Mit ‘Johanna von Koczian’ getaggte Beiträge

Käpt’n Markus Jolly (Curd Jürgens) läuft mit seinem Schiff in Hamburg ein und kann es kaum erwarten, zu seiner Ehefrau zu kommen. „Seit vier Jahren verheiratet und nur fünf Monate zu Hause“, erklärt er seinem Bootsmann Oliver Kniehase (Heinz Reincke), und der Zuschauer ahnt schon, was bevorsteht. Tage vor dem eigentlich angekündigten Termin seiner Heimkehr eintreffend, findet er seine Frau mit einem anderen im Bett und packt enttäuscht schmollend seine Tasche. Hier hält ihn nichts mehr, schon gar nicht die um Verständnis bettelnde Gattin, die nach einem kleinen Schubser durchs Treppengeländer kracht und mehrere Stockwerke in die Tiefe und den Tod stürzt. Das Gericht spricht ihn schnell von jeder Schuld frei und so steht einer neuerlichen Schifffahrt nichts mehr im Wege. Doch in der Bananenrepublik, in die der Käpt’n – totschick im siffigen Unterhemd, mit Schnauzbart und speckigem Halstuch – Medikamente und Alkohol bringt, spielt ihm die örtliche, korrupte Polizei übel mit, will den Schnaps nicht bezahlen und ihn sich stattdessen selbst unter den Nagel reißen. Nicht mit Jolly, der den Fusel kurzerhand über Bord wirft oder ihn direkt in die Mäuler der gierig wartenden Bevölkerung kippt. Unterdessen wird Kniehase, der die Lieferung der Medikamente besorgen soll, unbemerkt ausgeraubt, am Ziel findet man nur noch leere Kisten vor und hält ihn und Jolly daraufhin für Betrüger. Nach einer Keilerei geht es ins Kittchen, wo die brave Dr. Karin Andersen (Johanna von Koczian) vom Deutschen Roten Kreuz die angematschte Birne von Kniehase verarztet. Wenig später wird sie mit fünf feschen Kolleginnen vom bösen Bandenhauptmann Rodrigo (Sieghardt Rupp) gefangen genommen, da ist Jolly und seinem Bootsmann aber schon längst die Flucht gelungen. Aber was nun? Mit ihrem Schiff können sie nicht weg, das wird überwacht. Bleibt nur Jollys alter Kumpel Nico (Herbert Fleischmann): Der hat eine schmierige Pinte im Städtchen, komplett mit einer rassigen schwarzen Bedienung („Die knackigsten Arschbacken von Buenos Aires bis Alaska!“, grölt Jolly enthemmt), wo die beiden Unterschlupf finden. Der Plan: Jolly soll sich einem reichen Geldsack als Stewart für seine Luxusjacht andienen, Kniehase in Obstkisten in die nächste Hafenstadt gebracht werden, wo sie dann auf ihr wartendes Schiff aufsteigen können. Gesagt, getan. Im Folgenden benimmt sich der ungehobelte Jolly bei den feinen Pinkels (u. a. Fritz Tillmann und Elisabeth Flickenschildt) wie die Axt im Walde, panscht hochprozentige Cocktails zusammen, die den Anwesenden die Schuhe ausziehen, serviert Hummer mit den Händen und fällt auch sonst mit ausgesucht schlechten Manieren auf. Als er einer jungen Frau todesmutig eine schwarze Tarantel vom Bauch klaubt und so den Tag rettet, erkennen die Bonzen jedoch, dass der Prolet ein gutes Herz hat, und tun dem Käpt’n den Gefallen, vor Anker zu gehen, um die Rotkreuz-Damen aus der Gewalt der Bösewichte zu befreien. Freund Nico entpuppt sich als eigentlicher Bandenchef, es macht krachbummpeng, die Mädels sind frei, die Schurken tot und Käpt’n Jolly kann mit seinem Schiff wieder in See stechen. Ende.

