Mit ‘Joe Pesci’ getaggte Beiträge

Interessant: MAN ON FIRE, das Original zu Tony Scotts ziemlich geilem Denzel-Washington-Remake, hätte eigentlich damals schon vom mittlerweile verstorbenen britischen Filmemacher gedreht werden sollen. Die Produzenten machten dann aber einen Rückzieher, weil Scott ihnen noch nicht profiliert genug war – was angesichts der Tatsache, dass der heute völlig vergessene Chouraqui auch nur vier Filme in der Hinterhand hatte, eine etwas seltsame Begründung ist. Ursprünglich waren sogar mal Sergio Leone und Robert De Niro für den Film vorgesehen, bevor dann Scott ins Spiel kam, der die Hauptrolle gern mit Marlon Brando oder Robert Duvall besetzt hätte. Am Ende wurde mit Chouraqui und Glenn eine etwas preisgünstigere Variante gewählt, aber dem fertigen Film tut das keinen Abbruch. MAN ON FIRE war lange Zeit nur schwer erhältlich, einer jener Titel aus den Achtzigerjahren, die damals – wohl auch aufgrund fehlender Superstars – unter dem Radar geflogen waren und die das Pech hatten, dabei keinen Kultstatus eingeheimst zu haben, der so vielen seiner Zeitgenossen mit dem Aufkommen der digitalen Medien einen zweiten Frühling bescherte. Ich war bei meiner jetzigen Erstsichtung ziemlich überrascht, denn ich hatte MAN ON FIRE immer für einen US-Film gehalten. Tatsächlich spielt der Film nicht nur ausschließlich in Italien – gedreht wurde an Originalschauplätzen in Rom, Mailand und am Comer See sowie in Cinecittà -, es handelt sich um eine italienisch-französische Co-Produktion, deren Hauptrollen aber mit einem ziemlich beachtlichen englischsprachigen Cast besetzt sind – der dann aber mit Ausnahme von Glenn nicht allzu viel zu tun bekommt. MAN ON FIRE bildet einen kulturellen Crossover, der ihn schon per se einmal spannend macht: Die Story könnte man als „amerikanisch“ beschreiben, aber die melancholische Stimmung, die die von Gerry Fisher eingefangene Bildwelt zusammen mit dem tollen Score von John Scott evoziert, sind sehr europäisch. Wer einen harten, schnellen Reißer erwartet, dürfte eher enttäuscht werden, zumindest sofern er nicht empfänglich für diese sehr besondere Atmosphäre des Filmes ist oder aber die Bereitschaft mitbringt, sich umzustellen.

Die Geschichte ist der von Scotts Remake – wie könnte es auch anders sein – sehr ähnlich: Der kriselnde Ex-CIA-Mann Creasy (Scott Glenn) wird von einer reichen italienischen Familie angeheuert, die zwölfjährige Tochter Samantha (Jade Malle) zu bewachen. Creasy, der nie eine Tochter hatte, und aus Angst vor einem Versagen davor zurückscheut, emotional zu sehr involviert zu werden, wird schließlich zum engsten Vertrauten und Freund des Mädchens, das von den schwer beschäftigten Eltern stark vernachlässigt wird. Als Verbrecher Creasy das Mädchen förmlich aus den Händen stehlen, zerreißt es ihn fast: Es setzt alles auf eine Karte, um Samantha aus den Händen der Kidnapper zu befreien.

