Mit ‘Joe D’Amato’ getaggte Beiträge

11days11nights2movieposterturkishJetzt ist die Verwirrung perfekt: Die nominelle Fortsetzung von D’Amatos 11 DAYS, 11 NIGHTS ist eigentlich schon der dritte Film um die erotischen Abenteuer der „Gesellschaftsautorin“ Sarah Asproon. Doch weil der zweite Teil unter dem höchst irreführenden Titel TOP MODEL vermarktet worden war, bekommt Teil drei nun die Nummer 2 verpasst und somit die große Ehre, sich „offiziell“ schimpfen zu dürfen.

Alle Welt wartet auf das neue Buch von Sarah (Kristine Rose), die soeben ihre Scheidung (?) hinter sich gebracht hat, aber ihr fehlt noch die zündende Idee, was ihrer Verlegerin, die jetzt zwar Jackie heißt, aber immer noch von Laura Gemser gespielt wird, gar nicht gefällt. Zum Glück platzt just in diese kreative Dürre ein unscheinbarer Briefumschlag, der sich als Testament eines verflossenen Lovers von Sarah entpuppt. Sie soll in sein Haus einziehen und entscheiden, welcher seiner Verwandten seines Erbes würdig ist. Die Baggage entpuppt sich als einzige Schlangenbrut, jeder hintergeht jeden und hat eine Leiche im Keller. Kein Hindernis für Sarah, nicht zumindest die männlichen Vertreter auf die Matratze zu zerren, um ihre Geheimnisse ans  Tageslicht zu bringen …

Und los geht es, das schlaftrunkene Softcore-Georgel zu Neunziger-Synthiemucke, die sich mit Akkordeon-Einsatz als schwerst Lambada-geschädigt erweist. Kristine Rose, die die kecke, pausbäckige Jessica Moore in der Hauptrolle ablöst, wirft platinblondes Haar und schmerzhaft euterförmige Silikonbrüste ins Rennen, hat null Charisma, aber dafür das ausdruckslose Gesicht, das die perfekte Projektionsfläche für D’Amatos Schmierenkomödie ist. Jede Szene läuft mit pornöser Zielstrebigkeit auf das nächste Nümmerchen hinaus, kein Wunder, dass alle Charaktere so wirken, als litten sie unter Rückenmarksschwund und akuter Hirnerweichung. Schon dass die Welt da händeringend auf die mittlerweile dritte Ausgabe der gesammelten Fickgeschichten dieser höchst langweiligen Sarah wartet, stellt der Menschheit kein gutes Zeugnis aus, doch dass alles noch sehr viel schlimmer ist, beweist der desolate Zustand der Durrington-Sippe. Der Höhepunkt der Niedertracht wird in einer Rückblende erreicht, in der der Vater die Studienfreundin seines Sohnes betäubt und vergewaltigt, um den Sohnemann, der gerade noch rechtzeitig eintrifft, um seinen Papa balls deep in action vorzufinden, in die bis in die Gegenwart des Filmes vorhaltende Impotenz zu stürzen. (Ihr dürft raten, wer den armen Tropf wieder auf Vordermann bringt.) Die immer besoffene Mama, bei der man den ganzen Film über vergeblich darauf wartet, dass ihr ein Sabberfaden aus dem stets geöffneten Mund tropft, fällt da kaum noch ins Gewicht.

Die Atmosphäre des Films ist superseltsam, dunkel, irgendwie steif (hihi) und künstlich, und einige rätselhafte Regieeinfälle und Dialogzeilen verstärken diesen Effekt noch. Zu Beginn sieht man Sarah und Jackie zusammen joggen und als sie eine Pause machen, schaut Jackie auf die Uhr und bemerkt freudig, dass sie heute „10 Minuten“ schneller gewesen seien als sonst. Das nennt man wohl Trainingsfortschritt. Toll ist auch ein anscheinend defekter Fernseher, der in einem der Zimmer des ausladenden Hauses der Durringtons herumsteht: Er dient als Ständer für einen anderen, kleineren Fernseher und auf seiner Mattscheibe klebt ein Sticker mit der Aufschrift „Drink Responsely“, was gut gemeint, aber nicht wirklich übersetzbar ist. D’Amatos Talent, vielsagende Pullover für seine Figuren auszuwählen, das man schon in BLUE ANGEL CAFE bewundern konnte, wird hier mit gleich zwei beeindruckend schlimmen Strickpullis in einer Szene auf die nächste Stufe katapultiert. Und dann ist da natürlich der absolut denkwürdige Schlusstwist, der allein das Ansehen von 11 DAYS, 11 NIGHTS 2 lohnt und Hollywood vormacht wie das funktioniert mit den ordentlich reinknallenden Überraschungen in letzter Sekunde. Sehr schön finde ich ja auch, dass die Drehbuchautorin Rossella Drudi – die auch in zahlreichen Filmen u. a. von Claudio Fragasso, Bruno Mattei und D’Amato mitwirkte – unter dem Pseudonym „Sarah Asproon“ arbeitete: Das wirft vielfältige Deutungsmöglichkeiten und Fragen (u. a. über ihren Lebenswandel) auf, unterstreicht aber vor allem den pseudoaufklärerischen, in Wahrheit aber nur sensationalistischen Charakter der Filme, mit dem sie etwas an die Reihe der „Reports“ und Mondofilme von einst erinnern. Nur bei D’Amato kann eine von Bett zu Bett hüpfende Nymphomanin als große Gesellschaftskritikerin, Vorzeigefeministin und intellektuelle Vordenkerin firmieren. Ich bin gespannt, welche Wahrheiten sie als nächstes unter der Bettdecke hervorzerrt.