Rolf Olsens letzter St.-Pauli- und Curd-Jürgens-Film war bereits auf Video geschnitten und ist auch heute leider nur in einer wahrscheinlich um rund 15 Minuten gekürzten Fassung erhältlich, die dem Zuschauer unter anderem den Tod Nicos vorenthält. Glaubt man der OFDb, lief KÄPT’N RAUHBEIN AUS ST. PAULI angeblich einmal ungeschnitten – oder zumindest in einer längeren Version – auf Premiere, sodass noch eine Resthoffnung besteht, dass man ihn doch noch einmal in voller Pracht zu Gesicht bekommen wird. Für den Anfang ist die DVD aber vollkommen akzeptabel, zumindest, wenn man bereit ist, auf jeglichen Digitalglanz zu verzichten und mit einem besseren Videobild Vorlieb zu nehmen. Der Film ist es ohne Frage wert, ich habe mir 75 Minuten lang ins Fäustchen gelacht, ob des Seemannsgarns, das Olsen hier mit gewohntem Sinn für schwungvollen Schwachsinn auftischt, und Jürgens‘ wieder einmal ekstatischer Glanzleistung. Von Beginn an, wenn er angesichts des Anblicks seiner Frau mit einem anderen Mann eine Flunsch zieht wie ein enttäuschter kleiner Junge, er gegenüber den mittelamerikanischen Polizisten den dicken Larry markiert, in Nicos Bierschwemme im Vollsuff ein Ständchen hält, auf der Luxusjacht seine innere Wildsau kanalisiert oder natürlich überall, wo er hinkommt, Herzen bricht oder Ehrfurcht hervorruft, ist klar, dass er sich an Bord von Olsens Film pudelwohl gefühlt hat. Nicht nur in seiner Statur und der unübersehbaren Selbstüberzeugung, auch in der Art, wie er sich selbst inszeniert, wie alle Olsen-Filme daran stricken, ihren Hauptdarsteller als einen mit allen Abwassern gewaschenen Pfundskerl zu etablieren, erinnert Curd Jürgens mich an Steven Seagal. Auch bei dem fließen Film- und echte Persona untrennbar ineinander, ist der Körperumfang ähnlich respekteinflößend, gibt es immer wieder Nebenfiguren, die in ihren Dialogen betonen, was für ein toller Hecht er ist, fühlen sich vor allem jüngere Frauen zu ihm hingezogen, ist er mit seiner Weisheit in der Lage, auch den größten Unhold auf den rechten Pfad zu führen und Menschen der unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten auf seine Seite zu ziehen. Was Jürgens indes natürlich vom amerikanischen Kampfklops unterscheidet, ist der hedonistische Lebenswandel, dessen Folgen sich in KÄPT’N RAUHBEIN AUS ST. PAULI überdeutlich abzeichnen. Die wässrigen Augen quillen mitunter bedrohlich weit aus dem Schädel, die Plauze ist beachtlich angeschwollen, während die Arme auffallend untrainiert sind. Mancher schauspielerischer Wurf lässt vermuten, dass auch am Set ordentlich gelitert wurde und man spürt, wie wohl sich Jürgens vor allem in Nicos Kneipe zwischen den exotischen Weibern fühlt.

Aber Olsens Film geizt auch sonst nicht mit Schauwerten. Herausragend sicherlich der Auftritt der fettleibigen Killertarantel, die tricktechnisch ähnlich überzeugend realisiert wurde wie die gefräßigen Spinnen in Fulcis L’ALDILA. Träge vor sich hin wabbelnd, hockt sie auf dem Bauch einer vor Angst regungslosen Schönheit. Jürgens lässt sich von der Absurdität dieses Anblicks jedoch nicht beirren: Wie ein Panther schleicht er sich an, die Augen geweitet, jederzeit auf den Angriff des Spinnentieres gefasst und bereit, sich mit einem Hechtsprung aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu befördern. Todesmutig überzeugt er das Biest davon, auf seinen Arm zu klettern und trägt es dann gaaaaanz langsam und vorsichtig zur Reling, wo er sie den Fluten überantwortet. Suspense vom Feinsten, Hitchcock eat your heart out! Die finale Ballerei kann da nicht ganz mithalten, beinhaltet aber immerhin einen Satz des normannischen Kleiderschranks aus einem explodierenden Jeep sowie einen Säurewurf in Sieghardt Rupps Ganovenfresse. Am Ende kann Käpt’n Jolly gar nicht schnell genug den Anker lichten und lässt sogar die ihm hinterherrennenden Weiber zurück. Winkend und rufend stehen sie am Kai, frohlockend, dass sie die Bekanntschaft mit diesem Bär von einem Mann machen durften. Mir ging es da gestern kaum anders.