Den Grundstein für diese morbid-melancholische Stimmung, die den Film am ehesten charakterisiert, legt Chouraqui schon in den ersten Sekunden: Der tote Creasy spricht aus dem Jenseits zu uns, während Journalisten und Polizisten in Zeitlupe um ihn herumreiten und Vorhänge wie Trauerschleier im Wind wehen, und er liefert uns die Geschichte seines Schicksals in einer langen Rückblende. MAN ON FIRE ist ein Film über den Tod, das zeigt sich in den Bildern verfallender Renaissance-Villen, durch die ihre Bewohner ziellos schlafwandeln, der maroden italienischen Städte und des Regens, der das bucklige Kopfsteinpflaster zum Glänzen bringt. Der Held ist kein charmanter oder wenigstens positiv exzentrischer Enthusiast, sondern ein widerwilliger Eigenbrötler, der mit jeder Faser seines Körpers zum Ausdruck bringt, dass er sich am falschen Platz fühlt, sich selbst nicht mehr vertraut und das ganze Leben als Enttäuschung und Belastung empfindet. Scott Glenn, dessen Qualitäten eher nicht in ausufernden Gefühlsausbrüchen liegen, sondern in dieser stählernen Unterkühltheit, ist die Idealbesetzung für Creasy, einen Mann, der so viel Scheiße gesehen hat, so viele dreckige Jobs erledigen musste, dass er sich selbst dafür hasst, Und Chouraqui findet einen Inszenierungsstil, die seinem Hauptdarsteller wie auf den Leib geschneidert ist. MAN ON FIRE Ist ein einziger slow burn, ein Film der diesen einen Moll-Akkord so lange und ausdauernd anschlägt, bis er zum hypnotischen Mantra wird. Es dauert lang, bis es zum Rachefeldzug kommt, den der Titel verkündet, und auch dann wird MAN ON FIRE nicht zum krawalligen, temporeichen, kathartischen Spektakel. Die Befreiungsaktion vollzieht sich eher unspektakulär und Creasy walzt nicht mit der Autorität eines Steven Seagal oder Schwarzeneggers durch den Film: Es sind nicht Unbesiegbarkeit und Unverwundbarkeit, die ihn auszeichnen, er ist kein Superheld und man muss ihm sogar unterstellen, dass er arg unvorsichtig und sorglos vorgeht: Ihm ist es einfach scheißegal, was mit ihm passiert, ob er angeschossen oder abgestochen wird. Er wird einfach so lange weitergehen, bis er Samantha gerettet hat. Er hat nichts zu verlieren außer diesem Mädchen.

Chouraqui schuf mit MAN ON FIRE ein Stück Ambient-Action, das in seinem Bereich nicht allzu viel Konkurrenz hat und sehr anmutig auf dem schmalen Grat zwischen Slickness und Dreck wandelt. Man kann die Melodramatik von MAN ON FIRE ganz sicher auch hochgradig kitschig finden, aber ich finde, das der Regisseur nicht zuletzt dank seines Casts sehr gut die Kurve kriegt. Unterschwellig ist das Teil sogar kompletter Wahnsinn: Da agieren Akteure wie Pesci, Pryce, Aiello, Adams oder Shenar in Bit Parts in einem edel aussehenden Prestigefilm, der Mitte der Achtziger aber vollkommen an jedem Publikum vorbeizielte. Geil, dass es ihn gibt.

Das Sequel zum Megahit war unvermeidbar und folgerichtig musste für den zweiten Aufguss alles eine Nummer größer sein: Warum Kevin also nicht allein nach New York verfrachten? Die Idee ist gut, die Umsetzung adäquat, aber ohne den Drive und die Selbstverständlichkeit, die noch das Original auszeichneten. Nichts Besonderes für einen zweiten Teil, der alles  eine Nummer schlechter macht als noch zuvor.

Dafür, dass Kevin allein in der Metropole landet (die 1991 immerhin noch ein bisschen gruselig war), muss die Glaubwürdigkeit im Unterschied zum ersten Teil arg überstrapaziert werden, der Mittelteil zerfällt noch mehr in unverbundene Episödchen und zielloses Location-Hopping, die Taubenfrau (Brenda Fricker), die als Ersatz für Roberts Blossom die Herzen erwärmen darf, kommt mit extra viel Zuckerguss (sorgt aber im Finale zumindest für ein wirklich tolles Bild, wenn die beiden tolpatischigen Einbrecher von Taubenschwärmen befallen werden), ein freundlicher Spielzeugladenbesitzer, der seine Weihnachtseinnahmen an ein Kinderkrankenhaus stiftet, dessen Patienten von ihren Fensterbänken aus traurig in die Weihnachtsnacht schauen, lässt sich nur schwer verteidigen, und es muss schon die dämlichste Hotelbelegschaft der Welt (Tim Curry & Rob Schneider) erfunden werden, damit die ganze Geschichte nicht krachend in sich zusammenstürzt. Dass der Film um diese Defizite weiß, macht es nicht unbedingt besser.

