalt ist, das den Halbgott in Menschengestalt spielt, aber ein höchst pflegeintensives Selbstwertgefühl hat. Und April, die die guten Seiten Kennys sieht und einfach nicht von diesem Trottel lassen kann.

Es ist schon ein kleines Fernsehwunder, wie die Macher es schaffen, das Interesse an Kenny Powers wachzuhalten, grelle Absurditäten zu integrieren, ohne die Serie als Ganzes jemals komplett in den Bereich der Groteske oder der Farce kippen zu lassen. Zu Beginn scheint es noch ein harmloser Spaß, den EASTBOUND & DOWN gewährt: ein rassistischer Dummkopf mit Nackenspoiler, Bierplauze und Omnipotenzwahn, der sich für unwiderstehlich hält, dabei aber von einem Fettnäpfchen ins nächste tappt – aber von solch billigem Vergnügen emanzipiert sich die Serie sehr schnell. Klar, die Großmäuligkeit des Protagonisten, seine hirnrissigen Dummheiten sind immer wieder auch für einen Lacher gut, aber eigentlich ist das, was sich da abspielt, vor allem eins: unendlich traurig. Man bekommt über die volle Laufzeit der Serie einen Eindruck von dem Menschen hinter der Fassade des Trottels, sieht immer wieder das leise Glimmen des Mannes, der er auch hätte sein können, wenn nicht ein selbstsüchtiger Vater, eine großmäulige Mama, der schnelle Ruhm und ein verlogenes Geschäft ihre Arbeit an ihm verrichtet hätten. In meinem Text zu THE FOOT FIST WAY schrieb ich, dass der Film zeigt, wie schmerzhaft es für einen unterdurchschnittlichen Menschen sein muss, in einem Land aufzuwachsen, das auf dem eponym gewordenen Traum errichtet ist, dass jeder das Zeug zum Heldentum hat. Das stimmt ja einfach nicht, kann gar nicht sein. Kenny Powers hat gegenüber seinem Seelenverwandten Fred Simmons, dem Protagonisten des erwähnten Films, noch das zusätzliche Problem, dass er ja einmal am Superstardom schnuppern durfte. Was er nicht begreift ist, dass zu dauerhaftem Ruhm mehr gehört, als ein starker Wurfarm – und natürlich, dass Amerika noch etwas anderes fast genauso sehr liebt wie seine Helden: das große Scheitern. An jeder Ecke wird Powers an einstige Glanzzeiten erinnert, wird ihm der Erfolg, der ihm entglitten ist, unter die Nase gerieben. So wie seine Nation die Helden braucht, die sie an ihre Größe und das in ihr schlummernde Potenzial erinnert, braucht sie auch die abschreckenden Beispiele, die als Mahnung und Warnung dienen. Was macht man, wenn das die Rolle ist, die das Leben für einen vorgesehen hat?