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topmodelDer Titel TOP MODEL ist gleich in zweierlei Hinsicht irreführend: Zum einen handelt es sich bei diesem Film des fleißigen Joe D’Amato um ein Sequel zu dessen 9 1/2 WEEKS-Rip-off 11 DAYS, 11 NIGHTS aus dem Jahr zuvor, das damals sogar einen deutschen Kinostart bekam. (Der Alternativtitel von TOP MODEL lautet dann auch wesentlich weniger geheimniskrämerisch 11 DAYS, 11 NIGHTS PART 2: THE SEQUEL.) Zum zweiten gibt es im ganzen Film kein einziges Top-Model zu bewundern, vielmehr müsste man die Protagonistin richtigerweise als „Upper Middle Class Prostitute“ bezeichnen, was zugegebenermaßen nicht ganz so glamourös und griffig klingt und auch schlechter auf ein Videokassetten-Cover passt.

Wie zuvor geht es um die gar nicht prüde Sarah Asproon (Jessica Moore): Sie arbeitet im vornehmen Callgirl-Betrieb von Dorothy (Laura Gemser), die – wenn ich das richtig verstanden habe – auch als ihre Verlegerin fungiert. Sarah ist nämlich eine Art Kreuzung aus Günther Wallraff und Erika Berger, und nachdem sie zuvor einen Bestseller über ihre Sexerlebnisse als clevere Aufreißerin geschrieben hatte, soll sich in ihrem neuen Buch nun alles um die verschiedenen Freier drehen, die sie bedienen muss. Da ist zum Beispiel der schwitzige Brillenfettsack, der sie in einem mit nackten Schaufensterpuppen ausgestatteten, sonst völlig leeren Loft empfängt und sie dann dabei fotografiert, wie sie Sex mit diesen simuliert. Oder ein fieser Geschäftsmann, der sie in einer Lagerhalle für Mardi-Gras-Umzugswagen vögelt und das Spektakel per Kamera in ein kleines Büro überträgt, wo seine Kumpels anerkennend mit der Zunge schnalzen. Dann gibt es da noch einen großen, sehnigen Schwarzen mit einem riesigen, extraordinär frisierten Schnauzbart, der wahre Sturzbäche der Lust schwitzt, während Sarah ihm … ja was denn eigentlich? Der Kameraperspektive und ihren Bewegungen zufolge vermute ich, dass sie ihm lustvoll die Kniescheiben massiert, aber ich kann mich natürlich irren, kenne mich schließlich nicht aus im Business.

