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the great moment (preston sturges, usa 1944)

Veröffentlicht: Dezember 17, 2012 in Film
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Der Tod des Zahnarztes William Thomas Green Morton (Joel McCrea) ist Anlass für seine Witwe Elizabeth (Betty Field) und seinen besten Freund Eben (William Demarest), seine Geschichte Revue passieren zu lassen: Die sensationelle Entdeckung des Betäubungsmittels Ether, mit dem auf einmal medizinische Behandlung ohne Schmerzen für den Patienten durchführbar waren, hätte ihm finanziellen Wohlstand, Ruhm und Ehre einbringen sollen. Stattdessen sorgten Neid und Missgunst unter Wissenschaftlern und Medizinern sowie die Unfähigkeit der Politik dafür, dass seine Entdeckung nicht nur niemals belohnt worden war, sondern er auch als geldgieriger Unmensch gramgebeugt verstarb.

Auch Preston Sturges ist nur ein Mensch, weshalb sein achter Spielfilm „nur“ gut ist. Seine desillusionierte Sicht auf die Menschheit, die sich durch Gier und Selbstsucht auszeichnet und dabei keine Rücksicht kennt, bindet er in ein melancholisches Period Piece ein, dem der Schwung und die Unmittelbarkeit seiner größten Filme aber abgeht. Die Entscheidung, seine tragisch verlaufende Heldengeschichte als lange Rückblende zu erzählen, wirkt zusätzlich zur historischen Barriere distanzierend und raubt dem Stoff viel seiner möglicher Spannung. Die Konflikte werden früh etabliert, der Zuschauer weiß, woran Morton letztlich zerbrechen wird, sodass sich das weitere Interese nur noch auf das „Wie“ richtet. Das Sujet ist durchaus interessant und originell und Sturges gelingen, wie man das vo ihm erwarten darf, einige sehr schöne Szenen sowie eine erhabene Schlusseinstellung, wie kein zweiter verbindet er untröstliche Bitterkeit und Humor zu einem niemals disparaten, immer homogenen Film, aber die ganz große Begeisterung, die man nach Perlen wie THE GREAT MCGINTY, CHRISTMAS IN JULY, THE LADY EVE, SULLIVAN’S TRAVELS oder THE PALM BEACH STORY fast schon erwartet, stellt sich nicht ein. Auffallend ist das Fehlen einer starken Frauenfigur: Mortons Elizabeth wächst nie über das brave Anhängsel, das sich Sorgen macht, wenn ihr Mann nachts nicht ins Bett kommt, hinaus. Vielleicht ist das das Hauptproblem: Gingen Charaktere und Handlung  in den oben genannten Filmen immer Hand in Hand, war letztere immer die zwangsläufige Verlängerung ersterer, bleiben die Figuren hier blass und relativ eindimensional. THE GREAT MOMENT spielt sich über weite Strecken genauso ab, wie man das nach Lesen einer Inhaltsangabe erwarten darf: Da gibt es den egagierten Arzt, die brave Ehefrau, den dankbaren Patienten, der zum Assistenten wird (Sturges-Regular William Demarest, der bisher in allen seinen Filmen mitwirkte und stets den Part des groben, aber gutmütigen Brooklynite spielte), den wohlmeinenden Wissenschaftler, der sich jedoch letztlich dem Druck der Lobby beugen muss, die nur den eigenen Profit im Sinn hat, nicht in der Lage ist, über gepflegte Standesdünkel – wo käme man denn hin, wenn man sich von einem Zahnarzt die Medizin erklären ließe! – hinwegzusehen und stattdessen billigend das Leid ihrer Patienten in Kauf nimmt. Dieser Film würde heute wohl kein Stück anders erzählt werden – was ja fast wieder für Sturges spricht.

Nach fünf Jahren Ehe hat Gerry (Claudette Colbert) das Gefühl, ihrem Gatten Tom (Joel McCrea) im Weg zu stehen. Seine ambitionierten Pläne, einen topmodernen Flughafen zu bauen, werfen kein Geld ab, die Gläubiger sitzen den beiden im Nacken. Gerry ist fest entschlossen, sich scheiden zu lassen und lässt sich auch von Tom nicht von dieser Idee abbringen. Im Zug nach Florida, wo die Scheidung vollzogen werden soll, lernt sie den Multimillionär J.D. Hackensacker III. (Rudy Vallee) kennen, der sich gleich in Gerry verliebt. Doch am Ziel ihrer Reise werden sie von Tom empfangen. Gerry gibt ihn als ihren Bruder aus und verkuppelt ihn mit Hackensackers Schwester (Mary Astor) …