Die erneute Konfontation Kevins mit den Einbrechern aus Teil eins ist erwartungsgemäß noch spektakulärer, noch ausufernder und noch brutaler, versöhnt den, der mit dieser Art Entertaiment etwas anfangen kann, aber mit manchem müden Einfall des Films. Am schlimmsten sind natürlich all jene Szenen, die schon im ersten Teil nur mäßig witzig waren und dies in der aufgewärmten Version nun gar nicht mehr verbergen können: Die Nummer mit den Tonbandaufnahmen, die Kevin im Laufe des Films macht und dann immer passgenau einsetzt, ist so ein Element, von dem sich Hughes und Columbus besser getrennt hätten. Ich will das hier nicht über Gebühr ausdehnen: Es hat Spaß gemacht, das Teil mit meinen Kindern zu schauen. Sollte es ein zweites Mal geben, spulen wir aber bestimmt zum den Szenen vor, in denen Pesci und Stern auf die Glocke bekommen.

Schon bemerkenswert wie diese Kiddie-Komödie im Laufe der letzten 30 Jahre nicht nur zu einem Klassiker gereift ist, den wirklich jeder kennt, sondern auch Teil der westlichen Weihnachtsfeiertagskultur, ohne den das Fest nicht komplett zu sein scheint. Sicher, auch damals war das Teil ein Monsterhit, spielte bei Produktionskosten von schlanken 20 Millionen Dollar weltweit über 550 wieder ein, aber dass er die Zeiten so gut überdauern wurde, war nun wirklich nicht abzusehen.

Schlüssel zum Erfolg ist natürlich die unschlagbare Prämisse, die kein Geringerer als Hollywood-Jugendversteher vom Dienst John Hughes erdachte. Ein Kind, das an Weihnachten allein zu Hause sein muss, ist zunächst mal anrührend, in Verbindung mit dem Subplot um zwei dämliche Einbrecher spannend und aus Kinderperspektive natürlich auch eine Riesengaudi, vor allem, wenn man ein Riesenhaus und ausreichend Bargeld zur Verfügung hat. Das Drehbuch ist megasimpel gestrickt in der Zusammenführung dieser Ideen, aber eben auch sehr, sehr clever: So werden Megablockbuster und Evergreens gemacht. Wie schafft es eine Familie, das eigene Kind zu Hause zu vergessen? John Hughes leitet das maximal glaubwürdig und ohne eitle Kunstgriffe her: Wie da genau im falschen Moment ein dämliches Nachbarkind auftaucht, um die Verkettung von Pannen zu ihrem Höhepunkt zu führen, ist schlicht genial (man ziehe das Sequel zum Vergleich heran, das die Glaubwürdigkeit hingegen enorm überstrapaziert).

Der Mittelteil des Films ist hingegen, das muss man sagen, ein wenig redundant: Für die meisten Menschen dürfte HOME ALONE der Film sein, in dem Macaulay Culkin zwei Einbrecher in verschiedenen Varianten die Treppe runterschmeißt, was auch belegt, wie wenig vom Rest hängengeblieben ist. Hughes und Columbus kaschieren die Tatsache, das der zweite Akt eigentlich reines Zeittotschlagen ist, dramaturgisch durch den geschickten Wechsel von Kevin hin zur Mutter, die von Verzweiflung und Angst geplagt schließlich die Heimreise von Paris nach Chicago antritt und dabei den liebenswert einfältigen Polkamusiker Gus Polinski (John Candy) kennenlernt, der sie mitnimmt – und zum Trost erzählt, dass er sein Kind mal in einem Leichenschauhaus vergessen hatte. Dann muss natürlich über Macaulay Culkin gesprochen werden, der mit HOME ALONE zum Superstar wurde und den Boden für eine ebenfalls filmreife Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Hollywood-Kinderstars bereitete: Er agiert seltsam unnatürlich und mechanisch und mutet speziell in der deutschen Synchro manchesmal geradezu autistisch an. Wahrscheinlich war er einfach zu niedlich, das Script von Hughes zu perfekt, als dass kindliches Overacting es hätte sabotieren können. Ausnahmslos für Freude sorgt hingegen der Auftritt von Roberts Blossom: Der durfte in Allan Ormsbys wunderbarer Ed-Gein-Adaption DERANGED noch den berühmten Serienmörder spielen und erwärmt hier die Herzen als einsamer Nachbar, der die Fantasie der Kinder anregt: Es ist seine Darbietung, die einer geölt laufenden Unterhaltungsmaschine das dringend nötige Herz verleiht.