Naja, wie dem auch sei, jedenfalls lernt Sarah eines Tages Cliff (James Sutterfield) kennen, der in Dorothys Agentur irgendwas mit den Computern machen soll. Er verguckt sich in die stets provokative Sarah, die von seiner Mischung aus jungenhafter Schüchternheit und durchtrainiertem Hardbody sogleich auf Betriebstemperatur gebracht wird. Nun kommt das eine Problem ins Spiel, das sich der Film gönnt – als „Konflikt“ kann man es kaum bezeichnen: Cliff ist während seines Aufenthalts in N’Awlins, wo der Film wie fast alles, was D’Amato in dieser Zeit gedreht hat, spielt, bei seinem Freund untergekommen, der seinerseits auf Geschäftsreise ist und gern eine Beziehung mit Cliff führen würde. Cliff ist sich nämlich über seine Sexualität nicht so recht im Klaren, zumindest sollen das seine hadernde Blicke und eine Szene, in der er ein Foto seines Freundes anhimmelt, suggerieren. Aber mit seiner inneren Zerrissenheit ist es dann doch nicht so schlimm, denn er nutzt jede sich bietende Gelegenheit, sich mit Sarah zu treffen und sich von ihr in die weite Welt der heterosexuellen Liebe einführen zu lassen. Diese Sarah ist wirklich bemerkenswert: Wo andere Prostituierte zwischen zwei Freiern froh wären, sich vom Job erholen zu können oder mal was ganz anderes zu machen, zum Beispiel neues Laminat verlegen oder die Fugen im Bad nachziehen, da trifft sie sich noch zum privaten Ficken. Da hat jemand wahrlich sein Hobby zum Beruf gemacht! Was in den seligen Eighties alles möglich war! Natürlich darf nach 9 1/2 WEEKS auch eine Szene nicht fehlen, in der Nahrungsmittel lüstern zweckentfremdet werden, in diesem Fall eine ganze Box mit Garnelen, die Cliff seiner Geliebten über den nackten Körper zieht (also die Gernelen, nicht die Box). Findet das wirklich irgendjemand geil auf diesem Planeten? Wenn ja, more power to them, aber zum Angucken ist das wirklich nix.

Ganz, ganz zum Schluss, man fragt sich schon, wo diese träge Aneinanderreihung von supersoft gefilmten Sexszenen eigentlich hinführen soll, kommt dann der Moment der Eskalation, auf den in RomComs so verlässlich wie das Amen in der Kirche eine Montagesequenz folgt, die die beiden eigentlich füreinander Bestimmten, nun aber durch ein dummes Missverständnis Getrennten dabei zeigt, wie sie traurig die Orte des verflossenen gemeinsamen Glücks aufsuchen, bedröppelt bei ihren ausgelassen lachenden Freunden sitzen oder sich in Jogginghose und Unterhemd zwischen aufgerissenen Chipstüten und Kleenexpackungen gehen lassen: Sarah sieht Cliff, wie er auf dem Flughafen seinen zurückkehrenden Freund abholt und dieser ihm vertraulich die Hand auf den Arm legt. Ich wusste ja, dass Amerikaner als keusch gelten, aber ob diese kleine Freundschaftsbekundung wirklich jenes Entgleisen der Gesichtszüge rechtfertigt, das Sarah danach befällt? Aus der oben skizzierten Trauer und der folgenden tränenreichen Versöhnung wird leider nichts, denn kaum hat Sarah sich umgedreht, um in eine Zukunft ohne Cliff zu schreiten, kommt der auch schon hinter ihr hergerannt und es gibt eine Umarmung, die sagt: „Lass uns heiraten! Ach nee, lass uns erst einmal irgendwas Geiles mit unseren Geschlechtsteilen machen.“ Wer will es Cliff verdenken? Wer sich einmal von Sarah die Kniescheiben hat massieren lassen, ist für homosexuelle Popoliebe für immer verloren.

s-l1000LUSSURIA, der vorletzte Teil von D’Amatos Dreißigerjahre-Tetralogie (nach L’ALCOVA und IL PIACERE, aber vor VOGLIA DI GUARDARE) ist der handlungsärmste der vier, derjenige, der am wenigsten mit der materiellen Welt und am meisten mit den erotischen Fantasien selbst befasst ist. Während alle Teile der Reihe erheblich von ihrer schwülen bis kalten Atmosphäre der Dekadenz leben, ist LUSSURIA derjenige, der am wenigsten darauf bedacht ist, diese Atmosphäre noch in einer Handlung zu gründen. Eher scheint es anders herum: Zuerst waren da Bilder, Farben und Licht, dann erst wurde eine fragmentarische Geschichte dazu erdacht.

Im Mittelpunkt von LUSSURIA steht Alessio (Martin Philips), der jugendliche Sohn des erfolgreichen Anwalts Roberto (Al Cliver). Seit dessen Gattin, die Mutter Alessios, vor Jahren verstarb, hat der Junge kein Wort mehr gesprochen. Die Ärzte können weder organische Schäden feststellen noch eine wirksame Therapie anbieten. Geduld sei oberstes Gebot. Um dem Jungen Erholung zu gewähren, wird er zu seiner Tante Marta (Lilli Carati) aufs Land gebracht. Im Haus der verführerischen Frau geht die Fantasie mit Alessio durch: Immer wieder malt er sich aus, von Marta, ihrer Hausdienerin oder der zur Restauration eines Wandgemäldes anwesenden Studentin verführt zu werden. Als Roberto der Schwester mit seiner neuen Lebensgefährtin einen Besuch abstattet, wird das Haus auch in der Realität zum Schauplatz wilder sexueller Aktivität …