EASTBOUND & DOWN nimmt fast biblische Ausmaße an. Der Weg Kenny Powers‘ ist eine Passionsgeschichte, eine Geschichte endloser Prüfungen, Niederlagen und Demütigungen. Das Schmerzhafte ist ja, dass man von Anfang an weiß, dass sie nie den Ausgang nehmen wird, auf den Powers selbst hinarbeitet. Das Versagen ist in ihn einprogrammiert – nicht unbedingt, weil er wirklich zu schlecht wäre: Zu siegen – in einem Teamsport noch mehr – bedeutet ja auch, dass man sich einem Regelsystem unterwirft. Nur wer mitspielt, kann gewinnen. Aber mitspielen, den Regeln anderer zu folgen und so implizit zuzugeben, dass man genauso ist wie sie, kommt für Powers einfach nicht in Frage. Er will nicht das Recht zugesprochen bekommen, wieder mitmachen zu dürfen. Er will nicht in einem Spiel gewinnen, dessen Regeln andere bestimmen. Er will seine eigene Geschichte schreiben. Das ist sein Ziel. Er erkennt es und tut genau das in einem gloriosen Ende, das mich sprachlos zurückließ. Allein für diese letzten fünf Minuten lohnt es sich, die komplette Serie zu sehen. Und natürlich für Danny McBride, das größte liebenswerte Arschloch der jünngeren Fernsehgeschichte. Ganz abseits von allen Vorzügen, die ich hier versucht habe, darzulegen – und den unendlich zitierwürdigen Dialogen, haarsträubenden Einfällen und bizarren Wendungen, die EASTBOUND & DOWN in einer Frequenz ausschüttet, dass die überhypte BREAKING BAD daneben wie ein spießiger Langweiler aussieht -, ist EASTBOUND & DOWN fantastisch inszeniert, verfügt über eine triumphale Musikauswahl und eine Spitzenbesetzung. Neben den genannten Haupt- und den toll ausgewählten Nebendarstellern sind unter anderem Will Ferrell als geckenhafter Autohändler, Jason Sudeikis als Powers‘ bester Freund Shane (und dessen Zwillingsbruder), Matthew McConaughey als Baseball-Scout, Michael Peña als Besitzer des mexikanischen Baseball-Teams, Craig Robinson als Powers‘ großer Rivale, Sacha Baron Cohen als Fernsehproduzent, Seth Rogen als Pitcher, Gina Gershon als arrogante Hausbesitzerin und Marilyn Manson (in zivil) als Kellner zu sehen. Schade, dass es vorbei ist.

 

the foot fist way (jody hill, usa 2006)

Veröffentlicht: September 17, 2017 in Film
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Als Vorbereitung auf die großartige Serie EASTBOUND & DOWN schufen Jody Hill und Danny McBride THE FOOT FIST WAY, „The story of a man who teaches people how to kick other people in the face“. Wie auch bei der Serie über den heruntergekommenen Ex-Baseballstar Kenny Powers, beschränkt sich dieser Film jedoch nicht auf den vordergründigen Witz seiner Prämisse: Hinter dem bisweilen grellen Humor von THE FOOT FIST WAY steckt das schmerzhafte Porträt eines verblendeten Dummkopfes; eines Mannes, der ahnt, das er ein Idiot ist, dem aber schlicht die kognitiven Fähigkeiten fehlen, „besser“ zu werden. Es ist ein Klischee, aber es stimmt tatsächlich, das einem das Lachen hier oftmals im Halse stecken bleibt.

Danny McBride ist Fred Simmons, Tae-Kwon-Do-Lehrer in einer amerikanischen Kleinstadt. Er ist ein Prahlhans von eher minderem Talent, der sein Leben mit nur halb verstandener fernöstlicher Philosophie und der Behauptung körperlicher Disziplin größer und interessanter machen will. Er ist ein Versager, was auch jeder sieht, aber seine Rolle als Lehrmeister verleiht ihm die Autorität, die er eigentlich nicht hat. Sein Beruf ist gewissermaßen ein Live-Rollenspiel: Er füllt eine Rolle aus, die ihm mindestens drei Nummern zu groß ist. Zuhause wird sein Scheitern endgültig evident: Seine platinblonde Gattin Suzie (Mary Jane Bostic) respektiert ihn kein Stück, stellt ihn vor seinen Schülern bloß und schmeißt sich an ihrem Arbeitsplatz jedem an den Hals, der auch nur das geringste Interesse zeigt. Irgendwann platzt der „Meister“ …

