Mit ‘Johannes Roberts’ getaggte Beiträge

Eben schrieb ich noch über den Krokodilhorror, heute geht es mal wieder um Sharxploitation, die Königsdisiplin des Tierhorrorfilms. Vor ein paar Jahren avancierte der Vorgänger 47 METERS DOWN mit seinem minimalistisch-klaustrophobischen Szenario zu einem Überraschungserfolg: zwei hübsche Damen, eingesperrt in einem Haikäfig auf dem Meeresgrund, umkreist von Haien und mit langsam zu Neige gehendem Sauerstoff. Stellt sich die Frage, wie man für das Sequel einen draufsetzt, ohne den „Markenkern“ völlig ad absurdum zu führen. Roberts, der auf den Regiestuhl zurückkehrte und das Script wieder zusammen mit Ernest Riera verfasste, entschied sich für die naheliegende Lösung des Problems: Statt zwei hübscher Frauen sind es nun vier, statt in einem Käfig werden sie in den labyrinthischen Gängen einer versunkenen Maya-Stadt eingeschlossen und die Haie sind gruselige Mutationen mit zugewachsenen Augen. Für etwas menschliches Drama sorgt der Konflikt zwischen den Halbschwestern Mia (Sophie Nélisse), die in der Schule gemobbt wird, und Sasha (Corinne Foxx), die dabei tatenlos danebensteht.

47 METERS DOWN: UNCAGED ist ein Film, der es mir schwer macht, viele Worte über ihn zu verlieren. Ich gehöre als mittelalter Herr sicher nicht zur anvisierten Zielgruppe, fand schon den Vorgänger alles andere als prall und habe mir dieses Teil allein zu Hause via Amazon Prime zu Gemüte geführt, weil ich Haifilme mag. Trotzdem hatte ich mehr von dieser Fortsetzung erwartet: Die Regie ist furchtbar uninspiriert und undiszipliniert, der Film eher an preisgünstigem Thrill, an Schocks und Gekreisch interessiert, als daran, sein klaustrophobisches Szenario behutsam aufzubauen und die Schrauben langsam und unaufhörlich festzuziehen. Dass die Protagonistinnen mittels Hightech-Taucherhelmen in der Lage sind, miteinander zu reden (und dies auch unaufhörlich tun), hat mich schon in 47 METERS DOWN geärgert. Es erscheint mir als eine Art Kapitulation der Autoren vor einem ganz wesentlichen Merkmal des Unterwasser-Films: der Einschränkung der Kommunikation. Anstatt sie als problematisierendes, die Spannung steigerndes Element zu verwenden, ziehen Roberts und Riera erneut den Schwanz ein. (Im Vorgänger fiel das allerdings noch etwas unangenehmer auf, weil das superavancierte Equipment den Hauptfiguren dort von einem abgetakelten Veranstalter dubioser Haitouren zur Verfügung gestellt wurde.) Aber das ist längst nicht die einzige Verfehlung: Der Blick auf den Stand der Sauerstoffreserven erfolgt immer dann, wenn es gerade in den Kram passt und mit dem Verbrauch verhält es sich genauso. Im einen Moment bleiben drei der Mädels in einer Luftblase zurück, um den versiegenden Sauerstoff zu sparen, im nächsten Moment tauchen Sie dann plötzlich an der richtigen Stelle des Labyrinths auf, um ihre Freundin aus einer Gefahrensituation zu befreien. Niemand redet da mehr vom Sauerstoffmangel. Die Dimensionen der Höhle sind für den Zuschauer ebenfalls nicht nachvollziehbar: Glaubt man im einen Moment, die Mädels seien unrettbar verschüttet, findet sich dann doch immer wieder schnell ein Ausweg. Die Momente, die als große Nervenzerrer angelegt sind, haben bei mir nicht funktioniert, weil die Haie als seltsam leblose CGIs durchs Wasser gleiten: Sie haben mich irgendwie an Zeppeline erinnert. Und das weder Mia noch Sasha etwas passiert, ist eigentlich von Anfang an klar.

Zum Glück nimmt der Film zum Ende ein bisschen Fahrt auf. In der vielleicht bewegendsten – nein, der einzig bewegenden – Szene des Films rettet sich eines der Mädchen vor dem Hai, indem es seine Sauerstoffflasche abwirft, in die er sich verbissen hat, nur um dann wenige Sekunden später elendig zu ertrinken: Den Moment, in dem die Panik der langsamen Erkenntnis des sicheren Todes Platz macht und das Leben aus ihrem Gesicht weicht, fängt Roberts in einer Aufnahme ein, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Auch der Schluss-„Gag“ lässt noch einmal aufmerken: Die letzten fünf Minuten des Films entschädigen etwas für die hektische Betriebsamkeit der ersten 85 Minuten, die bei mir nur Gleichgültigkeit ausgelöst haben. Das ist umso ernüchternder, als ich Haifilme eigentlich immer irgendwie mag. Das hier ist aber definitiv nichts für mich. Daran ändert auch die Anwesenheit von Sylverster Stallones Tochter nichts.

 

Die Schwestern Lisa (Mandy Moore) und Kate (Claire Holt) verbringen einen gemeinsamen Urlaub in Mexiko. Zwei Typen, die sie während einer durchtanzten Nacht kennen lernen, überreden die beiden dazu, mit ihnen eine Bootstour zu machen, an deren Ende sie sich in einem Haikäfig in Wasser herunterlassen, um die gefräßigen Raubtiere aus nächster Nähe zu beobachten. Lisa ist skepisch, lässt sich aber überreden und natürlich geschieht ein Unglück. Die Winde des maroden Bootes, die den Käfig hält, hat einen Defekt, die beiden Schwestern sinken bis auf den Meeresboden in 47 Metern Tiefe. Der Sauerstoff reicht für eine knappe Stunde, der Weg nach oben wird von den Haien versperrt.