D’Amato strukturiert schon seine Exposition als Collage aus gegenwärtigen Szenen und Erinnerungen Alessios an Vergangenes, ohne beide visuelle deutlich voneinander zu trennen. Später, wenn der Junge bei seiner Tante angekommen ist, wird diese Erzählstrategie nicht nur weitergeführt, sondern noch verschärft. Die erotischen Fantasien Alessios stehen absolut gleichberechtig neben den „echten“ Ereignissen, beginnen diesen sogar den Rang abzulaufen. Das bedeutet aber auch, dass LUSSURIA mit fortschreitender Spieldauer zunehmend repetitiv und redundant wird: Alessio spielt mit allen im Haus ein- und ausgehenden Frauen immer wieder ein- und dasselbe Szenario durch, wobei er nur von seinen voyeuristischen Eskapaden unterbrochen wird. Während er sich in erotische Tagträume flüchtet, machen Tante Marta, Papa Roberto und die Steifmutter nämlich Ernst und pflügen ihrerseits in wechselnden Konstellationen durch die Betten. Die Reduktion auf Sex als alles bestimmende, den ganzen Film durchdringende Größe ist höchst konsequent, entledigt LUSSURIA aller erzählerischer Prätention, macht ihn über die ganze Länge aber auch etwas eindimensional. Vielleicht hat es aber auch nur an dem etwas traurigen, dunklen und farbarmem VHS-Rip gelegen, dass der Funke nicht ganz so zündelnd überspringen wollte, wie bei den anderen D’Amatos.

top girl (joe d’amato, italien 1996)

Veröffentlicht: März 6, 2016 in Film
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zp4ste0zcxnipixtfprtuyq4lfbDie Idee ist gut: Weil der unangefochtene weibliche Star einer erfolgreichen Daily Soap ausgestiegen ist, sucht der zuständige Sender händeringend nach Ersatz. Der „Mass Media Expert“ Mike (Robert Madison) bietet sich beim Boss an, die Lösung des Problems in Angriff zu nehmen. Seine Kollegin und Sexpartnerin Cathy (Sonia Topazo) hat die entscheidende Idee: einen Wettbewerb, bei dem das Publikum über die neue weibliche Hauptrolle mitbestimmen darf.

Leider wird dieser Jahre vor dem Ausbruch des großen Castingshow-Booms erdachte Einfall von D’Amato jedoch gleich wieder fallen gelassen. Wie es dazu kommt, dass Mike ein vom Computer erstelltes Foto in den Händen hält, das die Vorstellungen des Publikums zum Porträt einer Frau zusammengefügt hat, bleibt das Geheimnis von TOP GIRL, einem der raren Nicht-Pornos, die der Regisseur in den Neunzigerjahren inszenierte. Im Folgenden ist er eher damit beschäftigt, die amourösen Verstrickungen der neuen Hauptdarstellerin Pamela (Carla Solaro) aufzudröseln, einer Amateurin, die ihren ständig von Babys und Eigenheim faselnden, nichtsnutzigen Freund kurzentschlossen zu Hause sitzen lässt, um ihre Träume von Ruhm und Erfolg im großen L.A. in die Tat umzusetzen. Der stellt sich auch ein, nachdem sie die Verantwortlichen erst mit ihrer Schönheit (naja), dann mit ihrer emotionslos absolvierten Probeaufnahme total weggeflasht hat, aber zu welchem Preis: Ihr Mentor Mike nutzt sie aus, ihr Boss macht sie besoffen und vergewaltigt sie, was aber kein größeres Problem darstellt, danach wird von den beiden eifersüchtigen Männern eine Schmierkampagne lanciert, die den Ruf der naiven Dame ruinieren soll. Am Ende ist aber alles wieder gut: Mike schenkt ihr einen Strauß Blumen und gelobt Besserung. Hach.