Sowohl hier als auch bei EASTBOUND & DOWN wird ein höchst schmaler Grad beschritten: Sich über den Trottel lustig zu machen, ihn von oben hinab mit Spott zu überschütten und ihn mithilfe des Drehbuchs zu demütigen, ist eine Gefahr, der sich die Macher in nahezu jeder Sekunde aussetzen. Und teilweise gelingt es ihnen nicht, zu widerstehen, aber sie fangen das immer wieder auf, indem sie dem Trottel Momente der Klarheit gewähren, in denen er erkennt, wer er ist und seinen Impulsen zuwiderhandelt. Das schwächt die Wirkung nicht ab, im Gegenteil werden THE FOOT FIST WAY und EASTBOUND & DOWN dadurch erst wirklich schmerzhaft und wahr. Hier werden nicht einzelne Charaktere aufs Korn genommen, sondern eine Kultur enttarnt, die Helden verehrt und Größe einfordert, aber ihren weniger begabten Individuen keine Möglichkeit bietet, sie zu zeigen. Was macht man, wenn man wie Fred Simmons dem falschen Glauben aufsitzt, ein Mann müsse in jeder Sekunde seines Lebens der Mack Daddy sein – körperlich und mental stark, selbstbewusst, gutaussehend, viril, intelligent -, aber eben nur ein armer Tropf ist, wenig attraktiv, nicht besonders clever, mit Bierbauch, fliehendem Kinn und ohne Publikum, das ihn feiert?

In THE FOOT FIST WAY gibt es Augenblicke, in denen die Komödie droht, ins Psychogramm zu kippen, meint man, der Film verwandle sich jetzt in jeder Sekunde in eine Variation von HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER. In EASTBOUND & DOWN wird das sauberer gelöst, sind die Übergänge fließender, ist der Gesamtentwurf homogener. THE FOOT FIST WAY lässt noch diese ausgeklügelte Dramaturgie vermissen, was sich auch darin zeigt, dass der Film stilistisch wie ein Homevideo oder eine Doku konzipiert ist, eine Sammlung unverbundener Einzelszenen, willkürlich zusammengestelltes Szenenmaterial. Der daraus resultierende Realismus ist für einen Low-Budget-Film einerserseits eine kluge Entscheidung, aber er macht THE FOOT FIST WAY auch noch deutlich unangenehmer als EASTBOUND & DOWN, die über eine geschliffene Inszenierung und visuelle Gestaltung verfügt und ihre absurderen Einfälle besser integrieren kann. Aber da muss man erst einmal hinkommen. THE FOOT FIST WAY war der nötige Zwischenschritt und ist als solcher absolut sehenswert. Den Humor des Films beschreibt der Witz sehr gut, in dem ein Mann mit einem Messer im Rücken ins Krankenhaus kommt. „Tu es sehr weh?“, fragt ihn eine Krankenschwester. „Nur wenn ich lache“, antwortet der Unglückliche.

observe and report (jody hill, usa 2009)

Veröffentlicht: August 18, 2013 in Film
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Es gibt eine Szene, die paradigmatisch für OBSERVE AND REPORT und den Stil von Regisseur Jody ist, dessen Serie EASTBOUND & DOWN auf diesen Seiten schon einmal thematisiert wurde: Der bipolare Mall-Sicherheitsbeauftragte Ronnie (Seth Rogen), ein depressiver Versager mit Omnipotenz-Fantasien, besucht den Polizeibeamten Harrison (Ray Liotta), um – so denkt er – von ihm zu erfahren, dass er auf die Polizeiakademie aufgenommen wird. Natürlich ist Ronnie schon in der psychologischen Eignungsprüfung durchgefallen und Harrison genießt es sichtlich, die Träume des jungen Mannes platzen zu lassen. Mitten im Gespräch öffnet sich eine Tür im Büro Harrisons und ein Kollege des Polizisten, der auf der anderen Seite gelauscht hatte, tritt heraus: „I thought this would be funny, but it’s just … sad.“ Es ist ein wichtiger Augenblick für den Film und den Zuschauer, der nun bemerkt, dass das Leben Ronnies keineswegs ein greller Scherz ist, sondern eben – wenn man die Perspektive des Films verlässt – tatsächlich verdammt deprimierend und traurig. Es ist ein Moment der Metareflexion, in dem die Regeln des Komödiengenres aufgebrochen werden und der Fokus erweitert wird.

