Mit ‘John Fasano’ getaggte Beiträge

Als die Hardrock-Combo „Black Roses“ mehrere Konzerte in einer amerikanischen Kleinstadt ankündigt, geraten die Bürger dort in Aufruhr: Die Eltern sind schockiert über die antisozialen, antiautoritären Texte von Damian (Sal Viviano), dem charismatischen Frontmann der Band, und fürchten Verrohung der Sitten und Indoktrinierung ihrer braven Kinder, diese wiederum sind erbost über die elterliche Bevormundung und Intoleranz. Die „Black Roses“ können schließlich alle Befürchtungen der Erwachsenen zerstreuen, doch ist dies nur ein Trick, sie in Sicherheit zu wiegen: Denn mit ihrer Musik verwandeln sie die armen Kids in blutgierige Amokläufer …

Nach dem unfassbaren ROCK ‚N‘ ROLL NIGHTMARE widmet sich Regisseur John Fasano hier zum zweiten Mal auf seine unnachahmliche Art der Hardrock- und Metal-Musik. Im ersten Drittel mutet der Film mit seiner Gegenüberstellung der erwachsenen und jugendlichen Perspektive, den Dialogen, in denen alle argumentativen Klischees des Diskurses aufgefahren werden – den Vorwürfen der Elterngeneration, Rockmusik propagiere Teufelswerk und Gewalt, wird etwa mit dem Hinweis begegnet, dass deren Eltern dies auch von Elvis und den Beatles behauptet hätten –, fast ein bisschen wie ein Educational oder eine Dokumentation an, die die Parteien versöhnen soll, bevor der Film dann in seinem Horrorteil lustigerweise alle bestehenden Vorurteile gegenüber Rockmusik zu bestätigen scheint. Unter Beschallung des biederen, aber eingängigen Hardrocks der „Black Roses“ mutieren die lieben Kinder zu willenlosen Mordmaschinen, denen selbst der liberale, väterliche Englischlehrer mit seinen Appellen an Toleranz, Selbstständigkeit und Aufgeklärtheit nichts mehr entgegenzusetzen hat. Das beschauliche Städtchen wird vom rasenden Rockmob überrannt, nervende Eltern erschossen oder über den Haufen gefahren. Und am Ende kündigt sich mit der Nachricht, die Black Roses spielten mehrfach vor ausverkaftem Madison Square Garden, gar das Ende der Zivilistaion an.

Das alles ist marginal aufwändiger und vor allem besser gespielt als in genanntem ROCK ‚N‘ ROLL NIGHTMARE, aber kaum weniger trashig. Schon der Auftakt, bei dem die „Black Roses“ sich bei einem Gig als Dämonenwesen entpuppen, ist dank der putzigen Gummimasken zum Schreien komisch und verwischt alle Hoffnungen auf einen halbwegs effektiven Horrorfilm (die ich aber eh nicht hatte). So geht das dann weiter: Eine Szene, in der ein Vater (Vincent Pastore, der „Pussy“ aus THE SOPRANOS) von einem unbeweglichen Skorpionmonster aus einer Lautsprecherbox attackiert wird, ist geradezu absurd lahmarschig und statisch inszeniert, wirft die Frage auf, warum der dicke Papa nicht einfach weggeht (er müsste noch nicht einmal rennen, um das fußkranke Monster abzuhängen), anstatt schreiend darauf zu warten, gefressen zu werden. Und der oben von mir als „charismatisch“ apostrophierte Damian wäre vielleicht als schmieriger Kellner glaubwürdig besetzt, aber bestimmt nicht als Sänger einer Metalband. Er muss eine groteske Langhaarperücke tragen und sieht in seinem Ledergeschirr aus, wie ein Anorektiker, der sich in einem Hosenträger verheddert hat. Super ist auch die Szene, in der sich des Lehrers Lieblingsschülerin in einen glatzköpfigen Dämon mit Giraffenhals verwandelt, der aber wie weiland die Tiffy aus der Sesamstraße nie hinter einem Pult hervorkommt, das seinen Unterleib bzw. wohl eher die Puppenspieler verdeckt. Eigentlich ist jede Szene erwähnenswert, die unglaublich infantil gereimten Lyrics der „Black Roses“ immens zitierwürdig (herrlich etwa der patriotische Schnulzensong, mit dem Damian im weißen Pludermantel die ängstlichen Eltern besänftigt) und wie beim Vorgänger gelingt es Fasano auch hier, die Sympathien des Zuschauers auf seine Seite zu ziehen. Im Gegensatz zu anderen Trashschoten ist dieser hier auf absolute liebenswürdige Art und Weise schlecht und man muss den Mut der Macher, ihr Ding trotz des zu geringen Budgets durchgezogen zu haben, irgendwie bewundern. Ebesnso wie die Tatsache, dass es ihnen gelungen ist Carmine Appice, seines Zeichens Drummer solcher Rockacts wie Vanilla Fudge, Cactus, Ozzy Osbourne, Jimmy Page und etlichen anderen, zum Mitmachen zu bewegen.

