Mit ‘John Boorman’ getaggte Beiträge

EXORCIST II: THE HERETIC gilt nicht nur als Riesenflop (obwohl er einen moderaten Gewinn einspielte), sondern gleich als einer der „schlechtesten Filme aller Zeiten“. Wer mein Blog regelmäßig verfolgt, weiß, dass ich ein Herz für diese gebeutelten Werke habe. Wenn ein Film eine solch heftige Negativreaktion hervorruft, halte ich das schon einmal per se für eine Leistung. Ist der „schlechteste Film aller Zeiten“ nicht automatisch „besser“ als die Tausenden von Produktionen, die lediglich ein unentschlossenes Schulterzucken auslösen? Ich denke schon: Der hyperbolische Superlativ ist ja auch ein Zeichen der Hilflosigkeit, Beleg für das Versagen oder die Unfähigkeit, mit dem Gesehenen irgendeine Verbindung herstellen zu können. Wer behauptet, EXORCIST II sei der qualitative Tiefpunkt der ganzen Kunstform, wird das nur äußerst schwer argumentativ untermauern könne, schließlich müsste er dafür jeden jemals gedrehten Film gesehen haben. Dass zudem mit PLAN 9 FROM OUTER SPACE üblicherweise ein Titel als „Spitzenreiter“ genannt wird, den ich für ein ausgesprochenes Wunderwerk halte, bestärkt mich nur in meinem unermüdlichen Kampf, die „schlechtesten Filme aller Zeiten“ zu rehabilitieren und die Menschen, die in solchen Kategorien denken, ihrer Ahnungs- und Fantasielosigkeit zu bezichtigen.

Liest man den Wikipedia-Artikel zu Boormans leidgeprüftem Film, dreht sich nahezu jeder Satz um sein großes Scheitern. Die zeitgenössischen Rezensionen spielten dem Mob in die Karten und schmissen nur so mit Schmutz um sich, selbst Friedkin, Regisseur des Originals, ließ es sich nicht nehmen, seine unmaßgebliche Meinung zum besten zu geben und Boorman als Dummkopf zu beschimpfen, der es verdient habe, namenlos zu bleiben. Wohlwollende Rezensionen gab es zwar auch, unter anderem von Pauline Kael, die das Sequel dem Original vorzog, aber sie fielen nicht wirklich ins Gewicht. Stattdessen gilt EXORCIST II: THE HERETIC noch heute als dumm, lachhaft und unfreiwillig komisch, schlecht gespielt und eine Schande für Friedkins Klassiker. Nicht alle dieser Vorwürfe sind unbegründet, lassen sich auf eine problematische Produktion zurückführen, die von etlichen Drehbuch-Rewrites, Erkrankungen und ungewollten Produktionsunterbrechungen geplagt wurde, vor allem aber auf die Tatsache, dass Boorman kein Interesse daran hatte, einen Horrorfilm zu drehen (Friedkins Film bezeichnete er als „ugly“, was vielleicht auch Friedkins heftige Reaktion auf das Sequel erklärt): Er wollte einen Film über das Konzept des Guten machen. Was, zugegebenermaßen nicht die beste Voraussetzung ist, wenn man die Fortsetzung zu einem Schocker dreht, der Millionen von Menschen die Freude am Fürchten lehrte.

EXORCIST II: THE HERETIC führt den Priester Phillip Lamont (Richard Burton) ein, der den Auftrag erhält, den Tod von Father Merrin (Max von Sydow) im ersten Teil aufzuklären. Er nimmt Kontakt zur Psychologin Dr. Tuskin (Louise Fletcher) auf, bei der sich die mittlerweile 16-jährige Regan (Linda Blair) in Behandlung befindet. Lamont ist der Überzeugung, dass der Dämon immer noch in Regan beheimatet ist, und erhofft sich Antworten von einer Hypnosetherapie, bei der sein Unterbewusstsein mit dem des Mädchens „synchronisiert“ wird. In Visionen sieht er Father Merrin bei seiner missionarischen Arbeit in Äthiopien, wo er einen Exorzismus an einem Jungen namens Kokumo vornimmt, der mit dem Dämon Pazuzu in Kontakt steht …