TOP GIRL ist ultrabillige Softerotik, die vom Porno dann doch nur die Explizität trennt. Nach den in regelmäßigen Abständen den Erzählfluss ausbremsenden Sex- und Fummelszenen kann man die Uhr stellen, die Schauspieler agieren, als hätten sie einen Stock im Arsch, passen sich mit der Intonation ihrer Dialogzeilen der anämischen Inszenierung an, werden eins mit den bestenfalls zweckmäßigen Settings. Das Büro des Senderchefs würde jeder Angestellte als Beleidigung betrachten, der große Glamour von Pamelas Karriere äußert sich in einem scheußlichen Kleid, das sie immer wieder tragen muss, und einer tristen Zwei-Zimmer-Wohnung, in die sie manchmal jämmerliche Blumensträußchen geliefert bekommt, wenn sie gerade mal wieder nur mit T-Shirt und Unterhose bekleidet herumläuft. Von der megaerfolgreichen Soap Opera sieht man gar nichts, das Studio, in dem sie gedreht wird, besteht aus einer Halle, in der eine Leiter rumsteht, das Sendergebäude wird immer und immer wieder mit demselben Establishing Shot eingeleitet. Ein bisschen Footage von Hollywood hätte dringend benötigte Schauwerte abseits von Brüsten und Hintern gebracht, aber für mehr als eine kurze Aufnahme des Chinese Theater (in dem gerade THE ISLAND OF DR. MOREAU läuft) und Bilder zweier eher anonymer Straßenzüge hat es leider nicht gereicht. Wahrscheinlich war der Drehplan zu eng gesteckt.

Was TOP GIRL abseits der Reize von D’Amatos „Kino der Dürftigkeit“ (Copyright Thomas Groh) sehenswert macht, sind die unerklärlichen Wege des Drehbuchs. So ist der Protagonist Mike in seinem amoklaufenden Egoismus selbst für den größten Menschenfreund nicht zu verteidigen und mit den Worten der sitzengelassenen Cathy bestens beschrieben: Sie nennt ihn einmal einen „cynical asslicker“ und beschert dem Film damit einen der raren Momente, in dem die sterile Atmosphäre der Rammdösigkeit aufgebrochen wird. Er vögelt neben seiner Affäre mit Cathy auch noch mit seiner Sekretärin Lauren (Linda Gucciardo) rum, der er im Gegenzug eine große Karriere im Sender verspricht, aber sie beim Chef als inkompetent verpetzt und ihre Versetzung erwirkt, als sie ihm anfängt auf die Nerven zu gehen. Cathy lässt er für Pamela fallen, kaum dass die einen Fuß in die Stadt gesetzt hat, beschimpft diese dann aber als untalentiert und nichtsnutzig, als die ersten Folgen mit ihr nicht den gewünschten Quotenerfolg bringen. Und als sein Boss eine Affäre mit ihr beginnt, steckt Mike dem erstbesten Reporter, dass Pamela nicht nur mit jedem ins Bett springe, sondern auch ein handfestes Alkoholproblem habe. Von ihr dafür zur Rede gestellt, entschuldigt er sich damit, dass er ja nur einmal mit einem Journalisten geredet habe und danach nie wieder. Man kann ihm einfach nicht böse sein. Ein feiner Kerl, mit dem man sich gern für 90 Minuten identifiziert. Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass Pamela auch nicht gerade the sharpest tool in the shed ist. Als Lösung, wie man ihren Seriencharakter beliebter machen könne, präsentiert sie die Erkenntnis, dass man ihr Eigenschaften zuweisen müsse, die das Publikum angenehm findet. Sprach es und ließ sofort die Hüllen fallen, um sich vom begeisterten Mike die Nippel lecken zu lassen. Ein echtes Top-Girl eben!

015116015aaNachdem sich D’Amato im ersten Teil seiner Dreißigerjahre-Tetralogie, L’ALCOVA, mit dem Chauvinismus der Faschisten auseinandergesetzt hatte, begibt er sich mit IL PIACERE (deutscher Titel: DIE LUST) gleichermaßen auf die Gegenseite wie auf eine höhere Abstraktionsebene. Die historischen Rahmenbedingungen werden zwar nicht gänzlich ausgeklammert – der männliche Protagonist Gerard Villeneuve (Gabriele Tinti) ist der Sohn eines bekannten Antifaschisten, ein paar Soldaten diskutieren während eines Puffbesuchs die sagenumwobene Potenz des „Duce“, der angeblich mit einem Erguss sechs Frauen geschwängert habe -, aber mehr als mit den konkreten gesellschaftlichen Auswirkungen der faschistischen Regierung beschäftigt er sich mit der Zeichnung eines Stimmungsbildes, wirft er einen Blick auf die seelisch-spirituellen Verwerfungen, die damals um sich griffen. IL PIACERE ist weit mehr als der Vorgänger ein morbider Film, seine Charaktere sind besessen vom Tod, verzweifelt Suchende, hoffnungslos Ver(w)irrte. Wie die Protagonisten von L’ALCOVA stürzen sie sich kopfüber in den Sex, exerzieren ihn in allen Kombinationen durch, doch die selbstverständliche Ungezwungenheit der Faschisten im Vorgänger erreichen sie nicht. Die Lust ist bei ihnen schuldbehaftet und, ja, krank, obwohl sie doch den Weg ins Licht weisen soll.