Aber kommen wir zum Showdown, der realfilmischen Umsetzung cartoonesker Gewaltfantasien. Nichts ist bekanntlich witziger als Menschen, die auf die Schnauze fallen oder schwere Gegenstände auf die Birne bekommen, das beweisen die sich seit über 30 Jahren im Fernsehprogramm haltenden Pannenvideos, und wenn solche Unfälle dann auch noch Charakterfressen wie Joe Pesci und Daniel Stern treffen, gibt es wahrhaft kein Halten mehr. Man darf nicht so genau darüber nachdenken, was den beiden da angetan wird: Machen wir uns nichts vor, im echten Leben wären diese beiden Trottel mit allerschwersten Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert und die Erziehungsmethoden von Kevins Eltern ganz genau durchleuchtet worden: Die Booby Traps, die ihr Sprössling da mit ramboesker Detailverliebtheit errichtet, hat das Blag garantiert nicht aus einer Episode von „Bob, der Baumeister“! Für eine ideologiekritische Betrachtung gibt HOME ALONE auch davon abgesehen jede Menge Munition, aber das muss ja nun wirklich nicht sein.

Basic CMYKZugegeben, LETHAL WEAPON 4 ist nicht so öde und lahmarschig wie der direkte Vorgänger, aber dafür so dermaßen übersteuert, dass er kaum weniger nervtötend wirkt. Seinerzeit fand ich ihn wohl ziemlich spektakulär und aufregend, die Melange aus Action und gefühlsduseliger Familienkomödie aber schon damals streitbar, weder wirklich zufriedenstellend noch gar überzeugend. Heute, knapp 15 Jahre später stehe ich dem Film gegenüber wie ein Höhlenmensch, der plötzlich mit Lady Gaga konfrontiert wird: Ich verstehe ihn nicht. Der Film suggeriert mir, dass mir das, was ich da sehe, ein Riesenvergnügen bereiten sollte, aber je überzeugter der Film von seinem Gelingen ist, umso mehr hat er mich befremdet und abgestoßen. Da ist diese wirklich grau-en-haf-te Szene, in der Riggs (Mel Gibson), Murtaugh (Danny Glover) und ihr neuer Partner Butters (Chris Rock – weil dieser Film nichts so sehr braucht wie noch einen Spaßvogel) sich in das Behandlungszimmer einer Zahnarztpraxis schleichen, um einen dort wartenden  Verdächtigen mithilfe von Lachgas zu verhören. Natürlich bekommen auch Riggs und Co. mehr als eine Brise des Betäubungsmittels ab, und die ganze Szene endet in unbändigem Gelächter und Lachkrämpfen, die an die Darbietungen einer mittelmäßigen Impro-Theatergruppe erinnern. Die Differenz zwischen meinem Gemütszustand und dem der Protagonisten hätte während dieser Szene kaum größer sein können. Nicht nur ist das ganze Lachgas-Szenario grauenhaft altbacken ist (es hilft nichts, dass Donner seit LETHAL WEAPON immer und immer wieder die Three Stooges referenziert, um sich abzusichern): Es ist einfach erschreckend unwitzig.

Der sich in dieser Szene niederschlagende Mangel an Selbstreflexion – Richard Donner scheint mir wirklich ein bemerkenswert dummer Mensch zu sein – zeichnet den ganzen Film aus. Hat denn wirklich keiner gemerkt, dass dieser Riggs ein grotesk unsympathisches Arschloch ist, mit seiner Herablassung gegenüber Schwächeren, seinem unverhohlenen Hass auf die Chinesen, die hier das Schurkenpersonal stellen, seiner Bully-Mentalität und seinem Sexismus? Besonders ätzend gerät der unvermeidliche Auftritt der Polizei-Psychologin: Nachdem sie ihm erneut eine Therapie angeraten hat (gähn!), stellt Riggs sie vor versammeltem Polizeirevier bloß, indem er ihr sexuelles Interesse an ihm unterstellt. Klar, dass ein selbstverliebter Geck wie er sich nicht vorstellen kann, dass eine Frau aus einem anderen Grund mit ihm spricht. Und wie idiotisch sich alle verhalten! Riggs erfährt in der Eröffnungsszene von Murtaugh, dass Lorna (Rene Russo) von ihm schwanger ist, weil sie sich nicht getraut hat, es ihm selbst zu sagen. In den folgenden 120 endlosen Minuten vollführen die beiden Endvierziger einen Eiertanz um die Frage, ob sie heiraten sollen: Man fühlt sich wie im Kindergarten. Murtaughs Tochter Rianne hat ihrerseits nicht nur ihre Schwangerschaft vor ihrem Daddy geheim gehalten, sondern gleich auch noch ihre Heirat einschließlich Ehemann. Die Versuche des Inkognito-Schwiegersohns Butters, sich bei Murtaugh beliebt zu machen, missversteht dieser „natürlich“ als die Avancen eines Schwulen. Es ist wirklich beeindruckend, wie würdelos sich Erwachsene verhalten können. Oder vielmehr: Was Donner so alles für lustig hält. Alles aus ist dann am Schluss, wenn es eine rührselige Ansprache von Leo Getz (Joe Pesci) gibt, der nunmehr seit drei Filmen übelste Demütigungen und Beschimpfungen über sich ergehen lassen musste und trotzdem vor lauter Dankbarkeit fast vergeht. Die zwei, drei netten, wirklich witzigen Momente – etwa das Mantra-artig wiederholte „I’m not too old for this shit!“, eine auf-den-Kopf-Stellung von Murtaughs Lieblingsspruch, mit der die beiden ihre unleugbaren Alterserscheinungen wegbeten wollen – fallen bei der Anzahl schmerzhaft-idiotischer Einfälle kaum ins Gewicht.