Den Raum extrem zu verengen, die Handlungsoptionen der Protagonisten zu verkleinern, Zeit zu reduzieren: Es ist eine Strategie, die im Genrekino immer wieder gern genutzt wird. Sie ist meistens mit geringeren Kosten verbunden – man benötigt kein aufwändiges Location Scouting, keine Architekten oder Kulissenbauer, fast keine Requisite und noch dazu weniger Darsteller -, gibt dem Filmemacher die Möglichkeit, sich ganz auf das Wesentliche zu konzentrieren und fungiert im Idealfall als Katalysator für film- und erzähltechnische Innovationen. Der vermeintliche Mangel wird zur Tugend. Nicht wenige Filme dieser Art reiften in den letzten 20 Jahren zu Kassen- oder Festivalhits: CUBE, SAW, UNFRIENDED, BURIED, OPEN WATER, PHONE BOOTH – es ließen sich gewiss weitere finden. Johannes Roberts greift für seinen erfolgreichen Beitrag die bereits leinwanderprobte Faszination für Haie auf und erhöht den Einsatz dadurch, dass seine Protagonistinnen nicht nur auf begrenztem Raum und mit begrenzter Zeit agieren müssen, sondern sich dabei auch noch unter Wasser befinden. Aber hier fangen die Probleme von 47 METERS DOWN auch schon an, denn einen Aspekt, der unter den gegebenen räumlichen Voraussetzungen eigentlich naheliegend gewesen wäre, noch dazu eine spannende Herausforderung für Regie und Darsteller bedeutet hätte, klammert er durch einen Kniff aus, der die Prämisse seines Films von vornherein unterwandert: Er verleiht den beide Schwestern die Technik, die ihnen die verbale Kommunikation unter Wasser ermöglicht.

Jetzt muss ich gestehen, mich mit dem Tauchsport und dem zugehörigen Equipment überhaupt nicht auszukennen, aber ich glaube, dass die allermeisten Taucher mit stinknormalen Taucherbrillen und Mundstück ins Wasser springen und sich demnach mit Handzeichen verständigen. Keine Ahnung, ob es solche Tauchhelme, die die beiden Frauen tragen und die es ihnen erlauben, miteinander zu reden, wirklich gibt, aber ich schätze mal, dass sie nicht Bestandteil der Ausrüstung eines dubiosen mexikanischen Tourineppers wären, der amerikanischen Urlauberinnen 100 Dollar pro Nase dafür abknöpft, sie für ein paar Minuten in seinen rostigen Haikäfig zu stecken. Wie dem auch sei, dass die beiden Frauen in ihrer misslichen Lage dazu befähigt sind, sich miteinander zu unterhalten, raubt ihrer Situation (und dem Film) nicht nur viel klaustrophobisches Potenzial, es macht 47 METERS DOWN mitunter auch zur Belastungsprobe für den Zuschauer, denn die beiden können die Klappe wirklich nicht für 30 Sekunden halten. Das beginnt schon mit ihrer anfangs noch ungetrübten Begeisterung, als sich angesichts um sie herumschwimmender Fische ein Schwall von „awesomes“ über den Betrachter ergießt, und setzt sich dann später fort, wenn eine Panikattacke die nächste jagt, die Damen mit sich selbst sprechen, um sich Mut zu machen, oder auch einfach nur kommentieren, was man ohnehin sieht. Ich sehe ein, dass es enorm schwierig, vielleicht auch kaum weniger anstrengend geworden wäre, wenn Roberts tatsächlich ganz auf Dialoge verzichtet hätte, aber so wirkt 47 METERS DOWN ein bisschen halbherzig. Bezeichnenderweise ist die schönste Sequenz des Films völlig wortlos: Es ist die Schlussszene, wenn die halluzinierende Lisa, die schon davon geträumt hat, wie sie mit ihrer Schwester an die Wasseroberfläche taucht und sich dabei der Haie erwehrt, auf dem Meeresboden „aufwacht“, von stumm heranschwimmenden Tiefseerettern aufgesammelt und dann nach oben, dem Licht entgegen, gebracht wird. Es ist ein visuell aufregender, poetischer und fast avantgardistischer Abschluss eines Films, der zeigt, was drin gewesen wäre, wenn er sich mehr auf seinen Schauplatz und dessen Bedingungen eingelassen und nicht ausschließlich darauf reduziert hätte, die Thrillmaschine am Laufen zu halte.

Ein totaler Reinfall ist 47 METERS DOWN aber trotzdem nicht und wer Sharxploitation genauso liebt wie ich, der wird auch an diesem Film seinen 90-minütigen Spaß haben (auch wenn die – nebenbei gesagt toll aussehenden – Haie nur eine Nebenrolle einnehmen). Das sahen wohl auch die meisten Zuschauer so, denn derzeit läuft ja sogar ein Sequel in unseren Kinos. Ich bin mal gespannt, was sich Roberts dafür hat einfallen lassen, ob er ein paar Schwächen des Vorgängers abschalten konnte und der Erfolg des Vorgängers ihm das Selbstbewusstsein verliehen hat, sich etwas mehr zu trauen.