Mit ‘John Cusack’ getaggte Beiträge

Den Karriereweg, den Cronenberg beschreitet, finde ich immer faszinierender, je mehr Filme er dreht. Mit ganz wenigen Ausnahmen ist es ihm bislang stets gelungen, auch dann unverkennbar Cronenberg zu bleiben, wenn er etwas ganz Neues versuchte. MAPS TO THE STARS ist auch so etwas Neues, selbst wenn man eingesteht, dass der Kanadier die Zeiten, in denen man ihn mit einiger Berechtigung als „Genreregisseur“ bezeichnen konnte, längst hinter sich gelassen hat. Es gibt eigentlich keinen Film mehr, den ich ihm überhaupt nicht zutrauen würde und wäre gespannt, wie zum Beispiel eine reinrassige Komödie von ihm aussähe. Komische Untertöne hat auch MAPS TO THE STARS (wie auch COSMOPOLIS zuvor), doch das Lachen bleibt einem dann doch mehr als einmal im Halse stecken. Cronenbergs neuester Film wird in Rezensionen gern als seine „Abrechnung“ mit Hollywood, Starsystem und Filmindustrie bezeichnet, und das ist er in gewisser Hinsicht auch, aber hinter der Geschichte um Inzucht, Mord, Wahnsinn, Missbrauch und Kindsverbannung in zwei Schauspielerfamilien verbirgt sich auch ein Mystery- bzw. Geisterfilm, eine esoterische Wiedergeburtsspekulation und eben eine schwarze Komödie. MAPS TO THE STARS bleibt dabei seltsamerweise ultrahomogen und zwingend, ist von jener kristallinen, fast analytischen Klarheit geprägt, die Cronenbergs Filme auch dann noch auszeichnet, wenn sie auf der Inhaltsebene völlig bizarr werden. Und immer schwingt da dieser perverse Unterton mit, den man von Cronenberg kennt, von dem man als Zuschauer aber nie so genau weiß, wo er eigentlich herkommt.

MAPS TO THE STARS verwebt die tragische Geschichte zweier Hollywood-Familien: Die Schauspielerin Havana Segrand (Julianne Moore), die Tochter einer großen, bei einem rätselhaften Hausbrand ums Leben gekommenen Hollywood-Legende, kämpft mit dem Alter und dem damit einhergehenden Desinteresse der Studios, hofft inständig darauf, ausgerechnet in einem Biopic über ihre Mutter die Hauptrolle übernehmen zu dürfen – ein Akt, der umso verzweifelter und selbstzerstörerischer wirkt, als ihre Mutter sie als Kind zu missbrauchen pflegte. Für die Familie Weiss scheint indessen fast alles in Butter: Sohn Benjie (Evan Bird) ist schon mit 13 ein Superstar, hat zwar eben seine erste Entziehungskur hinter sich gebracht, befindet sich mit dem Sequel zu seinem Erfolgsfilm aber auf dem Weg zurück ins Geschäft, und Papa Stafford (John Cusack) verdient sich eine goldene Nase als Therapeut, Selbsthilfe-Guru und Buchautor. Doch da ist immer noch der Schatten aus der Vergangenheit, der mit schwarz behandschuhten Fingern in die Gegenwart eingreift: Nach sieben Jahre in einer Heilanstalt kehrt Tochter Agatha (Mia Wasikowska) zurück, die von den Eltern verstoßen wurde, als sie mit einer Brandstiftung Benjies Leben in Gefahr brachte und sich selbst schwerste Verbrennungen zuzog. Nun ist sie in Hollywood, um eine eigene Karriere zu beginnen und sich mit ihrer Familie zu versöhnen. Sie heuert bei Havana als persönliche Assistentin an und stößt eine Kette von zerstörerischen Ereignissen an …