Boormans Film ist schwer zu greifen und funktioniert als klassischer Erzählfilm tatsächlich nur mäßig gut. Die Anknüpfung an THE EXORCIST gelingt schon deshalb nicht, weil einige der bei diesem beteiligten Darsteller ihre Mitarbeit an der Fortsetzung verweigerten oder schlicht verhindert waren. So werden Father Karras, dessen Tod ja eigentlich viel rätselhafter ist als der Merrins, und Regans Mutter mit keiner Silbe erwähnt. Es gibt auch keinen klassischen Konflikt oder auch nur einen klar entwickelten Plot, der das gespannte Mitfiebern ermöglichen würde: Stattdessen etabliert Boorman eine traumgleiche Bildsprache und ein schlafwandlerisches Tempo, das dem pseudodokumentarischen Stil des Originals heftig widerspricht. Der Kampf von Gut gegen Böse, der den Klassiker befeuerte, weicht im Sequel einer abstrakten Meditation über diese Konzepte, für die die Form eines kommerziellen Hollywood-Films nicht wirklich geeignet scheint. Die effektreiche Auseinandersetzung mit dem Dämon, zu der es im Showdown kommt, wirkt dann auch eher wie ein verzweifeltes Zugeständnis und passt nur wenig zum elegischen Rest.

Ich kann nicht behaupten, EXORCIST II: THE HERETIC wirklich verstanden zu haben. Er versperrt sich richtiggehend gegen eine logisch-hermeneutische Herangehensweise, arbeitet eher mit Suggestionen, Traumbildern, Mythen, Stimmungen und Emotionen. Auf Handlungsebene sind es nicht so sehr Aktionen, die die Marschroute vorgeben, sondern eben Träume, Intuition, Bestimmung. Das setzt sich auch in der formalen Gestaltung fort: Wirkte THE EXORCIST kalt, präzise, scharf konturiert, kommt Boormans Sequel im Bild der synchronisierten Hypnoselampen und ihres betäubenden Brummens zu sich: Es franst an den Rändern aus, ist ständig im Fluss und nimmt nie feste Gestalt an. Man vergleiche nur die Iran-Szenen aus Friedkins Vorgänger mit den Äthiopien-Sequenzen hier: Da der dokumentarisch-objektive Blick Friedkins, hier die wie durch ein Milchglas gefilmten Rückprojektions- oder Studio-Traumlandschaften, bei denen man nicht so genau weiß, ob sie wirklich existieren oder ob sie nur der Imagination Lamonts entspringen. Dann diese rätselhaften Szenen in Dr. Tuskins „Klinik“, die mit ihren wabenförmigen, vollverglasten Behandlungskabinen an ein Tonstudio erinnert, und auf dem ungesicherten Vordach von Regans Luxusappartement in Manhattan mit seinen desorientierenden Spiegelflächen. Es ist eine zwielichtige Weichheit in diesen Bildern, die den Betrachter eher verführen statt ihn konfrontieren zu wollen.

Für die Darsteller, allen voran Burton aber auch Blair, bringt dies sichtbare Probleme mit sich. Blair war wahrscheinlich einfach zu unerfahren, hat kaum weniger als ihr pausbäckiges Teenagergesicht, dessen naiv-süßlicher Ausdruck von einem zunehmend fragenderen Blick getrübt wird, aber Burton, der im Wesentlichen vom autoritativen Vibrieren seiner Stimme lebt, agiert auf verlorenem Posten, hat nichts, was er seinem Lamont anbieten könnte, außer diesen vom jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch müden, wässrigen Blick, der kaum noch in der Lage scheint, etwas wirklich zu fokussieren, stattdessen nach innen gerichtet ist, dorthin, wo EXORCIST II: THE HERETIC dann auch in allererster Linie angesiedelt ist. Wenn man die nicht immer geschmackssichere Melodramatik des Films verkraftet, wird man aber mit wunderschönen, rätselhaften Bildern und einem fantastischen Morricone-Score belohnt, die es mir allein schon unmöglich machen, mit dieser ekelhaften Gehässigkeit über den Film herzufallen, die die zeitgenössischen Kritiker an den Tag legten. Ich gebe aber zu, dafür etliche Anläufe gebraucht zu haben, denn mit seinem moderaten Tempo hat er tatsächlich einen sedierenden, hypnotischen Effekt, der bei Müdigkeit eine ideale Einschlafhilfe darstelllt. Da ich hier irgendwie zum Ende kommen möchte, würde ich das Seherlebnis vielleicht so zusammenfassen: Als Sequel des erfolgreichsten Horrorfilms aller Zeiten ist EXORCIST II: THE HERETIC ein Desaster, wenn man davon abstrahieren kann, aber auch eine der seltsamsten, weichesten, verträumtesten, rätselhaftesten und ungewöhnlichsten Studioproduktionen überhaupt.