Ronnie Barnhardt ist ein Mittzwanziger, lebt noch bei seiner alkoholabhängigen Mutter (die ihm die Schuld dafür gibt, dass ihr Ehemann sie einst verließ), ist Single und sein ganzes Glück hängt an seinem Job als Sicherheitsbeauftragter der örtlichen Shopping Mall: Er genießt die Macht, die mit seiner Uniform verbunden ist, bewegt sich wie ein Gott durch die heiligen Hallen und ist völlig unempfänglich für die Einsicht, in einem Versagerjob gefangen zu sein, für den keinerlei Qualifikationen erforderlich sind. Er ist außerdem hoffnungslos verschossen in Brandi (Anna Faris), die oberflächliche Schlampe vom Kosmetikstand, die ihn stets erbarmungslos abblitzen lässt, ohne ihn damit jedoch in seinen Annäherungsversuchen zu entmutigen. Ronnies übersteigertes Selbstbild kann niemand ankratzen, sein Schutzmechanismus funktioniert perfekt. Als ein Exhibitionist die weiblichen Kunden der Mall „terrorisiert“ und außerdem ein Dieb umgeht, sieht es Ronnie als seine heilige Aufgabe, die Verbrecher dingfest zu machen. Das wiederum gefällt dem ermittelnden Beamten Harrison gar nicht …

Jody Hill hat in seinem noch überschaubaren Werk bereits einen sehr eigenen Stil etabliert, der zwischen dem Gross-out-Humor Judd Apatows, einer unterkühlten Indie-Lakonie, wie sie vielleicht P. T. Andersons PUNCH-DRUNK LOVE am besten verkörpert, und ätzend-wütender Satire, für die mir gerade keine prominente Vergleichsgröße einfallen will, sein Plätzchen findet. OBSERVE AND REPORT entspricht dem Gemüt seines manisch depressiven Protagonisten insofern, als er zwischen brüllender Komik, deprimierendem Porträt eines Hoffnungslosen, ernüchternder Gesellschaftskritik und anarchischem Amoklauf gegen jegliche Genrekonvention nicht nur alterniert, sondern in jeder Szene nahezu alles auf einmal ist. Es hängt ganz entscheidend vom Zuschauer ab, wie er OBSERVE AND REPORT sehen und verstehen möchte. Der bodenlos dumme und aggressive Ronnie taugt hervorragend als Witzfigur, über deren Verblendung man sich kapittlachen oder fremdschämen kann; dann wieder ahnt man, wie viele Ronnies tatsächlich da draußen rumlaufen, ohne Aussicht auf dieses kleine Portiönchen Glück, dass einem Menschen zustehen sollte, stattdessen mit einem ständig anwachsenden Frustrationspegel, der irgendwann den roten Bereich erreichen muss. OBSERVE AND REPORT ist so etwas wie die spätkapitalistische, humoristisch übersteigerte Version von Scorseses TAXI DRIVER: Doch während sich Bickles Zorn noch gegen wirkliche Verbrecher richtete, da geht Ronnie eigentlich gegen Seinesgleichen vor. Der „Pervert“, ein dicker älterer Mann, der Hausfrauen beim Einkaufsbummel seinen kümmerlichen Pimmel zeigt, ist ja bestenfalls tragikomisch und keinesfalls gefährlich. Die Bedeutung, die ihm beigemessen wird, der Schock, den etwa Brandi vorgaukelt, nachdem der Exhibitionist sich vor ihr „offenbart“ hat, ist selbst wieder nur einem fehlgeleiteten Bedürfnis nach Aufmerksamkeit geschuldet. Eigentlich sind in diesem Film alle irgendwie kümmerliche Gestalten, die jemanden suchen, dem es noch mieser geht, um sich selbst erhöhen zu können.

Angesichts dieser wenig hoffnungsvollen Weltanschauung muss es überraschen, dass OBSERVE AND REPORT nicht zur zynischen Tirade verkommt. Die Hoffnung, dass es eine Erlösung geben könnte, bleibt lebendig. Keine Ahnung, wie Jody Hill das schafft.