Von der Actionfront gibt es leider kaum Positiveres zu vermelden. Es kracht, wie erwähnt, etwas mehr als im dritten Teil, aber wirklich mitreißend ist das alles nicht. Der Erfolg einer spektakulären Verfolgungsjagd wird massiv dadurch geschmälert, dass man Gibsons Stunt-Double allzu oft allzu gut erkennen kann, Jet Lis Martial-Arts-Künste sind weitestgehend verschenkt, zumal seine Rolle mit „eindimensional“ noch reichlich wohlwollend beschrieben ist. Nee, nee, das ist alles nichts. Vielleicht ist LETHAL WEAPON 4 einfach schlecht gealtert, vielleicht ist man bei der gerechten Einschätzung des Films auch durch Gibsons Eskapaden in den  letzten Jahren beeinträchtigt. Aus heutiger Warte kann ich mir jedenfalls kaum erklären, warum ich diesen Film nicht damals schon gehasst habe. Ein eindrucksvolles Beispiel, dass Älterwerden mitnichten bloß körperlichen und geistigen Verfall bedeutet, sondern manchmal auch mit einer begrüßenswerten Weiterentwicklung einhergeht.

lethal-weapon-3-pLETHAL WEAPON 3 ist eine Katastrophe. Ein komplett unerträgliche Angelegenheit, die alles, was man schon in den beiden Vorgängern nur ausgehalten hat, weil das Gesamtpaket stimmte, auf epische Breite auswalzt und in noch einmal runtergedummter Version präsentiert – und dabei dann auch noch vergisst, wenigstens ordentlich Rabatz zu machen. Der Film beginnt mit der besten Szene – Riggs (Mel Gibson) jagt bei dem Versuch, eine Bombe entschärfen, ein Hochhaus in die Luft – und hat danach rein gar nichts mehr zu bieten. Jener Auftakt wurde dann damals auch marketingtechnisch weidlich ausgeschlachtet: Dass man eine echte Häusersprengung als Hintergrund benutzte, empfand man seltsamerweise als erwähnenswerte News und nicht etwa als billige Abkürzung der Filmemacher. Von diesem netten Einstieg an geht es nur noch bergab. Die ganz lustige Idee, die beiden Chaos-Cops zum Streifendienst zu verdonnern, wird nach einer kurzen Szene wieder verworfen, bevor sie wirklichen Ertrag eingefahren hat (immerhin dürfen die beiden Helden auf die ihnen eigene „sympathische“ Art einen arglosen Bürger drangsalieren). Der eigentliche Plot um einen Ex-Cop, der sein Insider-Wissen nutzt, um beschlagnahmte Waffen aus der Asservatenkammer zu stehlen, und diese dann samt Teflon-durchschlagender „Cop-Killer“-Munition an Street Kids verhökert, kommt nie in die Gänge. Ständig ist irgendein anderer Schwachsinn wichtiger: Leo Getz (Joe Pesci), der sich nun als geschwätziger Immobilienmakler verdingt, Murtaughs (Danny Glover) Haus verkaufen will und nach einer harmlosen Schussverletzung auf Geheiß seiner beiden feinen Freunde Darmspiegelung und Rektaluntersuchung erhält. Die sich anbahnende Beziehung zwischen Riggs und der Internal-Affairs-Beamtin Lorna Cole (Rene Russo). Das Drama um Murtaugh, der wenige Tage vor seiner Pensionierung in Notwehr einen auf die schiefe Bahn geratenen Freund seines Sohnes erschießt. Der ganze Film ist eine Ansammlung von Satelliten-Ideen, die aufgrund des Verlustes ihres Gravitationszentrums orientierungslos im Nichts schweben, weitab der Umlaufbahn, die ihnen vielleicht einmal Sinn verliehen hat. Der Oberschurke Jack Travis (Stuart Wilson) absolviert hingegen kaum mehr als gelegentliche