Apropos Licht: War L’ALCOVA noch wesentlich bestimmt von dem ausladend tropischen Garten, der das Haus der Hauptfiguren umfing, von den Trophäen des Kolonialismus, die eine gewisse Öffnung zur Welt oder wenigstens ein Bewusstsein von ihr repräsentierten, so bietet IL PIACERE keinen einzigen geografischen Fluchtpunkt mehr. Die Dunkelheit, die im Haus von Villeneuve herrscht, ist allumfassend, und wenn die Handlung ihren wichtigsten Spielort doch einmal verlässt, dann begibt sie sich nach Venedig, das sinnbildlich steht für Tod, langsames Siechtum und Dekadenz. Ein wichtiger Plotpunkt von L’ALCOVA stellten die Bemühungen des männlichen Protagonisten Elio dar, der eigenen Verschuldung zu entrinnen, und dass er die erotische Verstrickung seiner Gattin Allessandra mit der Haussklavin Zerbal übersah, hatte wesentlich damit zu tun, dass er händeringend nach Lösungen für seine finanziellen Probleme suchte. Gerard Villeneuve hingegen ist ein durch und durch ohnmächtiger, passiver, lethargischer Charakter, der sich von Beginn seinem Schicksal ergeben hat und im weiteren Verlauf nur noch den ihm zugeweisenen Weg beschreitet, den er längst als den seinen akzeptiert hat. Wenn er sich zunächst dagegen wehrt, ist das nur der letzte Funken Lebenswille, der auch bald erlischen wird.

Die titelgebende sexuelle Lust ist in der Lebensanschauung der Bordellphilosophin Haunani (Laura Gemser) eine alle Menschen kosmisch verbindende Utopie, für Gerard, einen Gefangenen seiner Liebe zu einer Verstorbenen, wird sie hingegen zum Gefängnis, einem Mittel nicht der Selbstverwirklichung, sondern der Selbstauslöschung. Wir sehen ihn zu Beginn von IL PIACERE – und immer wieder, den ganzen Film hindurch – einem Tonbandgerät lauschen, mit dem er sich und seine Geliebte Leonora (Andrea Guzon) während der gemeinsamen Schäferstündchen und anderer erotischer Spiele aufzuzeichnen pflegte. Man bekommt den Eindruck, dass er eigentlich nichts anderes macht, als leise trauernd der erhebenden Vergangenheit nachzuhängen, nachzuspüren, was die Partnerschaft mit Leonora eigentlich in ihm ausgelöst hatte, obwohl er in Fiorella (Lilli Carati) doch längst eine attraktive neue Gespielin hat. Der Tod Leonoras führt deren Kinder auf sein Anwesen: den durchgeknallten Edmund (Marco Mattioli), einen strengen Puritaner, der beim Gedanken an die Mutter in konvulsivische Zuckungen verfällt (komplett mit Schaum vorm Mund) und nur durch eine weibliche Brust wieder beruhigt werden kann, und seine Schwester Ursula (Andrea Guzon), die ihm diese Brust gern bereitstellt und außerdem ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich sieht. Das führt Gerard in eine existenzielle Krise, zumal Ursula es sich zum Ziel gesetzt hat, die Rolle der Mama als Liebhaberin Gerards fortzuführen: Soll Gerard Ursula als Reinkarnation Leonoras akzeptieren?

In der zweiten Hälfte, in der Ursula und ihr Bruder plötzlich verschwinden, erdrückt von der bleiernen Stimmung in Gerards Haus, kommt IL PIACERE fast zum Erliegen. Das ist interessant, denn genau in jenem Abschnitt des Films beginnt Gerard endlich, sich zu bewegen. Er weiß jetzt, was er will: Die Einheit mit der Tochter seiner Geliebten, die bereitwillig die eigene Existenz aufgibt, um eine andere anzunehmen, eine, die in Verbindung mit Gerard vielleicht doch einen Ausweg aus dem Gefängnis der Körperlichkeit verspricht, einen Weg zu den Sternen weist, wo man sich bis in alle Ewigkeit in ständigem Begehren umkreist und durchdringt wie kosmischer Nebel.