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Sturges ergänzt sein bis hierhin makelloses Schaffen um ein weiteres Meisterwerk. THE PLAM BEACH STORY ist für mich sein bislang lustigster und turbulentester Film. Vom Start weg, einer Art simulierter Pre-Title-Sequenz, die den Hochzeitstag der beiden Protagonisten als im Zeitraffer ablaufende Aneinanderreihung kleinerer Slapstick-Katastrophen rekapituliert, und der diese abschließenden Verkündung, dass das Paar „glücklich bis an ihr Lebensende“ lebe, von der aus mit der Frage „Or do they?“ in die nicht mehr ganz so glückselige Gegenwart übergeleitet wird, legt der Film ein Tempo vor, das dem Zuschauer bis zum Ende keine Verschnaufpause gönnt – so ähnlich wie dieser Satz, für den ich mich aufrichtig entschuldigen möchte. Im Hier und Jetzt angekommen, konfrontiert Sturges den Zuschauer mit der prekären finanziellen Lage der Jeffers: Das Ehepaar fliegt nur deshalb nicht aus seinem mondänen Apartment, weil ein potenzieller Neumieter – ein greiser texanischer Würstchenfabrikant – Gefallen an Gerry findet und ihr aus Mitleid eine große Summe Geld zusteckt. Die offenherzige Art, mit der sie ihrem Gatten davon erzählt, sorgt für das erste unvergleichliche Wortgefecht. „Und Sex hatte nichts damit zu tun?“ fragt der eifersüchtig-ungläubige Tom und erntet dafür von ihr ein Lachen: „Natürlich hatte Sex etwas damit zu tun, Sex hat immer etwas damit zu tun!“ (Der größte Lacher folgt für mich beim darauffolgenden ehelichen Dinner, als beide mitleidig über ihre nicht vorhandenen Kochkünste reden und er sich an einen besonders missratenen Braten von ihr erinnert: Das Gesicht, das er dabei zieht – eine Mischung aus einem Schmunzeln über das epochale Versagen und Verwunderung darüber, wie man ein Essen so dermaßen versägen kann – ist Gold wert.)

Sturges versteht es ausgezeichnet, unverblümt geäußerte Wahrheiten und zurückhaltende Diplomatie heftig zusammenprallen zu lassen und kostet die sich an diesen Zusammenprall anschließende Unsicherheit gnadenlos aus. Meist sind es die Männer, die von den Frauen zurechtgestutzt werden, aber selten nehmen die Frauen dabei eine aggressiv-dominante Rolle ein. Es ist einfach herrlich, Tom dabei zuzusehen, wie er seine Frau verzweifelt davon überzeugen will, dass sie ihm keinen Gefallen damit tut, ihn zu verlassen. Sie gibt ihm keine Chance, das leidende Opfer zu spielen und sie auf Knien zum Bleiben zu überreden, weil sie sich sehr raffiniert selbst in die Rolle des Opfers begibt, obwohl alle Initiative von ihr ausgeht. Wie schon in THE LADY EVE hat der Mann keine Chance gegen die Frau, auch dann nicht, wenn diese ihre Überlegenheit hier ganz anders ausspielt als dort. Aber THE PALM BEACH STORY ist nicht nur Zeugnis‘ von Sturges‘ Dialogkunst und seiner Einsicht in Bezeihungsdynamik, er zelebriert hier auch einige herrliche Slapsticksequenzen. Im Zug nach Florida wird Gerry mit einem Verein betrunkener Sportschützen konfrontiert, die in Schnapslaune den ganzen Waggon zusammenschießen. Am Ziel angekommen wird das Hin und Her der beiden vermeintlichen Pärchen vom Hausfreund Toto ergänzt, einem geckenhaften Gockel mit Zwirbelschnauzbart und Fantasiesprache, der mit seinen Avancen von Hackensackers Schwester so brüsk abgewimmelt wird, als sei er ein nervendes Schoßhündchen. Sein beharrlich ausgerufenes „Nitz!“ beantwortet sie regelmäßig genauso barsch mit „Yitz!“ Das klingt wahrscheinlich nicht nach viel, aber so wie Sturges das muntere Treiben inszeniert ist THE PLAM BEACH STORY nicht weniger als der lustigste Film aller Zeiten.