Gastauftritte, damit man nicht vergisst, dass LETHAL WEAPON 3 ein Actionkrimi sein soll, und gerät zur totalen Non-Entität: Seine Motivation, sein Plan, das alles ist kaum von Interesse und wird dann lediglich zwischen Tür und Angel abgewickelt, weil man es nicht einfach ganz weglassen wollte. Der Showdown in einer nicht fertig gestellten Neubausiedlung wird zwar mit viel Tamtam und Gerumms inszeniert, wirkt aber verglichen mit den Actionszenen der Vorgänger wie aus einer Videopremiere geklaut. Man mag kaum glauben, dass die Köpfe hinter der Serie, die in den vorangegangenen Installationen vielleicht nicht sonderlich inspiriert war, aber für sich doch immerhin in Anspruch nehmen konnte, das Hollywood’sche Achterbahnversprechen ohne Einschränkungen einzulösen, sich zu diesem auf allen Ebenen enttäuschenden Rohrkrepierer hinreißen ließen und dafür noch nicht einmal die entsprechende und verdiente Quittung an den Kinokassen erhielten.

Inhaltlich wird die im Vorgänger schon angedeutete Richtung indessen konsequent weiterverfolgt: Riggs bekommt endlich die Frau zur Seite gestellt, die ihn zügeln und das Wasser reichen kann. Rene Russo absolviert als schlagkräftige Polizeibeamtin fast mehr Actionszenen als Gibson und die Szene, in der die beiden ihre Narben miteinander vergleichen, ist dann auch ein weitestgehend einsamer, wenn auch wenig origineller Höhepunkt des Films. Ein regelrechtes Ärgernis stellt hingegen wieder einmal der Auftritt der Polizeipsychologin Dr. Stephanie Woods (Mary Ellen Trainor) dar, deren unermüdliche, seit dem ersten Teil währenden Bemühungen, Riggs zu einer Therapie zu überreden, mittlerweile deutlich stalkerhafte Züge annehmen. Ein besonders frappierendes Beispiel für den ätzenden Anti-Intellektualismus, Sexismus und Chauvinismus, die die Reihe zwar von Beginn an begleiten, zuvor aber noch offensiv angegangen und daher produktiv zur Wirkung gebracht werden konnten. Der dritte Teil ist nur noch spießig und borniert, dabei aber auch noch jeder kontroversen Härte beraubt (als einziger der Reihe ging er in Deutschland mit 16er-Freigabe durch). Das liegt eben daran, dass die Ausgangsidee der Serie, die Paarung eines braven Familienmanns in den besten Jahren mit einem trainierten und an Depressionen leidenden Killer, im dritten Teil längst passé ist. Klar, Riggs muss sich auch hier mal wieder schmerzhaft die Schulter aus- und wieder einrenken (noch so eine alte, aufgewärmte Idee), und ab und zu darf er noch gefährlich mit den Augen rollen, doch eine tödliche Waffe, eine Bedrohung auch für das eigene Leben, ist er längst nicht mehr. Seine Kanten sind abgeschliffen, sein Schmerz gestillt. Papa hat ihn heim ins Reich geholt, wo der Kleingeist, der er ist, gänzlich reflexionsfrei seinem Omnipotenzwahn nachgehen und seine Polizistenmacht missbrauchen darf, um all jene zu gängeln, die nicht in sein begrenztes Schema passen. Aber das größte Vergehen von LETHAL WEAPON 3 ist noch etwas anderes: Dass Donner noch nicht einmal in der Lage ist, selbst ein Mindestmaß an Interesse für diese Figuren aufzubringen oder seinen Film wenigstens mit einem Tempo zu inszenieren, bei dem einem nicht vor lauter Langeweile die Füße und die Arschbacken einschlafen.