Wie verteufelt gut dieser Films ist, lässt sich nicht nur daran ablesen, dass er ganz allein den Backwood-Film initiierte und damit ein Subgenre des Horrorfilms, das auch nach vier Jahrzehnten noch sehr gut damit auskommt, die Motive und Situationen, die Boorman einst etablierte, zu imitieren oder nur geringfügig zu variieren. Man erkennt es auch daran, dass diese Sichtung – schätzungweise die dritte oder vierte – die erste war, in der ich nicht auf die Autosuggestion seiner Protagonisten hereingefallen bin, sondern mich von dieser befreien konnte und auf meine eigene Wahrnehmung vertraut habe. Verblüffend, denn Boorman zeigt doch ziemlich eindeutig, dass Drew (Ronny Cox) sich in selbstmörderischer Absicht aus seinem Kanu in die reißenden Fluten des Cahulawassee stürzt und nicht etwa, weil er von einer Kugel getroffen wurde, wie es Lewis (Burt Reynolds) im Brustton der Überzeugung behauptet. Dass man trotzdem zunächst geneigt ist, ihm zu glauben (auch meine liebe Gattin ist bei ihrer Erstsichtung darauf hereingefallen, hat jedenfalls ihre eigentlich richtige Wahrnehmung der Situation sofort hinterfragt), liegt daran, dass das Netz der Paranoia, das die Protagonisten gefangen nimmt, sich dank Boormans raffinierter Inszenierung auch über die Zuschauer legt.

DELIVERANCE ist ein immens dichter Film, bei dem es deshalb ungemein schwierig ist, einen Anfang zu finden, von dem aus man ihn interpretatorisch aufdröseln könnte. Stadt vs. Land, Zivilisation vs. Wildnis, Ratio vs. Natur, Mann vs. Memme: Das sind die Gegensatzpaare, aus deren Gegenüberstellung DELIVERANCE seine Dynamik entwickelt, die dann aber im sprichwörtlichen Strudel der Ereignisse bald gar nicht mehr so klar voneinander zu trennen sind, sich vielmehr immer wieder im anderen spiegeln und brechen, sich kommentieren und substituieren. Alles ist eins, aber niemals dasselbe. Wie im berühmten Aphorismus von dem Fluss, den man nie zweimal an derselben Stelle durchqueren kann, verwandelt sich DELIVERANCE stetig, ohne dabei jedoch seine Identität zu wechseln: Er beginnt als (ich sage das in Ermangelung eines besseren Ausdrucks:) Ökothriller, der den Eingriff des Menschen in die Natur thematisiert, mündet in den Frontier-Horror, der den zivilisierten und arroganten Städter mit dem ins Hinterland verdrängten Redneck konfrontiert, bei dem andere Gesetze herrschen, verwandelt sich schließlich in einen Paranoia-Thriller, der die vermeintlich überlegene Perspektive der Protagonisten schonungslos in Frage stellt, bevor er dann zu einer ins Surreale übersteigerten Reflexion über Schuld und Sühne des Zivilisationsmenschen mutiert. Aus einem Film mit einem ganz konkreten zeitlichen wie geografischen Rahmen wird so ein Film, dessen Erkenntnisse universelle Gültigkeit haben.  

Boorman koppelt diesen Wandel an den Verlauf des Flusses: Die ruhigen Passagen zu Beginn wiegen sowohl die Charaktere wie auch den Zuschauer in Sicherheit, ermöglichen einen guten Überblick, bevor die immer rasantere Abfolge von Stromschnellen und Hindernissen, die mit den emotionalen Verwerfungen einhergeht, diesen völlig zerstört. Das Ganze gipfelt in einer amerikanischen Nacht, die in ihren farblichen Verzerrungen eine fast Fiebertraum-artige Qualität annimmt und andeutet, wohin die Reise der vier Männer eigentlich von Anfang an ging: in den Wahnsinn (damit natürlich an das Flussmotiv aus Joseph Conrads Novelle „Heart of Darkness“ anknüpfend).

Mehr will ich eigentlich gar nicht sagen: Erstens, weil man DELIVERANCE sowieso am besten versteht, wenn man ihn sieht, also sich sinnlich ganz bewusst auf ihn einlässt, ihn auf sich wirken lässt, zweitens, weil es dem Diskurs über ihn kaum noch etwas hinzuzufügen gibt. Für den Horrorfilm im allerweitesten Sinne ist seine Bedeutung kaum zu überschätzen und ich würde frech vermuten, dass Tobe Hooper sich ganz genau angeschaut hat, wie Boorman jede Sekunde von DELIVERANCE mit düsteren Prophezeiungen über den weiteren Hergang aufgeladen hat: In dieser Hinsicht ist ihm THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE jedenfalls sehr ähnlich.

Weil das Wedersehen mit DELIVERANCE so „schön“ war und der Backwood-Film sowieso zu meinen Leib- und Magenthemen zählt, mache ich ab sofort eine kleine Backwood-Reihe, deren Sichtungen hier natürlich akribisch protokolliert werden. Ich schätze, DELIVERANCE wird in diesen Texten noch das ein oder andere Mal Erwähnung finden.