Cronenberg greift für seinen Metafilm auf gängige, in über 100 Jahren Hollywood-Gossip etablierte Klischees der Dekadenz zurück: Seine Charaktere sind oberflächlich, vulgär, materialistisch und seelisch vollkommen zerrüttet, dazu medikamenten- und drogenabhängig, narzisstisch bis ins Mark und von Grund auf falsch und verlogen. Havana, über das mögliche Ende ihrer Karriere verzweifelt und am Boden zerstört, empfängt Agatha mit offenen Armen, nur um sie wüst von oben herab zu beschimpfen, als sich das Blatt zu ihren Gunsten gewendet hat. Dieser plötzliche Wandel ist auch mit dem härtesten Schlag Cronenbergs in die Magengrube seiner Zuschauer verbunden: Havana erhält ihre Traumrolle, weil der kleine Sohn der eigentlich besetzten Konkurrentin bei einem Badeunfall ertrunken ist. Diesen Tod – der für Havana eine Wiedergeburt bedeutet (Spiegelung, Kontrastierung und Wiederholung sind die bestimmenden erzählerischen Mittel in Cronenbergs Film) – feiert die Schauspielerin mit einem Freudentanz auf ihrer Veranda und einer Spontan-Darbietung des alten Steam-Gassenhauers „Na Na Hey Hey Kiss Him Goodbye“. Staffords Menschlichkeit heuchelndes New-Age-Geschwafel über Buddhismus und den Dalai Lama verbirgt die absolute Kälte und Grausamkeit, mit der er seiner Tochter gegenübertritt und ihr nicht nur jede Liebe sondern auch jede Chance auf eine Aussprache versagt. Sohn Benjie hat sich schon mit 13 einen absolut widerlichen Zynismus angeeignet, und der brave Jerome Fontana (Robert Pattinson), der sich sein Geld als Chauffeuer verdient, wird mir nichts dir nichts zum Autorücksitz-Starfucker, kaum dass er eine Chance sieht, seine brachliegende Autoren- und Schauspielerkarriere voranzutreiben.

Der Titel bezieht sich vordergründig natürlich auf die in Hollywood erhältlichen Stadtpläne, auf denen die Häuser der Stars verzeichnet sind, und die dazugehörigen Rundfahrten, doch Cronenberg verwendet ihn eher bildlich. „Menschen treten nicht zufällig in unser Leben, sie werden von uns gerufen“, sagt Stafford einmal und diese Auffassung teilt auch der Film. Die Schicksale seiner Protagonisten scheinen vorgezeichnet, in einer endlosen Verkettung von Fehlschlüssen und Affekthandlungen, und Cronenberg zeichnet diesen Weg akribisch nach. Er nähert sich der Esoterik von Stafford mit dieser Schicksalsgläubigkeit anscheinend an, doch in seinem ungeschönten Erzählstil und dem distanzierten Blick, den er auf das Geschehen wirft, lässt der Regisseur ohne Zweifel erkennen, dass er mit quasireligiösen Erklärungsmodeelen herzlich wenig anfangen kann. Bei ihm ist alles psychologisch motiviert, und dass sich die Geschichte für seine Protagonisten wiederholt, ist nicht dem Ästhetikverständnis einer übergeordneten spirituellen Macht geschuldet, sondern schlicht der Tatsache, dass auch psychische Krankheiten vererbbar sind. Und so ist auch MAPS TO THE STARS eine mehr als würdige Fortsetzung einer Filmtradition, die solche Werke wie SUNSET BOULEVARD, WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE?, THE LEGEND OF LYLAH CLARE, MOMMIE DEAREST, THE PLAYER, MULHOLLAND DRIVE oder INLAND EMPIRE hervorgebracht hat.

2012. Die Erde geht unter. Die Reichen und Mächtigen haben vorgesorgt und riesige Archen gebaut, auf denen die letzten Menschen einer neuen Zeitrechnung entgegensteuern werden. Und der Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack) will für seine beiden Kinder, seine Ex-Frau (Amanda Peet) und auch für sich selbst einen Platz an Bord ergattern …

Roland Emmerichs liebt es, Filme über die Ohnmacht zu drehen. Das Gefühl, das den Menschen beschleicht, wenn er sich einer Sache gegenübersieht, die er als größer erkennt, als er selbst es ist, die ihn an seine Nichtigkeit erinnert und all seine bisherigen Sorgen und Wünsche als schwaches, kurzlebiges Aufflackern im unendlichen Universum erscheinen lässt, und das Kant als das „Erschaudern vor dem Erhabenen“ bezeichnete. In allen Emmerich-Filmen, in denen es um diese Ohnmacht, dieses Erschaudern geht, also sowohl in INDEPENDENCE DAY als auch in GODZILLA, THE DAY AFTER TOMORROW oder jetzt eben 2012, gibt es diesen Moment, in dem die Menschen des Unbegreiflichen, Undenkbaren gewahr und vom Status der „Krone der Schöpfung“ auf den des Staubkorns in der Unendlichkeit zurückgeworfen werden, und Emmerich inszeniert ihn fast immer gleich: Vorn im Bildvordergrund der Mensch und weit weit im Bildhintergrund eben das Erhabene, das den Menschen auf Zwergengröße schrumpft, sodass ihm nichts mehr bleibt als ehrfüchtig und mit weit aufgerissenen Augen zu erstarren. Und man ahnt, dass Emmerich seine Zuschauer in eine ganz ähnliche, wenn auch deutlich weniger prekäre und endgültige Lage bringen will. 

