Mit ‘John Belushi’ getaggte Beiträge

THE BLUES BROTHERS habe ich jetzt zum ersten Mal seit etlichen Jahren wiedergesehen und – wenn ich mich nicht irre – zum ersten Mal im Originalton. Grund für das Wiedersehen ist unter anderem meine derzeitige Begeisterung für Blues und Rhythm & Blues – ganz abgesehen davon, dass es einfach mal wieder an der Zeit war, diesen Film anzuschauen und die Erinnerung aufzufrischen. Eine weise Entscheidung, denn nicht nur hat mir Landis‘ gern als solcher apostrophierter „Kultfilm“ ausgezeichnet gefallen, ich glaube auch, dass ich ihn zum ersten Mal so richtig „verstanden“ habe.

Das mag sich etwas komisch anhören, schließlich gibt es an THE BLUES BROTHERS nicht viel zu ver- und demzufolge auch wenig misszuverstehen. Aber der Film ist trotzdem hochgradig merkwürdig und eigenartig. Beschriebe man ihn in Stichworten, so hörte sich das Ergebnis kaum nach einem gelungenen Film an, sondern höchstens nach einer exzentrischen Kuriosität. Tatsächlich trägt Landis‘ Film das Potenzial einer schrecklich aufgeblasenen kreativen Totgeburt in sich: Er basiert auf einem Saturday-Night-Live-Sketch, hat aber eine Laufzeit von 140 Minuten. Er ist eine Komödie, hat allerdings kaum „echte“ Gags, sondern bezieht sein komisches Potenzial fast ausschließlich aus massiver Übertreibung, mit der er seine Welt ins Cartooneske verzeichnet. Seine „Geschichte“ ist kaum mehr als eine Prämisse, die durch die Einbindung von Musicalpassagen und groteske Materialschlachten auf über zwei Stunden ausgewalzt wird. Seine Protagonisten sind keine Menschen, mit denen man tatsächlich mitfühlt, sondern allenfalls Figuren, mit denen man sympathisiert, die sich einem aber nicht wirklich erschließen. Und eines seiner wichtigsten erzählerischen Elemente ist die Autoverfolgungsjagd, deren Selbstzweckhaftigkeit zu verstecken sich Landis gar nicht mehr die Mühe macht, die er stattdessen geradezu aufreizend mitinszeniert.

Angesichts dieser Merkmale ist es kaum verwunderlich, dass THE BLUES BROTHERS bei seiner Erstverwertung nur auf wenig Gegenliebe stieß und seinen Kultstatus erst im Laufe der Jahre erlangte. Die Massen werden das Kino damals wahrscheinlich recht irritiert und vollkommen überwältigt verlassen haben. Wie auch Landis INTO THE NIGHT haftet diesem vermeintlich leichten Film etwas zutiefst Befremdliches an, das sich nur schwer benennen lässt. Im Kern ist er nämlich von schwerer Melancholie gekennzeichnet: Die Welt, die er zeichnet, ist trist und grau, die Taschen seiner Figuren sind leer und anstatt sich selbst zu verwirklichen, stecken sie im Knast oder aber in miesen Jobs fest. Als wäre das noch nicht genug, machen ihnen desolate Beziehungen und das unnachgiebige Gesetz ständig zusätzlichen Ärger. Es ist das Camus’sche Absurde, das Landis zeigt, auf das seine Figuren aber längst nur noch mit Resignation reagieren. Doch an dieser Stelle kommt die Musik ins Spiel: Sie ist nicht nur der Antrieb für die Blues Brothers und ihre Band, das, was sie am Laufen hält, was sie beflügelt und antreibt, was ihnen Freude macht und ihre Sorgen vergessen lässt, sie ist auch das, was diesen Film erst funktionieren lässt, das Herz, das alles andere antreibt und in dem alles zusammenläuft.

Die Musicalpassagen inszeniert Landis als farbenfrohe Explosionen, in denen alles plötzlich Sinn ergibt, sich die Tristesse, die den Film umfängt, buchstäblich in Wohlgefallen auflöst. Wenn die Blues-Brothers-Band am Ende zusammen mit Cab Calloway „Minnie the Moocher“ intoniert, verwandeln sich ihre abgewetzten Straßenklamotten in weiße Smokings, der bescheidene Bühnenaufbau in eine prächtig glitzernde Kulisse und wenn James Brown einen Gospel-Gottesdienst zelebriert und eine ganze Kirche zum Beben bringt, alle Leiber ekstatisch zucken, ist plötzlich alles so klar, dass Jake gar eine göttliche Vision ereilt. Die Musik stiftet den Sinn, der der Welt – und mit ihr dem Film – völlig abhanden gekommen ist.

Ich möchte das zum Schluss noch einmal hervorheben, weil es mir sehr wichtig ist, hier nicht missverstanden zu werden: Es ist nicht so, dass THE BLUES BROTHERS von seinen zahlreichen Musicalszenen vor dem Versagen gerettet würde. Er ist vielmehr so konstruiert, dass erst die Musik ihm den Sinn einschreibt. Sie ist das zentrale Element des Films, um das sich alles andere herumgruppiert. Neben der Musik, die den Menschen in THE BLUES BROTHERS ohne Ausnahme und mit Haut und Haaren ergreift, ihn ganz für sich einnimmt und der seine Liebe vollkommen bedingungslos zufließt, weil sie als einziges vorurteilsfrei und unkalkuliert ist, muss alles andere verblassen. Mir fällt im Moment kein einziger Musikfilm ein, der das ähnlich direkt, intuitiv, griffig und vor allem vollkommen unpathetisch in Bilder übersetzen würde. Ganz groß und viel, viel mehr als nur ein „Kultfilm“.

EDIT, 01.08.2013: Die in der oben durchgestrichenen Passage gemachten Behauptungen sind schlicht falsch. THE BLUES BROTHERS war sowohl in den USA als auch in Deutschland bei Erstverwertung sehr erfolgreich. Hat lange gedauert, jetzt konnte ich das endlich richtigstellen.