 

the_alcove-593450105-largeItalien in den 1930er-Jahren: Nach seinem Einsatz im Abessinienkrieg kehrt Elio (Al Cliver) nach Hause zurück, wo seine Frau Alessandra (Lilli Carati) und ihre Bettgespielin und Hausdienerin Velma (Annie Belle) schon auf ihn warten. Unter den Geschenken, die der Mann den beiden Frauen mitgebracht hat, findet sich auch ein schwarzer Dildo, der beiden ein lüsternes Lächeln ins Gesicht zaubert, aber den Höhepunkt holt er zum Schluss herein: Zerbal (Laura Gemser) wurde ihm von ihrem Vater, einem stolzen Stammesführer, als Geschenk für dessen Rettung mitgegeben, auf dass sie ihm treu ergeben diene. Nach anfänglicher Abneigung gegen die „Negerin“ und „Wilde“, die mit ihrer „öligen Haut“ das herrschaftliche Haus „beschmutze“, findet Alessandra aber doch noch Gefallen an der exotischen Schönheit, die ihre persönliche Sklavin werden soll. Kein Wunder, hat Zerbal doch laut Elios Bekunden in wenigen Wochen der „Ausbildung“ bei ihm so viel gelernt wie echte Huren in zehn Jahren. Es beginnt eine hitzige lesbische Beziehung, zwischen der Hausherrin und der Afrikanerin, die weder der aufs Abstellgleis geschobenen Velma noch dem aus dem eigenen Schlafzimmer ausgesperrten Elio gefällt. Die ganze Situation eskaliert, als der hoch verschuldete Mann auf die Idee kommt, sein Konto mit einem selbstgedrehten Porno aufzubessern, in dem die drei Frauen mitwirken sollen …

Mitte der Achtzigerjahre drehte D’Amato ein paar zauberhafte Softsexfilme, darunter diesen hier, aber auch VOGLIA DI GUARDARE, LUSSURIA, IL PIACERE oder, mit einigen Abstrichen und etwas später, 11 DAYS, 11 NIGHTS. L’ALCOVA spielt wie die drei erstgenannten in den Dreißigerjahren, zeichnet sich durch gediegene Ausstattung, elegante Ausleuchtung und luxuriöse Bildkompositionen aus. Umso heftiger knallen die Geschmacklosigkeiten rein, die hier vor allem verbaler Natur sind und auf den Rassismus, Elitarismus und die Dekadenz der Protagonisten zurückgehen. „Hier stinkt es nach Aas“, bemerkt Alessandra einmal, als Velma sie ob ihrer Untreue zur Rede stellt. Und die Geschichten und philosophischen Betrachtungen, die Elio aus dem Krieg mitgebracht haben, entsprechen auch nicht ganz den gültigen Vorstellungen von geeignetem Gesprächsstoff für gesellige Runden zu Tisch. „Wenn man seinen Feind tötet, fühlt man sich wie ein Gott, aber wenn man ihn dann begraben muss überkommt einen der Ekel, weil er einen an ein Tier erinnert.“ Wobei dieses Tierische andernorts wieder ganz willkommen ist: „Die schwarze Hautfarbe der Gegner hilft dabei, sie als Tiere zu betrachten.“ Dass Al Cliver, ein Schauspieler, der selten durch mimischen Expressionismus, sondern eher eine gewisse Grundlethargie hervorstach, diesen Elio spielt, ist ein großer Wurf, weil seine Ausdruckslosigkeit die Unglaublichkeiten, die er absondert, noch erschreckender erscheinen lässt. L’ALCOVA verlässt das sicher abgesteckte Terrain der Softerotik niemals, aber in seinen geleckten (hihi) Bildern und der Zeichnung eines selbstverständlichen Rassismus einerseits, der etwas putzigen Vorstellung von perverser Verkommenheit andererseits verbirgt sich eine albtraumhafte Vorstellung von Fleisch- und Körperlichkeit, die nur schwer in Worte zu fassen ist.

Streng genommen ist L’ALCOVA ein Horrorfilm über Gier, körperliche Abhängigkeit und Unterwerfung sowie das komplizierte Wechselverhältnis zwischen den beiden, aber natürlich auch über den Imperialismus des Westens und seine Menschenverachtung. Nur lässt der Film sich nie wirklich auf diese Lesart festnageln. Zerbal bleibt ein Mysterium: Scheint ihre narrative Funktion zunächst darin zu bestehen, die moralische Verkrampftheit der Europäer bloß- und ihrer zivilisatorischen Devianz die Unschuld des Naturmenschen gegenüberzustellen, so ist es gerade sie, die die finale Eskalation heraufbeschwört und die weißen Herrenmenschen hinsichtlich Ruch- und Skrupellosigkeit noch in den Schatten stellt. Ihr Ende findet sie in der Stichflammenexplosion einer in Brand gesetzten Filmdose, in der sich der Sexfilm befindet, den Elio mit ihr, Alessandra und Velma gedreht hat: Da fühlt man sich schon an die Indianer erinnert, die man nicht fotografieren darf, weil man damit ihre Seele raubt. Ist Zerbal also doch ein Opfer der Zivilisation, hat sie sich in ihrem Gefühl der Überlegenheit selbst überschätzt? Wahrscheinlich ist es unmöglich, L’ALCOVA mit den Mitteln der Hermeneutik zu entzaubern, und das ist auch ganz gut so. Sein Geheimnis bleibt tief zwischen den samtigen Schenkeln Zerbals vergraben. Man kann zwischen sie stoßen, aber egal wie tief man auch eindringt, wie lange man es zwischen ihnen aushält, am Ende fällt man erschöpft auf den Rücken, ohne auch nur ein Stück schlauer zu sein.