2012 hält der Größe der Katastrophe angemessen gleich mehrere dieser Augenblicke bereit und der eine, in dem der paranoide Verschwörungstheretiker Charlie (Woody Harrelson) der Explosion des Yellowstone-Nationalparks beiwohnt und seinen Followern via Podcast mitteilt „I wish you could see what I see“, und die Kamera den Blick des Zuschauers für eine Sekunde auf das stattliche Klempnerdekolletee Charlies lenkt anstatt auf die Apokalypse im Bildhintergrund, zeugt auch von dem Humor und der Intelligenz des Schwaben, für den das Feuilleton gemeinhin nicht allzu viele Nettigkeiten bereithält. Seine Figuren seien flach, seine dramaturgischen Einfälle plump und vorhersehbar, seine Weltanschauung erzkonservativ und vielleicht sogar protofaschistisch. Diesen Vorwürfen lässt sich nur schwer widersprechen, doch sind sie meines Erachtens nicht dem Unvermögen zuzuschreiben, sondern nur logische Konsequenz von Emmerichs Themen. Wenn nicht weniger auf dem Spiel steht als das Fortbestehen der gesamten Menschheit, dann ist es sowieso schwer, Subtilität zu wahren, umso mehr, wenn die adäquate Ins-Bild-Setzung dieses Weltuntergangs von so großer Bedeutung ist wie bei Emmerich. Folglich gibt es in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die Emmerichs Charaktere unterhalten, auch keine kleinen Probleme und auch keine Nichtigkeiten; es ist kein Platz für schmückende, aber in diesem Kontext erst recht bedeutungslose Details. Wenn also Jacksons Tochter als Bettnässerin eingeführt wird, dann nur, damit sie diese Schwäche am Ende überwinden kann. Aber immerhin: Die meisten anderen Figuren bekommen gerade so viel Zeit, um sich in dramatisch aufgeblasenen Momenten von ihren Lieben zu verabschieden. 

Emmerich beweist mit 2012 aber, dass er nicht als Hollywoods ahnungsloser Vollstreckungsgehilfe in Sachen Untergangsstimmung unterwegs ist: Er weiß sehr genau, was er da macht und welche Implikationen seine Geschichten mitbringen, dass man ihm nach so vielen Weltuntergangsszenarios eine gewisse Morbidität unterstellen muss. Der Blick auf das monumentale Massensterben in 2012 wird daher mehr als einmal ironisch gebrochen, was ihn von den wahnsinnigen Untergangspropheten, die unter anderem im Internet oder in diversen Sekten ein fruchtbares Beschäftigungsfeld gefunden haben, abhebt. Mehr als als Warnfabel, als die man den Klimakatstrophenfilm THE DAY AFTER TOMORROW noch bezeichnen konnte, ist 2012 ein Film über das menschliche Bedürnis nach der Apokalypse als Generator von Visionen und Träumen, die sich an diese anknüpfen. Emmerich betreibt Bildproduktion. Und darin ist er tatsächlich meisterlich.

Der Student Danny (John Cusack) ist von den Eltern seiner Freundin Lori (Wendy Gazelle) zu einem Karibikurlaub eingeladen worden, doch leider rasselt er durch seine Chemieprüfung und muss den Trip absagen. Sein gutmütiger Lehrer drückt ein Auge zu, Danny rast der Angebeteten hinterher – und kommt immer den entscheidenden Schritt zu spät. Dann lernt er den abgerissenen Seemann MacLaren (Robert Loggia) kennen, der ihm Hilfe verspricht. Und die ist dringend nötig, denn die Besatzung des Schiffes, mit dem Lori und ihre Eltern unterwegs sind, führt Böses im Schilde …