Nach dem Erfolg von LETHAL WEAPON war ein Sequel unvermeidbar. Nach Hollywood-Logik beinhaltet es alles, was den Vorgänger zum Hit machte, in erhöhter Dosis: Der Humoranteil wird durch die Einführung von Joe Pescis Charakter noch einmal gesteigert, die Actionszenen und Stunts sind elaborierter und ausufernder, die Gewalt ist für eine solche Großproduktion von bemerkenswerter Ruppigkeit. Nach den CIA-Schurken des ersten Teils wird eine besonders hassenswerte Antagonistenschar weißer südafrikanischer Rassisten aufgeboten, die unter dem Deckmantel diplomatischer Immunität ihr kriminelles Unwesen treibt. Hier schleicht sich dann sogar Tagesaktualität ein, wird nicht mehr gegen den 1989 schon in der Abwicklung befindlichen Ostblock propagandiert, sondern gegen den noch aktiven Apartheidsstaat. Das geschieht nicht ohne ätzende Polemik – alle weißen Südafrikaner des Films sind groteske Nazikarikaturen –, die durch die Anwesenheit Murtaughs gewissermaßen legitimiert wird (wer im ersten Teil genau aufgepasst hat, hat am Kühlschrank der Familie Murtaugh einen Anti-Apartheid-Free-South-Africa-Aufkleber entdeckt). Die Verwendungen des rassistischen Schmähworts „Kaffer“ sind nicht zu zählen und wirken heute, nach etlichen N-Wort-Debatten und PC-Diskussionen, reichlich zynisch und kalkuliert. Hinsichtlich der Affektsteuerung ist diese Konstellation natürlich Gold wert: Man wähnt sich mit der Sympathie zu Riggs und Murtaugh instinktiv sofort auf der richtigen Seite, auch wenn sich die Methoden, mit denen die Südafrikaner hier kollektiv als Unmenschen verurteilt und die USA als gelobtes Land der Toleranz gefeiert werden, jene so manches vermeintlich antisowjetischen Propagandafilms der mittleren Achtzigerjahre weit in den Schatten stellen. Der Zorn Riggs‘, der sich am Ende gegen die Schurken entlädt, nachdem seine neue Flamme (Patsy Kensit) exekutiert wurde, spiegelt den Amoklauf Rambos nach dem Mord an Co in RAMBO: FRST BLOOD PART II; mit dem Unterschied, dass die eigentlichen Schurken damals in den eigenen Reihen zu suchen waren – und in einem Akt der Selbstbeherrschung verschont blieben. Hier setzen sich Murtaugh und Riggs über geltendes Recht krass hinweg, spucken auf die diplomatische Immunität und richten den ätzenden Popanz Arjen Rudd (Joss Ackland) mit einem Kopfschuss hin, als der ihnen mit triumphierendem Grinsen seinen Diplomatenpass entgegenhält. Man könnte durchaus sagen, dass LETHAL WEAPON 2 mit seinen reaktionären Tendenzen, Gewalt- und Allmachtsfantasien im Gewand der Unterhaltung problematischer ist, als alle „reaktionären“ Actionfilme zuvor.