Die Rockkapelle „Tritonz“ um den muskelbepackten Sänger John Triton (Jon Mikl Thor) hat in der kanadischen Einöde ein Häuschen samt angrenzender Scheune gemietet, um im dort eingerichteten Tonstudio am neuen Album zu arbeiten und sich nebenbei mit den mitgebrachten Freundinnen zu verlustieren. Doch mit dem Haus stimmt etwas nicht und so verschwindet ein Musiker nach dem anderen, bis nur noch John übrigbleibt, um sich mit dem Leibhaftigen himself zu duellieren …

Wenn man den superenthusiastischen, supersympathischen Jon Mikl Thor im Anschluss an die Sichtung von ROCK ‚N‘ ROLL NIGHTMARE in dem auf der DVD enthaltenen Interview zuhört, könnte man meinen, er rede über einen anderen Film als das bonbonbunte und herrlich unzulängliche Trashfeuerwerk, das da zuvor auf einen niedergegangen war. Voller Begeisterung spricht der Mann über den Film, die darin enthaltenen Ideen, den von ihm komponierten Rocksoundtrack und die Regie von Fasano (der derzeit HOSTEL 3 scriptet) und diese Begeisterung ist hochgradig ansteckend. Ein bisschen erinnern er und „sein“ Film an den Ed Wood jr., wie er von Tim Burton imaginiert worden ist: Thor ist so in seiner eigenen Vorstellungswelt versunken, so berauscht davon, kreativ arbeiten zu können und zu dürfen, dass die Realität davon vollständig überlagert wird. Es ist schön, jemandem zuzuhören, der Film noch nicht mit dem Pragmatismus eines Bänkers betrachtet, sondern mit einer ungebrochenen infantilen Begeisterung, und es ist absolut unmöglich, nach diesem Interview noch über ROCK ‚N‘ ROLL NIGHTMARE und seinen Dilettantismus zu lachen: Man muss mit ihm sympathisieren, ihn ins Herz schließen.

Wie sich Thor als rockender Superheld inszeniert, der mit seinen „Tritonz“ einen generischen (aber geilen!) Hardrocksound fabriziert, wie er und seine Genossen sich über den „Urlaub“ in dem abgeranzten Haus freuen, wie sie beklagen, dass sie dort nicht mehr wegkommen, nachdem ihr Bus verschwunden ist, obwohl doch in gut sichtbarer Nähe eine auch abends noch stark befahrene Straße vorbeiführt, wie die harten Rocker mit ihren spießigen Tussis schäkern und der Drummer einen schlecht gefakten Cockneyakzent zum Besten gibt, das ist schon aller Ehren wert, tatsächlich aber nur der gemäßigte Anfang eines kaum in Worte zu fassenden Unfugs. Die Krönung des Films sind sicher seiner „Monster“: penisartige Gummihandpüppchen, die mit ihren Glubschzyklopenaugen auch in der „Sesamstraße“ kein Kind verschreckt hätten, ein Teufel mit großen dunklen Kulleraugen, die ihn wie ein trauriges X-FILES-Alien aussehen lassen, eine lebendig gewordene Hähnchenbrust im Kühlschrank, deren gefräßiges „Maul“ gar keine Öffnung, sondern nur schwarz angemaltes Latex ist, und die somit an die Sockenmonster erinnert, die ich in meiner Kindheit mit meinen Eltern gebastelt habe, und unbewegliche seesternartige Viecher (ebenfalls mit Glubschaugen), mit denen Thor/John gegen Ende aus dem Off beworfen wird und sich alle Mühe gibt, so zu tun als seien diese nicht nur lebendig, sondern auch noch eine ernsthafte Bedrohung für Leib und Leben. Mein Favorit ist aber eine eher unspektakuläre Szene: Während John ein Liebeslied für seine Frau schreibt (so richtig mit Noten und so) macht sich ein weiteres Gummimonster daran, ihn zu attackieren. Dem fällt jedoch im rechten Moment der Stift aus der Hand, worauf er sich bückt und so dafür sorgt, dass das Monster an ihm vorbeispringt. Ich schreibe hier „bückt“, in Wahrheit sieht es jedoch eher so aus, als ließe sich John/Thor mit dem Gesicht voran von seinem Schreibtischstuhl fallen, um den Stift aufzuheben. Meine liebe Gattin und ich haben uns die Szene gestern fünfmal hintereinander angesehen – unter kontinuierlich hysterischer werdendem Lachen. Richtig cool hingegen ist das Ende, der Kampf gegen den Teufel, über dessen genaue Umstände ich aber nix sagen möchte. Nur so viel: Hier wird einer der geilsten Plottwists in der Geschichte des Kinos gefahren, der durch seine unzureichende Vorbereitung und Inszenierung nicht etwa abgeschwächt, sondern in seiner Wirkung nochmal um Einiges potenziert wird. Vom elliptischen Haunted-House-Horrorfilm verwandelt sich ROCK ‚N‘ ROLL NIGHTMARE auf einmal und völlig unvermittelt in einen Science-Fiction-Superhelden-Fantasy-Schinken und er präsentiert diese Wendung, als wäre sie vollkommen selbstverständlich.

Ehrlich: Egal, ob man nun in der Lage ist, die Schönheit in seiner minderbemittelt-blöd-naiven Art zu sehen oder ob man ihn doch nur als Baddie für den alkoholischen Abend begreifen möchte, an ROCK ‚N‘ ROLL NIGHTMARE führt eigentlich kein Weg vorbei. Wenn es überhaupt etwas Negatives über ihn zu sagen gäbe, dann, dass er mit knapp 80 Minuten viel zu kurz und der Ton der DVD leider hier und da arg unverständlich geraten ist. Freunde des abseitigen Kinos sollten sich davon aber ein sehr ungewöhnliches Filmerlebnis nicht verderben lassen.