Nach seinem visuell und tricktechnisch Maßstäbe setzenden TRON inszenierte Steven Lisberger diesen demgegenüber geradezu altmodischen Film, der zwar nur wenig Außergewöhnliches oder Einzigartiges, dafür aber eine Form harmlos-netter Unterhaltung bietet, die man in dieser Form heute gar nicht mehr kennt. Das Karibiksetting liefert die passende Urlaubsatmosphäre für diese Actionkomödie, die mit John Cusack in der Rolle des unverzagten Pechvogels und Robbert Loggia als versoffenem und minderbegabtem Seemanns ideal besetzt ist. Man mag (muss?) das Fehlen der ganz großen komödiantischen Würfe oder erzählerischer Ideen bemängeln, den Wandel vom harmlosen Familien- zum Actionfilm merkwürdig finden – oder aber loben, dass HOT PURSUIT ein bestimmtes Niveau nie unterschreitet und zum Schluss, wenn es dann recht unvermittelt ernst wird, für einige angenehme Irritation sorgt. Dieses Finale, in dem Danny mit Maschinengewehr bewaffnet seine Freundin und deren Eltern aus den Händen der Verbrecher raushauen muss, ist aber letztlich nur der konsequente Endpunkt eines Films, dessen Dramaturgie einer ungebremsten Eskalationslogik folgt. Und es ist natürlich typisch für die Zeit, in der der Film entstand und in der Hollywood auch seinen jüngsten Partizipienten gern schwere Kaliber in die Hand drückte, auf dass sie ihren Mann stünden. Wie gesagt: Keiner von John Cusacks großen Würfen, aber ein rundum sympathischer Film, der in seinen deutschen Fassungen mit den selten bescheuerten Titeln DANNY, IMMER FÜNF MINUTEN ZU SPÄT oder aber SEE YOU LATER, MR. ALLIGATOR abgestraft wurde. Und Ben Stiller als Ekelpaket zu sehen (sein Vater Jerry Stiller ist ebenfalls mit von der Partie), ist auch recht interessant.

Samantha (Molly Ringwald) lernt auf die harte Tour, was es bedeutet, erwachsen zu werden: Ihre ganze Familie vergisst in der allgemeinen Aufregung um die bevorstehende Hochzeit von Samanthas Schwester deren sechzehnten Geburtstag. Und zu allem Überfluss verliert sie in der Schule auch noch den Zettel mit dem ausgefüllten Sextest, auf dem sie den Namen ihres großen Schwarms Jake Ryan (Michale Schoeffling) vermerkt hat. Der ist jedoch mitnichten so abgeneigt, wie sie glaubt. Vorerst muss sie jedoch die Annäherungsversuche des hartnäckigen Nerds (Anthony Michael Hall) abwehren …

John Hughes Regiedebüt mag nicht ganz so bekannt und ausgereift sein wie seine späteren genredefinierenden Erfolgsfilme THE BREAKFAST CLUB, WEIRD SCIENCE oder FERRIS BUELLER’S DAY-OFF, dafür besitzt er eine anarchische Wildheit, die überaus ansteckend ist und den Film komplett aus dem Ruder laufen lässt. Die beiden parallel laufenden Plots – neben der Liebesgeschichte mit Hindernissen um Samantha und Jake widmet sich Hughes dem Aufstieg des Losers zum selbstbewussten Charmeur – kämpfen gleichermaßen um die Aufmerksamkeit des Zuschauers und erst gegen Ende, wenn Anthony Michael Halls nur „The Geek“ genannter Charakter mit dem It-Girl der Schule auf dem Rücksitz eines Rolls Royce aufwacht, erinnert sich Hughes daran, dass der doch eigentlich nur eine Nebenfigur war und beschert seiner Protagonistin Samantha das Happy End, das man erwarten durfte. Und so wie Hughes also seine Protagonistin zeitweise vergisst, mäandert SIXTEEN CANDLES in loser episodischer Folge von einer pubertären Katastrophe zur nächsten. Die ausufernde Party etwa, bei der das Haus von Jakes Eltern sprichwörtlich in Schutt und Asche gelegt wird, ließ mich als empathiebegabten Zuseher mehr als einmal das Gesicht verziehen und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Da erscheinen selbst Terry Gilliams apokalyptischen Partyvisionen aus FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS nicht wesentlich schlimmer. Zusammengehalten wird SIXTEEN CANDLES also weniger durch dramaturgische Einheit, sondern durch einen gewissen jugendlichen Spirit – den einzufangen bzw. in Form zu gießen Hughes später dann perfektionieren sollte – und die Leistung von Anthony Michael Hall, der als selbstbewusster Nerd brilliert und jede seiner Szenen komplett regiert. Schade, dass ihm sein milchbubihaftes Äußeres wohl eine größerer Karriere verwehrt hat: Seine Interpretationhier schlägt so ziemlich alles, was seine Bratpack-Genossen zur gleichen Zeit abgeliefert haben.