Auch inhaltlich erzählt LETHAL WEAPON 2 vom Regress: Riggs ist zu Beginn des Films ganz im Schoße der Familie Murtaugh angekommen, geht bei ihnen ein und aus. Der ständig auf des Messers Schneide tänzelnde Psychopath, der er im ersten Teil noch war, ist unter Kontrolle, hat seine Probleme gelöst. So berichtet er Murtaughs Gattin dann auch einmal von jenem Abend, an dem er vom Tod seiner Frau erfuhr: Zwar merkt man ihm an, wie es hinter der betont coolen Fassade brodelt, aber man muss keinen Rückfall in die manische Depression mehr befürchten. Seine an Masochismus grenzende Tollkühnheit nutzt er vor allem, um ein paar Dollar nebenbei zu verdienen: So befreit er sich durch mutwilliges Auskugeln des Schultergelenks gegen Geld von seinen Kollegen aus einer Zwangsjacke und renkt sie sich äußerst schmerzhaft vor den Augen der Polizeipsychologin, die ihn eh am liebsten in Behandlung sähe, wieder ein. Er gleicht einem domestizierten Wolf: Seine Unberechenbarkeit ist in geordnete Bahnen überführt, nutzbar gemacht. Wenn es nötig ist, wird er von der Leine gelassen. Dann zeigen seine Augen wieder dieses gefährliche Blitzen, ist ihm alles zuzutrauen, gleicht er einem Pyromanen in der Feuerwerkskörper-Fabrik. Wie dieser Mann tickt, wird sehr schön in einem eher unauffälligen Moment deutlich: Als er seinen Partner Murtaugh regungslos auf der Toilette sitzend vorfindet, mit ruhiger Stimme sprechend und wie von einer tiefgreifenden Erkenntnis befallen. schleicht sich echte Angst in Riggs Gesicht. Als Murtaugh Riggs jedoch offenbart, dass seine Kloschüssel mit einer Bombe versehen ist, die ihn dort seit Stunden festhält, entfährt diesem ein Stoßseufzer der Erleichterung. Mit einer handfesten lebensgefährlichen Situation kann er umgehen, mit dem Geständnis eines allzumenschlichen Problems wäre er indessen überfordert gewesen. Der weitere Verlauf des Films zeigt dann auch, das es ein frommer Wunsch ist, diesen Mann dauerhaft unter Kontrolle zu halten. Nach dem Tod seiner Liebschaft und der die Glaubwürdigkeit etwas überstrapazierenden Offenbarung, dass die Südafrikaner auch am Tod seiner Ehefrau beteiligt waren, rastet Riggs völlig aus, beginnt einen Ein-Mann-Feldzug gegen die Bösewichter, in den er auch seinen sonst so zivilisierten Freund Murtaugh mit hineinzieht. LETHAL WEAPON 2 macht eindrucksvoll klar, dass es nur eine Sache gibt, die diesen Riggs dauerhaft zähmen kann: Und tatsächlich wird er dann ja im nächsten Film eine gleichberechtigte Partnerin finden.

Die angesprochene Law-and-Order-Mentalität und der kaltschnäuzige Zynismus des Films werden zwar vordergründig durch die liebenswerten Kumpeleien des Films konterkariert, spiegeln sich aber auch in der herablassenden Behandlung, die Riggs und Murtaugh dem ihnen anvertrauten Leo Getz angedeihen lassen. Pesci lässt sich als kleiner Giftzwerg mit Plappermaul inszenieren, als Comic Relief, an dem sich die beiden echten Kerle abreagieren können – sogar der sonst so brave Murtaugh wird ihm gegenüber zum waschechten bully. Da setzt es in einer Tour Backpfeifen, Nasenstüber, verbale Demütigungen und Beleidigungen, die Leo in geradezu hündischer Ergebenheit hinnimmt und fast noch dankbar dafür ist, dass er von diesen beiden gewachsenen Mannsbildern wenigstens irgendwie wahrgenommen wird. Auch wenn Donner seine beiden Helden wahrscheinlich wirklich als dufte Typen verstanden wissen wollte: Eher unabsichtlich gelang ihm ein recht treffendes Bild einer geschlossenen Männergesellschaft, die nur ihresgleichen als gleichberechtigt akzeptieren kann, ihre Zuneigung in kleinen Sticheleien ausdrückt und Außenstehende ausschließlich mit einer Geringschätzung zu behandeln weiß, in der sich die Frustration über den eigenen gesellschaftlichen Status niederschlägt. Auch der Zorn auf die südafrikanischen Diplomaten ist nur indirekt mit deren Machenschaften und ihrer Ideologie zu erklären: Hinter dem Gesicht der Rechtschaffenheit verbirgt sich nichts anderes als die hässliche Fratze des Wutbürgers, der im gegenüber all das verkörpert sieht, was er nicht hat. Ich finde es toll, wie LETHAL WEAPON 2 – ganz wie seinem Protagonisten Riggs – die Kontrolle entgleitet und diese Fratze zum Vorschein kommt, wie der „Spaß für die ganze Familie“ zur verfilmten Bild-Zeitung gerät. Teil 1 war wahrscheinlich zwingender und runder, weniger aufgeblasen mit Albernheiten, aber das Sequel ist einzigartig in seiner Falschheit. Ein Spätachtziger-Masterpiece.