2020texasgladiators-media1Vier Typen – darunter Al Cliver, Harrison Muller jr. und Daniel Stephen – mit freien, ölig glänzenden Oberkörpern, umgehängten Patronengurten und dicken Knarren räumen in einem modrigen Gewölbe auf, in dem ein paar grunzende Mutanten in Priesterroben über ein paar unschuldige Frauen herfallen. Die Kerle entpuppen sich als postapokalyptische Texas Rangers, die nach überstandener Mission einen der ihren kurzerhand rausschmeißen müssen: Als „Catch Dog“ (Daniel Stephen) die leicht bekleidete Maida (Sabrina Siani) erblickt, gehen mit ihm nämlich sogleich die brunftigen Gäule durch, bricht der Vergewaltige in ihm aus. Er zieht brummig von dannen, die dankbare Blonde macht indes dem heldenhaften Nisus (Al Cliver) das Angebot, sie in ihre Heimat zu begleiten, wo ihr Vater damit beschäftigt ist, eine neue Zivilisation aufzubauen. Nisus sagt nach nur kurzem Zögern spontan zu, obwohl es eben noch so schien, als sei sein Job als Gesetzeshüter eine Lebensaufgabe, von der ihn nichts, schon gar nicht eine leicht beschränkt guckende Blondine, abhalten könne.

Ein Voice-over untermalt anschließend die naiv-utopischen Bilder von lachenden, vollauf zufriedenen Menschen, die geschäftig  an einem Kraftwerk im Nichts herumschrauben, das der neue Ursprung allen neuen Lebens sein soll. Nisus, der die rechte Hand von Maidas Papa geworden ist, trägt eine Latzhose und wird immer gerufen, wenn irgendein Tölpel sich an einem zu weit geöffneten Ventil verbrüht hat. Aber das sind nur geringe Sorgen im Vergleich zu dem, was bevorsteht: Die Regierungsfaschos – unter ihnen sowohl der nazieske Anführer (Donal O’Brien) als auch der verräterische Catch Dog – greifen die Anlage an, killen Nisus, machen die braven Utopisten zu ihren Gefangenen und benehmen sich danach wie die Axt im Walde. Aber Nisus‘ Ranger-Kumpel bekommen Wind von der Sache und eilen, ein paar Indianer im Schlepptau, zu Hilfe.

ANNO 2020 – I GLADIATORI DEL FUTURO ist fast noch geiler als D’Amatos auch schon überaus vergnüglicher ENDGAME – BRONX LOTTA FINALE: Ich würde sogar so weit gehen, die Idee, die im Endzeitfilm einverleibten Western-Anleihen wieder nach außen zu kehren, als genial zu bezeichnen (Isaac Florentine hat das 15 Jahre später in COLD HARVEST auf die Spitze getrieben). Wenn am Ende die Indianer (= italienische Pastaliebhaber mit Perücken) hoch zu Pferde und mit Flitzebogen bewaffnet in die Schlacht reiten, die für Kugeln undurchdringlichen „Hitzeschilder“ der feindlichen Armeen mit ihren Pfeilen mühelos durchschlagen, ist das nur der Höhepunkt eines Films, der seine Wildwest-Allusionen mit großer Lust ausformuliert. Einen Kniff wie den, den vermeintlichen Protagonisten nach einer guten halben Stunde aus dem Film zu nehmen, würde ich an dieser Stelle zwar nicht unbedingt mit Hitchcock in Verbindung bringen wollen, aber auch das ist so eine Idee, die dem Billigheimer über die Runden hilft. Mit ENDGAME teilt er indes das Manko etwas gleichförmiger und unspektakulärer Actionszenen: Glaubt man der IMDb, war für sie D’Amato verantworlich, während ein ungenannt bleibender Luigi Montefiori aka George Eastman den Rest besorgte. Ob das so stimmt, kann ich nicht beurteilen, was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann, ist dass ANNO 2020 – I GLADIATORI DEL FUTURO eine der Überraschungen meines bisherigen Filmmonats ist.