In einem Film voller Szenen und Ideen gibt es natürlich auch ein paar weniger gelungene: Ich wäre auch ohne den trotteligen Koreaner mit dem albernen Namen „Long Duk Dong“ ausgekommen und die finale Hochzeit von Samanthas Schwester setzt dem Film noch eine Katastrophe obendrauf, die gar nicht mehr nötig gewesen wäre. Letztlich egal, denn SIXTEEN CANDLES ist trotzdem temporeiches, witziges und schwer sympathisches Teeniekino – und das impliziert ja fast einen gewissen Übereifer.

Lloyd Dobler (John Cusack) ist ein freundlicher, schlagfertiger Junge, den man einfach mögen muss. Dennoch glauben seine Freunde, dass er keine Chance hat, als er ausgerechnet der Jahrgangsbesten Diane Court (Ione Skye) Avancen macht. Weil die aber ihre gesamte Highschool-Zeit über ihren Büchern gebrütet und es mehr oder weniger versäumt hat, sich auch mal zu amüsieren – nicht zuletzt, um ihrem von ihr beinahe besessenen Papa (John Mahoney) den perfekten Abschluss zu schenken -, genießt sie Lloyds entspannte und sorglose Art – und verliebt sich in ihn. Das Glück könnte perfekt sein, hätte der Papa nicht nur ihre Karriere im Sinn …

Meine Inhaltsangabe liest sich wie eine weitere 08/15-Teenie-RomCom aus den Achtzigerjahren, doch SAY ANYTHING ist anders. Das ist zu gleichen Teilen dem Drehbuch von Regiedebütant Cameron Crowe und dem glaubwürdig-sympathischen Spiel der beiden Hauptdarsteller zu verdanken, die im Verbund dafür sorgen, dass SAY ANYTHING warmherzig, aber niemals harmoniesüchtig, lustig, aber niemals albern, romantisch, aber niemals kitschig, anrührend, aber niemals weinerlich, realistisch, aber niemals langweilig ist. Es gibt hier keine großen Gesten, keine pathetischen Monologe, keine flammenden Treueschwüre oder tränenreiche Abschiedszeremonien, vielmehr findet Crowe die großen Gefühlswallungen des Liebesfilms in den kleinen Gesten und Sätzen, in Charakteren, die sich in ihren vordergründigen Attributen lange nicht erschöpfen, sondern eine Tiefe hinter der sichtbaren Oberfläche offenbaren. Überhaupt muss man ihn dafür loben, dass sich die jugendlichen Charaktere des Films tatsächlich so benehmen, wie Teenager das nunmal tun, was ja leider immer noch eine Ausnahme in diesem Genre ist. Zu diesem Gespür für die Jugend passt auch, dass der in Seattle spielende Film den kurze Zeit später erfolgenden Grungehype antizipiert, auf dem Soundtrack die Red Hot Chili Peppers, Fishbone, Living Colour und die Residents neben den Seattle-Ikonen Mother Love Bone und Soundgarden musizieren lässt (Crowe machte danach SINGLES), Lloyd sein The-Clash-Shirt nur selten wechselt, dafür aber für aber für den Kickbox-Champion Don „The Dragon“ Wilson schwärmt, der auch einen kleinen Gastauftritt absolviert, und auch kleine Nebenrollen mit viel versprechenden Jungdarstellern wie Lily Taylor, Loren Dean, Eric Stoltz und Jeremy Piven gut besetzt sind. Ich wäre zwar auch ohne die Zuspitzungen des Mutter-Vater-Konflikts ausgekommen, die von der zauberhaften Alltäglichkeit des Geschehens ein bisschen wegführen und etwas um ihrer selbst willen in den Film integriert wirken, aber auch diese sind letztlich mit einer Zurückhaltung umgesetzt, die den entspannten Ton und die Aufrichtigkeit des Films wahrt. Fazit: Ein wunderschöner, ich möchte im vollen Bewusstsein des sprachlichen Paradoxons fast sagen überragend unprätentiöser Film mit einer Ione Skye, die empfindsame Männerherzen in Reihe schmelzen lässt. Und natürlich perfektes Weihnachtsprogramm.

Lane Meyer (John Cusack) ist von seiner Freunding Beth (Amanda Wyss) geradezu besessen. Als sie ihn ohne langes Federlesen für das selbstverliebte Ski-Ass Roy Stalin (Aaron Dozier) abserviert, denkt er sofort an Selbstmord. Nach einigen missglückten Versuchen überkommt ihn jedoch endlich das Bedürfnis, mit seinem Verliererimage aufzuräumen und es allen zu beweisen. Und die hübsche französische Austauschschülerin Monique (Diane Franklin), die nebenan eingezogen ist, ist zusätzliche Motivation …

BETTER OFF DEAD beginnt mit einer charmanten Cartoon-Creditsequenz, die zwar inhaltlich nichts mit dem folgenden Film zu tun hat, aber dennoch die Marschrichtung für die kommenden 90 Minuten vorgibt. Für seine Coming-of-Age-Highschool-Liebeskomödie bedient sich Savage Steve Holland nämlich eines comichaften Humors, der die Alltagsprobleme eines Teenagers grotesk überzeichnet und sich dazu vor allem aus dem reichhaltigen Bilderfundus der Popkultur – besonders aus dem populären Film – speist: Lanes Mutter ist mit dem Haushalt hoffnungslos überfordert und alles, was sie zum Essen auf den Tisch bringt, ist von ungesunder graugrüner Farbe; sein jüngerer Bruder Badger ist nahezu autistisch und baut fieberhaft an Laserwaffen und Mondraketen, die dann auch tatsächlich funktionieren; und Lanes Erzfeinde sind ein zombiehaft wiederkehrender Zeitungsjunge, der mit Grabesstimme zwei Dollar von Lane einfordert, sowie zwei Japaner in identischen Anzügen, von denen einer einen amerikanischen Sportkommentator imitiert, und die es immer wieder schaffen, an der Ampel neben Lane zu stehen, um ihn zu einem Autorennen herauszufordern – das er immer verliert. Diese Ausrichtung, die BETTER OFF DEAD manchmal gar in die entrückten Surrealitätsgefilde der ZAZ-Filme vordringen lässt, machte es mir zunächst etwas schwer, in den Film hineinzufinden, von dem ich etwas komplett anderes, nämlich konventionelleres erwartet hatte. Irgendwann jedoch beginnt der schrille Humor Sinn zu ergeben, weil er den jugendlichen Seelenzustand in dieser Lebensphase, die ja vor allem von einem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit geprägt ist, perfekt abbildet, kommt ebenjene menschliche Wärme in den absurden Tableaus zum Vorschein, die ich zunächst vermisst hatte. Wenn man die Methode des Films einmal verstanden hat, dann landet Holland einen Wirkungstreffer nach dem anderen, entwickelt BETTER OFF DEAD einen unwiderstehlichen Drive.

In meiner Lieblingsszene etwa wohnt der notorisch schlecht vorbereitete Lane dem hyperkomplexen, knochentrockenen Algebraunterricht bei, der von allen anderen Mitschülern mit einer geradezu überschäumenden Begeisterung verfolgt wird: Alle wollen drangenommen werden, alle haben ihre hochgradig aufwändigen Hausaufgaben gemacht, alle seufzen enttäuscht, als der Gong die Stunde beendet, nur um erleichtert aufzulachen, als sie eine weitere Mammuthausaufgabe bekommen. Das Gefühl der absoluten Einsamkeit unter vermeintlich Gleichgesinnten könnte man kaum besser – und pointierter – darstellen. Ein bisschen erinnert BETTER OFF DEAD in seiner Mischung aus Metahumor, Zitatwitz, Cartoonhaftigkeit und Slapstick an die Fernsehserie PARKER LEWIS oder auch die SIMPSONS, was nicht nur einiges über die hier gebotene Klasse aussagt, sondern auch darüber, dass Writer-Director Holland seiner Zeit 1985 ein gutes halbes Jahrzehnt voraus war. Leider hat das trotzdem nicht zur großen Regiekarriere gereicht: Nach ONE CRAZY SUMMER aus dem Jahr 1986 (ebenfalls mit John Cusack in der Hauptrolle) verschlug es ihn zum Fernsehen, für das er bis auf wenige Ausnahmen auch heute überwiegend tätig ist. BETTER OFF DEAD jedenfalls verdient einen weitaus größeren Bekanntheitsgrad und braucht sich hinter Evergreens des Teeniefilms wie THE BREAKFAST CLUB oder FERRIS BUELLER’S DAY OFF keineswegs zu verstecken.